Wer im E-Commerce erfolgreich sein will, der muss sich mittels Markennamen und Preis positionieren. Willie Brandl von meinnotizbuch.de macht beides – wie genau das funktioniert, dazu habe ich bei ihm nochmal genauer nachgehakt.

Im Nachgang zum Online Print Symposium 2017 habe ich bereits mit Martin Groß-Albenhausen über die sich stets entwickelnden Möglichkeiten im E-Commerce gesprochen. Ein weiterer Vortrag, den ich beim diesjährigen OPS besonders gut und zukunftsweisend fand, war der von Willie Brandl, Geschäftsführer der wilma republic und damit von meinnotizbuch.de. Als jemand, der die unterschiedlichsten Kanäle mit seinem Angebot bedient, hat er seit dem Launch seines eigenen Onlineshops mit personalisierbaren Notizbüchern einige Erfahrungen im Umgang mit den Hürden auf größeren Plattformen gemacht. Bei meinen Fragen zu den Abhängigkeiten beim Handel über Amazon und zu der Bedienung verschiedener Kanäle im E-Commerce ist ein rundes Gespräch herausgekommen, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Bernd Zipper: Herr Brandl, meinnotizbuch.de ist nun seit etwa sieben Jahren online. Was umfasst das Angebot und was haben Sie seit der Gründung an Erfahrungen sammeln können?

Willie Brandl: Wir haben von Anfang an Notizbücher der Top-Marken wie Moleskine oder Leuchtturm1917 angeboten mit der – bis heute – einmaligen Dienstleistung, jedes einzelne Buch in mehrfacher Hinsicht individualisieren zu können. Dadurch war unser Angebot – obwohl klassische Notizbücher – preislich nicht mehr vergleichbar. Wir koppelten uns sozusagen gleich vom Wettbewerb ab.

Das Online-Geschäft ist wesentlich agiler als das klassische Laden-Geschäft. Wettbewerber tauchen sehr schnell auf, der Wettbewerb kennt keine geografischen oder nationalen Grenzen. Das Geschäft ist extrem technologiegetrieben, was für einen kleinen oder mittleren Anbieter sehr problematisch sein kann. Entscheidend ist, sich stark darauf zu konzentrieren, etwas Einmaliges oder Unverwechselbares anzubieten. Für uns hat sich sehr schnell herausgestellt, dass unser Angebot einzigartig ist und wir durch hohe Serviceleistung und Qualität Kunden überzeugen und binden können. Auch die klare Positionierung mit personalisierten Notizbüchern hat sich als erfolgreich herausgestellt. Die Positionierung ist entscheidend.

Bernd Zipper: Es gibt viele Wege Drucksachen zu vertreiben. Weshalb haben Sie sich neben der Vermarktung über den eigenen Online-Shop noch für Amazon entschieden?

Willie Brandl: Das Suchverhalten von Kunden, die relativ genau wissen, welches Produkt sie erwerben wollen, ist einer starken Veränderung unterworfen. Mehr als die Hälfte dieser Kunden sucht nicht mehr klassisch bei Google, sondern sucht direkt in Amazon. Das heißt für jeden Online-Shop, dass diese Kunden sein „Schaufenster“ im Internet gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. Google Adwords, aber auch Investitionen in SEO und SEA, bleiben wirkungslos.

Mit dem stationären Laden stellt sich die wilma republic breiter auf und verquickt damit Online- und Offline-Business; Quelle: papierazzi.de

Bernd Zipper: Mit Namen personalisierte Notizbücher von Ihnen sind doch dort sogar günstiger als im eigenen Shop – besteht denn nicht die Gefahr, dass mehr Kunden über Amazon kaufen, was folglich mehr Gebühren und weitere Abhängigkeit erzeugt?

Willie Brandl: Die Gefahr sehen wir nicht, da die Personalisierung auf Amazon in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt ist. Es ist eben nur ein Name mittig positioniert in einer festgelegten Schrift möglich. Wir sehen es als Möglichkeit auch auf Amazon ein Produkt anzubieten, das ein Alleinstellungsmerkmal hat und dessen Produktdetailseite auf Amazon wir deshalb auch selbst pflegen und bestimmen können. Im Gegenteil stellen wir fest, dass wir seit der Präsenz auf Amazon mehr Besucher auf unserer Website haben und auch mehr Umsatz machen. Ein positiver „Kollateral-Effekt“, der sicher auch unserem Firmennamen zu schulden ist, der Käufer bei Amazon offensichtlich zum Besuch von meinnotizbuch.de animiert.

„Abhängigkeit von Plattformen? – ja. Mehr Umsatz? – auch ja. Wer die Balance zwischen Anbindung und eigenem Shop hinbekommt und sicher auf mehreren Kanälen unterwegs ist, der macht auch mehr Umsatz.“ – Bernd Zipper

Bernd Zipper: Wie sollte man sich also als Anbieter auf Amazon und Co. verhalten?

Willie Brandl: Ich denke, es ist wichtig, klein anzufangen und zu lernen wie Amazon funktioniert. Man kann unheimlich viele Fehler machen, weil die Möglichkeiten auch unheimlich groß sind. Zu beobachten, wer die Wettbewerber sind (oftmals ist das auch Amazon selbst) und sich im Vorfeld genau informieren, welche Anforderungen Amazon an den Händler stellt, ist ganz entscheidend. Denn Amazon will das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt sein und richtet alle Prozesse an diesem Ziel aus. Konsequenterweise misst Amazon auch seine Händler mit der gleichen Latte. Und die ist extrem hoch. Und vielleicht am allerwichtigsten ist natürlich die exakte Kalkulation der Kosten. Schließlich zweigt sich Amazon von jedem Verkauf rund 15 % Provision ab.

Bernd Zipper: Noch recht frisch ist auch der stationäre Laden. Weshalb dachten Sie, dass die Zeit für ein Ladengeschäft gekommen ist? Hängt das mit den Abhängigkeiten von den großen Plattformen im Online-Business zusammen?

Willie Brandl: Nein, das hat mit dem Online-Geschäft nichts zu tun. Vielmehr bietet der Laden die Möglichkeit, direkter mit den Kunden in Kontakt zu kommen und so mehr zu „spüren“ welche Produkte bei Kunden Zustimmung oder Begeisterung hervorrufen und welche nicht. Viele Kunden schätzen es auch, in einen Laden zu gehen, zu stöbern und sich überraschen zu lassen. Deshalb gibt es bei uns im Laden auch Produkte, die wir online nicht anbieten. Selbstverständlich kann man auch online kaufen und im Laden abholen. Das gehört heute zum guten Ton im Multi-Channel-Handel.

Bernd Zipper: Womit wir auch beim nächsten Thema wären. Welche Vermarktungsstrategie würden Sie als Multi- bzw. mittlerweile Omni-Channel-Player einem Startup aus dem Printbereich empfehlen?

Willie Brandl: Zuerst eine klare Positionierung des Angebotes mit gleichzeitiger Fokussierung auf eine bestimmte Kundengruppe. Dazu gehört der Aufbau einer konsequent auf Mobile ausgerichteten Internet-Präsenz. Zwingend notwendig ist, sämtliche Prozesse von Anfang an genau zu durchdenken und darzustellen, wozu auch das Zahlungswesen, die Logistik und die Marketingplanung zählen.

meinnotizbuch.de macht auch mobil eine gute Figur; Quelle: zipcon consulting

Bernd Zipper: Wohin geht die Reise für meinnotizbuch.de und den Laden in den kommenden drei Jahren?

Willie Brandl: Wir wollen unsere beiden Web-Präsenzen meinnotizbuch.de und PAPIERazzi noch intensiver zu eigenständigen Marken ausbauen. Der Name „meinnotizbuch“ hat den Vorteil der klaren Positionierung, aber auch den Nachteil, dass man eben auch vornehmlich Notizbücher damit verbindet. Hier wollen wir im B2B-Bereich zulegen. Mit PAPIERazzi wachsen wir verstärkt im B2C-Bereich, denn die Marke erlaubt ein wesentlich breiteres Sortiment. So heißt auch unser Ladengeschäft. Vielleicht kommt ja bald ein zweiter Laden dazu…

My Take: Willie Brandl zeigt, wie und warum die zusätzliche Vermarktung z. B. über Amazon als Plattform trotz der Gebühren Sinn machen kann, und wie der eigene Shop von der Verquickung der Kanäle profitiert. So kann er Kunden über Amazon „anfüttern“ und das Geschäft in einigen Fällen mit mehr Individualisierungsmöglichkeiten und besserer Marge im eigenen Shop vollenden. Meiner Ansicht nach ein gelungenes Beispiel, wie jemand eine Nische erfolgreich erkennt und besetzt. Und dass Mobile und Multi-Channel nicht nur bei ganz großen Onlineprintern wichtig sind, kann jedes Startup hier lernen.