7. Online Print Symposium Druck im Kessel oder eher ein Reset?

Was war denn da los? Eine Frau im Taucheranzug, ein Kerl im Astronauten-Look, ein anderer als Chemiker – und dass alles im Fahrstuhl! Nannte sich Partner-Session und war eine überaus gelungene Form von Unternehmenspräsentation im Interview-Stil. Ausgesprochen originell, wirklich witzig und unterhaltsam. Doch zwischen den „Werbeblocks“ ging es beim 7. Online Print Symposium heftig zur Sache.

So machte Cimpress-CEO Robert Keane in seiner Keynote zum Online Print Symposium deutlich, dass die Preise für Drucksachen zur Freude der Kunden zwar seit Jahren immer weiter sinken, für die Onlinedrucker der Wettbewerb jedoch zunehme und die Kosten für Papier sowie die Kunden-Akquise im Internet gleichzeitig ins Uferlose steigen. Das war schon einmal ein Statement. Direkt danach habe ich mangelnde Qualität und Services bei den Onlinedruckern angeprangert und am Ende des ersten Veranstaltungstags kam auch noch ein 20-jähriger YouTuber zu Wort, der sein Merchandising selbst druckt.

Krisenstimmung beim Online Print Symposium, das bisher immer als Nabelschau des Onlineprint-Erfolgs galt? Nein, ganz im Gegenteil. Es war einfach nur clever inszeniert. Denn ein OPS (so die Erfahrung vor allem der „Wiederholungstäter“, die auch in diesem Jahr wieder in Scharen nach München gekommen waren) kann nur der beurteilen, der auch den abschließenden Vortrag noch gehört hat. Dann erst schließt sich der Kreis, oder um ein anderes Bild zu bemühen: Jeder Vortrag ist ein Mosaikstein – und erst der letzte vervollständigt das Bild.

Mit 290 Teilnehmern und einer hohen internationalen Beteiligung, das zeigt, dass das #OPS auch international Zeichen setzt. Source: #OPS2019

So war auch das diesjährige Online Print Symposium unter dem Motto „Think Global – Print Online“ für die 290 Teilnehmer wieder eine runde Sache, vielseitig, informativ und mit viel aufschlussreichem Wissen, das jeder beim persönlichen Gespräch und Netzwerken noch vertiefen konnten.

Taffer werdende Zeiten

Und über allem schwebte das, was wir in Deutschland Industrie 4.0 nennen. Denn Robert Keane beklagte ja nicht die Wettbewerbsbedingungen an sich, sondern stellte sie nur an den Anfang seines Vortrags, um zu verdeutlichen, wie wichtig es für Onlineprint noch werden wird, in einer Phase weiterer und anhaltender Automatisierung Themen wie die digitale Transformation und Technologien wie Big Data, Robotik und künstliche Intelligenz in die strategischen Überlegungen und Pläne mit einzubeziehen und umzusetzen.

Robert Keane, CEO Cimpress; Source: #OPS2019

Als Gründer von Cimpress kennt Keane die Szene seit 1995, war Vorreiter des Onlineprint-Business und will es bleiben. In diesem Zusammenhang erläuterte er die langfristig angelegte Strategie der kundenindividuellen Massenproduktion, mit der es möglich ist, die Produktion kleiner oder einzelner Aufträge mit nahezu der gleichen Effizienz herzustellen wie in einer Massenanfertigung. Dazu bedarf es aber neuer und intelligenter Techniken. Robert Keane machte das an einem Logo deutlich, von dem der Kunde erwartet, dass es in einer gedruckten Zeitschrift genauso aussieht, wie auf einem Kugelschreiber, einem Poloshirt oder in einer gestickten Variante auf einer Tasche. Zurzeit sei dafür noch viel zu viel manuelle Arbeit (Artwork) notwendig. Es gibt also (beispielsweise) in Prepress noch enormes Potenzial für neue und automatisierte Technologien und -prozesse. Das gelte auch für andere Bereiche, denn Prozessoptimierung sei gerade im Kontext mit den taffer werdenden Zeiten in Onlineprint unumgänglich. „Die gesamte Web-to-Print Branche sieht sich einem verlangsamten Wachstum gegenüber und wir sind in eine Phase eines sehr harten Wettbewerbs eingetreten, der die langfristigen Gewinner von allen anderen trennen wird“, mahnte Robert Keane.

Ein Wert für die Gesellschaft

Düstere Aussichten also? Nicht unbedingt. „Print ist ein echter Wert für unsere Gesellschaft… wenn man es richtig macht“, war die Kernaussage meiner Ausführungen zu den Trends und Entwicklungen in Onlineprint. Aber leider hat sich der Gedanke der „Good-Enough-Qualität“ eingeschlichen. Natürlich gibt es Druck als Gebrauchsgut (Commodity) mit nur geringer Nutzungs- und Lebensdauer, aber es gibt vor allem auch Drucksachen mit hohem Wert und ebenso großer Wertschätzung (Esteem). Denn Print ist die einzige Manifestation von Wissen im digitalen Zeitalter.

Wer jetzt glaubte, es folgten philosophischen Betrachtungen des Gedruckten, sah sich getäuscht. Es folgten klare Fakten, die deutlich machen, welche Bedeutung Print in den Gesellschaften rund um den Globus hat: 2.695 Mrd. Dollar (also knapp 2,7 Billionen) groß ist der weltweite Druckmarkt – und damit mehr als doppelt so groß wie der Pharma-Markt. Alleine der Markt für grafische Kommunikation ist 700 Mrd. $ groß, der des Verpackungsdrucks 400 Mrd. $ und der der Etiketten 114 Mrd. $. Dazu kommen noch der funktionale Druck und das gesamte industrielle Umfeld mit Druck-Erzeugnissen im Wert von knapp 1.000 Mrd. $. Ist das etwa nichts? Und gibt es in diesem Umfeld nicht auch noch weitere attraktive Möglichkeiten für den Onlinedruck?

Bernd Zipper, CEO zipcon consulting GmbH; Source: #OPS2019

Das Wachstum bleibt

Diese Chancen gibt es in der Tat – und der Markt belohnt sie auch. Ein Plus von 8,3% auf 3,25 Mrd. Euro erreichten die Open-Shops im B2C-Bereich 2018 und waren damit erfolgreicher als noch vor einem Jahr angenommen. Von diesem Kuchen haben sich die Top 5 der Onlinedrucker einen Batzen von 1,54 Mrd. € abgeschnitten. Diese sind durch Akquisitionen gewachsen, aber auch durch eine Ausweitung ihres Angebotes. Dabei haben wir festgestellt, dass sich die Verbraucher nicht mehr nur am Preis, sondern an der Qualität orientieren, woraus zu schließen ist, dass für reine „Discounter“ schwere Zeiten angebrochen sind.

Auch Business-to-Business (Closed Shops) ist 2018 wieder um 2,2% auf 4,60 Mrd. € gewachsen. Für diesen Markt erwarte ich einen erneuten Anstieg um 2,2% im laufenden Jahr. Zusammen mit dem Marktwachstum von 4,6% der Open Shops könnte Onlineprint in der Region Deutschland, Österreich und Schweiz 2019 auf einen Umsatz von 8,1 Mrd. € kommen. Damit kommt Onlineprint in der D/A/CH-Region auf gut ein Drittel des Branchenumsatzes und ist weltweit der größte Onlineprint-Markt einer Sprachregion.

Dennoch stellt sich die Frage, ob die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten vorbei sind? Vielleicht ja, es scheint sich nämlich eine Umverteilung im Markt einzustellen, bei der die großen Onlineprinter zu Gunsten der kleineren Anbieter vor allem Geschäftskunden verlieren. Doch auch wenn der Markt nicht mehr so schnell und stark wachsen sollte – Wachstum ist noch immer da und Onlineprint ist eines der erfolgreichsten Business-Modelle der Druckindustrie weltweit.

Transformationswillig sein

Nicht unumstritten waren meine Aussagen zu den Gründen für die Umverteilung. Ich nenne in diesem Zusammenhang drei Fehler, die derzeit gemacht werden:

  1. Die Qualität lässt bei fast allen Anbietern zu wünschen übrig.
  2. Auch der Service, insbesondere das Reklamations-Handling, stimmt nicht.
  3. Und die Funktionalität im E-Commerce reicht nicht aus.

Es zeigt sich in der Praxis, dass Preis und Geschwindigkeit Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Qualität und Service gegenüberstehen, wobei das Pendel in der Kundengunst derzeit gegen Speed und Kampfpreise ausschlage.

Doch trotz der Kritik – oder nennen wir es doch lieber Anregungen und Tipps für das Onlineprint- Tagesgeschäft, an denen gearbeitet werden muss, ist festzustellen: „Print ist einer der mächtigsten Kanäle im Kommunikations-Kanon der digitalen Welt. Und Onlineprint ist Teil dieser Welt.“ Vorausgesetzt, die Unternehmen machen ihre Hausaufgaben im E-Commerce, in den Märkten, im Service und in der Produktion. Weitere Herausforderungen sind Plattformen für Mass-Customization sowie künstliche Intelligenz in Print. Erste Ansätze sind bereits da – erkennbar an Software für das automatische Erstellen von Sammelformen samt dynamischer Termin- und Produktionsplanung sowie beim autonomen Drucken.

Die digitale Transformation, neue Wege zum Kunden, neue Technologien und Produktionsprozesse insbesondere bei der Verzahnung von Online und Print stellen Unternehmen im Onlineprint allerdings vor neue Aufgaben. Dabei haben diejenigen gute Chancen, die sich „transformationswillig“ zeigen, die Nischen nutzen, die sich als Spezialisten profilieren, die spezielle Zielgruppen genau adressieren und lokale Märkte mit besseren Services bedienen können.

Druck im Kessel

Meine Ausführungen und die von Robert Keane zum Auftakt des Symposiums hatten offenbar für ordentlichen Diskussionsbedarf gesorgt. Deshalb hatten wir, mein Co-Moderator Jens Meyer, CEO der printXmedia Süd GmbH und Mitorganisator, eine kurze Diskussionsrunde organisiert.

Podiumsdiskussion mit Bernd Zipper, zipcon consulting; Kees Arends, cimpress; Dr. Michael Fries, Onlineprinters; Willi Soll, Initiative Online Print und Jens Meyer, printXmedia Süd (v.l.n.r.) Source: #OPS2019

Ob denn eine Delle bei den Wachstumsraten des Marktführers Cimpress wirklich so schlimm sei, dass gleich eine Welt zusammenbreche, wollten die Teilnehmer wissen. „Bei nahezu zweistelligem Wachstum sollte man nicht von Krise sprechen“, mahnte Dr. Michael Fries, CEO der Onlineprinters. Dass der Wettbewerb zunehme, sei jedoch richtig. „International sehen wir noch immer einen Anstieg und selbst in Deutschland sehen wir noch Wachstum.“ Auch Kees Arends von Cimpress hält Hektik für unangemessen: „Ich sehe eher ein Reset. Früher hat man die Angel ins Wasser gehalten und die Fische haben sofort angebissen. Heute muss man eben ein bisschen länger warten. Deutschland und die die Niederlande waren die First Mover in Sachen Onlineprint. Deshalb wird hier auch mehr erwartet als in anderen Märkten.“ Und Willi Soll, Initiative Online Print, ergänzte: „Ja, es ist Druck im Kessel. Robert Keane hat ja gesagt, er müsse besser werden. Das ist doch ein Signal in den Markt. Und jeder muss sich weiterentwickeln.“

Weiterentwicklung ist auch die Priorität für die nächsten Jahre. „Größte Aufmerksamkeit müssen wir der Kundenzufriedenheit widmen. Dahinter verbirgt sich natürlich Effizienz in allen Bereichen – alleine wegen der Preise schon“, führte Dr. Fries aus. „Wir alle müssen bestehende und neue Kunden zufriedenstellen, wir müssen beweisen, dass Onlineprint 7 x 24 Stunden funktioniert – und das professioneller als bei Amazon“, forderte Kees Arends die Onlineprint-Gemeinde auf.

Big in Japan

Genau darum geht es dem japanischen Unternehmen Raksul, das eine B2B-Plattform geschaffen hat, die das Angebot direkt mit der Nachfrage verbindet. Dadurch hebt sich Raksul von anderen Internet-Unternehmen ab, wie Yasukane Matsumoto, CEO, und Kozo Fukushima, COO bei Raksul, in ihrer Präsentation zeigten.

Konkret geht es Matsumoto darum, die 2013 gegründete B2B-Printplattform mit ihren rund 70 Netzwerk-Druckereien so zu positionieren, dass Flyer etc. eben nicht nur gedruckt, sondern die Werbung auch gleich an die Verbraucher verteilt wird. Druck plus Werbung plus Logistik ist das Ziel, um mit dem One-Stop-Service zu wachsen. Dazu wurde 2015 parallel zum Onlineprint-Shop mit „hacobell“ eine Plattform für Speditionsdienstleistungen gegründet.

Auch wenn die Druckindustrie in Japan einen Umsatz von 24 Mrd. Umsatz erzielt, hinkt Onlineprint mindestens fünf Jahre hinter der Entwicklung in Europa hinterher, meinte Kozo Fukushima. Der Onlineprint-Umsatz liege bei gerade einmal rund 750 Mio. €. Da müsste in dem Land mit 127 Mio. Einwohnern noch ordentlich Potenzial vorhanden sein.

Evolution statt Disruption

Potenzial dürfte auch im hiesigen Werbemittel-Markt liegen, der in der E-Commerce-Landschaft bisher noch ein weißer Fleck war. Der Markt für Werbeartikel ist alleine in Deutschland rund 3,6 Mrd. Euro schwer, im D/A/CH-Bereich über 4,5 Mrd. € und in Europa über 15,0 €. Da sollte man doch annehmen, dafür gäbe es längst eine geeignete Plattform im Internet. Dem war aber bisher nicht so. Jürgen Geiger, Vorstand der Geiger-Notes AG und Vorstandsmitglied im Gesamtverband der Werbeartikelwirtschaft (GWW), sah die Chance, mit dem Aufbau eines geeigneten Marktplatzes die Vakanz zu schließen und den traditionell offline betriebenen Markt mit Online-Geschäftsmodellen zu verknüpfen. Schließlich sind in der Werbeartikel-Wirtschaft Deutschlands 3.500 Berater und Händler sowie 500 Hersteller und Importeure unterwegs.

Der Werbemittel-Marktplatz „mypromo“, der im 2. Quartal 2019 live geht, wird nun Kunden, Händler und Hersteller miteinander verbinden und die Player im Markt von der analogen in die digitale Welt heben, ohne deren Geschäftsmodelle zu ersetzen. Das Spannende an „mypromo“ ist, dass ein digitales Netzwerk über die gesamte Branche gespannt wird – und zwar mit einer Plattform, die selbst gar nichts verkauft, sondern White-Label-Shops zur Verfügung stellt und kuratierte Werbeartikel- und Lifestyleseiten mit relevantem Content bietet.

Jürgen Geiger, CEO & Gründer mypromo.com; Source: #OPS2019

Und so funktioniert mypromo: Der Abnehmer generiert seine Druckdaten im Händlershop – über Upload oder Editor. Die Daten werden in Echtzeit geprüft, optimiert und visuell in 3D aufbereitet, damit der Besteller die Druckfreigabe direkt erteilen kann. Er füllt den Warenkorb und löst seine Bestellung beim Händler aus. Diese schlägt bei mypromo auf und wird samt Druckdaten sofort an den Hersteller weitergeleitet. Beide Partner importieren die generierten kaufmännischen Daten über Schnittstellen in ihre eigenen IT-Systeme. Der Hersteller produziert, liefert via Drop-Shipping an den Abnehmer und fakturiert an den Händler. mypromo ist lediglich Plattformbetreiber und tritt an keiner Stelle optisch oder als Vertragspartner in Erscheinung.

„Die Vertrags-Lieferanten stellen ihre Artikel ins System ein, mypromo übernimmt das Templating für die Druckdaten: Einfach soll es für den Anwender sein und mit guten Ergebnissen für den Hersteller. Und zwar im Digitaldruck, in Offset, Flexo, Inkjet, Siebdruck, Tampondruck, Prägung, Gravur, Ätzung, um nur die Wichtigsten zu nennen. Und das auf zig verschiedenen Oberflächen. Eine ganz besondere Herausforderung für jede Daten-Engine“, erläutert Jürgen Geiger.

Doch die wohl größte Herausforderung beim Aufbau von mypromo war für ihn das rechtssichere Definieren der AGBs, der Verträge zwischen Handelspartnern und Lieferanten sowie der Guidelines zwischen den am Marktplatz Beteiligten. „Seit einigen Jahren hat mich schon die Überzeugung umgetrieben, dass es einen Impuls, eine unternehmerische Initiative braucht, um die dringend notwendige Digitalisierung in unseren Markt zu tragen“, erklärte Geiger. „Vor eineinhalb Jahren habe ich das Geschäftsmodell von mypromo.com erstmals skizziert und wir haben sofort mit der Realisierung begonnen.“

Mypromo ist also quasi ein Start-Up mit einem Team von fünf Leuten, das sich bis Ende des Jahres verdoppeln dürfte. Die müssen aber auch bezahlt werden und dazu muss mypromo Geld verdienen, stellte Jürgen Geiger fest: „Das Finanzierungsmodell besteht aus einer überschaubaren Monatsgebühr für das Bereitstellen des Systems und einer Umsatzprovision im Skontobereich, die vom Handelspartner und Lieferanten entrichtet werden. Damit wird die Plattform paritätisch finanziert.“

Mit seinem Vortrag zeigte Jürgen Geiger aber nicht nur beispielshaftes strategisches Vorgehen auf, sondern auch die Dimensionen, die mit dem Aufbau einer solchen Plattform verbunden sind. Das macht man nicht mal eben so nebenbei. 18 Monate Planung, Realisierung und Feinabstimmung sprechen für sich.

PIX – von Null auf 100

Interessant genug, dass auch Eyal Ben-Zvi, seit 2018 CTO bei BeeriPrint, und Haran Kislev, Leiter der Onlinedruckerei PIX, in Israel vor einer ähnlichen Situation standen wie Jürgen Geiger mit dem Werbeartikel-Markt. Auch Israel war in Sachen Onlineprint bisher noch ein weißer Fleck auf der Karte. „Es gibt im israelischen Internet keine Kategorie Online Printing“, stellt Ben-Zvi fest. Und das, obwohl  die E-Commerce-Penetration Israels mit 95% eine der höchsten weltweit ist.

Ganz bei Null hat aber auch BeeriPrint nicht angefangen, schließlich gibt es die Druckerei bereits seit 1950 – als Kibbutz in der Gemeinde Beeri. (Für alle, die es nicht wissen sollten: Ein Kibbutz ist eine Art ländliche Kommune in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen.) Die Druckerei beschäftigt 300 Mitarbeiter und ist der größte Dataprint-Drucker in Israel. Mailings, Data Management, Software-Entwicklung und Print gehören zum Geschäft von BeeriPrint. Der Name ist hierzulande übrigens als erste Beta-Installation einer Landa-Maschine bekannt geworden, weil die Druckerei in für sie neue Märkte wie den Verpackungsdruck und eben auch Onlineprint eingestiegen ist.

Eyal Ben-Zvi, CTO Be’eri Printers; Source: #OPS2019

Doch auch bei aller Expertise in Sachen Digitalisierung gingen für den Aufbau der PIX-Plattform bei dem israelischen Unternehmen zweieinhalb Jahre ins Land, bis es live gehen konnte. Und, woran man in unseren Breiten am wenigsten denkt: Es lag nicht zuletzt an den hebräischen Schrift-Fonts, die das PrintQ-System von CloudLab darstellen muss. Elf Mitarbeiter bei BeeriPrint haben das Projekt mit Unterstützung von zipcon consulting schließlich zum Laufen gebracht. Dafür aber geht jetzt so richtig die Post ab. Die Online-Druckerei PIX hat alle anderen israelischen Konkurrenten bereits abgehängt und hat noch Großes vor.

Start-up startet durch

Wachstumspotenzial für Onlineprint gibt es offensichtlich noch überall. Vorausgesetzt, man kennt Markt und Kunden, man weiß, was er bietet – und was nicht. Onur Durmuş, CEO des türkischen Onlineprint-Start-ups bidolubaski.com, geht bei seinen Aktivitäten entsprechend analytisch und strukturiert vor und betrachtet den 2014 gegründete Onlineprint-Provider heute als „Brücke zur Online-Druckbranche in der Türkei“.

Der türkische Druckmarkt ist heute überwiegend Offline – Onlineprint steckt noch in den Kinderschuhen. Mit rund 83 Mio. Einwohnern (ähnlich groß wie Deutschland) ist die Türkei zwar kein kleiner Markt, allerdings sind die Strukturen völlig anders. Einmal ist der kommerzielle Druckmarkt in der Türkei nur etwa 1,8 Mrd. Euro groß, zum anderen sind die alten Print-Versorgungsstrukturen in den Gebieten außerhalb der Ballungszentren (alleine Istanbul zählt etwa 18 Mio. Einwohner) neu zu denken.

bidolubaski.com betreibt selbst keine Produktionsstätten, hat aber Geschäftsbeziehungen zu über 100 Lieferanten aufgebaut und glaubt mit diesem „Asset-light“-Geschäftsmodell finanzstark und flexibel für neue Ideen zu sein. Inzwischen ist das Portal größter Player im Markt mit dem doppelten Volumen des nächsten Wettbewerbers und wächst weiterhin gigantisch. Onur Durmuş hat dabei ein klares Ziel: bidolubaski.com soll nicht nur in der Türkei wachsen, sondern wettbewerbsfähiger Lieferant für europäische Länder mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil werden.

Die personalisierte Realität

Eigentlich ist RPI eine unbekannte Größe, ein Hidden Champion. Als spezialisierter Anbieter von Druckprodukten hat RPI eine Dienstleistung entwickelt, die es ihren Kunden ermöglicht, personalisierte Produkte unter ihrer eigenen Marke anbieten zu können. Ein durchaus eigenwilliges Konzept, das Paul Adriaans, Executive Vice President RPI Europe, erläuterte und gleichzeitig die Kultur aufzeichnete, wie im Unternehmen gearbeitet wird. „Die Personalisierung von Produkten und Dienstleistungen ist nun einmal ein Trend in der digital-analogen Realität. Das sich verändernde Kundenverhalten, die schnelle technologische Entwicklung und neue Geschäftsmodelle müssen Unternehmer antreiben, ihre Strategien ständig neu zu überdenken und sich neuen Realitäten anzupassen“, so Adriaans.

Das 1979 in Seattle gegründete Unternehmen begann bereits 1999, also sechs Jahre nach der Einführung des Digitaldrucks, wie wir ihn heute kennen, mit der Produktion personalisierter Print-Produkte. Schon 2006 wurde exklusiv für namhafte E-Commerce-Unternehmen gefertigt und 2011 der Schritt nach Europa gewagt. Das Spiel, wie es Paul Adriaans bezeichnet, ist heute, die permanenten Veränderungen wie das ständig wechselnde Verbraucherverhalten mit der hohen Erwartung zur Personalisierung zu erkennen, darauf mit technologischen Entwicklungen zu reagieren, die hohen Marketingkosten zu bewältigen (siehe Robert Keane) und die Bedeutung von Social Media nicht zu unterschätzen. Dabei helfe nur Innovation. Und die Formel dafür ist nach Paul Adriaans: Innovation = Idee + Risiko + Fahrt aufnehmen.

Paul Adriaans, Executive Vice President RPI Europe; Source: #OPS2019

Konkret geht es bei RPI Europe im niederländischen Eindhoven um Losgröße 1, Flexibilität beim Material und in der Verarbeitung sowie um einen ganzheitlichen Workflow, um Skalierbarkeit und Prozesskontrolle. Das machte er am Beispiel der Maschinenkonfiguration deutlich, die diese Anforderungen erfüllen sollte. Nach dem Motto „Habe keine Angst zu scheitern, fürchte lieber, es nicht versucht zu haben“, sei man beim Aufbau einer hoch automatisierten Produktionslinie volles Risiko gegangen – und habe ins Schwarze getroffen.

Heute sei man ein solider Partner für den personalisierten Digitaldruck, liefere als White-Label-Dienstleister von einem Unikat bis zu Tausenden von Exemplaren, nutze dazu modernste Software, besitze Ablauf- und Prozesskompetenz auch im globalen Vertrieb und baue stabile Partnerschaften auf. So etwa mit Onlinedruckern wie Vistaprint oder Helloprint, Verlagen und größeren Unternehmen, die ihrerseits einen hohen Bedarf an Drucksachen haben.

„Verlassen Sie eingetretene Pfade“, riet Paul Adriaans dem Auditorium und warnte: „Wer nicht bereit ist, den Wandel mitzugehen, wird Teil des Wandels sein.“

Reseller only

Offensichtlich sind unsere holländischen Nachbarn besonders kreativ, wenn es um die Wahl der Geschäftsmodelle geht. Bei der Vermarktung von Printprodukten via Internet gibt es ja verschiedene Wege, die wohl alle ihren Reiz und ihre Erfolgs-Chancen haben. Es gibt Auftragsvermittler oder Drucksachen-Vermarkter ohne eigene Produktionskapazitäten (die dann beispielsweise bei RPI produzieren lassen), daneben die reinen Online-Drucker, die das Gros ihres Angebotes auch selbst drucken, und bei der Kundenansprache unterscheidet man üblicherweise in B2C- und B2B-Shops. Einen völlig anderen Ansatz geht der aus den Niederlanden stammende Onlineprinter Probo, der ausschließlich Wiederverkäufer beliefert – und zwar ausnahmslos mit digital Gedrucktem im Large Format Printing. Ein Nischenanbieter, wenn man so will, aber sehr erfolgreich.

Das 2001 gegründete Unternehmen aus Dokkum in Nordholland betreibt seit 2012 eine Onlinepräsenz und pflegt einen Stamm von mehr als 3.000 aktiven Kunden. Das mag auf den ersten Blick wenig erscheinen, doch jeder der von Probo adressierten Reseller kann seinerseits durchaus einen vier- bis fünfstelligen Kundenstamm haben. Gewachsen ist das Unternehmen vor allem durch gut laufende Geschäfte in den Benelux-Ländern – die Expansion nach UK und Deutschland mit jeweils eigener Domain waren dann eine logische Konsequenz. 2018 hat Probo mit rund 330 Mitarbeitern ein Umsatzvolumen von über 40 Mio. Euro generiert und ist einer der wachstumsstärksten Drucker und Marktführer in den Benelux-Ländern.

René de Heij, CEO Probo; Source: #OPS2019

Auflage 1 im Großformat kann sich also lohnen. Im Shop von Probo finden sich vom Asphaltaufkleber über Fotodrucke bis zum Poster für die Außenreklame über 200.000 Printprodukte in den verschiedensten Größen auf mehr als 250 Materialien. Topseller sind großformatige Banner. Doch dieser Markt wird aufgrund des Preisverfalls immer weniger interessant, so der Probo-CEO René de Heij. 2001 wurde ein Quadratmeter Banner noch mit 12 Euro gehandelt – heute sind es nur noch 7 Euro. „Viele Online-Anbieter setzen dennoch auf diese Produkte, weil sie sich gut verkaufen lassen. Damit sind sie aber einem enormen Preiskampf ausgesetzt und bei der Vermarktung zum größten Teil auf Google angewiesen“, erläuterte de Heij in seinem Vortrag.

Statt aber der nächste Google-Süchtige zu werden, lässt sich Probo lieber von ausgefallenen Ideen inspirieren und setzt eigene Konzepte um. So ist Probo inzwischen in den Etiketten-Markt eingestiegen und beteiligt sich als LFP-Drucker am lukrativen Feld „digitaler Textildruck“ – und zwar nicht nur mit T-Shirts etc., sondern mit Bettwäsche, Kissen und Tischdecken. Dabei reicht „bewährtes“ offenbar nicht aus. Auf der Suche nach Innovationen hat René de Heij mit „accusticpro“ ein neues Geschäftsfeld angestoßen: Dabei handelt es sich um ein Lärm absorbierendes Textil-Interior aus recycelten Jeans. Und als neuen Trend hat de Heij großformatige und personalisierte Wanddekorationen erkannt. Auch hierbei verknüpft Probo E-Commerce und Fulfilment mit eigener Fertigung.

Und da der Versand der großformatigen Produkte über Kurierdienste äußerst kostenintensiv und zum Teil unzuverlässig ist, baut Probo mit „Onbezorgd“ zurzeit einen eigenen Transportservice in den Beneluxländern und im Westen Deutschlands auf. „Think big, start small, act fast“, sei auch hierbei das Motto, schloss René de Heij.

Näherung an Print 4.0

Schnell agieren galt auch für Sven Burkhard, seit etwa zwei Jahren CEO der Schmid Druck+Medien GmbH im bayrischen Kaisheim, die seit 2015 Teil der Elanders-Gruppe ist. Denn er stand gleich vor mehreren Herausforderungen. Mailings, Verpackungen, Sonderentwicklungen von ausgefeilten Printprodukten – ist das Metier der Druckerei. Aber wie kann man ein weitgehend von analogen Maschinen und Arbeitsabläufen dominiertes Unternehmen für Prozesse und Fertigungsketten der Zukunft fit machen? Wie kann man schneller und effektiver verkaufen? Wie kann man die vielen Sonderprodukte des Unternehmens auch online verkaufen?

Sven Burkhard, Managing Director SCHMID Druck+Medien GmbH; Source: #OPS2019

Sven Burkhard wählte bewusst einen neuen Weg und beteiligte sich an dem Projekt OctoBoost von Sappi, um sein Unternehmen Schritt für Schritt für die Zukunft zu rüsten. In seiner Präsentation erläuterte er die Vorgehensweise, Vor- und Nachteile sowie auch die Gründe, warum er den Schritt in Richtung agiler Software-Entwicklung gegangen ist. „Druckeffizienz, leistungsstarke künstliche Intelligenz zur Automatisierung der Planung und eine neue Art von MIS haben uns Print 4.0 deutlich nähergebracht. Alles in allem ist es noch kein fertiges Produkt, doch wir nähern uns sehr stark unseren Wünschen und Vorstellungen“, resümierte Burkhard.

Chaosflo44: Print Next Generation

In zwei Tagen einmal rund um den Globus hatte das diesjährige Online Print Symposium versprochen und auch Wort gehalten. Den 290 Teilnehmern wurden spannende Eindrücke zum internationalen Onlinedruck und darüber hinaus geboten. Auch jugendlich-frische Unterhaltung war dabei. Wie etwa der Vortrag des 20-jährigen Österreichers Florian J., der schon seit fast zehn Jahren einen auf Gaming bezogenen YouTube-Kanal betreibt und damit dickes Geld verdient. Wie Florian alias Chaosflo44 in seinem Vortrag erläuterte, hat er zusammen mit „einem alten Freund seines Vaters“ in den vergangenen drei Jahren zusätzlich seinen eigenen Online-Merchandise-Shop mit Print-Produkten aufgebaut, die er zum großen Teil selbst herstellt. Autogrammkarten, T-Shirts, Kappen, Jacken, Kuscheltiere und so weiter bietet er an. „Und die Leute kaufen das“, meinte er lächelnd. Und wie alt denn der Freund des Vaters sei, wollte Moderator Jens Meyer von ihm wissen. „Ja, so 40 oder 50“, meinte Florian und sorgte beim „betagten“ Publikum für Heiterkeit.

Chaosflo44, Social Media Influencer / „YouTuber“; Source: #OPS2019

Ebenso kurzweilig war auch der Vortrag von Jim Cunliffe, Managing Director bei der Face Media Group. Nach eigenen Worten vermittelt er seit Ende der 1990er Jahre Drucksachen: „Es geht darum, Drucksachen zu kaufen und zu verkaufen, zu verstehen, was der Kunde will und zu verstehen, was der Druckbetrieb braucht. Und dies gilt es nahtlos umzusetzen.“ Damit sei sein Unternehmen ein „Zum-Warenkorb-Hinzufüger“ geworden. „Wir kaufen von über 40 Druckbetrieben in ganz Europa“, führte Cunliffe aus und illustrierte seinen Beitrag mit Bildern und Kommentaren, was er vom Brexit und anderen politischen Erscheinungen hält.

Plattformen: Wachsen mit Partnern

Wissenschaftlich-seriös dagegen startete der zweite Tag des Symposiums. Es ging in der Keynote um Plattformen, die sich als überlegenes Geschäftsmodell in vielen digitalen Märkten durchgesetzt haben. Die Fähigkeiten, mit den gewonnenen Daten weitere Wettbewerbsvorteile zu erschließen und stetig in neue Märkte vorzudringen, machen sie zu mächtigen Playern. „Im Gegensatz zu den klassischen linearen Geschäftsmodellen basieren Plattformmodelle auf Interaktionen zwischen Nachfrage und Angebot. Und obwohl klassische Produzenten weiterhin gebraucht werden, verlagert sich ein nicht zu unterschätzender Teil der Wertschöpfung von der Produktion auf die Interaktion“, führte Dr. Holger Schmidt, Netzökonom an der TU Darmstadt, aus. „Plattformen ziehen ihre Stärke aus den Interaktionsdaten.“

Plattform-Modelle veränderten die Märkte durch das Etablieren von Allianzen in dynamischen Ökosystemen und fokussieren auf Transaktion, Innovation und Interaktion, so Dr. Schmidt. Oft schaffen gerade diese Allianzen die entscheidenden Wettbewerbsvorteile der Plattformen gegenüber klassischen Anbietern, da sie nicht nur Kunden das Leben erleichtern, sondern neue Werteströme und Netzwerkeffekte zwischen den Anbietern erzeugen. Im Ergebnis machen alle Partner im Ökosystem mehr Geschäft als vorher und können klassische Anbieter aushebeln.

Dr. Holger Schmidt, Digital Economist Netzoekonom.de; Source: #OPS2019

Am Beispiel Amazon machte Dr. Schmidt deutlich, warum Plattformen so erfolgreich sind. „Die Öffnung für andere Online-Händler, die ihre Produkte auf der Amazon-Website verkaufen, hat das Wachstum beschleunigt“, erläuterte er. Wer die Vision einer umfassenden Auswahl habe, könne das nur mit Hilfe weiterer Händler.

Das Plattform-Geschäftsmodell generiert also mehr Einnahmen durch mehr Partner. Mehr Partner bringen mehr Kunden, mehr Angebot führt zu mehr Interkationen und zu mehr Netzwerkeffekten, woraus sich wiederum die Tendenz zum exponentiellen Wachstum ergibt. Dabei gibt es laut Dr. Schmidt vier grundlegende Plattform-Geschäftsmodelle.

  • Plattformen mit Fokus auf Teilung der Ressourcen, Kapazitäten und Fähigkeiten: Komplementäre Partner aus einem zuvor analysierten Ökosystem bilden eine Allianz, um komplementäre Kapazitäten oder Ressourcen zu bündeln und zu teilen.
  • Plattformen mit Fokus auf Veränderung der Marktmechanismen: Der Plattformbetreiber führt Partner zusammen, die Marktmacht und guten Kundenzugang besitzen. Das Zusammenführen dieser Allianzpartner erweitert den Marktzugang und die Zahl der indirekten Kunden, was Netzwerkeffekte und Wachstum auslöst.
  • Plattformen mit Fokus auf Produkt- und Service-Allianzen: Produkte der Ecosystem-Partner ergänzen sich komplementär. Der Plattformbetreiber ermöglicht den Partnern, ihre Produkte gezielt über die Plattformen miteinander zu kombinieren und ihren Kunden anzubieten.
  • Plattformen mit Fokus auf Daten, KI, Technologie, Software und Internet der Dinge: Der Plattformbetreiber führt unterschiedliche Partner mit Technologie-Fokus zusammen, die ihre komplementären Technologien/Daten nutzen, um aus partnerübergreifenden Erkenntnissen datengetriebene Produkte zu entwickeln.

Wer die Mechanismen der Plattform-Ökonomie verstehe und einsetze, könne den großen Plattformen nicht nur Paroli bieten, sondern mit dem Aufbau eigener Modelle ähnlich erfolgreich werden. Dabei sei die Unternehmensgröße noch nicht einmal Voraussetzung für Erfolg, so Dr. Holger Schmidt – vielmehr gelte es, mit Ideen und agilen Geschäftsmodellen eigene Marktsektoren zu erschließen.

Wie teuer wird die Zukunft?

Nach dem Vortrag von Dr. Schmidt sollte jeder verstanden haben, wie Plattformen funktionieren. Was sie dabei anrichten, ist damit aber noch nicht geklärt. Damit setzte sich Jörg Schieb, IT- und Onlineexperte für den WDR und Digitalexperte der ARD, auseinander. Er gilt als solider Analyst und ist seit ihren Urspüngen Beobachter der Online-Industrie. Er hinterfragt aber nicht nur bestehende Systeme wie Google, Amazon, Facebook und Co., sondern macht sich auch Gedanken über die Weiterentwicklung der Infrastruktur Internet und setzt sich dabei kritisch mit den Trends auseinander – insbesondere mit dem Blick auf die gesellschaftlichen Folgen.

„Wir müssen weg von diesem Gratis-Irrsinn“, fordert Schieb, stellte den Teilnehmern des Symposiums in seiner exklusiven Pre-Note verschiedene Ansätze vor und erläuterte seine Vision vom „Internet der Zukunft“ samt seiner Infrastruktur. Denn die Formel „Alles ist kostenlos – dafür bekomme ich Deine Daten“ werde zunehmend problematischer. „Mittlerweile sollten wir eigentlich verstanden haben, dass im Internet zwar alles kostenlos zu sein scheint, dass wir aber auch etwas hergeben – und zwar nicht nur unsere Daten. Wir geben auch unsere Aufmerksamkeit her, Lebenszeit, Gesundheit mitunter auch. Das ist uns meist gar nicht bewusst. Aber vor allem sind es die persönlichen Daten, die hergegeben werden“, erläuterte Jörg Schieb. Das Schlimme nur: Niemand kontrolliert, was mit diesen Daten letztlich passiert. Und den meisten scheint es egal zu sein.

Jörg Schieb, Digitalexperte der ARD und Fachautor; Source: #OPS2019

„Wir haben das Ende der Privatsphäre bereits erreicht“, stellte Schieb fest. Das sei zwar nicht erstrebenswert, aber es sei Fakt. Aber es kümmere sich niemand darum. „Wenn Marc Zuckerberg nun eine bessere Regulierung im Internet fordert, ist das Taktik“, so Schieb. Er sei auch nicht vom Saulus zum Paulus geworden, sondern habe einmal mehr einen cleveren Schachzug gemacht, spiele auf Zeit und wolle die Verantwortung abschieben.

„Und so lange werden wir weiter ausgeschlachtet“, sagte Schieb. Und mit seiner Meinung ist er nicht alleine. Der Erfinder des World Wide Web, Sir Tim Berners-Lee, schämt sich, ihm ist das Web im heutigen Zustand peinlich, hat er öffentlich geäußert. Und ein weiterer Vordenker des Internet, Jaron Lanier, hat radikale Veränderungen angemahnt.

„Es gibt zwei krass auseinander stehende Denkprinzipien“, erläuterte Jörg Schieb. „Einmal: Alles ist kostenlos ohne Werbung und Kommerz – dann wird aber auch wirklich nichts bezahlt. Eventuell könnte man öffentlich-rechtlich etwas kuratieren, gegen eine Gebühr. Dann müssten keine Daten mehr rausgerückt werden und alle Dienste dienen dem Gemeinwohl. Das wäre das sozialistische Internet“, so Schieb. „Und dann gibt es das kapitalistische Internet, in dem jeder bezahlen muss. Keine versteckten Kosten und jeder bekommt Geld für seine Leistungen – auch die User für Postings, Fotos, Likes und Retweets. Alles hat einen transparenten Preis.“

Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. Ideal wäre daher das beste aus beiden Welten, führte Jörg Schieb aus: „Keine Kontrolle durch Staaten. Denn dann besteht die Gefahr, dass sich der Staat an eigenen Interessen orientiert. Völlige Transparenz und Kontrolle für die User. Daten haben einen Wert und nicht nur Konzerne profitieren. Es müsste auch eine intelligente Regulierung etabliert werden und Themen wie Datenschutz und Privatsphäre müssten durch die UN verankert werden.“

Es gebe bereits Ansätze, die Kontrolle zurück zu erlangen. „Solid“ sei ein solches Projekt. Aber eben nur ein Projekt. „Wir müssen aber jetzt handeln. Die großen Fünf zerquetschen sonst alles“, analysierte Jörg Schieb. Denn die Erfahrung habe gezeigt, dass alles, was technisch machbar ist, auch gemacht wird. Und was dabei schief gehen könne, werde auch schief gehen. Wir erleben es ja gerade.

Den Nerv der Zeit getroffen

Apropos Internet und Soziale Medien: Das Netz ist jetzt überhäuft mit Kommentaren, Tweets, Likes und positiven Meldungen. Eindrücke vom Online Print Symposium 2019 findet man unter dem Hashtag #OPS2019 auf Twitter, Instagram, Linkedin und Facebook. Das zeigt, dass die Organisatoren des OPS mit der Themenwahl, der neuer Lokation und der Idee der Partner-Sessions als Elevator-Pitch wieder den Nerv der Zeit getroffen haben. Und der große Anteil ausländischer Besucher rockt. So waren allein aus Asien 18 Teilnehmer da – das zeigt, dass das OPS auch international Zeichen setzt. Das Video zum diesjährigen OPS folgt hier an Ort und Stelle in Kürze. Übrigens, die tollen Fotos stammen von unserer Fotografin Nadja von Prümmer und werden auf der OPS-Webseite ebenfalls in Kürze zu finden sein.

Wer sich den Termin für das Online Print Symposium im kommenden Jahr bereits vormerken möchte: den 25. und 26. März 2020 im Kalender blocken.

My Take: Auch wenn sich das Wachstum im Onlineprint gemäßigt hat und Reseller-Modelle zunehmend unter Druck geraten – Onlineprint lebt. Und wie. Das beweisen die Erfolgsstories aus aller Herren Länder. Hier ist von gigantischen Wachstumsraten die Rede. Wer Onlineprint professionell betreibt, wer E-Commerce richtig verstanden hat und umsetzt, wird seine Zukunft auch in unseren Breiten aktiv gestalten können und auch Geld verdienen – heute und in Zukunft, denn die Zukunft schreiben die Abnehmer, für die das Modell Onlineprint nach wie vor seinen Reiz hat.

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7. Online Print Symposium – Druck im Kessel oder eher ein Reset?
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7. Online Print Symposium – Druck im Kessel oder eher ein Reset?
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Was war denn da los? Eine Frau im Taucheranzug, ein Kerl im Astronauten-Look, ein anderer als Chemiker – und dass alles im Fahrstuhl! Nannte sich Partner-Session und war eine überaus gelungene Form von Unternehmenspräsentation im Interview-Stil. Ausgesprochen originell, wirklich witzig und unterhaltsam. Doch zwischen den „Werbeblocks“ ging es beim 7. Online Print Symposium heftig zur Sache.
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beyond-print.de
08.04.2019|Markt|0 Comments

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