Analyse: 5. Web-to-Print-Forum, Mainz, April 2008

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(22. September 2008 – hgw) Zweifellos haben viele gehofft und manche hoffen wahrscheinlich immer noch. Dass sich nun allmählich mal herausstellt, was denn nun web-to-print in Wirklichkeit sei, wie man es am besten macht, was richtig, was falsch ist. Auf diese Antwort werden diejenigen, die glauben, sich eigenes Denken ersparen zu können, bis zum St. Nimmerleins-Tag warten.

Generelle Ratschläge kann es nicht geben, weil sich die Vorteile der in Art, Umfang, Struktur und Leistunskraft teils drastisch unterschiedlichen Lösungen und Softwaremodule nur dann erschließen, wenn es auch eine klare Zielsetzung gibt: was will man primär erreichen, was muss prinzipiell vermieden werden, wie tolerant ist man gegenüber Kompromissen. Die eierlegende Wollmilchsau auf dem Königsweg, der immer und für alle richtig ist, der begegnet man wohl nie.

Gleichwohl gibt es frohe Botschaften zu verkünden, denn ein „ist schwierig“, „geht gar nicht“, „ist noch zu früh“ muss auch keiner mehr zu hören fürchten. Vieles ist machbar und möglich, wenn auch noch manches davon erst rudimentär, im Anfangsstadium. Vieles aber auch im fortgeschrittenen, gereiften Stadium. So dass Kritiker und hämisch Abwiegelnde oder Abwartende generell Lügen gestraft werden: Wer web-to-print zu Beginn der drupa 2008 vorhalten will, es sei eher noch Phantasie und Wunschtraum, der hinkt den Ereignissen und Realitäten bereits gefährlich weit hinterher. Der hat so gut wie den Zug der Zeit verpasst. Wie immer bei den Technologie-Sprüngen der letzten Jahre im Mediensektor, bevor die Übervorsichtigen begriffen haben, was da überhaupt vor sich geht, haben die Cleveren den Markt bereits für sich in Anspruch genommen und haben einen Vorsprung, den einzuholen nicht eben leicht ist – wenn gar unmöglich.

W2P – ein Megatrend

Bernd Zipper, dessen Unternehmen Zipcon Consulting zusammen mit dem Bundesverband Druck und Medien das Forum ins Leben gerufen und der als Trendscout seitdem dieses Thema souverän moderiert und der Branche verdeutlicht, wo und wie schnell es vorangeht, ist in seinen Prognosen alles andere als zurückhaltend: „Web-to-print wird die Printmedienbranche stärker verändern als dies DTP seinerzeit getan hat.“ Ein großes Wort und ein Paukenschlag – allein, es gibt keinen, der ihm zu widersprechen wagt. Weil er nur ausspricht, was, wer will, täglich selbst sehen, erleben, miterleben kann.
Bleibt zu klären, was Web-to-print (w2p) eigentlich ist. Indem man cha-rakteristische Merkmale wie zugleich auch die Ausschlussfaktoren benennt, wird man einer Beschreibung der noch oftmals und für viele nebulösen, teils in heftiger Entstehungs-Eruption geradezu technisch-funktionell blubbernden Masse der Chancen und Möglichkeiten am besten gerecht:

?    w2p-Lösungen sind ortsunabhängig; und damit auch personenunab-hängig; es sind gewissermaßen „immer von jedem jederzeit überall“ zu benutzende Interfaces, Funktionen via Internet.
?    w2p-Lösungen erlauben Personalisierungen, Individualisierungen, „on-demand“-Gestaltung oder Auswahl bzw. Zusammensetzung von Elementen; sie lassen es zu, das Printprodukt, egal was es ist, „zu-sammenzubauen“.

?    w2p-Lösungen generieren alle mit dem Produktionsprozess zusam-menhängende technische und kaufmännische Daten und Dokumente; sie automatisieren Abwicklung und Verwaltung mit Einschluss der Fakturierung bzw. Bezahlung.
Und web-to-print heisst es, weil es immer um eines geht:
?    servergestützte Online-Erzeugung von individualisierten Dokumenten im Druck- und Medienproduktions- und/oder Distributionsprozess.

Damit sind sie so etwas wie Workflow-Automatisation. So verrückt sich der Vergleich anhört, aber im Grunde genommen ist es das gleiche, als ob man eine Waschmaschine einstellt – Temperatur, Waschintensität, Angaben zur Wäscheart usw. – und dann per Knopfdruck einen Waschvorgang auslöst, von dem man als Nutzer weiter keine Ahnung zu haben braucht, wie er denn im Inneren der Maschine vor sich geht. So auch die Benutzer von Web-to-print: sie wählen aus oder stellen sich mit grafischen Elementen eine Seite zusammen, nehmen ggf. noch Einfluss auf Bilder und Schriften, auf den Inhalt sowieso – und ab Knopfdruck „bestellen“ (oder ähnlich) läuft alles automatisch. Alles meint auch alles.

Eher Vertriebskanal denn Produktionstechnik
Obwohl w2p nur mit geeigneter Software und damit konfigurierten und konstruierten Workflows funktioniert, ist es dem Sinn und Nutzen nach eher nicht ein Element der (Produktions-) Technik, sondern eine Erweiterung des Distributions-Kanals. Und es spielt auch eigentlich überhaupt keine Rolle, welche Arten von Drucksachen mit w2p produziert werden – ob standardisierte Visitenkarten oder irgendwelche Etiketten, ob Kataloge und Folder, ob nüchtern-sachliche Dokumentationen oder Werbematerial der vielfältigsten Art. Auch ist w2p nicht mit spezifischen Druckverfahren verbunden; ob die Aufträge, die über w2p aus Sicht der Druckerei „hereinkommen“ Offset oder im Digitaldruck gedruckt werden, in Sam-melformen oder einzeln, ob Daten in teilfertige Dokumente eingepflegt, Seiten oder grafische Elemente aus einer Datenbank abgerufen oder komplett neue, individuelle, vom Besteller generierte PDFs als Druckform übermittelt oder generiert werden – all das ist möglich, all das gehört zu w2p. Kein Weg, keine Methode, kein Prinzip ist mal mehr, ein anderes eher weniger w2p – w2p ist grundsätzlich mindestens so vielfältig, wie man wohl kaum über Formen und Farben definieren kann, was eine Blume ist. Eine Blume charakterisiert sich über ihre Funktion und Bedeutung – w2p auch.

Und zwar nicht nur im engeren Sinne der praktischen Abwicklung eines einzelnen Druckjobs. w2p ist ein zentrales Element moderner Unterneh-mensstrategie in der Medien-, Marketing-, Kommunikations- und Publishing-Industrie. Es ist die erste wirklich reale Umsetzung der Aufforderung, die schon zu Beginn des www-Zeitalters, um 1995, von Internet-Guru Donovan Sullivan zu hören war: „Re-invent Your business on the web“. Erfinde Dein (Kern-) Geschäft mit den Möglichkeiten des Internets neu. w2p ist das Portal zwischen Printbuyern, Drucksachenbestellern (ganz generell, egal, ob temporären und laienhaften Neulingen oder Profis unter den Einkäufern) und den Medienproduktionsunternehmen, die diesen Beziehungs-Kanal anbieten. So, wie man bei Discountern heute sowohl in riesigen Läden unmittelbar physisch einkaufen und gleichzeitig einen Großteil der Ware „per Internet“ bestellen kann (oder per Telefon oder Fax), so ist es nun auch bei den Druckereien. Neben dem immer schon gepflegten persönlichen Kontakt (vertriebsstrategisch „face-to-face“), dem vereinfachten Telefonat oder Fax („Liefern Sie mir …“) ist nun der dritte Weg hinzugekommen, das 365/7/24-Internet (alle Tage, die ganze Woche, rund um die Uhr geöffnet).

Und es ist nicht nur ein Vertriebskanal für Produzenten. Es ist vor allem auch eine signifikante Strategie der Personal-, Organiations-, Fehler- und Leerlauf-Minimierung; w2p senkt Kosten, indem man in geeigneter Intensität und in die richtigen Programme und Verfahren investiert und die Funktionalität intelligent vermarktet.
Workflow-Automatismen sind das Entscheidende

Es gibt w2p-Lösungen „aus der Fertigpackung“, „aus dem Modul-Baukasten“ und „als Selbstbausatz mit Grundelementen und vielen Bau-anleitungen“. Sie bedienen verschiedene Ansprüche, Marktziele, Absatzwege, Produktbereiche und vor allem den Grad an Individualisierungs-möglichkeiten.

Ein Logo auf der Startseite, angebotene Produkte auszutauschen und je Anwender („web-shop“) maßzuschneidern, das ist zwar auch Individuali-sierung, aber kaum eine, die über das Normale eines jeden Programmes hinausgeht. Banal gesagt, mit einem Texteditor kann jede seine eigene Texte schreiben, aber der Editor ist immer der gleiche. Mit einem vorgefertigten Webshop kann jeder seine eigenen Produkte einstellen, aber der Webshop als Editor, Verwalter, Werkzeug ist immer der gleiche.

Raffinierter und richtig angewandt auch hoch effizienter wird es, wenn man mit Hilfe von Module oder Konfigurationsvarianten sozusagen einen eigenen, individuellen Workflow errichten kann, der auf die spezifischen Bedürfnisse der Aufgabenstellung maßgeschneidert wird. Das sind Prog-ramme, die man als ein Buffet betrachten kann: man nimmt, fast wötlich, das, was einem schmeckt, also nützlich ist. Ohne gleich alles auf den Teller zu schaufeln, also die Applikation mit Unnützem zu überfrachten.

Und wenn diese aufgaben- und zielsetzungs-orientierte step-by-step-Lösung dann auch noch einen hohen oder vollständigen Grad der Automatisation aufweist, mithin keine Person mehr händisch oder für Entscheidungen eingreifen muss, dann ist gewissermaßen die Königsklasse des w2p erreicht.

Die zu erzielenden Vorteile sind substanziell:
?    Fehlerreduktion
?    personelle Unabhängigkeit
?    „rund um die Uhr“-Verfügbarkeit

?    Beschleunigung des Produktionsprozesses
?    Kostensenkung auf Dauer
?    Mehr Komfort für Nutzer, Kunden
?    Leistungen, die es ohne w2p nicht geben könnte
?    Vermeidung von Missverständnissen durch Nutzungs-Protokolle

Von besonderer Bedeutung ist die Möglichkeit vieler w2p-Lösungen und -Softwarepakete, die Benutzerkreise und deren Berechtigungen teils fein abgestuft zu differenzieren. Also sicher festzulegen, wer was wann wie machen darf oder eben nicht, wer Zugang hat, welcher Funktionsumfang zur Verfügung steht. Damit verknüpft sind immer Protokollfunktionen. Es ist, nicht zuletzt auch im juristischen Streit, definitiv nachzuweiser, wer wann welche Funktion benutzt hat und damit werden Verantwortungen klar protokolliert. Mit anderen Worten: Bestell- oder Druckfehler können immer noch passieren, aber sie gehen nicht mehr in der gegenseitigen ungenauen Schuldzuweisung und Vermutungen unter. Ob richtig oder falsch: Wer einen Vorgang auslöst, hinterlässt seine digitale Markierung. Solche Formen von „closed shops“ sind ein erheblicher Organisations- und Qualitätsvorsprung. Für beide Seiten, Printbuyer wie Printmaker.

Kunden als Konkurrenten
Berater haben schon vor Jahren intensiv darauf hingewiesen, die schärften Wettbewerber der Druckereien sind nich andere Druckereien, sondern ihre eigenen Kunden. Nun ist es soweit. Mit w2p.
Denn es ist fast schon beliebig, wer eine w2p-Lösung installiert, der (ehemalige) Drucksachenbesteller oder der Print-Dienstleister. Bei beiden kann es Sinn machen. Wo, wie, wann, darüber entscheiden meist völlig nicht-technische Faktoren, in erster Linie das Vorhandensein qualifzierten Fachwissens und entsprechender Arbeitskapazität von Experten. Denn „mal eben nebenbei“ richtet man allenfalls ASP-Lösungen ein. ASP steht für Application Service Provider. Das sind beliebige IT-Firmen, die eine w2p-Lösung als Ganzes oder Programmodule zum Aussuchen Anwendern zur Verfügung stellen, die sie für ihren eigenen geschäftlichen Gebrauch sozusagen für die Zeit der Nutzung mieten. Eine Art Software-Leasing. Lösungen zum „mieten und losfahren“, auch wenn sie auf den Nutzer optisch und inhaltlich angepasst werden. Aber der Aufwand, damit zu starten ist gering, freilich ist man fortan dem Vermiteter „ausgeliefert“, von ihm abhängig.

Andere Lösungen sind zwar auch nicht frei der Abhängigkeit vom Liefe-ranten, vor allem was Support und Weiterentwicklung angeht. Aber ohne Investitionen seitens des Anwenders in Form von Manpower und damit Zeit und Kosten geht es meistens nicht. Sind die Anfangsinvestitionen gemacht, steht die Implementierung, stellt sich ein Return-on-Investment in den meisten Fällen schon nach kurzer Zeit ein; unterjährig ist beileibe keine Ausnahme, eine Spanne von maximal zwei, drei Jahre darf man in aller Regel erwarten.

Und da stellt sich eben ganz natürlich die Frage, wer dies vorfinanziert. Dies kann ein (Print- und Medien) Service-Unternehmen sein, egal, ob Agentur oder Druckerei, Verlag oder auch der IT-Supporter bzw. Software-Hersteller. Oder es ist der originäre Anwender, heutzutage „Print- & Media-Buyer“ genannt, der eigentliche Nutzer der w2p-Installation. Eine Behörde oder ein Industriebetrieb, eine Verwaltung oder Agentur, die nun das selbst organisiert und produziert, was sie früher als Auftrag vergeben hat und auf anderen technischen Wegen als Auftrag durch Dritte produziert wurde.

Das macht vor allem Sinn, wenn es sich um Lösungen für interne Kom-munikation handelt, wie sie bei größeren Unternehmen und vor allem internationalen Konzernen in reichlichen Mengen und verschiedensten Ausprägungen anfallen: Dokumentation und Werbung, Information und Organisation eines Unternehmens plus alles, was heutzutage unter PIM, Product Information Management zusammengefasst wird, produzieren und benötigen teils gigantische Mengen an Druckseiten oder Druckprodukten – egal, wann, wie, wo gedruckt und wie, womit, durch wen gestaltet. Die These „Jedes Unternehmen ist ein Verlag“, einst abgelehnt oder missverstanden, ist ebenfalls heute Realität geworden. Wer auf einem Markt aktiv ist, wird vor allem über seine Publikationen, ob gedruckt oder elektronisch, wahrgenommen oder wickelt seine wirklichen Geschäfte mittels Informationen, Kommunikationen, Präsentationen oder bereitet Umsatz damit vor – alles, was Werbung und Marketing ist, darin eingeschlossen. Warum also nicht w2p in jedem Unternehmen installieren, um ureigene, sozusagen innerbetriebliche Aufgaben damit zu bewältigen. 

w2p – es ist nicht anderes als „so wie man heute druckt“
Noch bis vor kurzem, und oft auch noch heute, gehen die eigentlich koo-perierenden Bereiche Print-Design, Print-Contentbuilding, Print-Buying, Print-Making/-Producing, Print-Logistics verschiedene, eigene, parallele Wege. Diese Konzentration auf das eigene Kerngebiet ist wichtig, führt aber nicht mehr zu optimalen Ergebnissen. „Über den Tellerrand schauen“ ist angesagt – und w2p ist die geeignete Thematik, es zu tun. Prinzipiell, funktionell, der Technik, des Workflows, der Qualität und der Effizienz wegen. Denn w2p als kommunikationsarchitektonisches Fundament verbindet in der Tat alle an einem „document creating, editing and printing process“ Beteiligten.

Der eigentliche, tiefer gehende Nutzen von w2p-Lösungen ist

?    eine Loslösung von bisherigen Workflows, Abhängigkeiten und unve-ränderbaren Bedingungen – und damit eine
?    neue „media & communication architecture“ in tutto, grundsätzlicher Art – sowie

?    die Verknüpfung von Funktionselementen über den ganzen organisato-rischen, technischen oder content-bezogenen Workflow hinweg – und
?    spezifische Funktionen können ausgewählt, verknüpft, verschachtelt werden und stellen eine Art Workflow-Buffet dar

Beispiel: Bedürfnisse und Anforderungen, die der Distributions-Prozess „hinten“ im Workflow hat, können „vorne“ im Creating, Content-Building bereits berücksichtigt, programmiert, implementiert werden. Anderes Beispiel: Mit gleicher Eingabe- und Bedienungs-„Mimik“ (Eingabemasken, GUI = Graphic User Interface) können höchst differente technische Workflows bedient werden, etwa sowohl Offset-Massenauflage wie auch 1:1-Digitaldruck. Eingaben, die im Umfeld von Gestaltung, Design gemacht werden, können zu automatisierten Vorgaben, Einstellungen, Workflow-Schritten im Produktionsbereich führen, ohne dass dies von Sachbearbeitern durchdacht werden muss (mit der Folge, dass es in der Hektik des Unternehmensalltages auch nicht vergessen werden kann).

Schließlich klärt dies auch die Frage „wohin“ (oder gar „wem“) denn w2p eigentlich gehört? „Allen“ ist die einzig sinnvolle Antwort, w2p ist weder ein Shooting-Star wie beispielsweise einst DTP, der Tsunami der Satztechnik. Es ist auch kein Hype, wie etwa die legendäre „dot-com-Blase“, die gigantische Fehlspekulation von Börsen-Guerillas. w2p ist analog der Bedeutung von „common interfaces“ (allgemeine, unvierselle, überall verfüg- und nutzbare Schnittstellen) eine „common principle“, ein Paradigma, ein grundsätzliche, wesentliches, prinzipielles Merkmal einer Ära. Es ist, mit einem Wort, „Hypermedia“, ein Vielzahl von Lösungen und Möglichkeiten, die ein neues Zeitalter repräsentieren. Hypermedia, die Verschmelzung der Medien zu einer integrierten Funktionalität. Im Universum werden daraus neue Galaxien geboren – und bei den Print- und E-Medien … auch! Wir sind mit w2p in der Zukunft angekommen.

Auch oder gerade Goldnuggets machen Mühe
Was hier systematisch zusammengefasst wurde, hat das 5. Web-to-print-Forum im April 2008 in Mainz als Kaleidoskop facettenreich dargestellt. Mitveranstalter und Moderator Bernd Zipper sprach eingangs von Schätzen, die zu finde seien, wer dem Programm mit ungeteilter Aufmerksamkeit folgt. Und da die Interessen, das Vorwissen oder die Ansprüche der Zuhörer mindestens so vielfältig differenziert und nicht selten weit voneinander waren wie die Inhalte der Präsentationen, ging es zu wie beim richtigen Goldschürfen oder Edelstein-Diggen: Es musste viel Informations-Abraum zur Seite geräumt werden, um die richtigen Sätze, Informationen, Einschätzungen oder Hinweise zu hören. Da aber jeder nach anderen  Pretiosen suchte, war es einem jeden auch überlassen, die für ihn wertvollen Info-Nuggets oder wertvollen Fakten allein zu finden. Mithin ist auch keine pauschale Bewertung möglich, was denn nun die Höhepunkte gewesen sein sollten. Denn auch dies sagte ein Besucher hoch zufrieden: „Ich habe nichts neues erfahren und deshalb bin ich jetzt sicher, mit der richtigen Strategie an die Sache zu gehen.“ Wobei „nichts neues“ eher nur eine Floskel war, denn selten war das Geschnatter der Teilnehmer in den Pausen so intensiv und die Gespräche so konzentriert wie diesmal. Noch ist man so etwas wie eine überschaubare Zahl an Pionieren, und alleine das Gefühl, dazuzugehören, turnt so manchen an. Zu recht. Denn ewig werden den (wieder einmal skeptisch) Wartenden nicht die Optionen offengehalten. „Wer jetzt nicht einsteigt, wird keine Chance mehr haben, die lukrativen Positionen zu besetzen.“

Patentstreit macht Kopfschmerzen
Allerdings darf und soll nicht verschwiegen werden, dass auch Unerfreuliches zu hören war, Bedenkliches zumindest. Mühsam kaschiert unter dem Mäntelchen der (zweifelsohne berechtigten) Hoffnung, die Vernunft werde siegen. Es geht um einen Patentstreit, der nicht ganz ohne ist. Denn ein internationaler Anbieter der Szene, es geht um vistaprint, hat sich eine grundsätzliche Funktion patentieren lassen, die der „Mimik“, sprich dem funktionalen Grundverhalten von web-to-print entspricht. Im Kern steht dabei die Verknüpfung von technischen und kaufmännischen Daten im serverbasierten Austausch zwischen Besteller und Dienstleister. Kann man so etwas Grundsätzliches patentieren, oder kann man denn überhaupt Software patentieren, das doch eigentlich nicht, wie das Gesetz sagt. Alleine, um die Fakten zu klären und den Grundsatz klarzumachen, brauchte der als Referent gebetene Patentanwalt einige Zeit, erledigte diese Aufgabe aber, trotz nur noch Juristen logisch zugänglicher Materie, mit Bravour und rhetorischem Geschick. Und interpretierte gleich ein zum damaligen Zeitpunkt frisches Urteil, indem dieses Patent abgewiesen – diese Rück-weisung aber noch nicht rechtskräftig war. Und ein Widerspruch noch möglich wäre.

Und selbst wenn dies ausgestanden ist, droht noch ein anderes Patent – nein, drohen eigentlich noch eine ganze Reihe von Patenten als Tretminen auf dem Entwicklungspfad von w2p. Ein von etlichen w2p-Anbietern und -Anwendern ins Leben gerufener Verein für den freien Wettbewerb kümmert sich intensiv darum. Und einer seiner Sprecher warb mit überzeugenden Argumenten darum, sich dieser Schutzgemeinschaft anzuschließen und aktiv mitzumachen. Denn wenn sich vor allem der Mittelstand nicht vehement wehrt und diese Entwicklungen schleifen lässt, wie auch ein Zuhörer aus anderen Bereichen der Wirtschaft kenntnisreich zu berichten wusste, wird den gutgläubigen, aber blauäugigen Unternehmern, die an die totale Freiheit in wirtschaftlichen Aktivitäten glauben, noch manches Blaue Wunder bevorstehen. Das im übrigen „dank“ Gerichts-, Anwalt- und Streitgebühren oder angedrohten Bußgeldern im Wiederholungsfall, beispielsweise bei einstweiligen Verfügunggen, den unmittelbaren Ruin bedeuten kann. Umsicht, Vorsicht und jede Menge Einsicht sind also mehr als nur geboten – sie sind Pflicht. Lästig, additiv zu ohnehin schon viel zu vielen Aufgaben, die das mittelständische Management zu bewältigen hat, aber leider unumgängliche Pflicht. Wenn man nicht „kalt erwischt“ werden will. Aber dass diese ernsten, komplizierten Themen prägnant, aber nicht praxisfremd dargestellt wurden, auch das ist ein Charakteristikum dieser Veranstaltung, die sich insgesamt zu einer Mischung aus Kolloquium, Nachrichtenbörse, Insidertreffen und bilanzierende Rundschau entwickelt hat.

Und deren sechste Ausgabe bereit für den Oktober 2008 angekündigt ist. Wer die rasche Folge, zweimal jährlich, für zuviel hält, möge hingehen und feststellen, dass die Frequenz der Bedeutung und Vielfalt der Themen eientlich sogar noch erhöht werden müsste. Zumal in je einem vor- und nachgelagerten Intensiv-Seminar sowohl die Printbuyer wie auch Print- und w2p-Dienstleister repsektive die, die es gerne noch werden möchten, in extrem konzentrierter, ungemein informationsreicher Form alles Grundsätzliche und Wissenswerte für Investitions- und Aktions-Willige erfahren konnten. Stoff genug, um für Entscheidungen gerüstet zu sein.
 

Link:
Web-to-Print Forum Webseite

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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