Zugegeben: Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Bücher – diese scheinbar analogen Artefakte einer vormodernen Medienwelt – im digitalen Zeitalter eine steile Karriere als On-Demand-Produkt hinlegen? Doch genau das passiert gerade. Und zwar mit Wucht. Während andere Industrien noch über Nachhaltigkeit diskurtieren, macht die Buchbranche einfach – und zwar mit Book-on-Demand.
Der Intergraf-Report hat es mit Blick auf Print und Digital bereits vorgemacht: Nicht alles, was digital daherkommt, ist nachhaltiger, effizienter oder intelligenter. Und jetzt kommt das Buch und zeigt: Gedruckt ist nicht nur schön, sondern auch verdammt smart – wenn man es richtig macht. Willkommen in der Ära des intelligenten Buches.
Bücher auf Bestellung: Warum der Trend nicht nur logisch, sondern überfällig ist
Die Idee klingt simpel: Man druckt ein Buch nicht mehr in Auflage X, sondern erst dann, wenn jemand es wirklich will. Keine Paletten im Lager, kein Risiko für Autor:innen oder Verlage, keine verramschten Restexemplare. Was wie eine technologische Spielerei begann, ist inzwischen ein handfester Markttrend – und ein ökonomisches wie ökologisches Statement.
Warum? Weil sich das Verhalten der Leser:innen verändert hat. Menschen wollen Auswahl, Verfügbarkeit und Relevanz. Oder überspitzt gesagt: nicht 1.000 neue Titel pro Woche, von denen 998 nach drei Monaten vergessen sind. Book-on-Demand ist die Antwort auf eine übersättigte, überdrehte Buchwelt.
Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels liegt der Gesamtumsatz des deutschen Buchmarktes 2024 bei knapp 10 Milliarden Euro, und Print macht den Löwenanteil aus – über 92 %. Der E-Book-Anteil stagniert bei unter 8 %. Und das aus gutem Grund: Menschen wollen physische Bücher, aber sie wollen sie nicht als Wegwerfware, sondern passend zu ihrem Bedarf – sofort, individuell, relevant.
Keine Bücherberge mehr – nur noch punktgenaue Produktion
Book-on-Demand ist nicht nur bequem, sondern radikal effizient. Und es hat das Zeug, ein ökologisches Vorbild zu sein:
- Keine Lagerhaltung. Ein Buch existiert nur digital, bis es jemand bestellt.
- Keine Überproduktion. Kein Makulaturwahnsinn, keine Papiermüllberge.
- Keine Kapitalbindung. Produktion und Verkauf erfolgen simultan.
Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen billigen Digitaldruck auf Klopapier. Die heutigen On-Demand-Produktionen spielen technologisch ganz oben mit: Softcover? Check. Hardcover mit Prägung, Lesebändchen und Schutzumschlag? Check. Layflat-Fotobücher? Aber sicher. Die Maschinen – von HP Indigo über Canon Varioprint bis hin zu den Xeikon-Rolle-zu-Buch-Lösungen – liefern Ergebnisse, bei denen selbst Offset-Liebhaber zweimal hinschauen.
Der Maschinenpark: Hightech statt Hobbydruck
Die heutigen Book-on-Demand-Anbieter sind nicht mehr Copyshop-Romantiker, sondern hochtechnisierte Medienfabriken, die auf Knopfdruck komplette Bücherlinien fahren können – oft voll automatisiert, digital integriert, klimaneutral konzipiert.
Ein paar Beispiele:
- BoD (Books on Demand) in Norderstedt produziert jährlich Millionen Bücher mit eigener IT-Infrastruktur, FSC-zertifiziertem Papier und Anbindung an den Buchhandel in ganz Europa – und das schon seit vielen, vielen Jahren.
- Amazon KDP ist längst ein globales Book-on-Demand-Netzwerk – autor:innenbasiert, aber mit skalierbarer Qualität.
- Peecho und Prodigi aus den Niederlanden und Großbritannien realisieren hochwertige Soft- und Hardcover mit Onlinedruckanbindung – inklusive personalisierter Inhalte.
Dabei werden Technologien wie PUR-Bindung, matte Cellophanierung, Digitalprägung oder automatisiertes Layouting durch KI längst eingesetzt. Und ja: Auch im Bereich Hardcover sind die Grenzen zwischen „on demand“ und „Premiumproduktion“ verschwommen.
Selfpublishing, Longtail und Relevanz statt Bestseller-Overkill
Was manchem Traditionsverlag noch Kopfschmerzen bereitet, ist für andere längst gelebte Wirklichkeit: Longtail lebt – und Book-on-Demand ist das Kraftwerk dahinter.
- Selfpublisher:innen und Influencer:innen veröffentlichen direkt über Plattformen wie BoD, KDP oder tredition aus Ahrensburg.
- Verlage reaktivieren Backlist-Titel, Jubiläumsausgaben oder wissenschaftliche Werke mit geringer Stückzahl – aber hoher Relevanz.
- Institutionen, Unternehmen und Hochschulen nutzen Prin on Demand für alles, von Whitepapers bis Handbüchern.
Das Entscheidende: Ein Buch muss nicht mehr 10.000 Stück verkaufen, um zu existieren. Es reicht, wenn es für 100 Menschen wichtig ist. Und genau das ermöglicht Book-on-Demand: Relevanz vor Reichweite. Qualität vor Quote.
Nachhaltigkeit: PoD als grüner Printfaktor
Noch immer glauben viele, E-Books seien die ökologische Alternative zum gedruckten Buch. Das ist falsch. Die Produktion von E-Readern, Serverinfrastruktur, Stromverbrauch beim Lesen – all das hat einen Fußabdruck, der selten thematisiert wird.
Book-on-Demand hingegen kann nachhaltig sein:
- Druck auf Bestellung = keine Überproduktion.
- Papier aus zertifizierten Quellen.
- Kürzere Transportwege durch dezentrale Drucknetzwerke.
Während Verlage also noch über CO₂-Kompensation philosophieren, machen PoD-Anbieter längst ernst. Greenwashing war gestern. Heute zählt: Mach’s, oder halt den Mund.
Die Zahlen sprechen für sich
Laut Studien von Grand View Research, die auch Gelato zitiert, war der globale Print-on-Demand-Markt 2024 ganze 8,93 Milliarden US-Dollar Wert – und soll um jährlich mehr als 23 % auf 57,49 Milliarden US-Dollar im Jahr 2033 wachsen. In Deutschland nutzen laut BoD mehr als 35.000 Autor:innen die Online-Schreibplattform WriteControl, die Interessierte auf dem Weg zum eigenen Buch unterstützen soll.
Noch spannender: Der Absatz von PoD-Titeln wächst jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich – und das ohne Bestseller, ohne Verlagsmaschinerie, ohne Buchpreisbindungsspielchen.
My Take: Book-on-Demand ist kein Randphänomen, nicht nur was für Nerds und auch kein Selfpublishing-Hype. Es ist der neue Normalfall für das Buch im 21. Jahrhundert – und es wird Zeit, dass die Branche das kapiert.
Print on Demand ist ökonomisch sinnvoll, ökologisch tragfähig, technologisch beeindruckend und gesellschaftlich notwendig. Denn es demokratisiert den Zugang zum Buchmarkt. Es gibt Autor:innen eine Stimme. Es macht Nischen sichtbar. Es spart Ressourcen. Es bringt Bücher dahin, wo sie gebraucht werden – nicht dahin, wo sie verramscht werden.
Verlage, Buchhändler und Druckdienstleister, die jetzt nicht in PoD investieren, setzen auf ein Geschäftsmodell von gestern – mit einer Kundenbasis von vorgestern. Das gedruckte Buch ist nicht tot. Ganz im Gegenteil: Es lebt. Es atmet. Und es produziert auf Bestellung. Also: Raus aus der Angststarre, rein in die Prozesse. Book-on-Demand ist kein Trend. Es ist die Rückkehr des Buches zu seinem wahren Wert.

