„Scheint am Wochenende die Sonne, geht der Umsatz zurück“, erwähnt Christian Burkhardt, CEO der Schweizer Bubu AG, eher beiläufig. Wie bitte? Eine der größten Schweizer Buchbindereien ist vom Wetter abhängig?

Ja, nach verregneten Sonntagen treffen deutlich mehr Bestellungen ein als nach einem Wochenende mit eitel Sonnenschein. Weil die Leute an solchen Tagen lieber wandern oder Ski fahren, als sich mit ihrer Fotosammlung zu beschäftigen.

Bis zu 40% könne der Unterschied ausmachen, sagt Christian Burkhardt. Den Launen der Natur habe man eben nicht viel entgegenzusetzen. Natürlich sind Fotobuch-Bestellungen gemeint und nicht das traditionelle Geschäft der Buchbinderei aus Mönchaltorf im Zürcher Oberland. Denn in der Bookfactory und rund ums Fotobuch ist Burkhardt mittendrin im digitalen Business mit Consumern, wo er neben dem Wetter auch saisonalen Schwankungen wehrlos ausgesetzt ist.

„Wir versuchen zwar immer wieder, die Auslastung mit Aktionen über das Jahr zu verteilen, doch das typische Fotobuch-Geschäft beginnt erst im Oktober.“ Fotobücher, Kalender, Poster, Wandbilder, Puzzles oder Fototassen sind nun einmal klassische Geschenkartikel. „Das muss man erst einmal wissen. Denn das Geschäft mit Consumern hat nur wenig mit unserer Erfahrung im Business-to-Business-Bereich zu tun. Wir müssen noch mehr B2C-Know-how erwerben und uns noch intensiver mit Online-Marketing und E-Commerce beschäftigen“, räumt Christian Burkhardt ein. „Wir wandeln uns gerade von einer Buchbinderei zum E-Commerce-Unternehmen.“

Transformation und Generationswechsel

Ja klar: Junger Mann steigt in den elterlichen Betrieb ein und krempelt alles um – könnte man meinen, weil solche Transformationsprozesse immer gerne der jüngeren Generation zugetraut werden. Das könnte man bei Bubu auch so sehen, betrachtete man nur die letzten Jahre.

Angestoßen hat den gesamten Veränderungsprozess jedoch Hans Burkhardt. Der heutige Verwaltungsrats-Präsident der Bubu AG hatte mit der Verbreitung des Digitaldrucks das Thema „Book-on-Demand“ als visionäres Ziel für sich entdeckt und schon vor der Jahrtausendwende erste, aber durchaus große Schritte der Einzelbuchfertigung in der damaligen Buchbinderei Burkhardt umgesetzt.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten hatte er erkannt, dass sich das Buchbinden in seiner traditionellen Form massiv verändern wird. Bereits 2005 war Burkhardt digital unterwegs und betraute mit Thomas Freitag einen jüngeren Fachmann mit der Geschäftsleitung, der Technik und dem operativen Geschäft. Er hat das Business der Buchbinderei seither in logischen und nachvollziehbaren Schritten verändert.

So ging Bubu 2008 selbst unter die Drucker, um die Fotobuchproduktion schneller zu machen. Und seit 2014 ist Christian Burkhardt als mit Thomas Freitag gemeinsamer Co-CEO für die Bereiche IT, Finanzen, Marketing und Strategie mit im Geschäft und treibt die Ideen des über 75-jährigen Unternehmens in der dritten Generation mit allem Nachdruck voran.

Dabei bleiben die Wurzeln der Buchbinderei noch immer deutlich erkennbar. Nach wie vor bindet Bubu Bücher und macht aus gedruckten Informationen ein mit allen Sinnen erlebbares Produkt. Den Entstehungsprozess eines Buches begleiten die Bubu-Mitarbeiter von der Inspiration im imposanten Bindorama, ein mit über 2.000 kreativen Buchideen gefüllter Raum, über die Konkretisierung bis zur Umsetzung in der handwerklichen, industriellen oder digitalen Produktion – von Auflage 1 bis zu einigen Hunderttausend Exemplaren.

Buchbinder-Denke als Basis

Na ja, so ganz stimmt das nicht. Denn den Bestellern von Fotobüchern wird weniger Beratung zuteil als denen klassischer Buchprojekte – was die Struktur des Geschäftes mit sich bringt. 2004, also noch vor dem Platzhirsch Cewe, ging Bubu mit einer Fotobuch-Gestaltungssoftware und dem Portal Bookfactory online. Rückblickend ein mehr als ambitionierter Schritt, der mit viel Improvisation, Druck außer Haus und einer Finishing-Lösung im Betatest-Stadium verbunden war. Doch inzwischen macht das Geschäft der Bookfactory immerhin 40% am Bubu-Umsatz aus.

Und anders als bei Wettbewerbern, die meist aus der klassischen Fotodienstleistung kommen, liegt in der Bookfactory die „Buchbinder-Denke“ zugrunde. Das Know-how, mit unterschiedlichen Papieren und Einbandmaterialien umzugehen, dicke Buchblöcke und außergewöhnliche Formate in unterschiedlichen Techniken verarbeiten zu können, gereicht Bubu bei der weiteren Entwicklung zum Vorteil.

So wird neben der standardisierten Fotobuch-Produktion mit der Anwendung „PDF-to-Book“ bereits heute die Möglichkeit geboten, mittels PDF-Upload hoch individualisierte Einzelanfertigungen voll automatisiert herzustellen, was vor allem professionelle Gestalter und Designer nutzen – bei Bedarf auch mit persönlicher Beratung.

Denn wenn Bubu etwas kann, sind es schöne Bücher. Bücher eben, die man gerne in die Hand nimmt und die Emotionen transportieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es handwerklich oder industriell hergestellte Bindearbeiten sind oder Fotobücher, die Bubu via Webportal und Digitaldruck anbietet.

Gleich hinter dem Empfang beeindruckt hinter einer Glaswand das „Bindorama“, ein mit über 2.000 kreativen Buchideen gefüllter Raum. Die Vielfalt der Techniken und Materialien im Bindorama ist fast grenzenlos, bietet Anschauung, Inspiration und ist Beratung zugleich.

Fotoprodukte für Anspruchsvolle

Mit der Bookfactory bewegt sich Bubu jedoch in einem von starker Konkurrenz geprägten Markt. Denn wie in jedem Online-Shop ist der nächste Anbieter lediglich einen Mausklick entfernt. Außer nationaler Konkurrenz buhlen etliche Anbieter aus dem Ausland um die Gunst der Kunden. Um sich potenziellen Kunden immer wieder in Erinnerung zu rufen und Profil zu zeigen, wendet Bubu sechsstellige Beträge pro Jahr für Werbemaßnahmen auf.

Und während sich das Design von Fotobüchern oder Kalendern nur wenig verändert, werden die Funktionen, die den Kunden auf der Website zur Verfügung gestellt werden, immer ausgeklügelter. Eine nicht unerhebliche Rolle spielen dabei Algorithmen, die etwa erkennen, ob sich ein Bild aufgrund seiner Auflösung überhaupt eignet, vergrößert zu werden.

Zudem stellt Bubu mehr als ausreichendes Hintergrund-Wissen zur Verfügung. Informiert wird – auch per Video – über die Möglichkeiten der Fotobücher, deren Binde-Varianten, Formate und sonstige Ausstattungsmerkmale. So erhält der Besteller von Anfang an ein klares Bild von den Verarbeitungsmöglichkeiten.

Dass es sich dabei um Fotoprodukte für Anspruchsvolle handelt, lässt sich schon an der Vielfalt und der Preisstruktur erkennen. Die Bookfactory bietet Fotobücher in acht Basisvarianten mit Rückendrahtheftung, Spiral- oder Klebebindung, Flatbooks mit dem besonderen Aufschlagverhalten auf mattem Naturpapier mit edlem Look, auch Echtfotopapiere (matt oder glänzend) werden angeboten sowie umfassende Veredelungen in der Weiterverarbeitung wie etwa Ledervarianten oder Stoffeinbände mit Textprägungen. Selbst im großen Format mit 400 x 294 mm sind bis zu 300 Seiten möglich.

In Auflage 1 kann ein derart maximal konfiguriertes Haptik-Erlebnis mit 48 Seiten auch schon einmal mit rund 200 Franken (im Wortsinn) zu Buche schlagen. Wer sein Fotoprojekt bei der Bookfactory in Auftrag gibt, muss zwar etwas tiefer in die Tasche greifen, erhält dafür jedoch im Gegenzug beste Schweizer Qualität. So ist die Bookfactory wahrscheinlich auch der einzige Fotobuchanbieter, der Schwarz-Weiß-Bilder auf zwei HP Indigo als Duplex-Reproduktion druckt.

Bücher sind Genussobjekte

„Wir werden kaum je der günstigste Fotobuchanbieter sein – das ist aber auch nicht unser Anspruch“, erklärt Christian Burkhardt. „Bücher sind Genussobjekte. Wird Print gebucht, geht es um werthaltige Dinge. Gerade ein Fotobuch ist Selbstverwirklichung pur und hoch emotional dazu, weil es mit ganz persönlichen Erlebnissen verbunden ist. Diese verdienen die hochwertigste und nicht die billigste Form.“

Statt Preiskampf hat Bubu daher eine Strategie gewählt, die sich auf die Nutzung der ureigenen Stärken und das dahinterstehende Know-how konzentriert. „Bei diesen Überlegungen haben wir auch festgestellt, dass wir einen neuen Online-Editor nicht selber entwickeln müssen. Heute gibt es mehr oder weniger fertige Lösungen, die mehr können, als wir mit einer zeitraubenden Eigenentwicklung je erreichen könnten“, bringt es Burkhardt auf den Punkt.

Seit einem Jahr setzt Bubu nun auf den Editor und das Shopsystem eines externen Anbieters. „Das hat uns enorm weitergebracht, denn vorher waren wir in Sachen E-Commerce quasi im Blindflug unterwegs: Die Kunden haben unsere Software geladen und waren dann offline“, sagt er. Das bietet die Bookfactory zwar nach wie vor an, doch ist die Gestaltung eines Fotobuchs jetzt auch im Online-Editor möglich. Dabei können die Vorlieben der Kunden sofort erkannt, daraus mögliche Aktionen abgeleitet oder Optimierungen durchgeführt werden.

Zukunftsmodell Bookfactory

„Heute sind unser Shop und das System dahinter State-of-the-Art“, stellt Christian Burkhardt fest. „Auf dieser Basis wollen wir jetzt schrittweise und systematisch das Portfolio von Bubu auf die Bookfactory übertragen. Wir bieten beispielsweise Prägen oder Motivschnitt an und werden weitere Spezialitäten übernehmen.“ Das Ganze soll dann in die „Family of Books“ münden, mit der sich die Bookfactory deutlich von Standard-Fotobuchproduktionen absetzt.

Was sich vielleicht banal anhört, hat aber weitreichende Folgen, da das gesamte Unternehmen in einem ERP-System abgebildet werden soll. Heute gibt es noch zwei getrennte Systeme für Bubu und die Bookfactory. „In der Produktion sind wir schon gut aufgestellt. Jetzt geht es um das Zusammenführen der Geschäftsbereiche, den administrativen Aufwand zu reduzieren, Arbeitsabläufe miteinander zu verknüpfen und Workflows zu integrieren“, skizziert Christian Burkhardt die Roadmap für die nächsten Monate.

Dabei sollen die Workflows automatisch weitere Schritte in der Produktion anstoßen, was sich im wahrsten Sinne des Wortes mit Workflow-Management umschreiben lässt. Auch hierbei will Burkhardt das Rad nicht neu erfinden, sondern greift auf eine etablierte Lösung zu, die aus Teilaufgaben eine automatisierte Fertigung im Sinne von Print 4.0 formt. Bei dieser Integrationsarbeit haben Christian Burkhardt und Thomas Freitag auch hinterfragt, was Bubu von der Bookfactory lernen kann. Die Antwort überrascht nicht: Die Automatisierung aller Prozessschritte ist auch in der industriellen Buchbinderei unvermeidlich.

„Die immer kleiner und individueller werdenden Auflagen führen dazu, dass wir die Kunden anders erreichen können und müssen. Während Standard-Produktionen mehr und mehr online abgewickelt werden, sind der Individualität im Beratungsgeschäft keine Grenzen gesetzt. Dabei muss der Maschinenpark aber den neuen Auflagengrößen angepasst und automatisiert werden, ohne dass die hochwertigen Veredelungen darunter leiden“, erklärt Christian Burkhardt. Seit Sommer 2018 produziert Bubu neben den bestehenden Buchstraßen mit einer Müller-Martini-Anlage, die auf hohe Flexibilität und wirtschaftliche Produktion von Auflage 1 bis 5.000 Exemplare ausgelegt ist.

Change Management ist gefragt

Das ist offenbar das Gebot der Stunde. Denn Burkhardt beobachtet seit einiger Zeit einen klaren Trend zu kleinen Auflagen. Zwar steigt die Zahl der Aufträge, aber das Volumen ist insgesamt rückläufig. Das war vor einigen Jahrzehnten noch völlig anders, als die Mehrheit der Aufträge von Verlegern kamen, die Belletristik in hohen Auflagen binden ließen. Heute macht dieses Segment nur noch wenige Prozent des Geschäftsvolumens aus.

Doch solche marktgegebenen Veränderungen scheinen Christian Burkhardt eher zu motivieren, denn zu besorgen. Ganz selbstbewusst sagt er: „Da ist Change-Management notwendig. Und wir erkennen, wie wertvoll es war, als Pionier der Branche schon früh in die Einzelbuchfertigung eingestiegen zu sein. Denn die Aufgaben in der Produktion bei Bubu und der Bookfactory nähern sich rasant. Da wächst einiges zusammen – und unsere Erfahrungen aus der Pionierzeit migrieren in die aktuelle Technik. Das ist ein eindeutiger Wettbewerbsvorteil, der einen positiven Blick in die Zukunft erlaubt.“

Information kann man digitalisieren, Kommunikation nicht!

„Wegweisend in der Entwicklung von Medienprodukten, Know-how in der haptischen Kommunikation und eine integrierte industrielle, handwerkliche und digitale Produktion – so haben wir unsere Tätigkeiten definiert“, zitiert Christian Burkhardt das gesetzte Unternehmensziel. Diesem vertrauen auch die knapp 100 Mitarbeiter – ganz gleich, ob sie im handwerklichen, industriellen oder digitalen Bereich von Bubu arbeiten. „Die Identifikation mit unserer Zukunftsstrategie läuft quer durch die gesamte Belegschaft.“

Vertrauen werde ohnehin immer wichtiger: beim traditionellen Bücherkunden, beim Fotobuch-Besteller und auch gegenüber den Mitarbeitern. Ehrliche und transparente Kommunikation sei die Basis für Vertrauen, sagt Christian Burkhardt, und setzt noch einen bemerkenswerten Satz hinterher, über den sich Nachdenken lohnt: „Information kann man digitalisieren, Kommunikation nicht!“

My Take: Was Sie bisher gelesen haben, ist der leicht gekürzte Beitrag aus unserem gedruckten Medium „beyondprint unplugged 4“. Mir ist es aber wichtig, ihn auch online zu publizieren. Denn das Beispiel der Schweizer Bubu AG zeigt das Potenzial auf, das jedes Unternehmen haben kann, in Onlineprint einzusteigen, ohne die eigenen Wurzeln zu verlassen – wenn die Einstellung stimmt. Und wenn es intelligente Menschen quasi zeitgleich schaffen, die Transformation des Unternehmens und den Generationswechsel unter einen Hut zu bringen, verdient das einen riesigen Applaus. Ganz nach dem Motto: Wo ein Wille, da ein Weg.

 

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Bubu AG: Vom Buchbinder zum E-Commerce-Unternehmen
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