Cimpress: Funktioniert die „go-local-Strategie“? Bestandsaufnahme.

Cimpress: Funktioniert die „go-local-Strategie“? Bestandsaufnahme.

Steigende Umsätze und höhere Profite sprechen dafür, dass sich der Umbruch 2017 für Cimpress gelohnt hat. Zahlt sich die Umstrukturierung wirklich bereits nach einem Jahr aus?

In den letzten zwei Jahren hat sich beim weltweit größten Mass-Customization-Anbieter aus dem Printbereich einiges getan. Akquisen von Spezialisten, die in ihrem Bereich jeweils zu den Branchenführern gehörten, ein Verkauf, mit dem niemand – abgesehen von ein paar Cimpress-Insidern – so wirklich gerechnet hätte. Dazu kam die „Straffung“ der gesamten Konzernstruktur. Wie hat sich der Onlineprint-Gigant im letzten Jahr, seit der Ankündigung der Umstrukturierung, entwickelt, in dem allein Konzern-intern so viel passiert ist? Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Mit den Akquisen in den letzten Jahren, sowie dem organischen Wachstum wurde es offensichtlich nicht nur für Branchen-Spezialisten „unübersichtlich“. Robert Keane, Gründer und CEO des Branchenprimus, hat das Management-Board 2017 mächtig durchgewirbelt – es gab zum Teil deutliche Einschnitte, sowohl personell als auch strukturell. Das Ziel war die Dezentralisierung, um die Geschäftseinheiten regional zu stärken, sie agiler zu machen und am wichtigsten: die Nähe zum Kunden nicht zu verlieren bzw. überhaupt wieder herzustellen. Jede der aktuell 19 Marken sollte wieder seinen eigenen Fokus haben und das eigene Business vorantreiben und (noch) profitabler werden. Seinen Anfang genommen hat das Ganze im Januar 2017 – ich berichtete an gleicher Stelle darüber – mit der Ankündigung der Umstrukturierung. Ein Jahr ist seitdem vergangen.

Die Dezentralisierung scheint bislang dazu beigetragen zu haben, den Kerngedanken der regional-professionellen Teams und entsprechend besserer Bedürfnisbefriedigung der Kunden besser umzusetzen. Fakt ist: Cimpress ist nicht nur vom Umsatz, sondern auch in Sachen Profitabilität auf einem guten Weg. Die Maßnahmen aber aus den einzelnen Ergebnissen zu lesen, fällt bisweilen schwer. Einen wesentlichen Punkt hat neben der Akquise von National Pen 2016 jedoch der Verkauf des Fotodruck-Spezialisten Albelli Mitte 2017 markiert. Nach 6 Jahren unter dem Dach von Cimpress – vormals noch Vistaprint – wurde Albelli, mit Hauptsitz in den Niederlanden, wieder verkauft. Die rund 73 Mio. Euro (90 Mio. USD), die Gilde Buy Out Partners für den B2C-Drucker bezahlt hat, wollte die Konzernleitung in den Ausbau der eigenen Mass-Customization-Plattform investieren. Ziel: Die bessere Verknüpfung der Produktions- und Procurementketten des Konzerns über eine intelligente Verknüpfung der jeweiligen Brands bzw. Produktionsstandorte. Gesagt, getan – in die MCP wurde einiges investiert, gleichzeitig wurden Anteile zurückgekauft. Aber: Die Konzeption von MCP wurde geändert – statt einer zentralen Softwareplattform für alle Sub-Brands, setzt Cimpress nun auf die intelligente Vernetzung der jeweiligen Plattformen der Sub-Brands. Eine Aufgabe, die den Konzern noch eine Weile beschäftigen dürfte.

„Die positive Entwicklung spricht klare Worte: Mit der Dezentralisierung hat sich Cimpress selbst agiler, schneller und profitabler gemacht. Das war auch notwendig, denn zum Teil waren deutlich kleinere Printer bereits deutlich erfolgreicher. Aber nun gilt es, die neue Stärke in neue Marktsegmente zu tragen.“ – Bernd Zipper

Zuletzt hat Robert Keane in einem Gespräch mit mir angegeben, dass Cimpress mittlerweile alleine in Europa mehr als 250 Druck- und Fulfillment-Partner hat. Die Netzwerkerweiterung hat von dem Ausbau der MCP sicherlich profitiert. Immerhin hat Cimpress mit Investitionen und Ausgaben in den Bereichen Restrukturierung, Administration, Marketing und Technologie – zu der die Mass Customization Idee wesentlich beiträgt – von mehr als 39,7 Mio. Euro im Geschäftsjahr 2017 mehr als doppelt so viel ausgegeben als jeweils in den beiden Jahren zuvor. Und in denen gab es durch die Akquisen von druck.at, WmD, Tradeprint und die Exagroup schon relativ große Bewegungen. Das zeigt, dass der Strukturwandel, der die Holding und alle Marken betrifft, deutliche Auswirkungen hatte. Inwieweit sich die Auswirkungen umsatzmäßig niederschlagen, darauf hat die gesamte Onlineprint-Branche gespannt gewartet.

Die Neustrukturierung zahlt sich aus – vor allem seit Bekanntwerden der positiven Zahlen im letzten Cimpress-Quartalsbericht; Quelle: wallstreet-online.de

Alle Kosten gegen den Gesamtumsatz gerechnet, hat Cimpress das Geschäftsjahr 2017 (07/2016 bis 06/2017) mit einem Minus von etwa 37,3 Mio. Euro abgeschlossen. So weit, so ungut – mag man denken. Es steckt aber mehr dahinter. Cimpress hatte seit der Ankündigung bzw. mit dem Beginn der Durchführung der Umstrukturierung im Januar 2017 (Q3) zwar in Sachen Umsatz keine Einbußen zu verzeichnen, dafür aber mächtige Kosten, die alleine in Q3 und Q4 zu einem Minus von 42,9 Mio. Euro geführt haben. Kompensieren konnte das relativ starke Q2 2017 dies nur geringfügig. Hier darf man einen Fehler nicht machen: zu kurzfristig denken. Denn die Zahlen von Mitte bis Ende 2017, die die Cimpress-Quartale Q1 und Q2 2018 umfassen, sprechen da schon eine andere Sprache. Die Planung ist auf die Zukunft ausgelegt – die Maßnahmen beginnen sich auszuzahlen.

Klar, durch den Verkauf von Albelli fehlen im Bereich „All Other Businesses“ einige Millionen an Umsatz, was man besonders am zweiten Quartal 2018 (Oktober bis Dezember 2017) erkennt. Denn für den B2C-Bereich ist das (Vor-)Weihnachtsgeschäft die umsatzstärkste Zeit. Aber: Die Segmente „Vistaprint“ und „Upload and Print“ haben als Kernbereiche des (small) B2B-Geschäfts in der gleichen Zeit mächtig zugelegt. Schließt „Upload and Print“ in den Quartalen 3 und 4 das Geschäftsjahr 2018 mindestens genauso erfolgreich ab wie im Jahr zuvor, werden alleine dort rund 65 Mio. Euro gegenüber FY2017 mehr (+ 11 %) umgesetzt – bei Berücksichtigung des Wachstums sogar noch mehr. Ähnlich gut sieht es bei Vistaprint aus: Setzt das größte Segment des Konzerns das Umsatzwachstum von 12 % im laufenden und im letzten Quartal des Cimpress-Geschäftsjahres fort, würden am Ende von FY2018 erstmals 1,2 Mrd. Euro nur durch Vistaprint umgesetzt. Ganz zu schweigen von dem, was National Pen noch beisteuern wird. Der Werbemittelspezialist verstärkt das MCP-Netzwerk von Cimpress seit Ende 2016 und wird mindestens 230 Mio. Euro umsetzen. Alles deutet also darauf hin, dass die Maßnahmen fruchten.

Und auch, wenn in einigen europäischen Ländern gleich mehrere Cimpress-Marken vertreten sind und verstärkt ähnliche Produkte anbieten – von Kannibalisierung gibt es keine Spur. Fokus, so Robert im Gespräch mit mir, ist es mindestens bis Mitte 2018 allein durch das Netzwerk und aus den bestehenden Marken heraus zu wachsen. Fest steht noch: So lange die Plattform den gewünschten Effekt bringt und spezialisierte Lokalanbieter als „angebundene“ Unternehmen bzw. Partner die Nähe zum Kunden auch regional erzeugen, wird Cimpress sie nicht aufkaufen. Aber auch, wenn – zumindest offiziell – keine Akquisen in der Planung sind – einen Blick auf profitable Spezialisten in anderen geographischen Gebieten haben Robert Keane und Co. wohl schon geworfen. Ich denke, dass sich bis zum Ende dieses Jahres in der Hinsicht noch etwas ergeben wird…

My Take: Die Macher bei Cimpress haben den Zahlen zufolge nicht nur gut eingekauft, sondern auch sinnvoll entschieden – und durch die massiven Einschnitte und Investitionen im letzten Jahr die Weichen für weiteres Wachstum gelegt. Für die Onlineprint-Industrie bleibt das Vorgehen von Cimpress weiterhin hochspannend. Denn oft lassen sich an den Aktivitäten des Konzerns, der gerne nicht ganz so öffentlich agiert, Trends ablesen. Und Cimpress hat noch ein großes Ziel vor sich: Den B2B-Markt zu rocken. Das dürfte schwieriger werden, als sich das Cimpress vielleicht vorstellt – aber der B2B-Markt, weitgehend der der Brandowner, ist der am stärksten wachsende Bereich im Online-Print. Ich bin gespannt …

2018-02-15T14:16:27+00:00 13.02.2018|Markt|0 Comments

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