INTERVIEW: Marc Horriar/CloudLab im Interview

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CloudLab ging vor siebeneinhalb Jahren an den Start. Marc Horriar spricht offen und ehrlich von unternehmerischer Fortune und offenbart die Grundlage seines Erfolges. Er hebt die Zuverlässigkeit von Mitstreitern der ersten Stunde hervor und fasziniert Bernd Zipper mit seiner Performance. Aus eigener Kraft hat sich CloudLab vom ersten Online Print Symposium zum mittlerweile weltweit gefragten Anbieter für Web-to-Print Software entwickelt. Spannend vor allem, weil die Lösungen nicht nur den großen Konzernen, sondern auch kleinen innovativen Unternehmen helfen, mit pfiffigen Ideen richtig Geld zu verdienen. Mit dem Lesen kommt die Inspiration. Garantiert!

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Bernd Zipper: CloudLab ist im Web-to-Print-Bereich mittlerweile weltweit gefragt, oder?

Marc Horriar: Wir sind weit verbreitet. Aktuell sind unsere Niederlassungen in Dortmund, Berlin, Rumänien, Liechtenstein und den USA. In Skandinavien, Polen, UK und Frankreich haben wir Vertriebspartner.

Bernd Zipper: Wo sind eigentlich deine beruflichen Wurzeln?

Marc Horriar: Ich habe meinen beruflichen Werdegang bei Hiflex begonnen. Das war ein Hersteller von ERP- und Web-to-Print-Software für die Druckereien.

Bernd Zipper: Die hatten schon einen Editor.

Marc Horriar: Das war ein Formular-Editor, also letztendlich noch nichts HTML5-mäßiges. Dort habe ich meine Ausbildung begonnen. Ich bin dann schnell ins Projektmanagement gekommen und habe mich da um das Web-to-Print-Projekt gekümmert. Ich wechselte von dort zu einem Kunden von Hiflex. Ich habe aber gemerkt, dass ich lieber bei einem Software-Unternehmen für die Druckindustrie arbeiten möchte. Da hatte ich die Idee, mich mit zwei Partnern selbständig zu machen. Heute haben wir fünf Niederlassungen, fünfundfünfzig Mitarbeiter, davon zwanzig Programmierer für Web-to-Print und Online Shops. Wir sehen uns selbstbewusst als einen der Marktführer im Web-to-Print-Bereich weltweit. Das macht einfach Spaß und macht einen sehr stolz.

Bernd Zipper: Ihr habt mit dem ganzen Bereich Web-to-Print, E-Business-Print auf das richtige Pferd gesetzt. Also alles das, was Druck verkaufen, Druck generieren auf Web-Basis erst möglich macht. Ich finde das besonders faszinierend, denn zu der Zeit haben alle zwar schon von Shops oder so was geredet, aber hatten zum Teil nicht so richtig verstanden, was ist denn so ein Online Shop überhaupt. War das am Anfang noch eine andere Arbeit, Online Print, Web-to-Print zu verkaufen als heute?

Marc Horriar: 2013, 2014 war es durchaus so, dass man eine gewisse Unternehmensberatung durchführen musste. Warum Druckprodukte online verkaufen? Warum soll der Kunde das vielleicht in einem Closed Shop, anstelle eines Open Shops machen? Das hat sich zumindest in Deutschland jedoch schnell gelegt. Das liegt nicht nur daran, dass sich die Druckindustrie in der Zeit weiterentwickelt hat. Meiner Meinung nach liegt das daran, dass sich die Kundenbasis von CloudLab in der Zeit stark verändert hat. Wir haben anfangs mit sehr günstigen Preisen unsere Software in den Markt gebracht. Zur drupa hin sind wir dann schon eher in den hochpreisigen Bereich gegangen. Wir haben Kunden gewonnen, die von anderen Systemen umgestiegen sind oder eine Eigenentwicklung ablösen und mehr machen wollten. In Deutschland machen wir heute kaum mehr Unternehmensberatung. Je weiter wir jedoch von Deutschland weg gehen, desto stärker müssen wir dieses Feld besetzen. Das merken wir in den USA. Unser ganzes Marketing ist aufgebaut auf: „Du weißt, warum du Web-to-Print machst. Du weißt, wie Web-to-Print funktioniert. Du willst halt einfach das richtige Tool dafür haben, um es umzusetzen.“ Das funktioniert in den USA nicht. In den USA wollen die von uns schlichtweg hören: „Warum soll ich denn überhaupt Web-to-Print machen?“ Daran mussten wir uns erst gewöhnen. Lustigerweise ist es im Packaging genau umgekehrt. Hier ist es eher so, dass wir in Deutschland erklären müssen: „Mach doch mal Web-to-Print.“ Das ist in den USA anders. In den USA kriegen wir fast alle Anfragen aus dem Bereich Packaging. Die haben häufig schon Systeme im Einsatz. Da müssen wir nur noch die Technologie liefern, aber nicht mehr Anstöße zu den Geschäftsprozessen und den Ideen dahinter geben.

Bernd Zipper: Was ist denn das spannendste Projekt in der letzten Zeit?

Marc Horriar: Kurz vor Weihnachten geht jetzt der Adventskalender von Lindt online. Es ist einfach großartig, mit so großen Firmen zusammenzuarbeiten. Das Projekt an sich ist technologisch gesprochen einfach. Interessant ist die Usability. Wie schafft man es, eine komplexe Thematik simpel für den Benutzer darzustellen. Technologisch am interessantesten ist ein neues Projekt, das ist aber noch nicht live. Wir haben eine künstliche Intelligenz entwickelt, die im Endeffekt den Kunden beim Designen von maßvariablen Produkten unterstützt. Nehmen wir das Packaging, dort wählt man eine Box und gibt das ABH-Maß an. (Anmerk. d. Red.: A bzw. L ist das Maß zwischen den Seitenklappen, B ist das Breitenmaß und H ist das Höhenmaß parallel zur Länge der Klebenaht.) Auf der Basis entsteht die Stanzkontur und dann erfolgt die Gestaltung mit Illustrator oder ähnlichen Produkten. Das ist der professionelle Weg. Das Problem ist, wenn der Laie im Editor arbeitet, findet der da eine leere Schablone und muss hingehen und die Verpackung gestalten. Das ist im Editor zwar leicht, aber wenn wir ehrlich sind, wird die Verpackung, die da rauskommt, nicht gut ausschauen. Vor anderthalb Jahren hat mein Mitpartner, Ionut, der unser Geschäft in Rumänien leitet, eine Lösung dafür gefunden. Abhängig von der Größe passt sich das Template an. Letztendlich haben wir also eine KI-Methode entwickelt, die auf unzähligen Variablen basiert und prüft, wie sich ein Template anpassen lässt. Der Algorithmus wird mit jedem Mal besser. Das ist definitiv das Komplizierteste, was wir technologisch gemacht haben.

Bernd Zipper: Packaging ist überhaupt so ein heißes Thema zurzeit. Die Drucker erwarten, dass man sich da auskennt. Ist schon ein Unterschied, ob man ein Faltschächtelchen macht oder ob es um eine komplexe Verpackung geht. Wie seid ihr zu diesem Know-how gekommen?

Marc Horriar: Vor allem, wenn es dann in die Wellpappe reingeht. Viel geholfen hat uns Julian von Printmate. Der war der Erste, der uns gesagt hat: „Ihr könnt eine 3D-Vorschau erzeugen, dann könnt ihr doch bestimmt eine Verpackung generieren und die irgendwie animieren.“ Der hat uns erstmals darauf hingewiesen, dass Innenmaß und Außenmaß bei Verpackungen zwei ziemlich unterschiedliche Dinge sein können. Also ging das damit los. Das war alles nicht maßvariabel, sondern einfach eine statische Box in einer gewissen Größe. Maßvariable Verpackungen gestalten wollten wir aber auch können. Wir suchten Unternehmen, die uns halfen zu verstehen, was im Packaging eigentlich gebraucht wird. Wie kann man Preise vernünftig kalkulieren? Was ist eine CF2-Datei? (Anmerk. d. Red.: CAD-Datei, die 3D-Paketdesigns oder andere Modelldaten enthält.) Es war einfach, die Unternehmen zu begeistern. Es war uns wichtig, dass große Konzerne und kleine Verpackungsdrucker, europäische und ein amerikanisches Unternehmen dabei waren. In den Projektsitzungen haben wir versucht zu verstehen, wie das Ganze funktioniert. Seitdem haben wir verdammt viel gelernt.

Bernd Zipper: Ist schon noch mal eine andere Welt.

Marc Horriar: Absolut. Wir arbeiten aktuell an Technologien, welche die Dreidimensionalität ebenso wie die Art der Welle berücksichtigt. Es ist ein hochkompliziertes, aber spannendes Thema.

Bernd Zipper: Ihr beherrscht nicht nur Magento, ihr macht auch andere Shopsysteme. Seht ihr euch mehr als Hersteller eines Editors oder eines Shops? Wie kann man euer Unternehmen beschreiben?

Marc Horriar: CloudLab macht eine ganze Menge. Unser Standardprojekt ist ein Web-to-Print-Shop, basierend auf Magento. Darin enthalten ist ein Web-to-Print-Editor und eine Produktionsanbindung. Je größer unsere Kunden wurden, umso häufiger kam die Frage auf, wie wir Teile unserer Technologie in deren Shop oder Workflow einbinden. Wir können den klassischen, kompletten Open Shop machen, cewe Print wäre da ein Beispiel. Bei Flyeralarm, Lindt oder Saxoprint kommt nur der Editor zum Einsatz. Eine weitere Möglichkeit ist, dass kein Frontend sichtbar wird und der Workflow automatisiert im Hintergrund arbeitet. Version 6 unserer Software, die zum Ende des Jahres rauskommt, wird den Schnittstellen-Gedanken noch weitertreiben. Es geht dabei um die Druckpreiskalkulation und die Produktionsanbindung mit speziellen Definitionen. Das alles ist modular und per Schnittstelle in Magento eingebaut. Das lässt sich ohne Probleme in Shopware oder Shopify einbauen. Das ist der Weg, den wir hier aktuell gehen. Wir sind ein Web-to-Print-Technologieunternehmen, welches Projekte auf Basis von Magento selbst betreut, aber für die Zukunft Implementierungspartner für weitere Shop-Frameworks wie zum Beispiel WooCommerce, Shopify oder Hybris sucht.

Bernd Zipper: Leute fangen an, nicht nur Grußkarten und ähnliches, sondern auch komplexere Sachen auf Ihrem Handy zu gestalten. Das bedarf anderer Regeln und ganz anderem Handling. Seid ihr da mit einer App dabei oder was sind eure Ideen?

Marc Horriar: Generell ist unsere Software mobiltauglich. Aber nicht per App. Wir entwickeln keine native App, die man sich im App-Store lädt und installiert. Wir gehen den Weg von Web-Apps und gestalten die Webseite responsive. Ab einer gewissen Größe des Screens setzen wir voraus, dass da keine Maus mehr genutzt wird, sondern stattdessen eine Touch-Oberfläche notwendig ist. Das war schon zur letzten drupa komplett implementiert. Die ganzen Business-to-Business-Projekte muss ich leider sagen, ignorieren das größtenteils noch. Letztendlich arbeiten aber damit die gleichen Leute, die abends mit dem Handy bestellen. In den B2C-Projekten, allen voran unser Lindt-Projekt, ist mobile first der Ansatz. Ich sage im Grunde genommen immer, wenn man die Werbung auf Facebook macht, dann muss die Oberfläche am Handy funktionieren.

Bernd Zipper: Social Media-Printing ist unserer Meinung nach schon mehr als ein Trend. Habt ihr da Kunden?

Marc Horriar: Es ist ein Bereich, den wir durchaus auf dem Schirm haben. Wir arbeiten aktuell an einem neuen Produkt: Xmedia steht für Cross Media. Man könnte es das Erbe von DirectSmile nennen, geht aber weit darüber hinaus. Das hat den Ansatz, dass man Social Media direkt ausdrucken kann oder stattdessen ein Social Media-Banner ausgibt. Wir haben schon den einen oder anderen lauffähigen Prototypen in einer nativen App. Diese Projekte sind bei uns aber sehr kundengetrieben.

Bernd Zipper: Geht es bei Xmedia um Bildpersonalisierung?

Marc Horriar: Bildpersonalisierung haben wir schon jetzt in unserer Software. Xmedia ist im Grunde genommen ein Kampagnentool. Du kannst eine komplette Kampagne für den printQ-Kunden gestalten. Beispielsweise liegt ein Artikel im Warenkorb, der nicht bestellt wird. Dann soll das printQ-System automatisch mit dem Xmedia-System kommunizieren und veranlassen, dass dem Kunden eine Aufforderung zum Bestellen gesendet wird. Zusätzlich der Hinweis, dass der Versand gratis ist, wenn er jetzt bestellt. Hier sehe ich einen großen Mehrwert für unsere Kundschaft. Es automatisiert das Remarketing beziehungsweise Retargeting.

Bernd Zipper: Eine klare B2C Anforderung.

Marc Horriar: In allererster Linie ganz klar B2C. Die andere Schiene ist das Agentur-Business. Agenturen haben vielleicht einen Autohersteller als Kunden. Gehen wir davon aus, dass der einen Rückruf oder Inspektionsaufruf plant. Da gibt es dann die unterschiedlichsten Regeln und Variablen. Diese Regeln sind bei uns hinterlegt, sodass unsere Editoren reagieren können. Wir erstellen automatisch die Druckdaten, versenden das per E-Mail oder erzeugen einen Post auf Facebook. Das ist die Idee von Xmedia. Wir haben dafür ein eigenes Team aufgestellt und am Ende des Jahres geht es damit richtig los.

Bernd Zipper: Du bist derjenige, der USA und Europa zusammenbringt. Der die ganzen Key Accounts mitbetreut. Was hat die rasante Entwicklung der letzten Jahre mit dir als Mensch gemacht?

Marc Horriar: Ich bin wesentlich erfahrener und ruhiger geworden, würde ich sagen. Wenn man einen unerfahrenen Mitarbeiter, der vielleicht sogar noch zur Uni geht, einstellt und ein Kunde hat zu Recht oder zu Unrecht eine Beschwerde, dann ist der sehr aufgeregt. Da sehe ich mich sehr häufig wieder und denke an meine Zeit bei Hiflex zurück. Heute denke ich mir, erst mal den Schlachtplan raussuchen und schauen was los ist. Ich kann Prioritäten mittlerweile viel besser einordnen und weiß einfach, was ist wichtig. Die Internationalisierung ist mein Baby bei CloudLab. Aber ich glaube, ich habe es ganz gut geschafft, das abzugeben. Viele Unternehmen scheitern daran, dass der Unternehmer nie so richtig loslassen kann und irgendwie in jedem Bereich drinhängt. Wir haben eine gute Struktur aufgebaut. Wir haben jemanden, der das US-Geschäft verantwortet und jemanden für das Distributionsgeschäft. Das funktioniert bei uns, nach einigen Erfahrungen, ganz gut.

Bernd Zipper: Einige sind bei euch von Anfang an dabei. Mit denen warst du schon bei Hiflex unterwegs.

Marc Horriar: Gegründet haben das Unternehmen Ionut Berescu, Herbert Bischof und ich. Andreas Storms war dann direkt in zweiter Charge mit dabei. Sowohl Ionut als auch Herbert kannte ich von Hiflex. Ionut war Entwicklungsleiter für das Web-to-Print-Projekt. Herbert wiederum war damals Geschäftsführer des größten Kunden von Hiflex in Liechtenstein. Deswegen haben wir unsere Liechtensteiner Holding, weil Herbert schlichtweg Liechtensteiner ist. So kam das zusammen. Wir brauchten dann Leute. Die Leute, die ich kannte, waren natürlich Hiflex-Mitarbeiter. Da habe ich mir so ein bisschen die Creme de la Creme rausgepickt und dann die Mannschaft verstärkt. Wir sind bei CloudLab sehr stolz, dass wir eigentlich nie wirklich wichtige Mitarbeiter verloren haben. Das ganze Gründerteam ist noch an Board. Nico, Mac, Lothar, Andreas, Sie Men, die sind alle noch da und halten, seit der letzten drupa, mit der der Erfolg so richtig los ging, zum Unternehmen.

Bernd Zipper: Ich finde es faszinierend, dass ihr das komplett ohne fremdes Kapital geschafft habt. Ihr habt euer Geld erwirtschaftet und daraus seid ihr gewachsen. Eigentlich eine konservative Haltung.

Marc Horriar: Ich würde sagen, eine konservative Haltung gepaart mit einer sehr starken unternehmerischen Ausrichtung. Wir hatten über alle Jahre hinweg im Durchschnitt dreißig Prozent Wachstum. Da waren Jahre dabei, da sind wir um sechzig, siebzig Prozent gewachsen. Das war schon enorm. Zum Start der Firma haben wir, nachdem HP Hiflex gekauft hatte, den Hiflex Kunden-Support angeboten, denn mit der Web-to-Print Software kannten wir uns aus. Damit haben wir unsere Rechnungen bezahlt. Im Hintergrund haben wir an unserer Web-to-Print-Software gewerkelt. Als HP Hiflex eingestellt hat, hatten wir wahnsinnig Glück. Das muss man schon dazu sagen. Das hat ungefähr auf einen Monat genau gepasst, dass wir unsere Software mit einem guten Gewissen anbieten konnten. Somit haben wir uns immer aus dem aktuellen Cashflow heraus finanziert. Letztendlich dann ein großes Wachstum hingelegt und die Gewinne immer wieder weiter investiert. Auch viel in die USA investiert. Die drupa war wahnsinnig teuer für uns. Ich erinnere mich noch daran, wie ich einmal bei einer Monatsabrechnung saß und mir dachte: Puh, hunderttausend Euro brauchst du aktuell monatlich, um deine Kosten zu decken. Wenn wir das mit heute vergleichen, da kommt man mit hunderttausend nicht mehr weit.

Bernd Zipper: Durch das schnelle Wachstum seid ihr eine große Nummer geworden. Gab es noch keine Avancen, euch zu übernehmen?

Marc Horriar: Man flirtet ja immer wieder mal. Ins Bett steigen ist dann wieder was anderes. Wir haben ein schönes Leben bei CloudLab und verdienen ordentlich Geld. Wir haben eine gute Idee und wissen, wo wir hinwollen. Ich mag das Wort Start-Up nicht gerne. Start-Up wird häufig mit Exit verbunden. Das ist definitiv nicht der Plan, den ich hier für die Firma habe.

Bernd Zipper: Vor sieben Jahren war CloudLab ein supermoderner Name. Cloud kam gerade auf, alle haben sich Gedanken gemacht. Heute ist CloudLab also das Labor in der Cloud, wenn man das so zusammenführt, fast schon wieder old-fashioned.

Marc Horriar: Beim ersten Online Print Symposium waren Andreas und ich noch als Besucher da. Da hatten wir noch keinen Stand. Wir hatten unser Namensschild und da stand CloudLab drauf. Wir wurden von ich weiß nicht wie vielen Unternehmern angesprochen: CloudLab? Das klingt interessant. Was macht ihr denn? Ein Hammer Name! Problem an CloudLab war, das konnte man nicht vermarkten. Wenn du CloudLab bei Google eingibst, da findest du alles, nur keine Drucksoftware. Das muss man mal dazusagen. Deswegen kam printQ als Name auf. Warum printQ? Einer unserer Kunden hatte die Marke printQ, das war eine Geschäftsidee, mit Logo, Domains, alles Drum und Dran. Die haben gesagt, wir brauchen das nicht. Wenn ihr wollt, könnt ihr uns das abkaufen. Da haben wir nicht lange überlegt. Ja und daraus entstand dann Xmedia, createX, packQ und wie es nicht alles heißt, was wir da mittlerweile haben. CloudLab ist heute nur noch ein Name. Für mich hat es nicht mehr die Bedeutung Cloud & Lab. Sondern heute ist das einfach viel mehr das, was hinter der Wolke steht. So würde ich es beschreiben.

Bernd Zipper: Eigentlich seid ihr auf dem Weg zu einem Brand. Bei Adobe denkt auch keiner mehr darüber nach, dass das übersetzt mexikanischer Dachziegel heißt. Eure Entwicklung ist großartig und wenn ihr Web-to-Print macht, dann geht ihr sicher in Richtung Buch oder Publishing-System. Gibt es da Ansätze?

Marc Horriar: Ja, in der Tat. Nicht nur Ansätze, die Software ist eigentlich fertig dafür. Läuft intern unter dem tollen Namen Broschüren-Editor. Nicht so wahnsinnig sexy. Wir müssen uns noch irgendwas mit Q oder X einfallen lassen. Ob es jetzt Bücher sind, will ich gar nicht mal sagen. Im Fokus stehen zunächst Broschüren, also Zwanzig-, Vierzig-, Achtzig-Seiter mit einer coolen Usability. Macht Spaß, das Ding zu nutzen. Bis die Standardauslieferung fertig ist, werden wir noch ein paar Monate brauchen. Bücher sind ein großes Thema. An sich kann unsere Software die Rückenstärke berechnen und was man da sonst noch so beachten muss. Aber die einzelnen Werkzeuge zu haben bedeutet noch nicht, dass das Produkt gut ist. Wenn wir einen Kunden haben, der das braucht, dann haben wir die technologischen Bausteine und verbinden das in einem Projekt vernünftig miteinander. Das Einzige, wo wir durchaus hart bleiben und nichts machen sind Fotobücher. Es gibt zwar den einen oder anderen Kunden, der macht das mit unserer Software. Ich sage aber ganz klar, wir haben keine Fotobuch-Software. Ich hätte, was das Sortieren von Bildern angeht, einen höheren Anspruch.

Bernd Zipper: Da gibt es ja natürlich schon einiges im Markt. Jetzt kam jüngst eine Studie von Gartner über Web-to-Print heraus. Da ist es so, dass die euch, generell den deutschen Markt, nicht so wahrgenommen haben. Habt ihr nicht genügend geworben in den USA?

Marc Horriar: Gartner hat das eine oder andere Mal versucht, Informationen über uns zu bekommen. Aber mir hat das Auftreten nicht gefallen. Das Konzept hatte mich nicht überzeugt. Die haben uns schon wahrgenommen. Wobei das so eine riesen Bude ist, da ist halt immer die Frage, wer nimmt dich wahr? Das ganze Unternehmen oder nur ein Ansprechpartner? CloudLab hat weltweit dreihundert Kunden in fünfunddreißig Ländern. In den USA ist CloudLab unbekannt, muss man ganz ehrlich sagen. USA zählen wir mit Kanada und Mexiko zusammen. Der Markt ist so gigantisch groß und wir haben da rund dreißig Kunden. Das ist nichts und wird sicher noch ein bisschen dauern. Ich hatte ehrlich gesagt dieses Jahr mit der drupa gerechnet. Wir haben mittlerweile Amerikaner, die bei uns arbeiten, die sind sehr gut vernetzt. In den USA zielen wir in der Tat viel stärker auf‘s Packaging ab, da ist der Markt weiter. Ich glaube, da wird es schon nächstes Jahr soweit sein, dass man uns kennen wird.

Bernd Zipper: Ihr arbeitet für ganz große und ganz kleine Unternehmen. Da gibt es doch sicher ein paar Kuriositäten?

Marc Horriar: Wir kennen wahnsinnig viele Kuriositäten. Zum Beispiel hat mal ein Kunde erwähnt, dass eine Funktion in der Software nur Englisch verfügbar sei, er habe in der Schule aber nur Russisch gelernt. Das fand ich amüsant. Happywords ist einer meiner Lieblingskunden muss ich einfach so sagen. Happywords.de ist eine, wie Matthias Felger selbst sagt, schwachsinnige Idee, mit der er aber Geld verdient. Ein befreundeter Drucker hat ihn zu uns geschickt.

Bernd Zipper: Und was machen die?

Marc Horriar: Die haben sogenannte Word Clouds. SEO-Texte, welche man vor zehn Jahren zur Google-Optimierung heranzog. Aus diesen Word Clouds hat man dann zum Beispiel ein Herz aus Text geformt. Er druckt diese Dinger. Zu Anfang ist er hingegangen, hat sich einen Shop mit einer kleinen kostenlosen Shop-Software aufgebaut. Er hat ein Feld angeboten, in das der Kunde seine Worte reinschreiben sollte. Er baute das dann in InDesign. Das hat er ein Wochenende gemacht und hatte danach zwei Erkenntnisse: Punkt eins, der Markt ist da. Punkt zwei, er sitzt bis nachts um vier Uhr, um in InDesign diese Dinger zu bauen. Er hat das dann wieder offline genommen und nach einer Software-Lösung gesucht. Wir sind hingegangen und haben für ihn einen Algorithmus geschrieben, der, basierend auf den Worten, die gewünschte Form bildet. Technologisch sehr spannend und es ist schlichtweg unglaublich, was da drüber läuft. Ich erinnere mich, da war ich einen Tag vor Muttertag in der Gegend unterwegs und habe dort vorbeigeschaut. Ich komme rein und in seiner Firma standen überall Tassen. Irgendwie ist es bei Facebook viral gegangen, dass man Muttertags-Tassen mit einem Herz, in dem eigene Worte stehen, bestellen konnte.

Bernd Zipper: Mass Customization ist einer der Megatrends. Merkst du das bei den Anforderungen?

Marc Horriar: Wir haben alle möglichen Arten von Werbeartikeln, bis zum personalisierten Seifenspender, umgesetzt. Wir haben Anfragen über alle möglichen Produkte, die man irgendwie personalisieren kann. Wir hatten sogar mal jemanden, der wollte ein komplettes Auto im printQ-Editor personalisierbar machen. Man merkt schon, dass das zunimmt. In den Statistiken der einzelnen Shops sieht man, dass die durchschnittliche Auflage immer weiter runter geht, die Personalisierung aber immer weiter zunimmt. Im Endeffekt klar, weniger Massenproduktion und mehr Mass Customization.

Bernd Zipper: 2020 ist jetzt nicht zwingend davon geprägt, dass wir Hurra schreien. Die Druckindustrie hat es übel erwischt. Wie sind denn da eure Erfahrungen? Wurde die Zeit genutzt, um aufzuholen oder sind viele Projekte erst mal hängen geblieben?

Marc Horriar: Geografisch muss man da ein bisschen unterteilen. In Deutschland, oder sagen wir mal im DACH-Bereich, hat es sich die Waage gehalten. Viele Projekte wurden im März gesperrt oder gestoppt. Gleichzeitig haben wir andere Projekte bekommen. Vielleicht genau wegen Corona, weil man gemerkt hat, okay, wir brauchen jetzt wirklich diesen neuen Web-Shop, über den wir jetzt schon zwei Jahre reden. Was wir sehr stark gemerkt haben, war bei unseren großen Kunden. Bei den Konzernen haben die Projekte exorbitant an Priorität gewonnen. Wir haben einen, mit knapp hunderttausend Mitarbeitern, da hat sich der Group-CEO eingeschaltet und gesagt: Das Projekt hat jetzt top priority. International werden wir schlichtweg überrannt an Anfragen. Wir haben Software nach Nepal, nach Kambodscha, nach überall hin verkauft. Web-to-Print ist da generell noch nicht so weit. Corona hat jetzt noch mal einen Anschub gegeben. In den USA haben wir gemerkt, die Jungs hat es ordentlich erwischt. Das ist der einzige Bereich bei CloudLab, in dem wir einen Umsatzrückgang gehabt haben. In der Tat haben wir wieder unser stärkstes Geschäftsjahr. Das sagt bei CloudLab jetzt nicht so viel aus, weil wir jedes Jahr wachsen. Uns tut weh, dass die drupa ausgefallen ist, die Coronakrise nicht wirklich, zumindest nicht in unseren Zahlen. Natürlich gibt es die Einschränkungen in unserem Leben, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Bernd Zipper: Herzlichen Dank für das Interview. In diesem Sinne, Gott grüß die Kunst!

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INTERVIEW: Marc Horriar/CloudLab im Interview
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Max Spies, ein echter Schweizer Degen, ist Drucktechniker und Betriebswirt. Als ERP-Spezialist der zipcon consulting GmbH recherchiert er entlang der gesamten Wertschöpfungskette und steigt in die Tiefen der Unternehmensbereiche ein. Menschen, Prozesse und Werkzeuge sind ihm bei seinen Betrachtungen in gleichem Maße wichtig. Mit Neugier, Rückgrat und einer Portion Allgäuer Streitlust erarbeitet er sich die Informationen. Seine verständlichen Expertisen sind die Grundlage für ergebnisorientierte Konzepte in den Kundenprojekten. Max Spies ist seit 35 Jahren in der Druckindustrie, war als Journalist bei „Deutscher Drucker“ tätig und schreibt Gastbeiträge für die Fachmagazine „Druckmarkt“ sowie „Grafische Revue Österreich“. Vor seiner Zeit bei zipcon war er für einen ERP-Software Anbieter in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig und ist als aktiver Netzwerker in diesem Wirtschaftsraum bestens orientiert. (Profile auch bei Xing, LinkedIn)

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