Der Versuch, Wasser mit den Händen aufzuhalten

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Seit Jahrzehnten geistert ein Witz durch halbbesoffene Partyrunden. Je nach Zeitgeist oder Laune sind mal Blondinen oder Ostfriesen die Opfer. Warum sie, lautet der Witz, denn 9 Knochen mehr hätten als andere Menschen. Grölend entleert sich dann die Pointe mit den Worten „Weil sie noch mechanisch denken.“

Der Witz kann nun die bonden Ostfriesinnen vollständig entlasten, weil er nun nachweislich auf deutsche Politiker und Verwaltungswut-Experten zutritt. Mechanisch: das ist beispielsweise, wenn man Wissen in ein Buch druckt und dieses Buch in eine Bibliothek stellt. So etwas kam vor, seit ein Herr Gensfleisch, genannt zu Gutenberg, mit Blei, Antimon und Zinn experimentierte und bewegliche Lettern (wieder-) erfand. Daraus entwickelten sich phantastische Schätze, als „Wissen der Welt“ wurden die Klosterbibliotheken gesehen (St. Gallen zum Beispiel) oder die Staatsbibliotheken (Wien hat eine gradiose, oder Weimar, Goethes Refugium) oder solche, die schlicht und ergreifend nur der Allmacht des Staates dienen, wie die bekannteste von allen, die Washingtoner Nationalbibliothek. Und dass auch Deutschland eine hat, ist gemeinhin wenig bekannt, aber wahr.
>>> Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt a.M. (http://www.d-nb.de/)

Darin bewahrt man auf, was des Aufbewahrens wert ist, an Gedrucktem und neuerdings auch in polymedialer Form. Denn die mechanisch (ein Buch ist ein Buch bleibt ein Buch) denkenden Bürokraten nebst ihrer nebulös beschließenden Politiker wurden natürlich eiskalt medial erwischt: Ist eine PDF-Publikation ein Buch oder nicht, muss sie aufbewahrt und katalogisiert werden, auch wenn man einen PDF-File so ganz alleine und für sich nicht in ein Regal stellen kann. Und außerdem: Ein Buch ist hunderte von Jahren später zu lesen, was der Vorteil einer Bibliothek ist. Ein Computerdatenfile … eben, nicht nur da beginnt das Problem. Probleme, die nirgendwo enden.

Die aber vergrößert werden können. Mühelos, mechanisch. Bislang war es immer schon so, dass von jeder Publikation (Veröffentlichung im weitesten Sinne, die über das Tagesgeschehen und reine Verwaltungs- oder Werbezwecke hinaus von Bedeutung sind), UNAUFGEFORDERT und KOSTENLOS Exemplare an die Nationalbibliothek gesendet werden MÜSSEN. Wer es nicht tut, bekommt eine Mahnung, wer diese nicht beachtt, eine STRAFE. Und zwar nicht zu knapp.

Und nun kommt die mechanische „Holzkopf-Denke“ (siehe Witz): Nun ist beschlossen (ja, beschlossen, kein Plan, sondern ab heute GESETZ), das „deutsche“ Internet zu archivieren. Alles, was über private Veröffenlichungen hinaus geht, muss in der Nationalbibliothek abgeliefert werden. Das ist REAL.

Was haben wir früher über den nichtfunktionierenden Sozialismus der DDR gelacht. Aber die Wessis können es ja hundertmal besser, Situationen zu erzeugen, die selbst mit „Schwachsinn“ noch viel zu mild benannt sind (die anderen Attribute sind leider strafbar). Denn weder weiß das Gesetz genau, wie das Internet bei der Bibliothek abgeliefert werden soll noch in welchen Abständen. Etwa jede Änderung jeder Seite einer tausenseitigen Homepage gezipt als PDF auf DVD, und das mehrfach täglich?

Klar, ausgenommen bleiben wie beim Gedruckten alle nur rein technischen oder Werbepublikationen. Aber man nehme, als Beispiel, SPIEGEL ONLINE oder BILD.DE. Die ändern die Seiten alle 5 Minuten. Klar, die Bild-Zeitung und der gedruckte Spiegel können archiviert werden. Aber auch „floating news“, dauernd wechselnde Frontpages und täglich hundertfach veränderter Inhalt. Und von solchen Domains gibt es tausende, zehntausende …

Das Gesetz ist in Kraft, keiner, der es ausführen soll, weiß, wie es auszuführen ist. Am wenigsten die Nationalbibliothek. Daher halte ich meinen Vorschlag, den ich zu machen habe, für genial:

Ich empfehle der Deutschen Nationalbibliothek, Google zu kaufen, und das Problem wäre gelöst.

Aber welcher 9-Knochen-mehr-Mensch käme auf eine solche Idee … ????

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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