Ein Hersteller von LFP-Druckmaschinen kauft die Mehrheit an einem Datenplattform-Start-up. Hinter dieser unspektakulär klingenden Nachricht verbirgt sich eine spannende Strategie. Mit dem Einstieg bei Triple C Labs, dem Unternehmen hinter der CoCoCo-Plattform, verstärkt die Durst Group ihren Software- und KI-Stack Kyveris. Warum ausgerechnet eine offene, herstellerneutrale „Data Fabric“ zum Kern der nächsten Onlineprint-Ära werden könnte.
Anfang Juli hat die Durst Group aus Brixen eine Mehrheitsbeteiligung an der Triple C Labs GmbH bekanntgegeben, dem Unternehmen hinter der CoCoCo-Plattform. Zum Kaufpreis schweigen beide Seiten. Bemerkenswerter als das Finanzielle ist ohnehin die Konstruktion: CoCoCo soll eigenständig weiterarbeiten, unter eigener Marke, mit unveränderter Führung und bestehenden Kundenverträgen. Und, das betont Durst ausdrücklich, herstellerneutral und offen für Dritte, also auch für konkurrierende Maschinenhersteller und Softwarepartner.
Kyveris trifft Data Fabric
Um zu verstehen, warum ich diese Kooperation spannend finde, lohnt der Blick auf die beiden Bausteine. Kyveris, der industrielle Software- und KI-Stack von Durst, liefert nach Unternehmensangaben die Intelligenz für Physik, Farbe und Produktionssteuerung, also das Wissen darüber, was die Druckmaschine tut.
CoCoCo soll hingegen die Ebene darüber beisteuern: eine auf JDF und JMF basierende „Data Fabric“, die Druckmaschinen, Vorstufensysteme und Shopfloor-Software herstellerübergreifend verbindet. Der Kern der Plattform ist ein typisiertes, ereignisgetriebenes Datenmodell, in dem sich alle Systeme in Echtzeit darauf einigen, was ein Auftrag, ein Produkt oder eine Ressource ist.
Zusammengenommen sollen beide, Kyveris und CoCoCo, die Lücke zwischen dem schließen, was eine Maschine tut, und dem, was die gesamte Produktion (der „Production Floor“) darüber weiß.
Mit diesem Ansatz steht CoCoCo übrigens nicht allein: Auch andere Anbieter haben sich eine herstellerneutrale Vernetzung auf die Fahnen geschrieben. Tessitura etwa führt mit dem Protokoll Odeon Talk einen gemischten Maschinenpark (Hersteller- und generationenunabhängig, analog wie digital) nach eigenen Angaben in einer „Visual Factory“ zusammen. Oder die Cloud-Plattform Atomyx des belgischen Integrationsspezialisten Four Pees, die als Integrationsdienst Druckdienstleister, ihre Software-Landschaft und Onlineprint-Plattformen verbinden will. Im Grunde verfolgen alle drei Anbieter ein ähnliches Ziel, auch wenn sie jeweils unterschiedliche Leistungsumfänge bzw. Ansprüche haben. Durch die unterschiedlichen Eigentümerstrukturen, die hinter den Plattformen stehen, stellt sich auch die Frage, wem die „neutrale, verbindende Ebene“ am Ende gehört bzw. wer sie kontrolliert.
Ein Sprachproblem, kein Maschinenproblem
Christoph Gamper, CEO und Mitinhaber der Durst Group, bringt den Gedanken zugespitzt auf den Punkt: Die Branche habe kein Maschinen-, sondern ein Sprachproblem. Hochleistungsfähige Maschinen erzeugten permanent wertvolle Daten, nur verstünden sie einander in den meisten Betrieben nicht. Genau diese Lücke solle CoCoCo schließen. Zur Frage, wie ernst es Durst mit der Offenheit meint, wählt Gamper ein klares Bild: „Eine Data Fabric, die nicht offen ist, ist keine Fabric, sondern ein Zaun.“ Auch CoCoCo-Mitgründer Karl Ciz betont, man bleibe agnostisch und herstellerneutral; die Beteiligung schränke nicht ein, sondern beschleunige die Roadmap.
Warum das für den Onlineprint wichtig ist
Die Mehrheitsbeteiligung der Durst Group an CoCoCo muss vor einer größeren Entwicklung betrachtet werden. Wer die Diskussion um Agentic Commerce und Googles Universal Commerce Protocol (UCP) verfolgt, kennt die zentrale Voraussetzung: Nur was maschinenlesbar strukturiert ist, lässt sich von KI-Agenten finden, konfigurieren und beauftragen. Eine offene Datenebene, die Maschinen und Systeme über Herstellergrenzen hinweg verbindet, ist damit nicht nur Thema für die IT-Abteilung, sondern die Grundlage für mehr – auch für Agentic Print, die nächste Entwicklungsstufe des Drucks.
Für Onlinedruckereien verschieben sich angesichts der Veränderungen, die der agentische Handel mit sich bringt, gleich mehrere Gewissheiten, wie ich das bereits im neuen Whitepaper zu „Agentic Print“ beschrieben habe. Nicht nur, dass der nächste Kunde im Onlineshop kein Mensch mehr, sondern ein KI-Agent sein kann und sich dadurch der Ort der Kaufentscheidung verschiebt – auch die Frage, welche Maschinen im Einsatz sind, verliert an Bedeutung. Immer wichtiger wird stattdessen die Frage, wie sauber die eigenen Daten strukturiert und wie anschlussfähig sie sind.
Es ist und es bleibt auf absehbare Zeit ein Spannungsfeld, in dem sich die Branche befindet. Und es bleibt die Frage: Kann eine Plattform, die einem einzelnen Maschinenhersteller mehrheitlich gehört, dauerhaft neutral bleiben? Durst und CoCoCo beantworten das mit der „Unabhängigkeit by design“ und bekräftigen ihr Commitment zu offenen Daten und zu den Benefits, die die Beteiligung mit sich bringen soll: Schnellere Releases. Umfassendere Integrationen. Detailliertere Datenmodelle. Ein stärkeres offenes Ökosystem – kein kleineres. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich daran zeigen, wie viele Wettbewerber die Plattform künftig tatsächlich nutzen.


