Endlich Klarheit mit der EUDR, oder: Wie Brüssel versucht, Bäume digital zu zählen

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Europa wollte ein Zeichen setzen. Mit der EUDR, der EU Deforestation Regulation, sollte die Welt ein Stück gerechter, die Lieferketten sauberer und der Planet ein bisschen grüner werden. Kein Produkt mehr auf dem europäischen Markt, das aus Entwaldung stammt – das klingt nicht nur vernünftig, es ist überfällig. Schließlich trägt die Abholzung der Wälder weltweit rund zehn Prozent zu den Treibhausgasemissionen bei, und ein Binnenmarkt mit 450 Millionen Verbrauchern kann durchaus ein Vorbild sein. Nur, und das ist das Problem: Die gute Idee ist unterwegs verloren gegangen. Zwischen Ambition, Administration und Absurdität.

Denn was auf dem Papier wie eine logische, moralisch unangreifbare Maßnahme aussieht, hat sich in der Umsetzung zu einem Lehrstück europäischer Bürokratie entwickelt. Die EUDR ist ein Paradebeispiel dafür, wie man aus einem simplen Satz – „Keine Produkte aus Entwaldung!“ – ein digitales Labyrinth aus Fristen, Rollen, Erklärungen und IT-Schnittstellen baut. Und mittendrin steht die Papier- und Druckindustrie, die nichts weniger als den Beweis erbringen soll, dass sie weiß, aus welchem Wald ihr Rohstoff stammt.

Ein Gesetz mit gutem Kern und schlechter Struktur

Die EUDR wurde im Juni 2013 beschlossen und tritt Ende 2025 in Kraft und ist Teil des europäischen „Green Deals“. Ihr Ziel ist, den globalen Fußabdruck der EU zu verkleinern. Betroffen sind Rohstoffe wie Soja, Palmöl, Kaffee, Kakao, Rinder, Kautschuk – und Holz. Und weil Holz in Papier steckt, landet damit auch die Druckindustrie mitten in der Regulierungsfalle.

Jedes Unternehmen, das solche Produkte erstmalig in Verkehr bringt, muss künftig eine Due-Diligence-Erklärung (Sorgfaltserklärung) abgeben. Das klingt nach Compliance, bedeutet aber, dass für jede Produktcharge Geodaten der Produktionsflächen, Risikobewertungen und Herkunftsnachweise erfasst und digital hinterlegt werden müssen. Vom Baum bis zum Buch.

So weit die Theorie. In der Praxis fehlt es an funktionierenden Standards, an eindeutigen Definitionen, an Abstimmung zwischen den Mitgliedstaaten – und vor allem an Realismus. Denn die Lieferketten der Druck- und Papierindustrie sind längst global, komplex und mehrstufig: Zellstoff aus Finnland, Karton aus Österreich, Druck in Deutschland, Versand nach Frankreich – das ist Alltag, kein Sonderfall.

Der einzige Weg, solche Strukturen transparent zu machen, ist die konsequente Digitalisierung der gesamten Lieferkette. Doch genau daran scheitert die Politik – zumindest bisher.

Der September des großen Durcheinanders

Die Geschichte des EUDR-Dramas begann im Spätsommer 2025 mit einer einfachen Feststellung: Die zentrale EU-Plattform TRACES, über die alle Sorgfaltserklärungen abgewickelt werden sollen, funktioniert wohl nicht für große Datenmengen und sehr viele Sorgfaltserklärungen.

Am 23. September schlug daher EU-Kommissarin Jessika Roswall Alarm. Sie schlug eine Verschiebung der EUDR um ein Jahr vor. Offiziell wegen technischer Probleme, inoffiziell, weil klar war, dass die Mitgliedstaaten organisatorisch überfordert sind. Ihr deutscher Amtskollege Alois Rainer, zuständig für Landwirtschaft und Ernährung, begrüßte den Vorschlag umgehend – und mit ihm der Verband Druck und Medien. Beide forderten zugleich eine grundlegende Vereinfachung der Verordnung, inklusive einer sogenannten Null-Risiko-Kategorie. Der Gedanke: Wer aus nachweislich nachhaltigen Quellen bezieht, soll automatisch als unbedenklich gelten.

Das hätte vieles vereinfacht. Vielleicht zu vieles. Denn kaum war der Vorschlag veröffentlicht, meldete sich Kommissionsvizepräsidentin Teresa Ribera Rodríguez zu Wort. Sie erklärte, IT-Probleme dürften kein Grund sein, politische Beschlüsse auf Eis zu legen. „Unternehmen, die in Compliance investieren, dürfen nicht bestraft werden, nur weil die Verwaltung noch übt“, sagte sie sinngemäß.

Damit war das politische Patt perfekt: Die einen fordern Aufschub, die anderen Durchziehen. Und die Wirtschaft? Die steht mittendrin und fragt sich, ob sie weiter investieren oder abwarten soll.

Wenn Vereinfachung komplizierter macht

Während die Kommission über sich selbst diskutierte, arbeitete die Branche längst an Lösungen. Allen voran mein IOP-Vorstandskollege Dominik Haacke, Chief Commercial Officer bei der mediaprint solutions GmbH und ESG-Spezialist der Initiative Online Print e.V. (IOP). Er erkannte früh, dass die EUDR in Wahrheit kein Umwelt-, sondern eine Digitalisierungsherausforderung ist. Ich habe mich mit Dominik über dieses Thema unterhalten, auch um selbst einmal zu verstehen, worum es geht.

„Wir reden hier nicht nur über Bäume, sondern über das größte Digitalisierungsprojekt der Lieferketten auf der gesamten Welt“, sagt Haacke. „Die EU will Transparenz, aber sie liefert zu wenig Strukturen. Wir haben früh festgestellt, dass das Gesetz den Fokus auf die Erstinverkehrbringer legt, jedoch die vielen nachgelagerten Markteilnehmer (Downstream Operator) schlichtweg vergessen hat.“

Um diesen Widerspruch aufzulösen und die Effizienz für die rund 370.000 betroffenen Unternehmen zu steigern, entwickelte Haacke gemeinsam mit der IOP und Branchenverbänden den Datenaustauschstandard EUDR-X, ein offenes, maschinenlesbares Format, das es Unternehmen ermöglicht, EUDR-relevante Daten einfacher entlang der Lieferkette zu sammeln und weiterzugeben. Statt Excel-Tabellen und viel manuellem Aufwand: strukturierte Datensätze für den Im- und Export in die bestehenden IT-Systeme der Unternehmen. Statt Chaos: Ein gemeinsamer Ansatz. 

„EUDR-X ist kein politisches Projekt, sondern eine Hilfe für die vielen nachgelagerten, oft kleinen und mittleren Unternehmen, die überhaupt nicht außerhalb der EU im- oder exportieren“, erklärt Haacke. „Wir zeigen, wie die EUDR-Anforderungen technisch einfacher und transparenter umsetzbar sind – und zwar jetzt, nicht 2027. Ein solches standardisiertes Austauschformat für nachgelagerte Marktteilnehmer hätte bereits 2024 von der EU bereitgestellt werden müssen“, so Haacke.

Diese EUDR-Brancheninitiative und EUDR-X kamen richtig ins Rollen, just in dem Moment, als Brüssel einen neuen Vorschlag unterbreitet.

Am 21. Oktober legte die Kommission den Änderungsvorschlag COM(2025)652 vor. Ziel: Vereinfachung. Wirkung: Verwirrung und noch mehr Unsicherheit. Der Vorschlag führte eine neue Kategorie von Marktteilnehmern ein – den sogenannten Downstream Operator. Das sind all jene, die Materialien weiterverarbeiten, aber nicht direkt importieren: Druckereien, Papierverarbeiter, Verpackungshersteller, Verlage. Für sie, hieß es, solle der Aufwand sinken. „Hier wurde mir bewusst, dass die EU diese Gruppe in der ersten Gesetzgebung wirklich vergessen oder deutlich unterschätzt hat“, so Haacke.

Klingt auf dem Papier wie Entlastung. In der Praxis heißt das: Jeder muss künftig „nur noch“ die Referenznummern seiner Lieferanten sammeln und an seine Kunden weitergeben. Wo vorher Referenznummern der vorgelagerten Lieferanten im Unternehmen in eine neue Referenznummer gebündelt werden konnten, zerfällt nun alles wieder in hunderte Einzelnummern. Das geplante Pooling-Modell der Verbände, eine gemeinsame Erklärung für ganze Materialgruppen, wurde dadurch faktisch abgeschafft.

„Man wollte Bürokratie abbauen und hat es verschlimmbessert“, kommentiert Haacke trocken. „Aus meiner Sicht hat sich die EU mit diesem kurzfristigen neuen Vorschlag und dem bereits bekannten Herausforderungen des IT-System TRACES selbst ‚Schachmatt‘ gesetzt.“

Die Reaktionen der Verbände waren entsprechend deutlich: Der Bundesverband Druck und Medien sprach von einem „halbherzigen Versuch“, Intergraf warnte vor einem „administrativen Overkill“.

Stop-the-Clock – und alle warten auf die Uhr

Nach der Veröffentlichung herrschte zwei Wochen lang Funkstille. Fünfzehn Tage, in denen weder EU-Kommission noch -Rat eine Richtung vorgaben. Dann forderten 25 europäische Verbände, die „Uhr anzuhalten“ – buchstäblich. Stop-the-Clock wurde zum Schlagwort des Oktobers. Man brauche Zeit, um das System praxistauglich zu machen, hieß es.

Nachdem sich neben der Druck- und Medienindustrie auch viele andere Verbände zu Wort meldeten und die „Notbremse“ forderten, unterstützte Ende Oktober auf der Sitzung des EU-Agrarrats in Luxemburg auch eine deutliche Mehrheit der Mitgliedstaaten die Idee: Österreich, Polen, Tschechien, Estland, Kroatien, Bulgarien, Lettland, Finnland.

Am 5. November tagte der EU-Umweltrat. Österreich brachte einen Vermerk ein, in dem eine Stop-the-Clock-Regelung und ein separater Vorschlag zur Vereinfachung erneut gefordert wurden. Fünfzehn Länder unterstützten den Antrag: Österreich selbst, die Tschechische Republik, Griechenland, Luxemburg, Lettland, Estland, Litauen, Slowakei, Portugal, Finnland, Irland, Ungarn, Italien, Polen, Slowenien und Schweden. Deutschland, Frankreich, Belgien, Bulgarien, Rumänien, Kroatien, Zypern und Malta haben keine Stellungnahme abgegeben. Spanien war das einzige Land, das den Vorschlag der Kommission unterstützte und forderte, ihn vollständig anzunehmen, ohne die Gesetzgebung erneut zu eröffnen.

EU-Kommissarin Jessika Roswall blieb hart: Ein separater „Stop-the-Clock-Vorschlag“ sei politisch nicht durchsetzbar. Ihr Vorschlag, COM(2025)652, sei „die einzige Lösung, die Rechtssicherheit schafft“. Das Ergebnis: Niemand weiß, was gilt. Die EUDR läuft auf dem Papier weiter, in der Praxis steht alles still.

„Wir schauen auf das Spielbrett und sind ratlos, welches der nächste sinnvolle und wirtschaftlich tragbare Zug ist“, fasst Haacke die Situation zusammen.

Die Folgen sind fatal: Unternehmen, die längst begonnen haben, EUDR-Prozesse zu implementieren, wissen nicht, ob sie auf die richtige Version setzen. Andere warten ab und hoffen auf eine Verschiebung. So entsteht Stillstand, während die Uhr weiterläuft.

Die Branche liefert, Brüssel schwankt

Trotz der politischen Blockade arbeitet die Branche weiter. Viele Druckereien und Papierhersteller haben begonnen, ihre Lieferantendaten zu strukturieren, um die Herkunftsnachweise sauber dokumentieren zu können. Große Player testen EUDR-X in der Praxis, kleinere Betriebe nutzen Pilot-Tools, um Daten zwischen Einkauf, Produktion und Vertrieb zu verknüpfen.

„Das politische Hin und Her bremst uns“, sagt Haacke. „Digitalisierung entlang der gesamten Lieferkette und Produkt-Compliance machen Sinn, aber nur bei politscher Planbarkeit.“

Er hat recht. Denn die EUDR ist mehr als ein Umweltgesetz. Sie ist der Zwang zur Digitalisierung – und damit die größte Chance seit der Industrialisierung. Wenn eine Branche gelernt hat, mit Komplexität umzugehen, dann die Druckindustrie. Sie denkt in Prozessen, Auflagen, Serien und Materialflüssen. Transparenz ist hier keine moralische Frage, sondern tägliche Praxis. FSC, PEFC, ISO – alles bekannt, alles Routine. Die EUDR ist nur die nächste Stufe, diesmal eben digital.

Nur, dass Brüssel offenbar nicht versteht, dass ein Gesetz, das Digitalisierung fordert, selbst digital funktionieren muss.

„Wir könnten längst viel weiter sein, sogar weltweiter Vorreiter in Punkto Digitalisierung in der Lieferkette und dem sich daraus ergebenden Ziel der nachhaltigen Wirtschaft. Aber die Realität fühlt sich an, als ob die EU jeden Tag das WLAN-Passwort ändert und nur wenige informiert“, sagt Haacke mit einem Lächeln, das zwischen Ironie und Erschöpfung liegt. Und er trifft den Punkt: Nicht die Idee der EUDR ist das Problem, sondern ihre Verwaltung. Jede Woche, die vergeht, kostet Geld. Unternehmen verschieben Investitionen, weil die Rahmenbedingungen fehlen. Softwarehersteller entwickeln Systeme ins Leere, weil sich Schnittstellen und Vorgaben ändern. Lieferanten und Kunden werden verunsichert, weil keiner weiß, wer am Ende haftet.

So entsteht das Gegenteil von Nachhaltigkeit: Ressourcen werden gebunden, Zeit verbrannt, Kapital blockiert.

Fazit: Der Wald steht noch, aber die Geduld ist abgeholzt

Die EUDR ist die ambitionierteste Umweltverordnung Europas – und zugleich ein Symptom. Sie zeigt, wie weit Anspruch und Umsetzung in der EU auseinanderliegen.

Die Druck- und Papierindustrie hat verstanden, dass Regulierung nicht Feind, sondern Treiber sein kann. Die Branche hat sich bewegt, hat Lösungen entwickelt, hat Verantwortung übernommen. Die Politik dagegen ist im Rückspiegel gefangen, zwischen Abstimmungsschleifen und Systemtests.

Noch im November soll im ENVI-Ausschuss (Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit) des Europäischen Parlaments der Kommissionsvorschlag präsentiert werden. Am 13. November will das Plenum über ein Dringlichkeitsverfahren entscheiden. Sollte das passieren, wird es vom 25. bis 27. November Entscheidungen geben. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Fraktionen ebenfalls Änderungsanträge einreichen. Somit könnten bis Jahresende neue Anpassungen beschlossen werden – mit ungewissem Ergebnis.

Bis dahin bleibt die EUDR ein Paradoxon: Ein Gesetz, das Klarheit schaffen soll, sorgt für Verwirrung. Ein Instrument, das Nachhaltigkeit fördern will, vernichtet Ressourcen. Und ein Projekt, das den Planeten retten soll, könnte am Ende vor allem eins erreichen – dass Europa wieder einmal zeigt, wie man sich selbst im Weg steht. Doch die Branche bleibt pragmatisch. Sie handelt, sie entwickelt, sie implementiert. Denn Aufgeben ist keine Option.

Oder, um es mit den Worten meines IOP-Vorstandskollegen Dominik Haacke zu sagen: „Brüssel muss mit dem Desaster der EUDR das Spielbrett abräumen und es neu und vernünftig aufstellen. Dafür braucht es Zeit, für die Kommission und für die Wirtschaftsunternehmen. Wir bauen parallel längst an der Zukunft der digitalen und nachhaltigen Transformation (Twin-Transformation), weil es einfach Sinn macht. Wenn Ihr jetzt endlich mal loslegt, sind wir dabei. Sofern das für die papierverarbeitende Industrie überhaupt noch sinnvoll ist.“

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Endlich Klarheit mit der EUDR, oder: Wie Brüssel versucht, Bäume digital zu zählen
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Europa wollte ein Zeichen setzen. Mit der EUDR, der EU Deforestation Regulation, sollte die Welt ein Stück gerechter, die Lieferketten sauberer und der Planet ein bisschen grüner werden. Kein Produkt mehr auf dem europäischen Markt, das aus Entwaldung stammt – das klingt nicht nur vernünftig, es ist überfällig. Nur, und das ist das Problem: Die gute Idee ist unterwegs verloren gegangen – zwischen Ambition, Administration und Absurdität.
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Beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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