Nach der Premiere im November 2025 legt dpsuisse nach. Am 30. und 31. Oktober 2026 trifft sich der ThinkTank by dpsuisse erneut im Riverside in Zweidlen-Glattfelden, diesmal mit einer einzigen Frage: Was passiert, wenn Druckaufträge nicht mehr von Menschen erteilt werden, sondern von KI-Agenten im Auftrag der Kunden? Getestet wird am eigenen Unternehmen, in Echtzeit. Ich moderiere mit, bin also befangen – das sage ich gleich dazu.
Der Kunde bleibt. Sein Einkäufer wird zum Algorithmus.
Wer im letzten Jahr beim ersten dpsuisse ThinkTank dabei war, erinnert sich an 24 Stunden, in denen Content, KI-Tools und Social Commerce nicht erklärt, sondern gleich ausprobiert wurden. Der Erfolg des Formates hat dazu geführt, dass dpsuisse es auch in diesem Jahr fortsetzt und thematisch weiterentwickelt. Statt Social Commerce steht 2026 Agentic Commerce auf dem Programm. Statt der Frage „Wie gewinnen wir neue Kunden?“ lautet die Frage jetzt: „Findet uns der Agent überhaupt?“
Der Hintergrund ist den Lesern dieser Seite bekannt: KI-Agenten beginnen, Lieferanten zu suchen, Angebote zu vergleichen und Bestellungen auszulösen. Ohne Website-Besuch, ohne Telefon, und ohne dass die liebevoll gestaltete Startseite des Onlineshops gesehen wurde. Mit WebMCP und dem Universal Commerce Protocol (UCP) entstehen gerade die Protokolle, über die solche Agenten mit Shops und Anbietern sprechen. Für die Druckindustrie heißt das: Wer für einen KI-Agenten nicht lesbar ist, existiert für den Auftrag, den er platzieren will, nicht. Das gilt für den Onlineprinter mit Vollsortiment genauso wie für die Akzidenzdruckerei, deren Angebotsprozess seit 1998 aus einem Kontaktformular und einem Rückruf besteht.
Beim ThinkTank’25 haben wir gezeigt, was KI im Marketing kann. Diesmal drehen wir den Spieß um: Nicht wir benutzen die KI, die KI benutzt uns – oder eben nicht, wenn sie uns nicht findet. Genau das will ich live sehen, bei jedem einzelnen Betrieb im Raum. Und ja, das kann wehtun.
Kein Hackathon. Ein Echtzeit-Erkenntnis-Workshop.
Eines vorweg: Der ThinkTank’26 ist kein Hackathon. Niemand muss programmieren, niemand baut in 24 Stunden einen Prototypen. Was dpsuisse hier aufsetzt, ist ein Echtzeit-Erkenntnis-Workshop für Führungskräfte aus Print und Media. Während beim Hackathon Software entsteht, entsteht beim ThinkTank ein Befund über das eigene Unternehmen, und man kann dabei zusehen.
Freitagmittag geht es mit einem Welcome-Lunch los, um 13 Uhr folgt meine Keynote zu GEO, Agentic Commerce und Agentic Print. Danach übernimmt Leon Mehlau und führt die Runde Station für Station durch die „Agent Journey“: vom Gefundenwerden über das Verstehen von Produkten und Preisen bis zur Bestellung oder Offertanfrage. Beide Wege, Shop und Anfrage, werden durchgespielt.
Dann wird es ernst. In zwei Hands-on-Blöcken testet jeder Teilnehmer sein eigenes Unternehmen: Findet uns der Agent? Was sagt er über mein Unternehmen, wenn er unsere Website liest? Wie weit kommt er, bis er abbricht? Die Ergebnisse landen nicht in einem Protokoll, sondern an der Wand. Sichtbar für alle, inklusive der größten Hürden.
„Die meisten Druckereien sind für Menschen gebaut: schöne Website, Formular, Rückruf innerhalb von 24 Stunden“, sagt Leon Mehlau, Gründer und CEO von Levanty. „Ein Agent liest das, versteht es nicht und geht weiter. Beim ThinkTank by dpsuisse sehen die Teilnehmer live, an welcher Stelle er weitergeht. Das ist unbequem. Aber es ist der einzige Weg, es zu ändern.“
Der Samstag beginnt mit einem WebMCP-Prototypen, den Mehlau vorbereitet hat: ein Agent, der mit einer Druckerei tatsächlich spricht, nicht als Vision, sondern als laufenden Code. Danach geht es um die Hausaufgaben: Welche Produktdaten, Verfügbarkeiten und Preise müssen maschinenlesbar sein, statt nur in Köpfen, PDFs und Excel-Listen abzuliegen? Und schließlich der Teil, den ich übernehme: der Betrieb dahinter. Vorstufe, Produktion, Nachbearbeitung, Versand, Reklamation. Wo bricht das Haus, wenn kein Mensch mehr dazwischen ist?
„Ich werde nicht 90 Minuten über Protokolle referieren“, sagt Mehlau. „Ich zeige, was läuft, und dann bauen wir gemeinsam an der Frage, was in den eigenen Betrieben fehlt. Das Wissen sitzt im Raum. Wir machen es nur sichtbar.“
Warum ich das bemerkenswert finde
Ein Verband, der seine Mitglieder freiwillig von einem KI-Agenten durchleuchten lässt und die Ergebnisse an die Wand hängt, macht etwas, das im Verbandswesen nicht selbstverständlich ist. Die klassische Verbandsveranstaltung besteht aus drei Vorträgen, einem Podium und der Erkenntnis, dass man dringend etwas tun müsste. Verbände sind gut darin, Positionen zu formulieren. dpsuisse lässt seine Mitglieder testen, ob ihre Position auch wirklich hält – und nimmt dabei in Kauf, dass die Ergebnisse nicht immer schmeicheln. Das ist eine Art Stresstest, und dass der Verband das anbietet und seine Mitglieder mitziehen, sagt viel über die Schweizer Druckindustrie aus.
Auch die Frage nach der Branche als Ganzes steht auf dem Programm. Am Samstagvormittag moderiere ich die Diskussion, ob die Schweizer Druckereien beim Thema UCP gemeinsam auftreten sollten, damit auch kleinere Betriebe in agentischen Anfragen überhaupt vorkommen. Ein gemeinsamer Standard, ein gemeinsamer Auftritt oder jeder für sich? Die Runde bezieht Position, und dpsuisse auch.
Was am Ende bleibt
Der ThinkTank‘26 endet nicht mit einem Handout, sondern mit einer Commitment-Runde: ein Satz pro Teilnehmer, der erste Schritt in 90 Tagen. Konkret, terminiert, laut ausgesprochen. Der Lunch danach gehört ausdrücklich zum Programm. Erfahrungsgemäß ist das der Block, in dem aus Commitments Verabredungen werden.
Was mich persönlich an der Agentenfrage umtreibt, ist nicht die Technik. WebMCP und UCP werden kommen, mit oder ohne die Druckindustrie. Mich treibt die Geschwindigkeit um, mit der sich der Einkauf verändert, während viele Betriebe noch an der Website für Menschen feilen. Der Agent liest keine schönen Bilder, er liest Daten. Wer die nicht hat, ist raus, bevor der Wettbewerb begonnen hat.
Zwei halbe Tage, keine Folienschlacht, das eigene Unternehmen als Testobjekt: Wer am Samstag um 14 Uhr nach Hause fährt, weiß, wo es bei ihm hakt.
Die Fakten
- Termin: Freitag, 30. Oktober 2026, 12:00 Uhr bis Samstag, 31. Oktober 2026, 14:00 Uhr
- Ort: Riverside Seminar- & Eventhotel, Zweidlen-Glattfelden (Schweiz)
- Format: Echtzeit-Erkenntnis-Workshop für Führungskräfte aus Print und Media
- Moderation und Impulse: Bernd Zipper (zipcon consulting, Initiative Online Print) und Leon Mehlau (Levanty)
- Zielgruppe: exklusiv für Mitglieder von dpsuisse und Partnerverbänden
- Mitbringen: Laptop, eigene Website und Preisliste
- Anmeldung und Programm: dpsuisse.ch
My Take: Ich moderiere den ThinkTank, bin also befangen. Trotzdem: Das Format ist das Ehrlichste, was mir in Sachen Verbandsarbeit seit langem begegnet ist. Die meisten Branchenveranstaltungen liefern ein gutes Gefühl, ein Buffet und die kollektive Gewissheit, dass die anderen auch noch nicht so weit sind. Der ThinkTank’26 by dpsuisse liefert einen Befund. Der ist unter Umständen unangenehmer, aber man kann mit ihm arbeiten. Dass ausgerechnet ein Schweizer Verband seine Mitglieder in diesen Test schickt, halte ich für ein Signal. Deutschland und Österreich sollten hinschauen. Nicht, um das Format zu kopieren, sondern um zu verstehen, warum es funktioniert: Weil es die Mitglieder nicht belehrt, sondern testet. Und weil niemand dabei programmieren muss. Wir sehen uns in Zweidlen – Laptop nicht vergessen.

