Onlinedruckereien sind im Kern Konfiguratoren – und genau das wird vielen gerade zum Verhängnis. Denn Kriterien wie Preis, Material und Lieferzeit liegen meist hinter JavaScript und sind damit für KI-Systeme ein weißer Fleck. Bernd Zipper erklärt, warum GEO kein Agenturthema ist, sondern die Vorstufe von Agentic Print, was Google selbst dazu sagt und welche zwei Schritte in den ersten drei Monaten genügen, um die richtigen Weichen zu stellen.
GEO. Generative Engine Optimization. Ich habe den Begriff eine Weile lang ignoriert, weil er nach dem nächsten Dreibuchstaben-Hype klang, den uns irgendeine Agentur verkaufen will, und ehrlich gesagt ist mir der Begriff bis heute ziemlich egal. Was mir nicht egal ist: GEO ist die Vorstufe von etwas, über das ich hier vor zwei Wochen geschrieben habe: Agentic Print. Der nächste Kunde von Onlinedruckereien ist kein Mensch, sondern ein KI-Agent. Doch bevor ein Agent in einem Shop kaufen kann, muss er ihn erst einmal finden und verstehen. Genau darum geht es bei GEO.
Umgedreht hat mich eine Zahl. SparkToro und Similarweb haben den Klickstrom von Google-Suchen in den USA von Januar bis April 2026 ausgewertet, und dabei kam heraus: 68,01 Prozent der Suchen endeten ohne einen einzigen Klick. Nicht ohne Klick auf die eigene Seite, sondern ohne Klick auf irgendeine Seite. Noch deutlicher wird es beim KI-Modus der Suchmaschine. Semrush hat von Mai bis Juli 2025 rund 69 Millionen Google-Sitzungen auf dem Desktop ausgewertet. Bei denjenigen Sitzungen, die im KI-Modus stattfanden, führten nur sechs bis acht Prozent zu einem Besuch auf einer externen Website; 92 bis 94 Prozent endeten ohne Klick. Zwei Einschränkungen hat diese Untersuchung: Beide Zahlen stammen aus den USA. Außerdem beziehen sich die AI-Mode-Daten auf das Jahr 2025, nicht auf 2026. Wer daraus einen deutschen Marktwert für heute bastelt, rechnet sich was zurecht. Aber die Entwicklung ist zu erkennen und sie wird auch bei uns ankommen, wenn auch später.
Was diese Zahlen zeigen, ist im Grunde eine Verschiebung. Suchmaschinen haben jahrzehntelang Linklisten ausgeworfen, und wir durften uns um einen Platz in den Top-Platzierungen prügeln, mit allem, das dazugehört, von der Keyword-Recherche bis zum Backlink-Aufbau. Heute formuliert die Suchmaschine eine Antwort und nennt darin drei oder vier Quellen. Nicht zehn, nicht die ersten hundert. Alle Quellen, die es über diese drei oder vier genannten Quellen hinaus gibt, existieren für diesen Nutzer quasi nicht. Beim Ranking auf der SERP ging es noch darum, einen guten Platz zu bekommen. Jetzt geht es darum, überhaupt im Ergebnis vorzukommen. Das ist ein anderes Spiel.
Selbsttest
Dauert zwei Minuten und ist unangenehmer, als du denkst. Öffne ChatGPT, Perplexity oder Googles AI Mode und tipp das ein, was deine Kunden eintippen würden: „Wo kann ich 5.000 Flyer DIN A6 beidseitig drucken lassen, Lieferung in drei Tagen?“ Ließ die Antwort in Ruhe durch und such‘ dein Unternehmen.
Ich mache diesen Test regelmäßig in Beratungsgesprächen, und die Reaktion ist fast immer dieselbe: erst Stirnrunzeln, dann „Aber wir sind doch bei Google auf Platz zwei.“ Ja. Seid ihr. Nur hat die Maschine gerade niemanden zu Google geschickt.
Entwarnung: Es braucht keine Wunderdatei
Bevor der nächste Dienstleister anruft und ein GEO-Paket verkauft, das im Wesentlichen aus einer Textdatei besteht, lohnt ein Blick in Googles eigene Dokumentation. Dort steht im Klartext: „There are no additional requirements to appear in AI Overviews or AI Mode, nor other special optimizations necessary.” Und gleich darunter, damit es wirklich jeder versteht: „You don’t need to create new machine readable files, AI text files, or markup to appear in these features.“ Das ist die gute Nachricht für alle, die ihre Hausaufgaben gemacht haben. Die SEO-Arbeit der letzten Jahre ist nicht plötzlich wertlos, sondern das Fundament; es trägt auch in Zukunft. Man muss nur anders darauf bauen.
Womit wir bei llms.txt wären. Diese Datei geistert seit zwei Jahren durch jede zweite Agenturpräsentation, und sie hat einen unschlagbaren Vorteil: Man kann sie in einer halben Stunde anlegen und danach behaupten, man habe etwas für GEO getan. Gary Illyes von Google hat im Juli 2025 im Search Central Deep Dive jedoch gesagt, dass Google llms.txt nicht unterstützt und es auch nicht vorhat. Anlegen kann man sie also gern, nur planen sollte man nichts darauf.
Der wunde Punkt heißt Konfigurator
Bis hierhin klingt GEO nach einem Marketingthema, und genau deshalb bleibt es in den meisten Häusern auch in der Marketingabteilung liegen. Doch das ist falsch. Es ist ein Produktthema, und zwar unseres. Ein Onlinedrucker ist im Kern kein Content-Anbieter, sondern ein Konfigurator. Alles, was den Kauf entscheidet, also Auflage, Format, Material, Grammatur, Veredelung, Preis und Lieferzeit, liegt hinter einem JavaScript-Rechner. Für den Kunden ist das perfekt, für die Konversion sowieso. Für eine Maschine ist als das aber unsichtbar.
Das klingt bitter: Das teuerste Bereich einer Onlinedruckerei, der, über den sie sich am meisten vom Wettbewerb abheben kann, ist für generative Systeme ein weißer Fleck. Ein Unternehmen kann den besten Preis im Markt haben, die kürzeste Durchlaufzeit, die sauberste Kalkulation –wenn diese Werte nur im Rechner leben, kann keine Maschine sie in eine Antwort übernehmen. Diese Firma wird also nicht schlechter bewertet, sie kommt erst gar nicht in den Ergebnissen vor. Das ist kein SEO-Problem, das ist ein strukturelles, und es sitzt ausgerechnet in dem Bauteil, auf das wir alle am stolzesten sind.
E-E-A-T, einmal ordentlich erklärt
Dieses Kürzel fällt in jedem GEO-Gespräch, und fast nie erklärt es jemand. Es stammt aus Googles Search Quality Rater Guidelines, also aus den Leitlinien für die Menschen, die Googles Ergebnisse bewerten. Vier Begriffe stecken darin, wobei das zweite E erst im Dezember 2022 dazukam.
Das erste E steht für Experience, für eigene Erfahrung also. Die Frage dahinter lautet: Hat der Verfasser das, worüber er schreibt, selbst gemacht? „Wir haben dieses Material in 4.000 Aufträgen verarbeitet“ ist Experience. „Dieses Material eignet sich gut für Flyer“ ist ein Satz aus dem Katalog. Das zweite E meint Expertise, also Fachwissen mit Absender. Ein Text über Sonderfarben, verfasst vom Drucktechniker mit Namen und Funktion, wirkt anders als derselbe Text ohne Verfasser. Das A steht für Authoritativeness und fragt, ob ein Unternehmen als anerkannte Adresse für dieses Thema gilt. Das entsteht außerhalb der eigenen Domain, in Fachmedien, bei Verbänden, in Referenzen und Verzeichnissen. Autorität ist übrigens nicht dasselbe wie Reichweite, sondern Renommee zur Sache. Und das T steht für Trust: Impressum, erreichbarer Kontakt, nachprüfbare Angaben, transparente Preise. Google schreibt dazu wörtlich: „Of these aspects, trust is most important. The others contribute to trust.“
Ein Punkt wird dabei regelmäßig falsch weitergetragen. E-E-A-T ist kein Rankingfaktor. Es gibt keinen Regler, an dem irgendwer dreht; und Punkte vergibt auch niemand. Es ist ein Bündel von Signalen, an denen Systeme ablesen, ob ein Inhalt verlässlich wirkt. Praktisch heißt das für uns: Autorenzeile, Qualifikation, Datum, Beleg. Vier Dinge, die jede Fachseite haben kann und die trotzdem auf neun von zehn Druckerei-Websites fehlen.
Fünf Anforderungen
Ich habe versucht, das Ganze auf das einzudampfen, was auch dann noch trägt, wenn OpenAI übermorgen wieder alles umbaut. Fünf Punkte sind übriggeblieben, bewusst zugespitzt und ausdrücklich kein Standard. Der erste ist Transparenz: Nenne, wer spricht, mit Qualifikation und Datenbasis. Der zweite ist Belegbarkeit, also nichts behaupten ohne Beleg, sondern mit Zahl, Quelle und Datum im Fließtext statt im Anhang. Die GEO-Studie von Princeton und dem IIT Delhi, vorgestellt auf der KDD ’24, hat genau das gemessen: Zitate, Statistiken und Quellenangaben steigern die Sichtbarkeit in KI-Antworten um bis zu rund 41 Prozent, auf Perplexity um bis zu 37. Wobei die Studie Sichtbarkeit im Antworttext misst und nicht eine „Zitierrate“, was wichtiger ist, als es klingt. Der dritte Punkt ist Zugänglichkeit: Was nicht lesbar ist, existiert nicht, also Text statt Bild, Text statt PDF, Text statt JavaScript.
Diese drei sind belegt. Die beiden anderen sind Erfahrung aus der Beratungspraxis, und ich sage das ausdrücklich dazu, weil ich es nicht ausstehen kann, wenn Meinung als Studie verkauft wird. Aktualität heißt: Datiere alles und pflege es. Eine Preisliste von 2023 ist kein Inhalt, das ist ein Risiko. Und Konsistenz heißt: Sag überall dasselbe, bei Firmierung, Kennzahlen und Kernaussagen, auf der Website wie in Drittquellen. KI-Systeme bewerten Entitäten, nicht einzelne Seiten, und unsere Branche ist inzwischen so konsolidiert, dass Marken, Gruppen und Produktionsstandorte munter durcheinandergeworfen werden.
Der eigentliche Grund für GEO
Alles bisher Gesagte lässt sich noch als Sichtbarkeitsthema abtun. Ärgerlich, aber überlebbar. Dann lohnt ein Blick darauf, was ein Agent braucht, um überhaupt kaufen zu können. Die Feed-Spezifikation des Agentic Commerce Protocol (ACP) verlangt einen Katalog: jeden kaufbaren Artikel als eigenen Datensatz, mit Kennung, Beschreibung, Preis, Verfügbarkeit und Versandoptionen, dazu Validierungsregeln für die Pflichtfelder und ein tägliches Update des kompletten Bestands.
Für einen Schuh in fünf Größen und drei Farben ist das eine Fleißaufgabe. Bei uns ist es etwas anderes. Auflage, Format, Papier, Grammatur, Veredelung und Lieferzeit ergeben zusammen keine Liste, sondern eine Rechenaufgabe. Unser Sortiment liegt nicht im Regal, es entsteht im Moment der Konfiguration. Damit ist die Frage, welche hundert Konfigurationen wir als Datensatz sichtbar machen, keine Aufgabe für die IT. Das ist eine Sortimentsentscheidung.
Was ein Agent zum Kaufen braucht, ist also ziemlich genau das, was eine KI zum Zitieren braucht: strukturierte Werte statt Dropdowns, und belegte Angaben statt Marketingsprache. Wer heute seine hundert wichtigsten Konfigurationen aus dem JavaScript befreit, tut das nicht, um in einer ChatGPT-Antwort aufzutauchen. Er baut nebenbei die Datenbasis, ohne die Agentic Print schlicht nicht stattfindet. Der Agent, der einen belegten CO₂-Wert sucht, schließt jeden Anbieter aus seiner Recherche aus, der keinen ausweist. Und wer seine Lieferzeit mit „schnell und zuverlässig“ angibt, den kickt er auch. GEO ist die Fingerübung dafür.
Meine Empfehlung, und wovon ich abrate
Meine Empfehlung für die ersten drei Monate lautet: zwei Dinge, und nur diese zwei. Erstens die 50 bis 100 meistverkauften Konfigurationen aus dem Rechner holen und als statische, indexierbare Seiten anlegen, mit Auflage, Format, Material, Preis und Lieferzeit, als Text. Zweitens prüfen lassen, ob die eigene Bot-Abwehr die KI-Crawler ebenfalls sperrt. Dieser zweite Punkt wird gern übersehen, dabei ist er heikel. Wir alle schützen unsere Preise gegen Scraper, aus gutem Grund, nur trifft dieselbe WAF-Regel eben auch GPTBot, ClaudeBot und PerplexityBot. Cloudflare fragt seit dem 1. Juli 2025 jede neue Domain beim Setup ausdrücklich, ob KI-Crawler zugelassen werden sollen. Hier stehen Preisschutz und Sichtbarkeit gegeneinander, und diese Abwägung gehört auf den Tisch der Geschäftsführung und nicht in ein IT-Ticket.
Für Monat drei bis sechs empfehle ich, das eigene Wissen zu veröffentlichen. Nicht das aus dem Branchenratgeber, sondern das, was nur wir haben: Warum werden PDFs abgelehnt? Wie legt man Sonderfarben für unsere Maschinen an? Was passiert bei fehlender Überfüllung? Die eigenen Preflight-Regeln sind der beste GEO-Content, den ein Haus besitzt, weil sie einzigartig sind und weil der Kunde sie nachprüfen kann. Dazu Zertifikate als Text, also FSC-Nummer, ISO 12647-2 und Gültigkeit ausgeschrieben. Ein Siegelbild ist für einen KI-Agenten nämlich nur ein Bild.
Für Monat sechs bis zwölf ist meine Empfehlung, an die Autorität außerhalb der eigenen Domain zu gehen, also Fachmedien, Verbände, Verzeichnisse, Wikidata. Dazu die B2B-Schnittstellen dokumentieren: OCI, cXML, Punchout, API, Web-to-Print-Mandanten. Danach fragen Einkäufer inzwischen die KI, bevor sie überhaupt eine Ausschreibung aufsetzen.
Wovon ich dagegen abrate, ist die Checkout-Integration. Jedenfalls jetzt noch nicht. OpenAI hat Instant Checkout im März 2026 aus dem Chat heraus in dedizierte Apps verschoben, unter anderem weil Preise, Bestände und Steuern zu volatil sind, und bei Konfiguratorpreisen gilt das ungefähr doppelt. Wer heute Entwicklerzeit in eine Kaufabwicklung steckt, die in sechs Monaten anders aussieht, verbrennt sie.
Nichtstun ist damit trotzdem nicht gemeint, im Gegenteil. Die Kaufabwicklung lässt sich verschieben, die Datenbasis nicht. Jeder Euro, der heute in maschinenlesbare Produktdaten fließt, macht sich zwei Mal bezahlt, sofort in Sichtbarkeit und später in Agentenfähigkeit. Wovon ich ebenfalls abrate: Content in Masse. Zehn dünne Ratgebertexte im Monat schlagen keine zwei belegten Antwortseiten, sie verwässern nur die eigenen guten.
Zehn Minuten im Monat
Bleibt der Punkt, der das Ganze zusammenhält, und der kostet nichts. Zwanzig typische Kundenfragen definieren, keine Keywords, sondern Fragen, so wie ein Kunde sie stellt. Einmal im Monat in ChatGPT, Perplexity und Googles AI Mode eintippen und notieren, wer genannt wird: das eigene Haus, ein Wettbewerber oder ein Vergleichsportal. Das sind zehn Minuten, und nach einem halben Jahr liegt etwas auf dem Tisch, das in dieser Branche derzeit fast niemand hat, nämlich eine eigene Zeitreihe. Dann diskutiert man nicht mehr über ein Bauchgefühl, sondern über Daten.
Frühzeitig aktiv werden
Jetzt der Teil, den ich mir nicht verkneifen kann. Ich beobachte diese Branche lange genug, um ein Muster zu kennen: Wir warten, bis eine Entwicklung in den eigenen Zahlen sichtbar wird, und fangen dann an. Bei Onlineprint hat das für einige Häuser gereicht, weil der Markt jung war. Diesmal reicht es nicht. Wenn der Traffic-Rückgang im eigenen Analytics-Tool ankommt, ist die Antwortmaschine längst gebaut, und die zitierten Quellen stehen fest. Wer heute nichts tut, holt später nicht auf, sondern kauft sich ein.
Und noch etwas, das mir wichtiger ist als jeder einzelne Tipp oben: Diese Sache lässt sich intern kaum sauber beurteilen. Das Marketing verantwortet Inhalte, die IT verantwortet die Bot-Abwehr, das Produktmanagement verantwortet den Konfigurator, und die Frage, warum eine KI das eigene Haus nicht nennt, liegt exakt zwischen diesen drei Stühlen.
Hinzu kommt der Effekt, den jeder von uns kennt: Die eigene Website liest man nicht mehr, man erinnert sich an sie. Genau deshalb rate ich zu einem externen Blick. Ein kompakter GEO-Audit, der Ist-Sichtbarkeit, Crawler-Zugang, die wichtigsten Konfigurationsseiten und die E-E-A-T-Signale durchgeht, ist in wenigen Tagen zu machen und liefert eine Prioritätenliste statt einer Meinung. Und ja, ich sage es offen: Ich verdiene mit so etwas Geld. Aber es muss nicht meine Firma sein – doch es sollte jemand sein, der nicht im eigenen Haus sitzt.

