„In der Disruption gewinnen nicht die größten, sondern die schnellsten“

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Jammern ist nicht mein Ding – und sich widerstandslos seinem Schicksal ergeben erst recht nicht. Was mein Ding ist, ist die Druckindustrie und die Frage, wie es mit ihr weitergeht. Wie wir bei zipcon die Zukunft eben dieser Druckindustrie sehen, will ich Ihnen erklären. Aber ich muss Sie vorwarnen: Dieser Artikel enthält nicht nur bittere Erkenntnisse, sondern auch zahlreiche Fakten und Prognosen, die wirklich weh tun. Bitte lesen Sie nur weiter, wenn Sie eine Krise als Chance sehen.

Eines gleich vorweg: Lassen Sie es bleiben, Ihren Kunden zu erzählen, wie schlimm alles ist. Das Ausleben innerer Konflikte und verdrängter Emotionen soll zwar zu einer Reduktion der Konflikte führen, doch bringt die Aggression gegenüber dem eigentlichen Potenzial keine Katharsis, sondern birgt die Gefahr einer verhängnisvollen Abwärtsspirale. Viel besser ist es, sich zu orientieren und mit dem Kunden zusammen seine Bedürfnisse zu decken.

Ich bin es leid, über Corona zu klagen. Mich interessiert, wie es mit unserer Druckindustrie weitergeht. Nehmen wir einfach mal die Fakten zur Kenntnis und bewerten diese. Daraus lassen sich Handlungsempfehlungen erarbeiten. Das Deutsche Wirtschaftsinstitut gibt die Inflationsrate im August 2021 mit 3,49 % an, im Oktober lag sie bereits bei 4,5 %. Das ist eine tragische Verschlechterung der Inflationsrate, und das nicht nur in Deutschland, denn die Entwicklung gilt für ganz Europa – wobei es eine Spreizung von Malta mit 0,4 % bis Polen mit 5 % gibt. Im Ergebnis bedeutet das, dass Unternehmen aus Staaten mit hoher Inflation den Export von Print erhöhen. Wir müssen also mit Billigangeboten rechnen.

Grundsätzlich ist die Konjunktur gespalten. Die Produktionsleistung der Industrie schrumpft in Folge der Lieferengpässe bei Vorprodukten. Gleichzeitig haben sich die Dienstleister zuletzt recht kräftig erholt. Die Gesellschaft hat sich verändert und wir müssen verstehen, was da eigentlich passiert ist. Für ein gutes Fünftel der Gesellschaft ist die Kombination von Offline und Online zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Studie der SINUS Markt- und Sozialforschung sieht für 2021 sowohl Spannungen wie auch eine Neuformierung der gesellschaftlichen Mitte in Deutschland. Lebens- und Wertewelten driften – wie man über die letzten Monate hinweg beobachten konnte – auseinander. Während sich der eine Teil aufgrund der neuen Gegebenheiten neu orientiert oder besser gesagt modernisiert, sieht sich ein anderer von einer „gesellschaftlichen Entwertung“ bedroht und grenzt sich in alle Richtungen immer mehr ab. Gleichzeitig rücken andere Milieus in die so genannte Mitte der Gesellschaft vor – und in der gehobenen Mittelschicht/Oberschicht entsteht durch die Bedeutung von Nachhaltigkeit und Klimaschutz gar ein neues Milieu.

Der Großteil der Gesellschaft, so kann man trotz aller Veränderungen feststellen, ist in Richtung Modernisierung unterwegs. Denn die Digitalisierung hat auch in konservativen Gesellschaften den Turbo aktiviert. Der Verkauf auf Online-Marktplätzen nimmt zu und die Zahl der Einzelhändler auf Social Media hat sich laut einer aktuellen Befragung von Bitkom verdoppelt. Demnach besitzen mehr als zwei Drittel der Einzelhändler (68 Prozent) eigene Social-Media-Profile, um von potenziellen Kunden wahrgenommen zu werden. Ein Drittel schaltet zudem Anzeigen auf diesen Plattformen. Insgesamt, so fand der Branchenverband heraus, sind fast drei Viertel der Einzelhändler in irgendeiner Form auf Facebook, Instagram und Co. aktiv. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren.

Das Coronavirus hat die Gesellschaft, vor allem aber das Einkaufsverhalten, verändert. Zwar ist der Absatz von Büchern leicht gestiegen, er kann aber das Absatzminus im Reisebuch-Sektor nicht kompensieren. Einzelne Bereiche im Print „boomen“. Faltschachteln und Etiketten, B2C-Angebote im Lifestyle- und Fotosektor wachsen um 15-20 %. Cewe beispielsweise hat 2020 trotz Pandemie ein sattes Umsatzplus erwirtschaftet.

Man muss der Tatsache ins Auge blicken: Es wird zu einer Marktkonzentration kommen, mit weniger, aber großen und profitableren Printproduzenten. Das war die schlechte Nachricht für beratungsresistente Innovationsverweigerer.

Für Unternehmen, die Lust und Leidenschaft für Printprodukte haben, ergeben sich nämlich gleichzeitig auch große Potenziale. B2B- und B2C-Produktanbieter müssen verstärkt werben, um Produktabsätze zu stabilisieren. Neue Abnehmer verstehen das Prinzip „Mass Customization“ und fordern dies von ihren Lieferanten. Das „wertige“ Mailing ab Auflage 1 erlebt eine Renaissance. Unternehmen, die weiter darauf setzen, PDFs in beste Druckqualität zu überführen, in hoher Auflage und auf Palette abgesetzt an eine Adresse zu liefern (ok, die meisten können schon ein bisschen mehr), werden es mit neuen Marktteilnehmern und Seiteneinsteigern zu tun bekommen. Dabei denken diese neuen Unternehmen nicht daran, eine Druckerei zu gründen – für sie ist der Druck einfach ein Fertigungsschritt in der gesamten Supply Chain.

„Was kann man als Drucker unmittelbar tun?“, werde ich oft gefragt. Die Antwort ist immer die gleiche. Folge dem Trend, löse die Probleme deiner Kunden und liefere einen Wert. Social Media ist nicht der Feind. Die Kombination aus Social Media und Print wirkt wie ein Booster für die Werbung. Sie haben langjährige Kunden und Ihr Sales-Team vertraut auf die Loyalität? Abhaken, denn selbst traditionsreiche Verbände lassen im Ausland produzieren und nehmen den Shitstorm in Kauf. Vergessen Sie die Loyalität! Schauen Sie lieber, dass die komplexen Prozesse in Ihrem Unternehmen schlank und einfach werden. Immer wieder finden sich auf gut gemachten Webseiten Geschäftsbedingungen, die nicht mal das eigene Sales-Team versteht. Die Kunden sind multioptional und der Zugang zum Dienstleister muss es auch sein. Wer vormittags online bestellt, möchte nachmittags doch telefonieren und später noch eine E-Mail zum gleichen Vorgang senden können.

Papierpreise steigen, Energiekosten steigen, Löhne werden steigen. Mittelfristig kann niemand auf derartigen Kosten sitzen bleiben, schon gar nicht, wenn Corona nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Rücklagen angegriffen hat. Die Abnahmepreise für Print werden steigen. Die Preissteigerung für Printprodukte in Deutschland für das Jahr 2022 ist mit einem Plus von 6,8 % bis 8,2 % prognostiziert. Jetzt ist die Zeit, die Preise zu erhöhen. Es ist Zeit, dass Verkäufer – nicht Verschenker – aktiv werden.

Was ist der nächste unmittelbare Schritt? Die Uhr tickt, wie nutzen wir die Zeit am besten? Wer es nicht schafft, die DNA seines Unternehmens umzubauen, kann sich noch aufhübschen und verkaufen. Wer aber wirklich Leidenschaft für gedruckte Produkte hat, der muss sich besinnen. Es beginnt mit der Prüfung von vier wesentlichen Eigenschaften: Ist das Unternehmen lean, agil, virtuell und kooperativ? Das sind keine Buzzwords, das ist eine konkrete Handlungsempfehlung. Lernen Sie von den Start-Ups, werden Sie wieder schnell, schlank und wendig. Denn Ihre Kunden sind es auch. Wer heute noch nicht virtuell denkt, muss es schnell lernen oder sich einen Kooperationspartner suchen, der es kann. Es gibt neue Technologien, die die kostengünstige Produktion der „Auflage 1“ ermöglichen. Man muss als Akzidenzdrucker morgen nicht in der Lage sein, Textilien im LFP zu drucken, aber man muss es seinen Kunden anbieten können. Plattformen verbinden Anbieter, Zwischenhandel und Endkunden. Die digitalen Plattformen ermöglichen eine effiziente Zusammenarbeit und sind gleichzeitig Geschäftsmodell für eine modernisierte Druckindustrie.

Print ist und bleibt unersetzlich, nicht nur für Verpackungen. Die Onliner waren die Pioniere, dafür sollten wir sie loben, denn auf deren Errungenschaften können die Nachfolger aufbauen. Doch wie immer in der Disruption gewinnen nicht die größten, sondern die schnellsten. Druckereien müssen sich bewegen, sonst kommen andere und besetzen den Produktionsschritt Print in der gesamten Wertschöpfungskette. „Hurry up!“ gilt für die gesamte Druckindustrie!

Hinweis: Dieser Text ist aus einem Vortrag heraus entstanden, den Bernd Zipper Ende Oktober 2021 im Rahmen der Printed-in-Switzerland-Veranstaltung „power pur“ des Schweizer Verbandes Viscom gehalten hat.
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Jammern ist nicht mein Ding – und sich widerstandslos seinem Schicksal ergeben erst recht nicht. Was mein Ding ist, ist die Druckindustrie und die Frage, wie es mit ihr weitergeht. Wie wir bei zipcon die Zukunft eben dieser Druckindustrie sehen, will ich Ihnen erklären. Aber ich muss Sie vorwarnen: Dieser Artikel enthält nicht nur bittere Erkenntnisse, sondern auch zahlreiche Fakten und Prognosen, die wirklich weh tun. Bitte lesen Sie nur weiter, wenn Sie eine Krise als Chance sehen.
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Beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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