Interview: Abihome – Leichtgewicht im Onlineprint?

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Bernd Zipper sitzt in einem Raum in einem alten Fabrikgebäude in Essen. Die Dreierrunde ergänzen Johannes Kautz und Philipp Hofmann von Abihome. Bernd kennt die beiden und ihr Projekt Abihome, will jedoch wissen, was aktuell dahintersteckt und wie sich das Ganze entwickelt. Denn das Unternehmen wird gerne unterschätzt und schnell ist man versucht, Abihome als Onlineprint-Leichtgewicht abzutun: „Die machen halt eine Schülerzeitung“. Stimmt zwar mit der Schülerzeitung, es sind aber etliche Tausend – und da ist noch weit mehr.

Lesen Sie hier eine kürzere Fassung des Interviews oder hören Sie das Gespräch in voller Länge im Podcast auf ZIPPERS INSIGHTS oder Spotify.

Bernd Zipper: Johannes, Du hast Abihome gegründet, oder?

Johannes Kautz: Nicht ganz. Ich habe die Vorläuferfirma gegründet. Und zwar als ich Abi gemacht und festgestellt habe: Wir müssen ja auch eine Abizeitung und Abi-Shirts drucken lassen. Das habe ich dann zwei Jahre gemacht, dann studiert und das Geschäft 2013 wieder ein bisschen aufgenommen. Abihome haben wir 2017 von einem Berliner Entwickler übernommen, haben beide Firmen parallel laufen lassen und schnell gemerkt, dass wir beides zusammenführen müssen. Seit 2018 heißen wir „Abihome“. Und bei dem Umbau ist auch die App rausgekommen.

Bernd Zipper: Und für die App bist Du zuständig, Philipp?

Philipp Hofmann: Genau. Ich kam 2016 zu Abihome und leite bei uns im Prinzip alle digitalen Abenteuer.

Bernd Zipper: Aber warum eine App? Eigentlich lässt sich so eine Zeitung doch über eine Website regeln, oder nicht?

Philipp Hofmann: Unsere Zielgruppe sind im wesentlichen Abschlussjahrgänge, also Abiturienten. Das sind sehr junge Menschen, die es gewöhnt ist, fast alles auf dem Handy zu machen. Die haben ihre Fotos auf dem Handy, kommunizieren über WhatsApp und organisieren sich über das Handy. Für die ist eine Website schon ein totaler Medienbruch.

Bernd Zipper: Du hast von Anfang an nur in App gedacht, oder?

Johannes Kautz: Was wir übernommen hatten, war ein Onlineformular zum Sammeln von Abizeitungsinhalten. Aber wir wollten eine App, um alle anderen Services rund um‘s Abi auch adäquat abbilden zu können.

Bernd Zipper: Wenn man „Abihome“ hört, denkt man wahrscheinlich an eine kleine Zielgruppe. Aber es sind unglaublich viele Menschen, die jedes Jahr Abitur machen.

Johannes Kautz: Ja, ungefähr 300.000 Abiturientinnen und Abiturienten.

Bernd Zipper: 2019 habt Ihr ungefähr 100.000 Abi-Shirts produziert und etwa 300.000 Abizeitungen. Das ist ja schon mal was!

Johannes Kautz: Normalerweise wird eine Abizeitung beim Abiball verkauft. Entsprechend musste man die Schülerzahl mit drei oder vier multiplizieren. Pandemie-bedingt werden Abibälle im Moment eher mit gebührendem Abstand oder gar nicht gefeiert. So sind die Auflagen durchschnittlich um fast die Hälfte gesunken. Es waren jährlich bisher um die 1.200 Aufträge von 1.200 Schulen.

Bernd Zipper: Als Unternehmensberater würde ich sagen: „Viel zu spitze Zielgruppe, viel zu enger Markt“. Aber wenn ich dann in Eurem Media Fact Sheet lese, dass Ihr ungefähr 150.000 aktive Nutzer habt, ahnt man, dass die App nicht gebaut wurde, damit ein Schülerzeitungsredakteur auf seinem Handy irgendwas zusammendengelt, sondern dass Leute auch in Kollaborationen zusammenarbeiten.

Philipp Hofmann: Ja, es ist ein Nischenmarkt, aber wir haben diesen über die App so besetzt, dass wir nicht nur zwei, drei Leute aus der Schule erreichen, die nachher die Abizeitung organisieren. Wir bringen den gesamten Jahrgang dazu, sich zu registrieren. Dadurch entsteht in diesem Nischenmarkt eine enorme Marktposition. Wir haben inzwischen zwei Drittel aller Gymnasien und Gesamtschulen in der App, die die App auch aktiv nutzen. Das ist ein Riesenhebel, alle Produkte neben der Abizeitung.

Johannes Kautz: Grundsätzlich ist es eine Organisations-App. Eines der am häufigsten genutzten Features sind Umfragen – und es macht auch nur Sinn, wenn alle Schüler an der Umfrage teilnehmen. Deswegen sind in der Regel zumindest 95 Prozent eines Jahrgangs angemeldet.

Bernd Zipper: Das ist doch ein unglaubliches Investment, A eine solche Plattform zu entwickeln, B zu betreiben und C auch am Leben zu halten. Es hilft ja nichts, wenn man eine Plattform zur Verfügung stellt und sagt „So, da könnt iIr jetzt prima digitalisieren, liebe Schüler“. Im Prinzip muss ja alles moderiert werden, oder?

Philipp Hofmann: Das Investment für die Entwicklungskosten oder auch das Community Management ist hoch. Und natürlich muss man alles moderieren. Die App ist trotzdem ein nachhaltiger Ansatz. Mitbewerber müssen, um die Schüler und Schülerinnen zu erreichen, immer über die klassischen Social-Media-Kanäle und Google Ads gehen und jedes Jahr sechsstellige Werbebudgets raushauen, um einmalig einen Kunden zu akquirieren. Dann machen die Schüler ihren Abschluss und gehen als Kunden wieder verloren. Und im nächsten Jahr fängt das alles, auch mit den gleichen wahnsinnigen Kosten, wieder an.

Unsere App ist ein viel nachhaltigeres Modell. Die Schüler registrieren sich teilweise schon zwei, drei Jahre vorher bei uns und fangen an, Dinge zu organisieren. Das sind praktisch kostenlose Leads.

Bernd Zipper: War das von vornherein so geplant? Oder hat sich das entwickelt?

Johannes Kautz: Wir waren schon recht ambitioniert, weil wir alle Services rund ums Abi wie etwa für den Abiball oder für die Abireise in einer App anbieten wollten. In diese Entwicklung sind wir allerdings sehr blauäugig reingegangen. Philipp war damals noch Schülerpraktikant und ich hatte – gelinde gesagt – überhaupt keine Ahnung. Wir haben jedenfalls wahnsinnig viel Lehrgeld bezahlt und sind auch durch die eine oder andere Krise gegangen.

Bernd Zipper: Dann hattet Ihr das große Glück, dass sich Madsack bei Euch beteiligt hat. Wann war denn das noch mal?

Johannes Kautz: Ja, das ist aber schon wieder überholt. Wir haben uns selbst wieder rausgekauft und jetzt einen neuen Partner gefunden, mit dem es deutlich entspannter ist. Und die Zusammenarbeit funktioniert perfekt, weil der auch Branchenerfahrung hat.

Bernd Zipper: Wer steckt dahinter?

Johannes Kautz: Ein Teil der Gesellschafterfamilie der NOZ, also Familie Elstermann.

Bernd Zipper: Mittlerweile hast Du Dich auch ganz gut in der Druckindustrie in Deutschland umgetan, weil Ihr immer auf der Suche nach der besten und zuverlässigsten Druckproduktion seid, die Euch eben auch in der Peak Season zur Seite stehen kann.

Johannes Kautz: Wir werden dieses Jahr alleine im Juni etwa 1.400 bis 1.500 Auflagen produzieren. Und da die Erfahrung zeigt, dass bei jedem etwas schieflaufen kann, haben wir mittlerweile ein breiteres Netzwerk.

Philipp Hofmann: Die Hauptsaison ist natürlich eine Herausforderung. Um das enorme Volumen in relativ kurzer Zeit abzuwickeln, müssen wir das externe Produktionsnetzwerk und den internen Prozess samt Workflows exakt aufeinander abstimmen. Um das abbilden zu können, haben wir über die letzten Jahre viel in interne Software investiert. Und das Wachstum, das man B2C generiert, muss man natürlich auch irgendwie abdecken, ohne dass man für jeden neuen Auftrag neue Mitarbeiter einstellen muss.

Bernd Zipper: Ihr habt hier in Essen ja ein riesiges Büro. Ihr belegt zwei Etagen plus Lager. Wie viele Leute habt Ihr normalerweise hier?

Johannes Kautz: In Essen sitzen 28 und wir haben im Moment acht Entwickler. Die sitzen remote in Portugal und Brasilien.

Bernd Zipper: Also quer über den Globus.

Johannes Kautz: Genau, komplett remote.

Bernd Zipper: Bei den Entwicklern war das mit Corona wohl nicht so ein Thema, weil remote. Aber mit dem Team? Das ist ja ein sehr kreativer Raum hier. Wenn man so ein bisschen durchschlendert, wird man von vierbeinigen Mitarbeitern begrüßt, irgendwo steht ein großes Pferd – kein ausgestopftes, sondern eins aus Plastik – es sieht aus wie eine kreative Wohnung.

Johannes Kautz: Das ist meine alte Wohnung. Und das Pferd heißt Horst und ist eine Lampe.

Bernd Zipper: Eindrucksvoll. Das hier ist ein kreativer Raum. Das, was Ihr macht, hat ja auch viel mit Kreativität zu tun. Wie fühlt sich das an bei Corona?

Philipp Hofmann: Es ist schwieriger geworden. In der Entwicklung hat sich nichts geändert, da arbeiten wir das ganze Jahr remote und das funktioniert auch gut. Aber wenn man gewohnt ist, in so einem Büroumfeld täglich miteinander zusammenzuarbeiten und auf kürzestem Weg Dinge zu besprechen, ist die Arbeit im Homeoffice schon eine gewaltige Umstellung. Trotzdem hat das gut funktioniert. Wir waren von einem Tag auf den nächsten komplett remote, alle waren zu Hause. Das funktioniert gut. Es wird halt mehr telefoniert. Aber klar, es fehlt irgendwo etwas.

Bernd Zipper: Wie kommuniziert Ihr intern? Mit Teams oder Slack oder was macht Ihr?

Philipp Hofmann: Wir benutzen beides. Aber manche Dinge werden auch komplizierter.

Johannes Kautz: Es gibt jeden Nachmittag um 16 Uhr ein Treffen mit allen, das dauert ungefähr eine Stunde. Da wird besprochen, was am Tag los war.

Bernd Zipper: Abihome ist aber nicht nur Zeitung und ein bisschen Textil. Vielleicht denken viele jetzt erst mal an irgendein rückenstich-geheftetes Magazinchen und ein T-Shirt, das nach zweimaligem Tragen auseinanderfällt. Weit gefehlt. Mittlerweile habt Ihr ganze Kollektionen. Der Service rund um die Abizeitung beginnt praktisch bei der Auswahl verschiedener Druckarten, es gibt verschiedene Formate und eine Auswahl an Veredelungen. Ich kann InDesign-Templates downloaden und erhalte alle möglichen Hilfestellungen. Es ist wirklich ein großer Community Service, den ihr aufgebaut habt. Wenn man hier so durchstromert, sieht man Textilien unterschiedlichster Qualitäten. Da stellt sich mir die Frage: Es gibt Spreadshirts, es gibt unzählige Textilveredler, Bedrucker und dies und das, Flyeralarm macht was, Cimpress auch – was ist denn die Differenzierung von Euch zu den anderen?

Johannes Kautz: Grundsätzlich veredeln wir Großhandelsware mit Partnern in Deutschland. Mit einem großen Textildrucker arbeiten wir schon seit Jahren gut zusammen. Wir verkaufen aber auch Produkte, die wir verbessern. Und die einzige Möglichkeit, ein Massen-Textilprodukt zu verbessern, ist grundsätzlich, es selber zu konfektionieren. Wenn man in Deutschland Stückware kauft, hat man die Option Siebdruck oder vielleicht Stick. Ansonsten ist das schon limitiert. Wenn jetzt jemand sagt „Ich möchte eigene Labels haben“, gibt es Anbieter, die modische Schnitte aus Bio-Baumwolle machen, wo man dann Labels einnähen kann.

Bernd Zipper: Das sind die Zettelchen hinten, die immer so kratzen.

Johannes Kautz: Genau. Aber viel mehr lässt sich in Deutschland kaum machen. Für die Superkreativen müssen wir einen oder mehrere Schritte zurück in der Textilienkette und da ansetzen, wo Textilien gemacht und Stoffe gestrickt werden, wo die Ware konfektioniert wird. Denn mit „Ware vor Konfektion“ hat man viel mehr Veredelungsmöglichkeiten.

So wundert man sich manchmal, was alles möglich ist: Frottee-Sticke oder 3D-Siebdrucke, 3D-Sticke, das sind alles Sachen, die man kaufen kann von Marken wie Adidas, Nike oder so. Für den Merchandise-Bereich gibt es das nicht. Aber genau da wollen wir hin. Deshalb haben wie einen großen Baukasten zusammengestellt, mit dem man sämtliche Standardprodukte wie Hoodie, Zipper, Polo, T-Shirts – unisex und auch tailliert geschnitten – mit allen Optionen selber konfektionieren kann.

Bernd Zipper: Heißt alle Optionen etwa, ich kann die Farbe für das Bündchen definieren?

Johannes Kautz: Genau. Das ist der Grundgedanke. Ist die Schulfarbe RAL 9000, soll der Rest auch so gefärbt werden. Und dann geht es erst richtig los bei den Abiturienten. „Unser Abi-Motto ist Abikalypse, deshalb möchte ich gerne Abikalypse auf den Ösen für meinen Pulli geprägt oder gelasert haben. Und dann möchte ich noch, dass die Ösen Neon-Pink eingefärbt sind. Und damit es möglichst knallt, sollen die Kordeln Pink werden, die Kordelenden aber in Neongrün. Dann soll die Innenfarbe der Kapuze auch Neongrün werden und die Hoodietasche unten auch, die Bündchen dann aber doch lieber in Neonblau“.

Bernd Zipper: Aber das ist doch unbezahlbar, oder nicht?

Johannes Kautz: Nicht mehr. Aber wir mussten ziemlich lange basteln und sehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Da wir aber erstens recht hohe Auflagen haben und Zweitens viel Beigeschäft für Universitäten, Merchandising für die Polizei in NRW und einige größere Fußballvereine, rentieren sich die Losgrößen.

Bernd Zipper: Wie soll das gehen? Wenn ein Abi-Jahrgang 120 Jungs und Mädels stark ist, brauchen die 120 verschiedene Hoodies in den Größen S bis 6XL, damit auch jeder Popo da reinpasst, damit werden die Auflagen aber wiederum kleiner. Da ist es doch fast unmöglich, auch noch mit extra gefärbten Stoffen zu arbeiten?

Johannes Kautz: Mit gefärbten Stoffen geht es so ab 150 Stück, im Notfall würden wir auch 100 irgendwie hinbekommen. Aber es gibt eine große Bandbreite an Stoffen, die wir verwenden können. Die meisten sind Schwarz. Und mit geprägten Ösen, Sonderfarbe mit Kordeln, eigene Hoodie-Innenfarbe und mit einem 3D-Stick: Da reden wir von unter 30 Euro pro Stück!

Bernd Zipper: Du hast gerade Polizei, Fußballvereine und so weiter angesprochen. Ihr springt also auch in andere Märkte?

Johannes Kautz: Wir sind da reingewachsen, weil wir viele Unternehmen, Universitäten und Schulen beim Marketing unterstützen. Wir bringen Kunden zusammen. Wir vermitteln auch Printanzeigen in Abiturzeitungen – ganz klassisch. Wenn wir von X oder Y 100 Euro bekommen, wird die Abizeitung entsprechend günstiger. Und mittlerweile bieten wir viele In-App-Services an, In-App-Banner, wir machen Newsletter-Marketing, viele Challenges, wo die Schüler Geld für die Abikasse gewinnen können. Wir machen auch Individualchallenges. Wir hatten gerade eine Sport-Challenge, für die über 400 Schulen Videos eingereicht haben, wo sie gegen eine andere Schule antreten mussten. Und dann konnten sie 1.000 Euro für die Abikasse gewinnen. Wir sind da reingerutscht. Und da wir ja schon viele Partner haben im Schulmarketing, ist das sehr schnell viel größer geworden. Mittlerweile überlegen wir, es komplett auszugliedern, um keine Verzerrung im Kerngeschäft zu haben.

Bernd Zipper: Ja, das ist nämlich meine nächste Frage. Wenn Du so engagiert mit einer Zielgruppe arbeitest, in dem Fall Abiturienten, und sich das Geschäft dann so entwickelt, ist das ein ganz schöner Spagat, um alles unter einen Hut zu kriegen. Lenkt das nicht vom eigentlichen Ziel ab?

Philipp Hofmann: Wir ruhen uns nicht auf unserer Marktposition aus, sondern versuchen immer Innovationen herzustellen. Daraus entstehen dann wieder neue Anknüpfungspunkte. Und da müssen wir uns intern immer wieder neu sortieren, priorisieren und die Dinge klar strukturieren.

Bernd Zipper: Wie sieht es eigentlich mit dem Wettbewerb aus? Gibt es jemand, der Euch so langsam anbaggert? Weil immer dann, wenn jemand erfolgreich ist, kommen auch Wettbewerber hoch.

Johannes Kautz: Es gibt natürlich eine Menge Konkurrenz. Aber wir haben wahnsinnig viel investiert, so dass die Hürde, die es zu nehmen gilt, der Marktgröße nicht angemessen ist. Nach BWLer-Handbuch hätten wir das, was wir gemacht haben, nicht machen sollen.

Bernd Zipper: Bei „Höhle der Löwen“ hättet Ihr also verloren?

Johannes Kautz: Ja, weil der Markt zu klein ist. Aber wenn Du mich jetzt fragst: Würdest Du es noch mal so machen? Oder was ich anderen raten könnte, würde ich sagen: „Ja, wenn Du daran Spaß hast“. Aber ansonsten ist es schon eine Herausforderung, in so einem kleinen Markt zu existieren. Deshalb hoffe ich, dass kein ganz Großer reingehen wird. Er müsste massiv investieren und da reden wir von einem siebenstelligen Betrag, um uns anzugreifen.

Bernd Zipper: Er müsste auch erst mal verstehen, wie es funktioniert. Hier in Deutschland funktioniert das Modell ja offensichtlich. Würde es auch in Österreich oder der Schweiz passen? Gibt es Ideen, international zu skalieren?

Johannes Kautz: Definitiv. Das ist aber nicht so trivial, denn in jedem Land gibt es ein anderes Schulsystem. Es gibt in den meisten Ländern ähnliche Produkte, die sind aber nicht genau so organisiert. Wir werden trotzdem internationalisieren! Nächstes Jahr werden wir in drei Ländern einen Markteintritt versuchen und erst einmal schauen: Gibt es einen Markt und wird das Produkt angenommen? Also erst mal mit der App reingehen, einer Organisations-App für ein Jahrbuch und Abschlussklassen. Und dann relativ schnell produktseitig nachziehen, wenn es läuft. Österreich ist ein eher kleiner Markt. Wir haben mittlerweile einige österreichische Kunden, aber das ist dieses Jahr natürlich auch schwierig und eine Matura-Zeitung hat vielleicht nicht den gleichen Stellenwert wie die Abizeitung in Deutschland. Interessanter sind da die alten Jahrbuchmärkte: USA, England. Aber auch der Markt der Türkei ist spannend. Da wird die Reise definitiv hingehen.

Philipp Hofmann: In Deutschland sind die Märkte limitiert. Wir haben wenige Abiturienten. Mit den 300.000 kommen wir langsam an die Grenzen des Marktes. Außerdem wird es immer die lokalen Druckereien geben, die auch mal die Abizeitung vor Ort drucken.

Bernd Zipper: Und was ist mit den anderen Märkten?

Philipp Hofmann: Wenn man in die USA guckt, da sind die Märkte einfach so viel größer. Also um den Faktor 100. Und trotzdem: Wir haben auch in den USA schon mit Druckfirmen gesprochen. Die sind aber eigentlich noch komplett in der Steinzeit. Die funktionieren komplett über Anfrageformulare auf irgendeiner Year-Book-Seite. Da gibt es keinen großen Servicegedanken drumherum und da gibt es auch keine Plattform, wie wir sie aufgestellt haben. Wir hätten schon einen relativ guten Markteintritt, müssten aber noch mehr Flexibilität aufbauen. Aber es wird definitiv einer der nächsten Schritte sein.

Bernd Zipper: Für mich wäre es ein logischer Schritt, jetzt die Freiwilligen Feuerwehren oder die Schrebergärtner anzugehen. Also Märkte zu identifizieren, die per se erst mal als unattraktiv gelten. Auf der anderen Seite sind das auch diejenigen, die Zeitungen und Feste machen und die Textilien benötigen. Gibt es Ideen, in diese Richtung zu skalieren?

Philipp Hofmann: Im deutschen Markt konzentrieren wir uns aktuell erst einmal darauf, im Bildungsbereich zu skalieren. Wir schauen uns Universitäten an und andere Bildungsabschlüsse.

Beim Realschulabschluss haben sich inzwischen ähnliche Abschlusstraditionen entwickelt. Bei fremden Gebieten wie Vereinen, Feuerwehren und so weiter ist der Sprung für uns aktuell noch zu groß. Das müssten wir ja alles neu erfinden.

Bernd Zipper: Dieses Jahr haben wir noch immer Corona. Man könnte also meinen, da werden keine Zeitungen gemacht, oder?

Johannes Kautz: Zum Glück ist das nicht so. Was wir aber ganz klar merken: Der durchschnittliche Warenkorb unserer Kunden sowohl bei Zeitungen als auch bei Textilien fällt deutlich kleiner aus. Über Abiball und Abireisen muss man gar nicht erst reden. Das macht natürlich keinen Spaß, wenn dieses Jahr insgesamt 203.000 Aufträge mit Textilien und Zeitungen zusammenkommen, bei jedem Auftrag aber 500 bis 800 Euro fehlen. Uns entgeht eine Menge Geld. Aber wir können uns insgesamt noch glücklich schätzen, dass wir vielleicht mit einem blauen Auge davonkommen.

Bernd Zipper: Ihr seid viel draußen, auch bei Druckereien. Das heißt, man spricht auch über Euch. Da kann ich mir gut vorstellen, dass der ein oder andere Große mit dem Scheckheft wedelt, oder dass es Avancen gibt, Euch zu übernehmen?

Johannes Kautz: Wir haben ja einen super Partner gefunden. Lassen wir es erst mal dabei. Aber wenn wir von unseren Auflagen reden, kommen wir außerhalb des Abigeschäfts mit Studienbüchern so in die Richtung 600.000 Bücher – mit heftigen Zuwachsraten. Es gibt viele Unis, die noch Studienbücher machen und da sie sowieso schon mit uns zusammenarbeiten im Schülermarketing, werden wir als Druckexperten für Abizeitungen auch eher mal nach anderen Produkten gefragt. Wir sind letztes Jahr sehr stark gewachsen – trotzdem ist es immer noch sehr überschaubar.

Bernd Zipper: Nichtsdestotrotz ist das ja ein Modell, von dem man viel lernen kann. Und ich behaupte, dass in Zukunft die Digitalisierung von Print im Wesentlichen davon abhängt, wie man das der Zielgruppe erklärt. Onlineprint hat ja auch eine ganze Weile gebraucht, bis er richtig durchgestartet ist. Jetzt haben die Leute langsam verstanden, wie es funktioniert und es bilden sich Inseln heraus, die zwar sehr speziell, aber trotzdem lukrativ sind, weil eben jedes Jahr wieder etwas passiert und man ganz genau weiß, welche Rechengröße da ist.

Philipp Hofmann: Onlineprinter könnten unser Produkt theoretisch auch anbieten. Doch da ist dieser Zugang über die Community, über die App, über den Markt. Unsere Nutzer schätzen das riesige Serviceangebot, dass wir über die App und auch mit dem Team drumherum aufbauen. Die Schüler werden betreut, sie haben feste Ansprechpartner, sie können über die App extrem viel Organisationshilfe bekommen. Sie bekommen Templates und Layouts. Das kann kein Onlineprinter in diesem Spektrum anbieten, weil sie nicht diesen Marktzugang haben.

Bernd Zipper: Dass Ihr sehr akribisch seid, weiß ich. Vor kurzem habe ich den Textildesigner gesehen. Und da geht es darum, Konfektionsware beziehungsweise eigene Konfektionen herzustellen. Habt Ihr Erfahrungswerte und funktioniert das?

Johannes Kautz: Ja. Das ist ein Projekt, das bei Philipp und seinen Entwicklern entstanden ist. Wir hoffen, dass wir dieses Jahr damit fertig werden. Wir brauchen diese App und wir brauchen einen nativen Creator, mit dem die Zielgruppe unter 30 Instagram-Story-mäßig angesprochen wird. Es macht Spaß, geht schnell und kann auch von jemand Älterem umgesetzt werden.

Philipp Hofmann: Wir fahren ja beim Thema Textil zweigleisig, weil wir gemerkt haben, dass es in dieser Branche an Innovation fehlt. Wenn wir uns die Druckbranche angucken, was da im Bereich Web-to-Print und App-to-Print passiert – My Postcard ist ja nur ein Beispiel davon – findet man ähnliches im ganzen Textilbereich nicht. Die großen On-Demand-Drucker wie Spreadshirt verfolgen alle ausschließlich Web-to-Print-Lösungen. Das ist eine Philosophie, die wir bei Abihome nicht leben – auch getrieben von unserer sehr jungen Zielgruppe. Wir hatten mal eine Web-to-Print-Lösung mit Online Creator aufgesetzt, die hat aber keiner genutzt. Nach einer Umfrage waren wir schlauer. Das Feedback: „Wieso kann ich das nicht mobil machen? Ich habe alle Fotos auf meinem Handy, die möchte ich übertragen. Warum geht das nicht?“. Das ist für uns eine Bestätigung, dass Web-to-Print, auch wenn es mobil optimiert ist, keine Langzeitlösung sein wird.

Bernd Zipper: Für diese Zielgruppe.

Philipp Hofmann: Ja, vor allen Dingen für diese junge Zielgruppe.

Bernd Zipper: War das denn von Anfang an die Strategie? Ein Tool, das die Community zusammenbringt, der Community die Möglichkeit gibt, selber zu gestalten, um es dann einigermaßen standardisiert zu produzieren?

Johannes Kautz: Bei Abihome schon, weil wir das Produkt kannten und wussten, wie das Produkt in Deutschland funktioniert. Wir merken aber, dass einige Services, die wir mehr oder weniger beiläufig angeboten haben, auf ein sehr breites Interesse stoßen.

Philipp Hofmann: Der Servicegedanke hat schon vor der App existiert. Aber wenn man den ganzen Tag mit Schülern telefoniert, merkt man erst, wie viele Probleme eigentlich in diesem Prozess auftreten. Die machen das ja zum ersten Mal, da hat niemand Erfahrung, wie man ein 200-seitiges Buch layoutet oder wie man die Inhalte überhaupt zusammen bekommt. Da wurde mit Zetteln, Excel-Tabellen und sonstigem gearbeitet. Ein riesiges Chaos! Bis dann wirklich das Buch geliefert wurde, verging ein Jahr. Ständig mit den Schülern telefonieren, erklären, helfen und so weiter ist kein Prozess. Uns war schon relativ schnell klar, dass wir mit digitalen Lösungen die Arbeit erleichtern und am Ende auch die Verkäufe und Conversion steigern. Dieses Konzept verfolgen wir weiter, bauen es aus und versuchen, den Prozess immer einfacher zu gestalten.

Bernd Zipper: Bis zu welchem Grad? Habt Ihr denn auch Fachleute aus der grafischen Industrie? Oder sind die alle schon digitalisiert und wegautomatisiert?

Johannes Kautz: Nein. Wir haben 22 Leute, die jeden Tag im Kerngeschäft arbeiten. Das sind Kommunikationsdesigner und Mediengestalter, die jeden Kundenwunsch designtechnisch noch einmal umsetzen. Wir haben natürlich ein Archiv von mittlerweile 10.000 oder 15.000 Zeitungs-Entwürfen. Das unterstützen wir auch noch mal händisch. Wir haben aber auch eine hohe Verantwortung. Ob wir nachts irgendwo Zeitungen abgeholt und hingebracht haben oder auch mal in 24 Stunden liefern mussten und und und. Wir fühlen uns wirklich verantwortlich und sagen den Kunden gleichzeitig: „Wir wissen, ihr seid keine Profis. Wir stellen euch coole Softwaremöglichkeiten zur Verfügung, aber wenn ihr professionelle Unterstützung braucht: Wir sind für euch da“.

Die Leute machen nur einmal Abitur im Leben. Da erwarten sie, dass die Qualität bei ihren T-Shirts und Zeitungen stimmt. Und wenn jemand seine alte Abizeitung irgendwann mal rauskramt, freut er sich, wenn die cool ist.

Bernd Zipper: Die Story ist cool, ist aber für mich als jemand, der auch als Berater unterwegs ist, eine Aufforderung, das mal kurz hochzurechnen. Dann sehe ich unter dem Strich Personalkosten von 1,2 Millionen. Ich sehe Fixkosten. Okay, wir sind jetzt hier nicht in einem Glaspalast, sondern einem alten Fabrikgebäude. Ein sehr, sehr schönes übrigens. Das kostet alles viel Geld und wenn man auch etwas verdienen muss, um wieder etwas zu reinvestieren. Redest Du über Zahlen, Johannes?

Johannes Kautz: Ich hoffe, dass wir dieses Jahr mit allem, was wir machen, so zwischen 4,5 und 5 Millionen Euro Umsatz machen. Wir haben zum Glück ja mehrere Standbeine.

Bernd Zipper: Also auf der einen Seite seid Ihr sehr spitz von der Zielgruppe, auf der anderen Seite macht Ihr diese Zielgruppe rundum glücklich, was ich wirklich für eine clevere Idee halte. Gerade das Thema Mass Customization spielt eine große Rolle. Ich glaube, das werden wir in Zukunft noch vermehrt sehen. Johannes, was siehst Du als Herausforderung in Zukunft? Auf was musst Du Dich einstellen als Unternehmer?

Johannes Kautz: Das ist wirklich eine wahnsinnig schwierige Frage.

Bernd Zipper: Genau, deswegen frage ich Philipp auch.

Philipp Hofmann: Ich glaube erst mal, dass dieser Spruch „Print ist tot“ für unsere Zielgruppe nicht gilt. Es gab immer mal wieder Versuche mit einer digitalen Abizeitung. Das hat alles nicht funktioniert und es gibt auch einen guten Grund, warum. Weil es ein emotional wahnsinnig aufgeladenes Produkt ist und dieses haptische In-der-Hand-Haben noch mehr an Bedeutung gewinnt. Und was wir auch über die letzten Jahre sehen ist, dass die Produkte hochwertiger werden. Wir haben mehr Hardcover, mehr Veredelungen, sogar in Richtung Gold. Auf der anderen Seite beschäftigen wir uns natürlich auch mit digitalen Schnittstellen, mit Augmented Reality, mit digitalen Inhalten, mit QR-Codes in der Printanzeige und so weiter. Das sind Dinge, die sich im Markt entwickeln und wo wir Innovationen schaffen können. Grundsätzlich glaube ich an eine wachsende Tendenz von Print. Aber es werden immer mehr Produkte drumherum gebaut: Abiball-Eintrittskarten, Flaggen, Flaschen und was weiß ich was. Die Abiturienten möchten möglichst viel – was das Budget hergibt – bedrucken. Das sind für uns auch spannende Anschlussmärkte für die Zukunft.

Johannes Kautz: Augmented Reality ist sicherlich ein Thema, gerade jetzt mit den neuen Optionen, die wir anbieten, mit den neuen Veredelungen oder auch mit dem Baukastensystem. Es ist ein Zusatznutzen, den es so noch nicht gibt. Über das Thema Internationalisierung müssen wir uns weiter Gedanken machen. Es gibt aber auch die Tendenz, dass Abibälle immer größer und immer teurer werden. In der nächsten Version der App wird es sicherlich auch die Möglichkeit geben, Inhalte auch öffentlich zu stellen. Ein Pilotprojekt war übrigens, dass jeder Schüler seine Abiparty – sofern sie stattfinden kann – bei uns kostenlos im Umkreis von 50 km rund um seinen Standort promoten kann. Wir hatten gerechnet, das machen so zehn Schulen oder so. Es waren 247 in der ersten Woche, die ihre Partys sofort promotet haben, weil es natürlich eine Möglichkeit ist, mit anderen Schülern in Kontakt zu treten. Ich denke, da werden wir international noch mehr den Community-Gedanken ausspielen.

Bernd Zipper: Wir könnten jetzt noch ein paar Stunden diskutieren, denn bei mir sprudeln gerade ein paar Ideen im Kopf. Ich habe zumindest verstanden, dass Euer Job eine Mischung aus Verlag, Digitalagentur, Softwarebude, Druck, Organisator und Print Procurement ist.

Für das maßgeschneiderte Angebot für eine Zielgruppe bekämt Ihr von mir den Beyond Print Oscar – wenn wir einen hätten. Das ist es nämlich, was in Zukunft erfolgreiche Businessmodelle ausmacht. Dass ich meine Zielgruppe verstehe, mich auf ihre Seite setze und nicht Produkte anbiete, sondern Lösungen. Das finde ich beachtenswert und drücke Euch die Daumen, damit es weiter funktioniert. Ich danke Euch, dass Ihr uns so offenherzig Eindrücke mitgegeben habt.

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Klaus-Peter Nicolay ist Herausgeber und Chefredakteur der Fachmagazine „Druckmarkt“ und „Druckmarkt Schweiz“ sowie Chefredakteur von „beyondprint unplugged“. Er schreibt in den eigenen Publikationen, verfasst Fachbücher und veröffentlicht Beiträge in nahezu allen relevanten Fachmagazinen der D-A-CH-Region. Seit 1970 in der Druckindustrie tätig, begleitet der diplomierte Druck-Ingenieur die Branche seit fast 40 Jahren als Journalist. Aufgrund seiner intensiven Kontakte zur weltweiten Hersteller- und Anwenderszene kennt Nicolay die aktuellen Marktentwicklungen, bewertet, präsentiert und dokumentiert analytisch die Trends, Fakten und Hintergründe der Druckindustrie.

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