Interview: Die Roadmap für die Smart Factory

0
Unser Kollege Knud Wassermann hat Adrian Mayr, Leiter Produkt Management & Corporate Marketing von Müller Martini, befragt, wie das Unternehmen die digitale Transformation in der Druckweiterverarbeitung vorantreibt und welche weiteren Entwicklungsschwerpunkte angedacht sind. Das Thema Mass Customization wird in allen Dimensionen – Inhalt, Format und Umfang – in der Soft- und Hardcover-Produktion umgesetzt. Und Roboter werden unter anderem den Transport zwischen den einzelnen Maschinen übernehmen und so für prozessübergreifende Inline-Lösungen sorgen.

Bereits vor 15 Jahren hat der Schweizer Hersteller mit der Einführung des Workflow-Systems Connex die Basis für eine vernetzte Produktionsumgebung in der Druckweiterverarbeitung geschaffen. Heute ist die Workflow-Lösung gerade in Produktionsumgebungen, die stark vom Digitaldruck getrieben werden, ein Schlüssel zur Automatisierung und Effizienzsteigerung.

Beyondprint: Digitalisierung in der grafischen Industrie: Fluch oder Segen?

Adrian Mayr: Es ist eine Realität, an der man nicht vorbeikommt. Unternehmen, die innovativ sind und wissen, wie man mit Veränderungen umgeht, haben auch in diesem herausfordernden Umfeld Chancen. Sobald sich ein Kunde aus dem Massenmarkt verabschiedet und sich meistens ein durch den Digitaldruck geprägtes Marktsegment sucht, hat er die Chance bessere Margen zu erzielen.. Das hängt natürlich vom einzelnen Unternehmen ab, aber auch regional zeigen sich Unterschiede.

Beyondprint: Wie schätzen Sie die DACH-Region ein?

Adrian Mayr: Es gibt einige Leuchtturm-Betriebe, die sehr innovativ und im wahrsten Sinne des Wortes Wegbereiter sind. Die Mehrzahl der Betriebe agiert meines Erachtens zu verhalten. Unsere Kundenbasis in den USA treibt die Digitalisierung wesentlich stärker voran.

Beyondprint: Wie sieht die Digitalisierungsstrategie von Müller Martini aus?

Adrian Mayr: Wir hatten zur drupa 2016 den Slogan „Finishing 4.0“ eingeführt. Das ist die Klammer für unsere Digitalisierungsstrategie, die wir seitdem ganz konsequent umsetzen. Mit der Automatisierung und Vernetzung haben wir die Basis geschaffen, Produkte mit einer sehr hohen Variabilität zu verarbeiten. Mit „Touchless Workflow“ verfolgen wir darüber hinaus das Ziel, unterschiedliche Produkte komplett ohne Intervention des Bedieners herzustellen. Das ist unsere Roadmap auf dem Weg zur Smart Factory.

Beyondprint: Ist das Vision oder gelebte Praxis?

Adrian Mayr: In einigen Bereichen, wie etwa der Fotobuchproduktion, ist es schon Realität. Es ist dort noch eine Vision, wo es um vor- und nachgelagerte Prozesse geht und noch manuell eingegriffen werden muss.

Beyondprint: Die Einbindung einer umfassenden Automatisierung des Finishing in den Print-Workflow ist eine massive Herausforderung – welche Lösungen bietet hier Müller Martini an?

Adrian Mayr: Die Steuerung in der Weiterverarbeitung übernimmt unser Workflow-System Connex mit seinen unterschiedlichen Modulen. Connex ist bereits seit 15 Jahren ein fixer Bestandteil unseres Portfolios, und wir sind überzeugt, dass wir damit gut aufgestellt sind. Die Entwicklung eines Workflow-Systems ist natürlich nie abgeschlossen, da sich die Anforderungen der Kunden laufend ändern. Dem Kunden nur eine CIP4-Spezifikation in die Hand zu drücken, reicht nicht. Deshalb haben wir für die Planung und Umsetzung komplexer Projekte ein eigenes Solution-Center ins Leben gerufen und das Know-how dort gebündelt. Dadurch erzielen wir eine nahtlose Integration der Weiterverarbeitung in den Gesamt-Workflow.

Beyondprint: 2020 kam von Heidelberg das Statement, dass sich JDF für die Schaffung eines offenen und herstellerübergreifenden Workflows nicht eignet. Mit Zaikio wurde von Heidelberg eine zentrale Plattform für ein automatisiertes Lieferanten- und Kundenmanagement angekündigt. Wird Müller Martini diese Initiative unterstützen – und wenn ja: in welcher Form?

Adrian Mayr: Klar gäbe es auch andere technische Ansätze. Aber Fakt ist, dass JDF heute verfügbar und bei den Kunden etabliert ist. Der Teil, der für uns relevant ist, lässt sich mit JDF relativ gut abdecken. Wenn jemand kommt und sagt, er macht etwas Neues, dann muss es besser sein als das Vorhandene. Außerdem stellt sich die Frage der Verbreitung der Zaikio-Plattform. Egal welcher Ansatz, der muss in China genauso funktionieren wie in den USA.

Ich fand das Statement des CEO von Heidelberg interessant, und ich kann es auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, aber der Weg dorthin ist nicht ganz einfach. Die erste CIP4-Spezifikation stammt aus dem Jahr 2000. Das zeigt, wie schwierig es ist, solche Standards in der Breite zu etablieren. Deshalb muss in Verbindung mit Zaikio schon etwas sehr Überzeugendes auf den Tisch gelegt werden.

Beyondprint: Das heißt, Müller Martini ist von Zaikio noch nicht überzeugt?

Adrian Mayr: Wenn es um die Einbindung von Systemen in den Workflow unserer Kunden geht, können wir die meisten Kundenbedürfnisse mit JDF und JMF abdecken. Wobei wir grundsätzlich offen sind und einen regelmäßigen Austausch mit Zaikio pflegen. Die Idee ist interessant. Aktuell liegt unser Fokus jedoch auf unserem JDF-basierten Connex-Workflow.

Beyondprint: Wo sehen Sie als Anbieter von Finishing-Lösungen Wachstumschancen, oder läuft schlussendlich alles auf einen reinen Verdrängungswettbewerb hinaus?

Adrian Mayr: Das klassische Offsetdruck-Umfeld befindet sich nach wie vor in einer Konsolidierungsphase. Im digitalen Umfeld sehen wir für unser Portfolio klare Wachstumschancen. Hier kommt uns die Entwicklung des Marktes und der Technologie entgegen. Die Digitaldruck-Lösungen werden leistungsfähiger und qualitativ immer besser. Deshalb braucht es auch für das Finishing Lösungen, die auf einen industriellen Betrieb ausgelegt sind. Mit „aufgebohrten Büromaschinen“ wird man hier langfristig nicht konkurrenzfähig sein.

Beyondprint: Sie haben gerade in den letzten Monaten zahlreiche Innovationen in allen Produktbereichen angekündigt. Wo liegen die Schwerpunkte und was sind aus Ihrer Sicht die Highlights?

Adrian Mayr: Wir verfolgen unsere „Finishing 4.0“-Strategie konsequent weiter. Unser Sammelhefter-Portfolio haben wir im unteren und mittleren Leistungsbereich von Grund auf erneuert. Aufgrund der grossen weltweit installierten Basis sind Sammelhefter nach wie vor ein relevantes Geschäftsfeld für uns. Mit unseren beiden neuen Sammelheftern Prinova und Primera PRO können Kunden die heute vorherrschende Kleinteiligkeit in ihrer Auftragsstruktur mit modernem Equipment effizient und kostengünstig bewältigen.

Die SigmaLine III zur Fertigung von Buchblöcken richtet sich klar an den Digitaldruckmarkt. In Verbindung mit dem Klebebinder Vareo und dem Dreischneider InfiniTrim entsteht eine digitale Buchfertigungsstraße, die unseren Innovationspfad sehr gut verdeutlicht.

Beyondprint: Welche Lösung wird nach Ihrer Einschätzung den größten Impact auf die Branche haben?

Adrian Mayr: Ich glaube, es ist die Kombination aus Vareo und InfiniTrim, ergänzt durch die Hardcover-Funktionalität der Buchlinie Diamant Digital. Dadurch hat der Kunde die Möglichkeit, Soft- und Hardcover-Produkte hinsichtlich des Inhalts, Umfangs und Formats zu individualisieren.

In den USA etwa verzeichnet der Hardcover-Buchmarkt zweistellige Wachstumsraten. Bei einer Umfrage in der US-amerikanischen Druckindustrie hat sich gezeigt, dass die Unternehmen unter Personalmangel leiden und die Einhaltung der Liefertermine immer noch schwieriger wird. Das verlangt schlichtweg nach mehr Automatisierung in der Weiterverarbeitung.

Beyondprint: Mass Customization ist ein Trend, der die gesamte Wirtschaft erfasst hat. Kann Müller Martini das Thema im Finishing bereits abdecken und umsetzen?

Adrian Mayr: In Verbindung mit der SigmaLine sprechen wir von „PDF in – Book out“, was aber nicht ganz stimmt, denn die SigmaLine III liefert ja „nur“ Buchblocks. Der Slogan soll in den nächsten Jahren Realität werden – es wird vorne eine Papierrolle eingespannt und hinten kommt ein fertiges Buch heraus. Das setzt allerdings voraus, dass wir Pufferstrecken zwischen den einzelnen Arbeitsschritten einbauen, um deren Taktfrequenz aufeinander abzustimmen. Somit lassen sich einzelne Systeme zu einem Gesamtsystem zusammenführen.

Beyondprint: Die drupa fand weder 2020 noch 2021 statt. Hat das Fehlen der Leitmesse eine Auswirkung auf den Absatz Ihrer Maschinen?

Adrian Mayr: Wir sehen aufgrund der fehlenden Messen keinen direkten Einfluss auf unsere Geschäftsentwicklung. Wobei 2020 für uns alle ein sehr schwieriges Jahr war, und so wurden einige Investitionsvorhaben verschoben. Gerade im digitalen Umfeld hat sich die Auftragslage wieder sehr positiv entwickelt.

Beyondprint: Kolbus-Kunden waren skeptisch bezüglich der Übernahme durch Müller Martini und dachten sich vielfach, man will sich nur einen lästigen Wettbewerber vom Hals schaffen. Konnten Sie die Kolbus-Kunden überzeugen und für sich gewinnen?

Adrian Mayr: Wir konnten einen Großteil der Kunden davon überzeugen, dass sie auch mit Müller Martini einen verlässlichen Partner haben, der auch den Service der Kolbus-Maschinen in Zukunft gewährleistet. Die anfängliche Verunsicherung hat sich gelegt.

Intern ist die Integration von Kolbus gut über die Bühne gegangen, und die Kollegen in Rahden (Anm. d. Red. Standort von Kolbus) identifizieren sich sehr stark mit Müller Martini. Wir haben ein ausgeglichenes Portfolio mit einer Mischung von ex Kolbus und Müller Martini Maschinen und zusätzlich haben wir den Standort durch Produktverlagerungen gestärkt. Zudem entwickeln wir auch die historisch in Rahden gebauten Maschinen kontinuierlich weiter – so z.B. den Publica PRO Klebebinder.

Beyondprint: Wenn man sich das Portfolio Ihrer Mitbewerber ansieht, hört deren Leistungsfähigkeit vielfach dort auf, wo sie bei Müller Martini erst beginnt. Vergibt sich Müller Martini dadurch nicht auch Marktchancen?

Adrian Mayr: Das ist eine Frage, die wir auch intern immer wieder diskutieren. Wir sind jedoch zu dem Schluss gekommen, dass es mit unserer Struktur schwierig wäre, Maschinen mit einem geringeren Leistungsspektrum zu marktgerechten Preisen anbieten zu können. Vor diesem Hintergrund fokussieren wir uns auf den leistungsfähigen industriellen Bereich. Wohl wissend, dass es Teilmärkte gibt, die wir nicht abdecken.

Beyondprint: Layflat-Bindungen entwickeln sich ja gerade zum Hype. Welche Lösungen kann Müller Martini hier anbieten?

Adrian Mayr: Aktuell verfügen wir über keine Lösung. Wir beobachten die Entwicklung und schauen, wie die Layflat-Bindung in ein industrielles Umfeld passen könnte. Aktuell arbeiten wir mit Klebstoffherstellern zusammen, um das Aufschlagverhalten weiter zu verbessern.

Beyondprint: Roboter machen sich langsam, aber sicher auch in der Druckweiterverarbeitung breit. Wird es hier auch von Müller Martini Ansätze und entsprechende Lösungen geben?

Adrian Mayr: Ja, definitiv. Robotik ist ein elementarer Bestandteil der Smart Factory, um die noch bestehenden Lücken bei der Übergabe der Produkte zwischen den einzelnen Arbeitsschritten zu schließen, an dem wir intensiv arbeiten. Neben der Massenproduktion sollen die Roboter auch mit einer variablen Produktion klarkommen, wodurch jedoch die technologischen Anforderungen steigen.

Beyondprint: Ihre Lösungen sind vollbepackt mit Sensoren und Kameras, da ist Künstliche Intelligenz (KI) ja schon fast aufgelegt?

Adrian Mayr: Mit unserem selbstentwickelten Kamerasystem ASIR PRO gehen wir in diese Richtung. Es analysiert Druckbogen mittels 1D-/2D-Barcode- oder eines Bildvergleichs. Fehlerhafte Bogen werden erkannt und ausgeschleust. In dem Kamerasystem steckt noch viel Potenzial für KI. Da haben wir auch einige Ideen, aber es lässt sich nicht alles gleichzeitig umsetzen.

Beyondprint: Wie, glauben Sie, wird das heute oft zitierte „New Normal“ für die Druckindustrie aussehen?

Adrian Mayr: Betriebe, die sich der Digitalisierung nicht verschließen und ihre Prozesse und Maschinenparks darauf ausrichten, werden weiterhin erfolgreich sein. Den klassischen, auf Menge ausgerichteten Druckmarkt wird es sicherlich noch einige Jahre geben, allerdings wird dort die Konsolidierung aufgrund der geringen Margen weiter voranschreiten. Wenn man sich die Zahlen der Druckindustrie in den USA ansieht, so ist in gewissen Bereichen ein Rebound zu erkennen. Dass sich dieser Trend ausgerechnet in einem digital-affinen Land wie den USA zeigt, stimmt mich positiv.

Beyondprint: Glauben Sie nicht, dass in der Branche zu viel über Automatisierung und Effizienz gesprochen wird und zu wenig darüber, wie die Wertigkeit von Print gesteigert werden kann?

Adrian Mayr: Druckprodukte transportieren Emotionen. Diesen Trumpf müssen wir ausspielen, um die Attraktivität für den Empfänger, Leser und wen auch immer zu steigern. Das ist ein Thema, das die gesamte Industrie angehen muss.

Beyondprint: Herr Mayr, danke für das Gespräch!

Summary
Interview: Die Roadmap für die Smart Factory
Article Name
Interview: Die Roadmap für die Smart Factory
Description
Unser Kollege Knud Wassermann hat Adrian Mayr, Leiter Produkt Management & Corporate Marketing von Müller Martini, befragt, wie das Unternehmen die digitale Transformation in der Druckweiterverarbeitung vorantreibt und welche weiteren Entwicklungsschwerpunkte angedacht sind. Das Thema Mass Customization wird in allen Dimensionen – Inhalt, Format und Umfang – in der Soft- und Hardcover-Produktion umgesetzt. Und Roboter werden unter anderem den Transport zwischen den einzelnen Maschinen übernehmen und so für prozessübergreifende Inline-Lösungen sorgen.
Author
Publisher Name
Beyond-Print.de

Leave A Comment