Cimpress übernimmt Saxoprint, viaprinto und Laserline von Cewe – ein Deal mit Auswirkungen, die weit über Deutschland hinausreichen. Im Interview mit Bernd Zipper erläutern Robert Keane, Gründer und CEO von Cimpress, sowie Thomas Mehls, CEO der Cewe-Gruppe, warum Spezialisierung immer wichtiger wird, warum Cewe sein Online-Druckgeschäft veräußert und warum Cimpress den deutschen Markt als strategisches Testfeld betrachtet.
Bernd Zipper: Robert, in Deutschland gehört bereits WIRmachenDRUCK zu Cimpress. Warum noch in den Geschäftsbereich Kommerzieller Online-Druck (KOD) von Cewe investieren?
Robert Keane: Die Exzellenz in Fertigung und Lieferkette hat für Cimpress seit Jahrzehnten eine strategische Priorität. Die Produktionsstätte und das Führungsteam von Saxoprint in Dresden gelten in ihrem Produktbereich weithin als branchenführend, genauso wie andere Unternehmen von Cimpress bei anderen Produkten branchenführend sind. Einfach ausgedrückt: Wir tätigen diese Investion, um Synergien zu erzielen, die wir durch die Integration von Saxoprint in unser europäisches Produktionsnetzwerk erreichen können.
Bernd Zipper: Thomas, Cewe hat den Geschäftsbereich Kommerzieller Online-Druck über viele Jahre hinweg aufgebaut. Warum wird er jetzt verkauft?
Thomas Mehls: Der strategische Fokus von Cewe liegt im Fotofinishing, wo wir uns eine führende Position aufgebaut haben und wo wir erhebliches weiteres Wachstum sehen. Die Führung unseres Geschäftsbereichs Kommerzieller Online-Druck erforderte eine andere Wettbewerbsausrichtung. Wir kamen zu dem Schluss, dass den Kunden, den Mitarbeitern und dem Potenzial des Geschäftsbereichs am besten mit einem Eigentümer gedient ist, dessen Kerngeschäft dem von KOD entspricht.
Bernd Zipper: Robert, Cimpress verfügt über viele Marken und Unternehmen, die europaweit im Wettbewerb stehen. Und neben dieser Transaktion habt ihr kürzlich auch in Mixam und Truyol investiert. Wie funktioniert dieses Portfolio in der Praxis?
Robert Keane: Cimpress hilft jedes Jahr über zehn Millionen Unternehmen dabei, ihre Marken aufzubauen, sich abzuheben und durch maßgeschneiderte physische Marketingprodukte und Markenartikel zu wachsen. Um so viele Kunden gut bedienen zu können, möchten wir, dass sich unsere verschiedenen Marken durch unterschiedliche Kundenversprechen auszeichnen. So kann Cimpress als Ganzes die Bedürfnisse eines großen, vielfältigen und wettbewerbsintensiven Marktes bestmöglich bedienen. Jede Marke bedient ihre Kunden nach ihren eigenen Maßstäben, mit ihrer eigenen Identität und ihrem eigenen Ansatz.
Und der Zugang zu einigen wenigen gemeinsamen strategischen Fähigkeiten, zum Beispiel unserer Mass-Customization-Plattform, schafft einen höheren Mehrwert für die Kunden.
Bernd Zipper: Was sagt dieser Deal über die Zukunft des online-generierten Druckmarktes (OGPR = Online generated Print revenues) aus, der laut zipcon-Daten über 8 Milliarden Euro beträgt, und über den Druckmarkt im Allgemeinen, der ein Vielfaches davon ausmacht?
Thomas Mehls: Es zeigt, dass man im Wettbewerb am besten bestehen kann, wenn man sich fokussiert, also die bestmögliche Lösung für eine bestimmte Art von Kunden und Produkten entwickelt. Was Cewe betrifft, so liegt unsere Kernkompetenz darin, einzelnen Kunden hochwertige Fotoprodukte zu liefern, weshalb wir hervorragende Kundenbewertungen und eine hohe Kundenbindung haben. Diese Transaktion ermöglicht es uns, uns auf unser Spezialgebiet zu konzentrieren, es zu verbessern und dort zu wachsen.
Robert Keane: Ich stimme Thomas voll und ganz zu. Spezialisierung ist entscheidend. Ich betrachte Cimpress nicht als großes Unternehmen – ich sehe es als ein Unternehmen fokussierter Spezialisten. Wir agieren in einem riesigen Markt mit einer Vielzahl sehr guter Wettbewerber, von traditionellen Druckereien, die sich durch enge Kundenbeziehungen auszeichnen, über neue Marktteilnehmer wie Amazon, viele geschlossene Portale, Onlinedruckereien wie uns bis hin zu digitalen Medien und nun dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz, die alle Bereiche unseres Marktes beeinflusst. Um in einem derart wettbewerbsintensiven Markt zu wachsen, muss man sich spezialisieren, um verschiedene Kundengruppen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Qualität, Services, Produktpaletten und Preisen anzusprechen, die jeder einzelne Kunde wünscht.
Bernd Zipper: Robert, was bedeutet die Übernahme des Produktionswerks von Saxoprint für das Gleichgewicht zwischen eigenem Druck und der Zusammenarbeit mit externen Druckpartnern bei Cimpress?
Robert Keane: Dank seiner branchenführenden Produktionskapazitäten konnte Saxoprint preisbewusste Kunden mit hochwertigen Produkten bedienen. Dadurch wurden Kundenbeziehungen aufgebaut, die es Cimpress ermöglichen werden, eine breite Palette von Produkten aus unserem Netzwerk von Druckpartnern bei Saxoprint einzuführen. Wir sind über viele Jahre hinweg gemeinsam mit unseren Druckpartnern gewachsen und beabsichtigen, dies auch weiterhin zu tun. Der Markt für Akzidenzdruck ist riesig, und wenn wir wettbewerbsfähiger sind – in diesem Fall dank Saxoprint –, schafft das Wachstum und Chancen für unsere Druckpartner.
Bernd Zipper: Cewe verkauft online und über Einzelhandelspartner. Ebenso verkauft Cimpress online und über Wiederverkäufer, bei denen es sich oft um Druckereien oder Agenturen mit physischer Präsenz handelt. Und ihr beide seid in vielen Ländern Europas erfolgreich unterwegs. Was sagt uns das über den Wettbewerb in euren jeweiligen Märkten?
Robert Keane: Die Unterscheidung zwischen Online und Offline ist aus Kundensicht eigentlich keine trennende Linie. Ein erheblicher Anteil des breiteren kommerziellen Onlinedruck-Marktes läuft über Online-Portale, was eure eigene Forschung bei zipcon gut dokumentiert hat, und diese Portale liegen irgendwo zwischen den Kategorien Online und Offline. Darüber hinaus wird der Großteil des Marktes nach wie vor von Offline-Anbietern bedient, da viele Endkunden den persönlichen Kontakt zu ihrem Druckdienstleister sehr schätzen.
Ebenso entscheiden sich Kunden selten danach, aus welchem europäischen Land ein Anbieter stammt. Sie suchen nach den Marken, die ihnen den besten Service bieten, weshalb der Wettbewerb europaweit stattfindet.
Bernd Zipper: Eine letzte Frage an euch beide: Der deutsche Onlinedruck-Markt steht seit mehreren Jahren unter Druck. Robert, siehst du zukünftiges Wachstum in Deutschland, wie sieht die Zukunft aus? Und Thomas, wie sieht das nächste Kapitel von Cewe aus?
Robert Keane: Wir sind langfristige Unternehmer, die in Jahrzehnten denken, keine Finanzinvestoren, die mit der Erwartung kaufen, ihre Unternehmen fünf Jahre später wieder zu verkaufen. Wir sehen einen riesigen Markt in ganz Europa, und selbst bei unserer Größe bedienen wir nur einen kleinen Teil in jedem Längermarkt. Wir werden weiterhin nach Möglichkeiten suchen, unsere Kunden besser zu bedienen, so wie wir es schon immer getan haben. Was speziell Deutschland betrifft: Es ist der anspruchsvollste Markt der Welt für Onlinedruck, daher ist es an sich schon ein strategisches Ziel, hier erfolgreich zu konkurrieren, denn das macht alles, was wir tun, überall besser.
Thomas Mehls: Im nächsten Kapitel von Cewe geht es um noch mehr Fokussierung. Wir haben eine starke Position im Fotofinishing und sehen erhebliches Wachstumspotenzial, sowohl in unseren Kernmärkten als auch in neuen Märkten. Die Entscheidung, den Kommerziellen Online-Druck zu veräußern, dient dazu, sicherzustellen, dass sich unser Managementteam, unsere Investitionskapazität und unsere strategische Energie ganz auf das ausrichten, wo wir den größten Mehrwert schaffen können. Diese Chance ist das Fotofinishing, und wir freuen uns auf das, was vor uns liegt.

