Kommentar: AI – Wo bleibt der Mensch?

Künstliche Intelligenz in der Druckindustrie? Ja, wird kommen, ohne Zweifel. Aber je klüger die Systeme werden, desto höher wird das Risiko, dass sie nicht mehr beherrschbar sind.

Alle, die mich näher kennen, wissen auch, wie schwer mir der nachfolgende Satz fällt: Dieser Tage war ich begeistert von Kanzlerin Merkel! Denn während ihrer Visite beim scheidenden Tenno Akihito in Japan besuchte sie die Keio-Universität und sprach über den „unkontrollierten Einsatz von künstlicher Intelligenz“. Gut, mag man meinen, die Dame hat davon eh keine Ahnung – aber was als Kernaussage auf den Tisch kam, hat mich „mitgenommen“.

Ja, zugegeben: Ich bin fasziniert von AI (Artificial Intelligence = Künstliche Intelligenz) und von Robotern, die uns in der Printproduktion das Leben leichter machen können sowie Arbeitsvorgänge optimieren. Aber ich mache mir auch Gedanken darüber, wer diese Maschinen bedienen soll – und was aus den vielen Arbeitskräften wird, die wir dort bis dato eingesetzt haben? Eine 400-Euro-Kraft, die das Geld dringend benötigt, wird nicht von heute auf morgen Roboter-Operator. Und der Kollege an der Stanzmaschine auch kein AI-Programmierer. Was also wird passieren? Werden Mitarbeiter nicht mehr benötigt, werden sie knallhart wegrationalisiert. Zyniker würden jetzt sagen: „Tja – hätten die mal was Gescheites gelernt – dann würde einer Weiterbeschäftigung nichts im Wege stehen.“ Das ist nicht nur zynisch, das ist grausam rücksichtslos!

Denn mal ganz ehrlich: Was hätte man vor zehn oder 20 Jahren lernen (können oder) sollen, um heute Operator in einem Industrie-4.0-Unternehmen sein zu können? Also bleibt beim Einsatz von AI und Robotik doch der eine oder andere Mitarbeiter auf der Strecke! Mitarbeiter, deren Wissen über Papierverhalten, Druckeigenschaften etc. wir eigentlich dringend benötigen. Eigentlich.

Und schon kommt die nächste Frage: Wo bekommen wir überhaupt Arbeitskräfte her, die mit dem Know-how eines Technikers, Programmierers und eines Druck- oder Weiterverarbeitungsfachmannes (oder einer Fachfrau) gesegnet sind? Wo können solche Mitarbeiter überhaupt ausgebildet werden? Kann man so etwas überhaupt irgendwo lernen? Fragen, die man bei all der Euphorie über die Segnungen der Technik gerne vergisst.

Nun habe ich dieser Tage intensiv mit Jörg Schieb diskutiert. Er hat schon in den 1980er Jahren Bücher über Computer geschrieben, die ich am laufenden Meter verschlungen habe. Er ist als ARD-Experte für die IT- und Onlinewelt jemand, der nicht nur mit Chuzpe und Freude an Onlinethemen herangeht, sondern stets mit einem kritischen Blick. Im Gespräch mit ihm (beyond-print.unplugged) – kamen mir genau die zuvor beschriebenen Gedanken. Wer zahlt letztlich für diese schöne neue Online-Welt mit AI und Robotik?

Nun könnten wir ja sagen: „Egal – wir drucken online, optimieren bis die Luft brennt. Das ist unser Ecosystem und der Rest ist uns egal“. Aber gesellschaftlich betrachtet, muss man sich dennoch Gedanken machen. Warum? Weil jeder Mitarbeiter auch sein eigenes wirtschaftliches Ecosystem unterhält: Seine Familie. Und die kaufen online, drucken (manchmal) online, bestellen Fotobücher oder was auch immer – sie sind also Teil unseres Absatzmarktes. Was aber, wenn wir all diejenigen rauswerfen, deren Job wir automatisieren können? Ja, die Rendite stimmt – kurzfristig gedacht. Aber langfristig?

„Wir brauchen in der Druckindustrie dringend Mitarbeiter der Qualifikationsstufe 4.0, also Mitarbeiter, die in der Lage sind, die digitalen Zusammenhänge in Print 4.0 zu verstehen und innerhalb dieser digitalen Wertschöpfungskette einsetzbar ist.“ – Bernd Zipper

Und nun kommt Kanzlerin Merkel daher und bringt es auf den Punkt: „Was wir tun, muss dem Menschen dienen“. Die Frau ist Physikerin, keine Pfarrerin – aber mahnend erläutert sie, dass AI entmystifiziert werden muss und wir ein „nüchternes Verhalten“ zu ihrem Einsatz entwickeln sollten. Und dann fragt Angela Merkel weiter: „Wenn ich einen Chip in mein Gehirn bekäme, damit ich schneller oder besser denken kann – bin ich dann auch noch derselbe Mensch?“ In ihren Ausführungen erläutert sie, dass man eines Tages Denken lesen kann und fragt: „Wollen wir das?“ Recht hat sie. Wir müssen ethische „Leitplanken“ für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz – und ich füge hinzu – Robotik entwickeln. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit diesen Themen umgehen und wie wir Menschen dazu befähigen, AI und Co zu beherrschen. Schon allein, um den Kreislauf „Produktion – Verkauf – Verbrauch – Produktion“ nicht zu zerstören. Wir können nicht alles weg-disruptieren, nur um kurzfristig eine höhere Rendite zu erwirtschaften.

Gut, kann man jetzt fragen, in was hat sich der Zipper denn jetzt verrannt? Hat er einen akuten Anfall von humanem Sozialverhalten? Spielt keine Rolle, denn wahr bleibt: Nur wenn Technik dem Menschen dient und nicht der Mensch der Technik, werden wir langfristig Geld verdienen. Und das gilt für nahezu jede Branche. Automatisierung ist gut – ich bin einer der größten Fans davon. Wir müssen Menschen aber gleichzeitig dazu befähigen, diese Automatisierung zu beherrschen und „nützlich“ zu machen.

Was bleibt also? Der legendäre Flugzeug-Pionier und Unternehmer Hugo Junkers handelte nach der Devise: „Wer stärker ist als andere, trage Mitverantwortung für sie.“ In diesem Sinne zwei Forderungen an uns, als Unternehmer, als Führungskräfte – als Teilnehmer des Gesamtsystems:

  1. AUSBILDUNG! Wir brauchen eine gescheite Ausbildung für unsere Mitarbeiter, damit sie die Maschinen der Generation Industrie 4.0 bedienen, beherrschen und weiterentwickeln können. Diese Mitarbeiter 4.0 müssen aus- und weitergebildet werden. Hier sind Schulen, Innungen, Universitäten und letztlich auch Verbände in der Pflicht.
  2. REGELN! Wir brauchen ethische Regeln, wie wir mit Industrie 4.0 umgehen! Regeln dafür, wie wir Menschen, die wir in der Konfektionierung nicht mehr benötigen, anderweitig unterbringen oder ihnen zumindest eine Perspektive bieten, sich – mit unserer Unterstützung – weiter zu qualifizieren.

My Take: Interessant, dass Jörg Schieb in Bezug auf Google und Co in die gleiche Richtung denkt: AI muss kontrolliert werden. Und genau das ist das Thema, das Kanzlerin Merkel auch auf dem G20 Gipfel unterbringen will. Zum Schutz der Menschen vor den „allmächtigen“ Datenkraken muss es ein gemeinsames, internationales Vorgehen und einen Plan geben. Ein guter Vorsatz – und es wird Zeit, dass eine der führenden Industrienationen der Welt (ja, sind wir immer noch – trotz aller Lästerei)  einen Prozess anschiebt und eine Diskussion. Die ist notwendig, denn was da auf uns zukommt, ist wohl den wenigsten Mitmenschen bewusst. Daher ist jetzt ein gesellschaftlicher Diskurs notwendig – sonst dienen wir den Datenkraken auch als Ecosystem: Als machtlose Datenlieferanten und manipulierbare Elemente. Wow – wusste gar nicht, dass ich mich so über das Thema aufregen kann.

Wie geht es Ihnen dabei? Schreiben Sie mir: bz@beyond-print.de

Glückauf – ´s wird schon 😉

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Künstliche Intelligenz: Wo bleibt der Mensch?
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Künstliche Intelligenz: Wo bleibt der Mensch?
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Künstliche Intelligenz in der Druckindustrie? Ja, wird kommen, ohne Zweifel. Aber je klüger die Systeme werden, desto höher wird das Risiko, dass sie nicht mehr beherrschbar sind.
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beyond-print.de

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