Kooperation ist für Zauderer. Die „Schwarze Zunft“ macht Ernst.

0

Drei Druckereien machen aus einem losen „Man kennt sich“ eine feste Firma. Das ist keine Nachricht aus der Rubrik Personalien. Das ist eine aus der Rubrik Überleben.

Das gefährlichste Wort der Druckindustrie ist nicht „Digitalisierung“, nicht „Fachkräftemangel“ und nicht einmal „Onlineprinter“. Es ist „Kooperation“. Hinter diesem Wort verstecken sich seit zwanzig Jahren Absichtserklärungen ohne Absicht, Partnerschaften ohne Vertrag und Netzwerke, die beim ersten Preiskampf zerfallen wie ein nasser Karton. Auf jeder Messe wird beschworen, dass man mehr zusammenarbeiten müsste. Dann fährt jeder nach Hause und kauft allein eine Maschine, die er allein nicht auslasten kann.

Butz & Bürker, Hupfauf Druck und Rudolph Druck haben dieses Wort jetzt aus ihrem Vokabular gestrichen. Sie haben stattdessen eine Gesellschaft gegründet. Mit allem, was dazugehört: geteilte Verantwortung, geteiltes Risiko, geteilter Erfolg. „Schwarze Zunft“ heißt das Konstrukt, und selten hat ein Firmenname so präzise gesagt, worum es geht: Können, Zusammenhalt und keine Lust mehr, sich vom Markt einzeln abfrühstücken zu lassen.

Drei Standorte, drei Kompetenzen, null Doppelung

Die Arbeitsteilung ist klar geschnitten. Butz & Bürker aus Karlsruhe bringt Veredelung, Stanzen und Kartenerzeugnisse ein. Hupfauf Druck aus Schrobenhausen steht für Offsetdruck, Sonderfarben und Kuvertfertigung. Rudolph Druck aus Schweinfurt übernimmt industriellen Inkjetdruck und anspruchsvolle Bindetechniken. Die neue Gesellschaft dient als strategisches Dach, unter dem Kapazitäten und Know-how vernetzt werden. Kein Betrieb muss mehr alles können. Jeder muss nur das können, was er ohnehin am besten kann.

Veit Rudolph beschreibt den Weg dorthin nüchtern: „Wir haben schon lange partnerschaftlich zusammengearbeitet und intensiv über Synergien diskutiert. Irgendwann war klar: Wenn wir den Markt wirklich voranbringen wollen, müssen wir unsere Kooperation auf ein neues Level heben und fest verankern.“ Fest verankern. Genau dieses Wort trennt die Schwarze Zunft von den hundert Kooperationsrunden, die vor ihr im Sande verlaufen sind. Ein Handschlag hält, solange es allen gut geht. Ein Gesellschaftsvertrag hält auch, wenn es wehtut.

Positionierung statt Preiskampf

Thomas Karcher von Butz & Bürker liefert die strategische Begründung gleich mit: „Die großen Druckkonzerne sind stark darin, Massenware im Standardformat abzuwickeln. Wir hingegen besinnen uns auf die Stärken der ‚Schwarzen Zunft‘: echtes Können, Qualität und die Bündelung unserer Kräfte genau dort, wo individuelle Lösungen und besondere Anforderungen gefragt sind.“

Das ist keine Abgrenzung aus Trotz, das ist eine Positionierung mit Verstand. Wer gegen Onlineprinters, Cimpress und Co. beim Standardflyer antritt, hat schon verloren. Wer dort antritt, wo Standard nicht reicht, hat ein Geschäftsmodell. Die Schwarze Zunft besetzt bewusst die Nische, in der Beratung, Veredelung und Sonderlösungen zählen. Und sie tut das mit drei Betrieben, die zusammen ein Leistungsspektrum abdecken, das jeder einzeln nie glaubwürdig hätte anbieten können.

Die Zahlen hinter der Entscheidung

Der Bundesverband Druck und Medien zählt in seinem Branchenbericht vom August 2025 rund 6.300 überwiegend kleine und mittelständische Druck- und Medienbetriebe mit etwa 99.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung lag 2024 bei lediglich 74,9 Prozent. Der Produktionsindex sank im Jahresdurchschnitt um rund 5,2 Prozent, nach minus 13,1 Prozent im Jahr davor.

Übersetzt: Ein Viertel der Kapazität steht still. Nicht, weil es zu wenig Aufträge gäbe, sondern weil zu viele Betriebe dieselben Maschinen vorhalten und sich gegenseitig die Auslastung wegnehmen. Genau hier setzt die Schwarze Zunft an. Drei Betriebe müssen nicht dreimal dieselbe Veredelungslinie, dreimal denselben Inkjet und dreimal dieselbe Kuvertfertigung bezahlen. Jeder investiert dort, wo er stark ist. Die Auslastung steigt, die Fixkosten pro Auftrag sinken. Daniel Hupfauf bringt den operativen Kern auf den Punkt: „Durch die Gründung stellen wir sicher, dass jeder Auftrag ohne Umwege bei dem Spezialisten landet, der ihn technisch und qualitativ am besten umsetzen kann.“ Das ist exakt das Prinzip, mit dem die großen Online-Netzwerke arbeiten. Nur in mittelständischer Größe und mit Gesichtern statt Ticketsystemen.

Der Agentic-Faktor

Und jetzt der Teil, den die drei vielleicht noch gar nicht auf dem Zettel haben, der ihre Entscheidung aber noch wertvoller macht. In der Welt, auf die die Branche zusteuert, kaufen nicht mehr nur Menschen Druck ein. KI-Agenten werden Aufträge anfragen, vergleichen und platzieren. Ein Agent fragt nicht nach dem Firmenschild an der Tür, er fragt nach Fähigkeiten, Kapazitäten, Lieferzeiten und Qualitätsnachweisen. Ein Verbund, der drei Kompetenzprofile unter einem Dach vereint und Aufträge intern an den besten Spezialisten routet, ist für diese Welt strukturell besser aufgestellt als drei Einzelkämpfer. Die Schwarze Zunft hat, ob bewusst oder nicht, die organisatorische Vorarbeit für Agentic Print geleistet. Was noch fehlt, ist die digitale Schnittstelle, über die das Netzwerk nach außen als ein Anbieter auftritt. Das ist der nächste logische Schritt, und ich wette, er kommt.

My Take: Ich sage seit Jahren: In disruptiven Zeiten ist das Netzwerk der Überlebensgarant. Nicht die größte Maschine, nicht der niedrigste Preis, sondern die Fähigkeit, Stärken zu bündeln und Schwächen zu delegieren. Die Schwarze Zunft ist das erste Beispiel seit langem, bei dem drei Mittelständler das nicht nur sagen, sondern gesellschaftsrechtlich festschreiben. Das verdient Respekt und, ehrlich gesagt, Nachahmer.

Der Name ist übrigens keine Nostalgie, sondern eine Ansage. Die alten Zünfte waren genau das: Netzwerke zur Sicherung von Qualität, Ausbildung und Marktzugang. Dass dieses Modell im Jahr 2026 wieder modern wird, sagt mehr über die Branche aus als jede Marktstudie. Was jetzt zählt: Zahlen. Auslastung, gemeinsamer Umsatz, Anteil der intern gerouteten Aufträge, in zwölf Monaten auf den Tisch. Denn ein gutes Beispiel wird erst dann zur Blaupause, wenn es messbar ist. Bis dahin gilt: Karlsruhe, Schrobenhausen und Schweinfurt haben verstanden, was viele noch diskutieren. Machen statt meinen. Zunft statt Zaudern.

Summary
Kooperation ist für Zauderer. Die „Schwarze Zunft“ macht Ernst.
Article Name
Kooperation ist für Zauderer. Die „Schwarze Zunft“ macht Ernst.
Description
Drei Druckereien machen aus einem losen "Man kennt sich" eine feste Firma. Das ist keine Nachricht aus der Rubrik Personalien. Das ist eine aus der Rubrik Überleben. Das gefährlichste Wort der Druckindustrie ist nicht "Digitalisierung", nicht "Fachkräftemangel" und nicht einmal "Onlineprinter". Es ist "Kooperation". Hinter diesem Wort verstecken sich seit zwanzig Jahren Absichtserklärungen ohne Absicht, Partnerschaften ohne Vertrag und Netzwerke, die beim ersten Preiskampf zerfallen wie ein nasser Karton.
Author
Publisher Name
Beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

Leave A Comment