Krisenzeiten: Amazon schaltet Merch ab

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Nachdem das öffentliche und wirtschaftliche Leben in Deutschland runtergefahren wurde, kommt dem Onlinehandel eine besondere Bedeutung zu. Wie ist es dann zu verstehen, dass Amazon seinen Print-on-Demand-Service Merch abschaltet?

Der Shutdown sei zunächst einmal nur auf die USA begrenzt, heißt es. In England und Deutschland bleibe die Dienstleistung erhalten. Allerdings meldet die E-Commerce-News-Plattform Wortfilter.de, auch hier seien bereits Einschränkungen erkennbar. Händler beklagten, dass sie keine neuen Motive mehr hochladen könnten. In amerikanischen Foren, auf denen wir uns umgesehen haben, ist der Aufschrei groß, der Ärger genauso, da Fragen unbeantwortet bleiben und etlichen Nutzern zugleich die Einnahmen wegbrechen.

Ein verlockendes Geschäftsmodell

Da rächt sich für die Händler jetzt möglicherweise das verlockende Geschäftsmodell, das es beispielsweise Designern einfach macht, in den Merchadising-Markt einzusteigen – ohne Investitionen in eine eigene Website, ohne Online-Werbung, ohne Einkauf und Lagerhaltung und ohne eigenes Equipment für die Produktion wie etwa Druckmaschine oder andere Geräte.

Merch by Amazon (MbA) ist ein klassischer Print-on-Demand-Service, bei dem sich Merchandise-Artikel wie T-Shirts im eigenen Design herstellen lassen. Registrierte Nutzer können Designs hochladen und damit T-Shirts und andere Produkte gestalten, die anschließend auf Amazon angeboten werden.

Sobald ein Interessent das Produkt kauft, wird der Artikel von Amazons Partnern on demand gedruckt und per Prime-Versand an den Kunden ausgeliefert. Der Designer erhält aber nicht den vollen Verkaufspreis, sondern eine Royalty von Amazon, die beispielsweise knapp 20% vom Erlös betragen kann. So verbleiben beispielsweise für ein verkauftes T-Shirt zum Preis von knapp 20,00 Euro etwas weniger als 4,00 Euro.

Die Ende 2015 in den USA gestartete Plattform Merch by Amazon ist mittlerweile so beliebt, dass neue Designer nur noch nach einer Bewerbung zugelassen werden. Die ursprüngliche Idee war es, eine Möglichkeit zu bieten, ohne großen Aufwand eigenes Merchandise vertreiben zu können. Aus dieser Idee hat sich MbA schnell zu einem ernstzunehmenden Player im T-Shirt-Business entwickelt und immer mehr Nutzer angezogen. Seit Sommer 2018 mischt Merch by Amazon auch in Deutschland und Großbritannien als Alternative zu bisher gängigen T-Shirt-Plattformen wie Spreadshirt am Markt mit und versteht sich als wichtige Ergänzung.

International betrachtet leben viele kleine Unternehmer vom Verkauf derart individualisierter T-Shirts über Amazon Merch. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. Auch noch so clevere Geschäftsmodelle haben ihre Schattenseiten.

Shutdown wegen fehlender Mitarbeiter?

Als Grund für den Shutdown gibt Amazon die Priorisierung des Versands auf einzelne Kategorien an. Weil in der jetzigen Krisensituation mehr Menschen online einkaufen, seien zurzeit stark nachgefragte Produkte entweder nicht vorrätig oder aber der Nachschub stocke. Das sind etwa Haushalts- und Körperpflegeprodukte, Lebensmittel, Babyartikel oder Haustierbedarf. Deshalb zieht Amazon diese Produkte nach eigenen Angaben im Wareneingang vor, um sie schneller annehmen und wieder versenden zu können.

„Nachdem inzwischen stationäre Geschäfte geschlossen sind, die als nicht lebensnotwendig eingestuft wurden, scheint der Onlinehandel allmählich überfordert zu sein. Wir werden diese Entwicklung weiterhin beobachten und berichten.“ – Bernd Zipper.

Die Kehrseite der Medaille: Alle Produkte, die nicht zu diesen stark nachgefragten Kategorien gehören, werden wesentlich langsamer ausgeliefert. Chip.de berichtet, dass Amazon viele Produkte nicht mehr liefert oder die Kunden ihre Bestellung erst sehr viel später erhalten. Bei Schmuck oder Bekleidung kommt es zu Wartezeiten von 3 bis 4 Wochen, bei Büchern und Software beträgt die angegebene Lieferzeit durchschnittlich 10 Tage. Oder es kommt – wie im Fall Merch by Amazon gar nichts mehr.

Die Begründung der Priorisierung mag ja für das veränderte Lieferverhalten bei Amazon noch herhalten, aber auch für das Abschalten des Print-on-Demand-Services, der ja angeblich so erfolgreich ist?

Es könnte aber auch einen ganz anderen Grund geben: fehlende Mitarbeiter. Es halten sich nämlich hartnäckig Gerüchte, dass in den USA nur noch 40% der Amazon-Mitarbeiter zur Arbeit erscheinen. Nicht umsonst hatte Amazon letzte Woche angekündigt, in den USA 100.000 Mitarbeiter einstellen zu wollen.

Der Blick auf die USA lässt ohnehin schaudern. Mit mehr als 140.000 gemeldeten Fällen (Stand 29. März) gibt es in keinem Land der Welt so viele Corona-Infizierte wie in den USA. Corona-Brennpunkte sind San Francisco, New York – und Seattle, Stammsitz von Amazon. Bereits Anfang März bestätigte das E-Commerce-Unternehmen, dass sich ein Mitarbeiter in Seattle mit dem Coronavirus infiziert hat. Weitere Fälle folgten in anderen Amazon-Logistikzentren. Inzwischen soll es schon zu Streiks gekommen sein, da sich die Mitarbeiter unzumutbaren Infektionsrisiken ausgesetzt sehen und die Arbeit verweigern.

Was in Amerika brutale Folgen haben kann. Denn anders als hierzulande feuern kleine wie große Firmen reihenweise ihre Belegschaft. Kündigungsschutz gibt es kaum, Kurzarbeit sowieso nicht. Und vor dem Hintergrund, dass es in den USA kein wie bei uns ausgedehntes Krankenversicherungs-Netz gibt, trifft es die Menschen, die auf die Straße gesetzt werden, besonders hart.

Bernd Zipper My Take: Viele Onlinehändler konnten im Januar und Februar 2020 im Vergleich zum Vorjahr noch ein dickes Wachstum verzeichnen. Ab der 12. Kalenderwoche ging es jedoch rapide nach unten. Nachdem inzwischen stationäre Geschäfte geschlossen sind, die als nicht lebensnotwendig eingestuft wurden, scheint der Onlinehandel allmählich überfordert zu sein. Bei Amazon in Deutschland werden Produkte nach Wichtigkeit sortiert und als wichtige Waren des täglichen Bedarfs priorisiert. Selbst Amazon scheint dabei an seine Grenzen zu stoßen und kann die Lieferkette zeitlich nicht mehr aufrecht erhalten. Wir werden diese Entwicklung weiterhin beobachten und berichten.
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beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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