Markt: Canva übernimmt Affinity-Entwickler Serif – eine Kampfansage an Adobe?

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Wenn es um professionelle Bildbearbeitung oder die Erstellung von Druckdaten geht, führte lange kein Weg an Adobe vorbei. Als ernstzunehmende Alternative zu Photoshop, InDesign und Illustrator hat sich über die letzten Jahre jedoch der britische Software-Entwickler Serif mit seinen Affinity-Produkten entwickelt – während im B2C-Markt und bei Content-Creators für Social-Media die Designplattform Canva immer beliebter wurde. Nun hat Canva Serif übernommen – und schickt damit eine klare Kampfansage in Richtung Adobe.

Anzeichen dafür, dass Canvas Pläne für die eigene Designplattform größer sind, als „nur“ der templatebasierte und damit einfach anzuwendende Editor zu sein, gibt es einige, und das schon seit Jahren. Nicht nur, weil das Unternehmen, das hinter Canva steht, etwa schon früh Bilddatenbanken wie Pixabay und Pexels oder Start-ups wie Kaleido AI oder Smartmockups übernahm, sondern auch, weil es sich sukzessive mit Onlinedruck-Dienstleistern zusammengetan hat. Helloprint und Flyeralarm sind nur zwei bekannte Namen derer, die den Canva-Designer in ihr eigenes Portfolio integriert haben, um den Kunden das Gestalten noch einfacher zu machen – zugleich hat sich die Design-Plattform mit Canva Print ein Netzwerk an Druckereidienstleistern aufgebaut und geht damit in gewisser Weise auch in Konkurrenz zu Onlinedruckereien, wie wir bereits 2021 hier auf beyond-print.de feststellten.

Seitdem hat Canva sein Portfolio sukzessive weiter ausgebaut, insbesondere um KI-basierte Tools und Features, wie etwa Magic Studio mit Magic Design, einem Skalierungs-Tool, einem Video-Generierungs-Feature oder – nach der Übernahme des britischen Start-ups Flourish – mit interaktiven Funktionen zur Datenvisualisierung. Außerdem wurde vor einem knappen Jahr der erste offizielle Firmensitz von Canva auf dem europäischen Kontinent eröffnet, der Canva Campus in London.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Canva ist längst ein ernstzunehmender Player im Kreativmarkt geworden: mit weltweit über 4.000 Mitarbeitern und nach eigenen Angaben mehr als 170 Millionen Nutzern in 190 Ländern. Wie viele davon zahlende Kunden sind, behält das Unternehmen wie in den vergangenen Jahren jedoch für sich.

Des einen Leid …

Und während die einen in Canva vielversprechende Kooperationspartner sehen, gerät Adobe schleichend, aber stetig unter Druck. Denn nachdem der Platzhirsch im Kreativmarkt im September 2022 ankündigte, die kollaborative Design-Plattform für UX- und Webdesign Figma für 20 Mrd. US-Dollar übernehmen zu wollen, musste Adobe die Übernahmepläne Ende 2023 beerdigen – die Bedenken der europäischen Kartellämter und ihres britischen Pendants CMA konnten nicht aus der Welt geschafft werden. Der Deal platzte.

Anders bei Canva, die Ende März mit einer Nachricht für Aufmerksamkeit sorgten, die auch Adobe bitter schmecken wird: Für umgerechnet mehr als 607 Mio. Euro (eine Mrd. Australische Dollar) hat Canva Serif Labs übernommen, den Entwickler und Mutterkonzern der Affinity-Suite. Seitdem gehört das britische Unternehmen mit Sitz in Nottingham, England, mitsamt seines mehr als 90 Mitarbeiter umfassenden Teams zu Canva.

Die Software-Lösungen Affinity Photo, das als Gegengewicht und kostengünstige, aber leistungsstarke Alternative zu Adobe Photoshop im Markt platziert ist, Affinity Designer als Alternative zu Adobe Illustrator und Affinity Publisher als Alternative zu Adobe InDesign, sollen weiterhin wie gewohnt angeboten werden. Und das bedeutet: als Kaufversionen. Denn Serif Labs verfolgte bis heute bewusst nicht den Weg des Software-Abos, sondern setzte auf kostengünstige Kaufversionen. Anders als Adobe – und auch anders als Canva es mit seinen bisherigen Applikationen verfolgt.

Die Affinity-Software wird Stand April 2024 laut Serif Labs von mehr als 3 Millionen Anwendern genutzt und hat sich in der Kreativwelt längst einen Namen gemacht, vor allem auch unter professionellen Usern. Logisch, dass viele davon nun in der Übernahme durch Canva den schleichenden Wechsel hin zum Abomodell eingeleitet sehen. Ob es tatsächlich so kommen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation. Wenngleich der Gedanke natürlich naheliegend ist.

…ist des‘ anderen Freud

Für Canva ist es ein cleverer Schachzug. Denn obwohl die Tools von Canva inzwischen so mächtig und so vielfältig einsetzbar sind, haftet ihnen doch – zumindest in der Welt der professionellen Kreativ-Branche – noch immer das Etikett an, „zu einfach“ zu sein und nicht genügend Gestaltungsmöglichkeiten anzubieten – Stichwort Typografie, wo sich vor allem die Nutzer, die professionell in der Gestaltung von Designs tätig sind, häufig mehr Funktionen wünschten. Canvas Ansatz lag jedoch von Beginn an darin, die Gestaltung zu vereinfachen und so auch für Menschen zugänglich zu machen, die kein Design-Know-how besitzen.

My Take: Angetrieben durch die boomende Creator-Economy, strategische Übernahmen und Kooperationen und nicht zuletzt auch durch KI ist Canva längst zu einem Big Player im Kreativ-Markt geworden, der mit einem geschätzten Umsatz von 2 Mrd. US-Dollar auch eine große Schlagkraft hat. Mit Serif Labs an Bord, inklusive der Affinity-Suite, richten sich die Macher nun ganz gezielt an Professionals – die Kernzielgruppe von Adobes wohl prominentesten Produkten: Photoshop, Illustrator und InDesign. Für den „Platzhirsch“ dürfte der Canva-Affinity-Deal daher vor allem eins sein: eine Kampfansage. Man darf gespannt sein, wie sich die Dinge bei beiden Anbietern entwickeln werden. BEYONDPRINT wird dranbleiben.

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Beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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