Markt: Digitales Schaufenster für personalisierte Printprodukte

0

Ob es uns gefällt oder nicht: Wer einen Onlineshop betreibt, ganz gleich, welche Produkte darin im Mittelpunkt stehen, der wird mit Amazon verglichen. Denn der Online-Marktplatz Nummer 1 setzt den Benchmark, wenn es um die Kaufabwicklung geht. Mit der Erwartungshaltung, die dadurch auf Kundenseite entsteht, sind auch Onlinedruckereien konfrontiert. Mit Amazon Custom bietet der Konzern aber auch einen Dienst, von dem Druckdienstleister profitieren könnten. Oder doch nicht?

Allein in Deutschland zählt Amazon über 270 Millionen Listungen. Im gesamten deutschsprachigen Raum hat der Online-Marktplatz einen Anteil im Digital Commerce von über 50 Prozent und verweist damit Player wie Zalando, Otto und Co. auf die hinteren Plätze. Aber noch spannender ist, so erklärte es Karim-Patrick Bannour von der Amazon- und Marketing-Agentur Marktplatz 1 auf dem Online Print Symposium 2022: „Amazon ist die wichtigste Anlaufstelle für Endkunden. 94 Prozent der deutschen Onlinekäufer sind auch Amazon-Kunden. 60 Prozent aller Online-Produktsuchen starten auf Amazon. Damit ist der Marktplatz die Produktsuchmaschine Nr. 1“.

Druckprodukte im Amazon-Sortiment?

Was das Ganze mit der Druckindustrie zu tun hat? Zum einen, dass Kunden die Vorzüge, die die einfache Bestellung und das unkomplizierte Retourenmanagement bei Amazon mit sich bringen, auch von allen anderen Onlineshops erwarten. Und zum anderen: Der Marktplatz bietet mit Amazon Custom einen Shop innerhalb des eigenen „Universums“ an, über den Produkte mit einer Text- oder Bildpersonalisierung oder mit einer individuellen Konfiguration verkauft werden können. Und wenn es um Personalisierung geht, sollten bei jedem Druckdienstleister – zumindest aber bei denen mit Digitaldruck – die „Ohren klingeln“.

Die Frage, ob sich Amazon Custom daher als Verkaufsplattform für personalisierte Druckprodukte eignet, ist also naheliegend. Doch bevor jetzt ein Run auf den Amazon-Dienst los geht, sollten die Chancen und Risiken gut abgewägt sein, wie Karim-Patrick Bannour erklärte.

Prinzipiell steht Amazon Custom jedem Anbieter zur Verfügung. Es entstehen (zumindest aktuell) keine zusätzlichen Kosten zur klassischen Händlergebühr, und in den Such-Ergebnisseiten werden Custom-Projekte laut Bannour weder bevorzugt noch benachteiligt zu allen anderen Produkten angezeigt. Außerdem können die Custom-Produkte über den Eigenversand angeboten werden. Sie unterliegen damit nicht den Prime-Richtlinien mit 24-Stunden-Lieferung. Es empfehle sich jedoch, eigene Geschäftsbedingungen transparent zu kommunizieren, damit man – als Beispiel – etwa nicht wie bei dem Marktplatz üblich zur Rücknahme verpflichtet werden könne.

Amazon macht die Regeln

Generell gilt – und das gehört nach Aussage des Fachmanns auch zur Wahrheit: Wer über Amazon verkauft, muss auch nach Amazons Regeln spielen und die technischen Einschränkungen akzeptieren. Denn die Konfiguration der Custom-Produkte sei mitunter gewöhnungsbedürftig und das Backend nicht das, was man 2022 vielleicht erwarten würde. Aufpassen sollte man auch, wenn man auf den Produktseiten oder Markenshops zu offensiv den eigenen Onlineshop außerhalb von Amazon bewirbt. Kunden auf diese Weise aktiv abzuwerben, bestraft Amazon mit schlechterer Sichtbarkeit oder gar der Sperrung eines Accounts. Beides droht zudem, wenn ein Anbieter zu viele negative Bewertungen von Kunden kassiert. Und sollte es einmal zu Reibereien zwischen Kunde und Anbieter kommen, steht Amazon in der Regel auf der Seite der Kunden. Dessen sollte man sich bewusst sein.

Digitales Schaufenster

Wer sich von den eingeschränkten technischen Möglichkeiten, der nicht so attraktiven Visualisierung und den Richtlinien nicht abschrecken lässt, könne aber durchaus einige Vorteile aus einem Angebot bei Amazon Custom ziehen: „In Summe haben wir ein riesengroßes Potenzial an Kunden. Und auch trotz der Einschränkungen ist das Aufsetzen relativ schnell und einfach erledigt. Wir empfehlen den meisten unserer Kunden: Nutzt Amazon als Schaufenster, als Schaufenster für die Marke, das Unternehmen, die Produkte! Denn viele Nutzer informieren sich oft noch weitergehend über den Anbieter. Außerdem ist Amazon ganz wichtig im Sinne der Suchmaschinenoptimierung, denn die Produkte der Plattform werden häufig unter den Top-Ergebnissen angezeigt“, fasste Karim-Patrick Bannour zusammen. Wichtig aber auch: Für den Einsatz im B2B-Umfeld eignet sich Amazon Custom seiner Einschätzung nach weniger. Und wie immer gilt: Um herauszufinden, ob der Dienst für ein Unternehmen tatsächlich Sinn macht, braucht es wie so oft eine genaue Marktbetrachtung und eine nüchterne Abwägung von Aufwand und Nutzen.

Schwarmintelligenz für eine bessere User Experience

Während es im Vortrag von Bannour um die Chancen und Risiken von Amazon Custom ging, drehte es sich bei Georg Hansbauer von der Testbirds GmbH vor allem um die Verbesserung der User Experience. „Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, der Kunde ist König. Doch wenn man mal genau hinhört, was der Kunde eigentlich will, erfährt man interessante Sachen. Wie geht er mit der digitalen Applikation um, welche Herausforderungen hat er damit?“, so Hansbauer. Umso wichtiger sei es, die Dinge benutzerzentriert zu gestalten, was jedoch längst nicht mehr so „einfach“ ist. Früher reichte es aus, die Kundenerwartungen in einer von mehreren Dimensionen zu erfüllen, um die Kunden glücklich zu machen. Heute ist das anders: Anbieter müssen gleich in mehreren Dimensionen sehr gut performen, um die Nutzer zufriedenzustellen. Doch was ist es, was die Kunden von einem Produkt, seiner Anwendung, den Prozessen um den Kaufprozess herum erwarten?

Aus der Erfahrung der Kunden lernen

Das herauszufinden hat sich die Testbirds GmbH zur Aufgabe gemacht. Dabei verfolgt das Münchener Unternehmen, das ursprünglich aus der digitalen Produktentwicklung kam, inzwischen aber auch in die „Offline-Welt“ hineingewachsen ist, einen simplen Ansatz, wie Georg Hansbauer auf dem OPS 2022 erklärte: „Um eine gute Customer Experience aufzubauen, frag‘ den besten Customer-Experience-Experten, den du haben kannst: deinen eigenen Kunden.“

Umgesetzt wird das Ganze über verschiedene qualitative und quantitative Methoden des Crowdtestings. „Was macht Crowdtesting? Wir haben eine globale Community aus über 600.000 Personen, die alle Arten von Profilen darstellen und bei uns auf einer Plattform registriert sind“, so Hansbauer. Je nach Produkt, Prozess oder Software werden über ein genaues Profiling Testgruppen aus Personen gebildet, die die Zielgruppe des Unternehmens repräsentieren sollen. „Die Erprobungen und Tests werden online abgewickelt – und sind dabei nicht auf einzelne Märkte oder Regionen begrenzt, sondern können global stattfinden.“

Crowdtesting liefert wertvolle Einblicke

Aus den Ergebnissen des Crowdtestings können die Entwickler und Anbieter wertvolle Informationen ziehen: Zum einen geht es um die Funktionalität, beispielsweise einer Webapplikation, die in verschiedenen Ländern, in unterschiedlichen Sprachen und auf allen Geräten und Browsern einfach gut und stimmig funktionieren muss. Hier steht unter anderem der technische Aspekt im Vordergrund. „Was ich aber noch viel besser mit Crowdtesting machen kann“, erklärte der Fachmann, „ist, die Methode zu nutzen, um kundenzentrierter zu arbeiten und Nutzer möglichst früh mit einzubinden in die Entwicklung von Produkten aller Art.“

Viele Bausteine ergeben eine gute Customer Experience

Und auch Prozesse spielen eine wichtige Rolle: Dabei kann es beispielsweise darum gehen, wie sich die Nutzer in einer bestimmten Shop-Umgebung zurechtfinden. „Ganz wichtig ist zudem das ganze Payment-Thema. Da gibt es inzwischen so viele verschiedene Bezahlsysteme, auch regionale Anbieter, da kann so viel schiefgehen“, so Hansbauer, „ebenso wie im gesamten Retouren- und Reklamationsmanagement“. Dabei spiele vor allem eine verständliche und konsequente Kommunikation sowie passende Benachrichtigungen eine große Rolle.

„Wenn ich ein mittelständischer E-Commerce-ler bin, ist Crowdtesting eine gute Methode, um herauszufinden, wo die Probleme liegen. Denn einfach eine Telefonnummer im Onlineshop anzugeben, ist noch keine echte Problemlösung. Für den entnervten Kunden ist der nächste Shop schließlich nur einen Klick entfernt.“

My Take: Raus aus der Bubble! Onlinedruckereien bewegen sich in den gleichen Märkten und haben mit denselben Kundenerwartungen umzugehen, wie alle Anbieter im Digital Commerce. Anstatt mit der Übermacht von Amazon und Co. zu hadern und in Schockstarre zu verfallen, sollten Sie darüber nachdenken, wie Sie die positiven Effekte des Marktplatzes für sich nutzen und zugleich eine hohe Kundenzufriedenheit im eigenen Shop herstellen können. Ansatzpunkte dafür gibt es zahlreiche.

 

Summary
Markt: Digitales Schaufenster für personalisierte Printprodukte
Article Name
Markt: Digitales Schaufenster für personalisierte Printprodukte
Description
Ob es uns gefällt oder nicht: Wer einen Onlineshop betreibt, ganz gleich, welche Produkte darin im Mittelpunkt stehen, der wird mit Amazon verglichen. Denn der Online-Marktplatz Nummer 1 setzt den Benchmark, wenn es um die Kaufabwicklung geht. Mit der Erwartungshaltung, die dadurch auf Kundenseite entsteht, sind auch Onlinedruckereien konfrontiert. Mit Amazon Custom bietet der Konzern aber auch einen Dienst, von dem Druckdienstleister profitieren könnten. Oder doch nicht?
Author
Publisher Name
Beyond-Print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

Leave A Comment