Markt: Homeoffice – Überwiegen die Vorteile?

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Wenn Wissenschaft und Politik flehen, Kontakte zu anderen Menschen zu vermeiden und so viel wie möglich von zu Hause aus zu arbeiten, klingt das wie die letzte Rettung gegen die Ausbreitung des Virus. Aber welche Erfahrungen sprechen von Unternehmerseite dafür oder dagegen? Eine kleine Umfrage.

„Behauptungen, Unternehmen würden ihren Mitarbeitern das Homeoffice verweigern, sind aus meiner Sicht aus der Luft gegriffen. In der Druck- und Medienindustrie wird, wo immer es geht, Homeoffice von vielen Unternehmen praktiziert“, sagt Dr. Paul A. Deimel, Hauptgeschäftsführer des bvdm (Bundesverband Druck und Medien).

Mobiles Arbeiten gehöre in den Unternehmen zur betrieblichen Realität und werde umfassend genutzt, so Deimel weiter. Seit Beginn der Pandemie hätten viele Betriebe ihre Anstrengungen schon aus Eigeninteresse noch einmal massiv erhöht, um ihren Mitarbeitern das Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen.

Viele Arbeitsaufgaben in der Druckindustrie lassen sich jedoch nicht mobil, sondern nur in der Produktion beziehungsweise nur vor Ort erledigen. Das sind Einschränkungen, die es in fast jeder industriellen Branche gibt. „Zusätzlich müssen wir jedoch feststellen, dass unzureichende Internetverbindungen in manchen Gebieten ein limitierender Faktor sind“, erklärt Dr. Deimel.

Eine Riesenchance?

Von verschiedenen Seiten wird die Nutzung des Homeoffice als Win-Win-Situation beschrieben: Mitarbeitende gewinnen Flexibilität sowie Autonomie und Unternehmen können ihre Infrastruktur optimieren sowie bessere Arbeitsformen und eine moderne Arbeitskultur etablieren. Das Thema könnte also eine Riesenchance für unseren Arbeitsmarkt bieten.

Die Corona-Krise könnte einen grundlegenden Wandel in der Arbeitswelt bewirken nach dem Motto „Weg mit der Stechuhr-Mentalität und endlich vorwärts in Richtung Zukunft“.

So zumindest sieht es der Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Die heutige Arbeitswelt stelle schließlich ganz andere Anforderungen als noch vor zehn Jahren.

So weit, dass nun alle Arbeits- und Arbeitszeitmodelle umgestellt werden, ist es allerdings noch nicht. Und auch ein Rechtsanspruch auf Homeoffice besteht nicht.

Dauerhaft Homeoffice? Jeder Fünfte würde umziehen

Allerdings könnte selbst die Nutzung des Homeoffice auf freiwilliger Basis gesellschaftliche Folgen haben. Dass sich Zwei-Zimmer-Wohnungen nur noch schwer vermitteln lassen, weil gerade junge Leute erkannt haben, dass ein eigenes Arbeitszimmer durchaus von Nutzen sein könnte.

Und bei Wohnungen bleibt es nicht. So träumen nicht wenige Städter von einem Häuschen im Grünen, doch der lange Arbeitsweg hat sie bisher davon abgehalten, den Wunsch wahr werden zu lassen. Unter dem Einfluss der Corona-Pandemie könnte sich das ändern. Nach einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom würden 21% der Deutschen umziehen, wenn sie auch über die Krise hinaus im Homeoffice arbeiten dürften.

Vor allem für junge Erwerbstätige ist der Gedanke an einen möglichen Umzug attraktiv: 35% der 16- bis 24-jährigen und 29% der 25- bis 34-jährigen Arbeitnehmer könnten sich vorstellen umzuziehen, wenn der Arbeitsort flexibel wäre. In der Altersgruppe 60+ würde nur jeder Zehnte der Befragten den Wohnort wechseln.

„In der Corona-Krise hat flexibles Arbeiten einen kräftigen Schub erfahren und wird auch nach der Pandemie die neue Normalität in der Arbeitswelt prägen. Durch den dauerhaften Trend zum Homeoffice sind viele Berufstätige weniger stark auf einen Wohnort in der Nähe des Arbeitgebers angewiesen“, sagte Bitkom Präsident Achim Berg. Unter dem Strich überwiegen für die Mehrheit der Arbeitnehmer die Vorteile von Homeoffice. 80% empfinden weniger Stress, da der Arbeitsweg entfällt. 76% sehen den damit verbundenen Zeitgewinn positiv. Und 59% bemerken eine generell bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Weitere Vorteile sind die zeitliche Flexibilität (43%), die Möglichkeit eines gesundheitsbewussteren Lebensstils etwa in Hinblick auf Sport und Ernährung (32%) und weniger Störungen durch Kollegen (28%).

Der fehlende persönliche Austausch mit anderen Mitarbeitern ist wiederum der am meisten genannte Nachteil. Mehr als die Hälfte (55%) beklagt weniger Kontakt mit Kollegen. Für 20% ist es auch ein Problem, weniger Kontakt mit Vorgesetzten zu haben. Weitere Nachteile sind Schwierigkeiten, das Privatleben vom Job abzugrenzen (21%) und schlechtere Arbeitsbedingungen als im Büro (21%). Und jeder Sechste (17%) hat das negative Gefühl, von wichtigen Informationen im Unternehmen abgeschnitten zu sein.

Nachgefragt: Wie gehen die IOP-Mitglieder mit dem Thema Homeoffice um?

Für Millionen Beschäftigte ist Homeoffice eine neue Normalität, doch fast 60% der Beschäftigten können gar nicht von zu Hause aus arbeiten. Das sieht in der Druckindustrie ähnlich aus. Aber wie gehen die Unternehmen mit dem Thema um und welche Herausforderungen sind zu stemmen?

beyondprint unplugged hat einige Mitglieder der IOP (Initiative Online Print) befragt und interessante Statements auf folgende Fragen erhalten:

  • Ist bei Euch Homeoffice möglich?
  • Welche Abteilungen können im Homeoffice arbeiten?
  • Gibt es dazu Erfahrungswerte?

Andreas Holzhausen
digital print GmbH / www.digitalprint.net
Bei uns gehört die Arbeit aus dem Homeoffice inzwischen zur Normalität. Wir haben schon sehr früh begonnen, einen großen Teil der Mitarbeiter aus Verwaltung, Vertrieb, Marketing, Support und Vorstufe ins Homeoffice zu verlagern. Sehr schnell wurde Hardware für die Ausstattung der Mitarbeiter beschafft. Auch die Kapazitäten zur sicheren VPN-Verbindung ins Firmennetz wurden stark erweitert und die Telefonzentrale wurde aufgerüstet, um unseren Callcenter-Mitarbeitern die Arbeit aus dem Homeoffice zu ermöglichen. Bei Bedarf kommen ab und zu einzelne Mitarbeiter kurz ins Büro, um technische Ausstattung zum Beispiel für die Produktfotografie zu nutzen. Wir haben durchweg gute Erfahrungen mit der Arbeit aus dem Homeoffice gemacht und gehen davon aus, dass auch nach dem (hoffentlich baldigen) Ende der Pandemie viele Mitarbeiter weiterhin das Homeoffice nutzen werden.

Stefan Harder
Harder Online GmbH / www.labelprint24.com 
Wir haben einige Leute im Homeoffice. Aber natürlich alles Leute aus der Verwaltung, Sachbearbeitung, Kundenberatung und der Druckvorstufe. Die Leute (Buchhaltung etc.) haben zum Teil Laptops von uns bekommen, andere haben ihre Mac-Arbeitsplätze einfach mit nach Hause genommen. Einige arbeiten aber auch im Betrieb, da hier eine gute Abstandsregel eingehalten werden kann. Andere mit Einzelbüros arbeiten auch im Betrieb.
Telefoniert wird aus der Cloud vom Geschäft mit Durchwahl oder umgeleitet auf Mobil. Beides klappt sehr gut und wenn nötig, werden Kunden zurückgerufen. Gute Erfahrungen haben wir mit den meisten Leuten, die bedingt durch den Lockdown und Kinderbetreuung am Abend auch mal mehr arbeiten. Manche haben jedoch ein Problem mit dem Homeoffice: Es fehlt ihnen der Kontakt zu Kollegen und generell der soziale Umgang miteinander – was ja durchaus für unser gutes Betriebsklima spricht.

Stefan Ortmeier
Ortmeier Druck GmbH / www.flyerpara.de 
Bei uns arbeiten nur eine Handvoll Mitarbeiter aus dem Homeoffice. Vor allem Mitarbeiter aus den Bereichen EDV, Personalabteilung, Kundenakquise. Das funktioniert bei manchen Mitarbeitern recht gut. Wirft aber auch Probleme auf. Deshalb streben wir das nicht als Dauerlösung an. Ab und zu sollten die Mitarbeiter einfach im Büro sein, um gemeinsame Projekte zu besprechen. Da wir sehr weitläufige Büros haben, können wir große Abstände einhalten und sind daher nicht so sehr auf Homeoffice angewiesen. In der Produktion ist Homeoffice sowieso nicht möglich.

Peter Göppel
BVD Druck + Verlag AG / balleristo.eu/de
Im Büro sind wir so aufgestellt, dass jeder ein Laptop besitzt, von zu Hause arbeiten und relativ gut auf die Systeme zugreifen kann. Wir haben das so geregelt, dass ein oder zwei Sachbearbeiter vormittags im Büro sind und die zwei anderen am Nachmittag. Da die Sachbearbeiter bei uns zum Teil auch Termine überwachen und mit Druckvorstufe und Produktion in Kontakt stehen, ist diese Vorgehensweise für uns sinnvoll. Kundentelefonate haben wir auf das Festnetz oder Mobil umgeleitet. Das ging ganz gut.
Im Bereich Druckvorstufe hat eine Mitarbeiterin von zu Hause gearbeitet. Das funktioniert dann gut, wenn eine Arbeit einen größeren Zeitaufwand mitbringt. Geht es nur um Datenkontrolle, dann passt es momentan zumindest noch nicht ins Homeoffice. Wir gehen aber davon aus, dass Mitarbeiter/innen zukünftig einfordern werden, von zu Hause aus arbeiten zu können. Deshalb werden wir uns damit noch intensiver beschäftigen. Im Bereich balleristo hat der Projektverantwortliche seit jeher schon ein bis zwei Tage im Homeoffice gearbeitet. Das hat sich bewährt, da er dort die administrativen Aufgaben und Kundentelefonate erledigen kann. Da die meisten Beschäftigten ganz in der Nähe wohnen, haben wir ohnehin eine große Flexibilität. Für uns kommt Homeoffice rund um Kundenbetreuung, Arbeitsvorbereitung und Druckvorstufe durchaus infrage.

Dr. Paul A. Deimel
Bundesverband Druck und Medien e. V.
Der bvdm ist mit seinen 13 Mitarbeitern ein reiner Büro-Betrieb, in dem fast alle Mitarbeiter ein eigenes Arbeitszimmer haben. Die Ansteckungsgefahr ist gering. Dennoch haben wir im ersten Lockdown schon ab dem 16. März 2020 auf nahezu völliges mobiles Arbeiten umgestellt und bis zum Ende der Sommerferien fortgesetzt. Auch seit Anfang November befinden sich bvdm-Mitarbeiter, die das wollen, wieder im Homeoffice. Auf eine Höchstgrenze von Mitarbeitern im Büro haben wir bewusst verzichtet, da wir keine erhöhte Infektionsgefahr erkennen können, wenn man sich an die heute üblichen AHA-Regeln hält. In Berlin wird man für die Beurteilung der Risikolage jedoch besonders auf die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs abstellen müssen. Auf diesen sind die meisten Arbeitnehmer und auch unsere Mitarbeiter angewiesen, können ihre individuelle Situation aber am besten selbst beurteilen.
In jedem Fall haben wir auf Kinderbetreuungsnotwendigkeiten, Risikopersonen im häuslichen Umfeld der Mitarbeiter sowie auf bekanntgewordene Fälle von Infektionen im Umfeld des Büros oder von Mitarbeitern Rücksicht genommen und reagiert. Der bvdm trägt die Regeln der Länder und der Bundesregierung also uneingeschränkt mit. Zum einen haben wir die arbeitstechnischen Möglichkeiten dazu, weil vom ersten Tag an jeder Mitarbeiter telefonisch mobil direkt erreichbar war und den vollen Zugriff auf die Infrastruktur des Büros und das Datennetz hatte. Die Effektivität unserer Arbeit hat deshalb nicht gelitten. Lediglich Abstimmungsprozesse und die gegenseitige Information untereinander sind schwieriger und aufwendiger geworden.
Auch lebt unser Geschäft vom persönlichen Kontakt zu Unternehmen, Schwesterverbänden, Politik, Mitgliedern und unseren föderalen Gliederungen (Landesverbände, PrintXMedia Gesellschaften, Akademien etc.), sodass wir auf baldige Rückkehr zur Normalität hoffen. Damit bin ich bei der Situation der Druck – und Medienindustrie, deren Interessen wir schließlich vertreten und um die es natürlich mehr als um unsere kleine Dienstleistungseinrichtung geht. Hier ist die Situation natürlich eine andere, weil jeder Betrieb andere Voraussetzungen hat und ein Produktionsbetrieb andere Gegebenheiten hat als ein reines Büro. Gerade in der Druckindustrie ist zwischen Abteilungen oder Betrieben in der Vorstufe und denen im Druck und der Weiterverarbeitung und Konfektionierung zu unterscheiden.

In Teil 2 erfahren Sie nächste Woche, wie weitere Onlineprinter die Situation handhaben.
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Beyond-Print.de

Klaus-Peter Nicolay ist Herausgeber und Chefredakteur der Fachmagazine „Druckmarkt“ und „Druckmarkt Schweiz“ sowie Chefredakteur von „beyondprint unplugged“. Er schreibt in den eigenen Publikationen, verfasst Fachbücher und veröffentlicht Beiträge in nahezu allen relevanten Fachmagazinen der D-A-CH-Region. Seit 1970 in der Druckindustrie tätig, begleitet der diplomierte Druck-Ingenieur die Branche seit fast 40 Jahren als Journalist. Aufgrund seiner intensiven Kontakte zur weltweiten Hersteller- und Anwenderszene kennt Nicolay die aktuellen Marktentwicklungen, bewertet, präsentiert und dokumentiert analytisch die Trends, Fakten und Hintergründe der Druckindustrie.

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