Markt: Was ein Säbelzahntiger mit Onlineprint zu tun hat

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Man kann es zwar nicht mehr hören, aber ja, die Pandemie hat die meisten Unternehmen in den letzten zwei Jahren vor große Herausforderungen gestellt. Sie hat wie ein Katalysator gewirkt und Entwicklungen beschleunigt. Dabei, so beschrieb es etwa Roland Keppler, CEO von Onlineprinters, auf dem Online Print Symposium 2022, habe die Corona-Krise aber auch für positive Impulse gesorgt. Doch was hat das mit Säbelzahntigern oder mit Wellenreiten zu tun?

Als ehemaliger CEO verschiedener Unternehmen der Reise- und Tourismusbranche kann Roland Keppler Krise: Er hat die Anschläge vom 11. September 2001 miterlebt, den Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull auf Island oder die Air-Berlin-Pleite – und dabei die Unternehmen, für die er verantwortlich war, besonnen durch die jeweiligen Krisen gelenkt. Mit dem Branchenwechsel und der Position als CEO von Onlineprinters sollte es in Sachen Krisen eigentlich etwas ruhiger werden, doch kaum hatte er seine Aufgaben im Sommer 2019 von Dr. Michael Fries übernommen, kam Corona und stellte alles auf den Kopf.

Selbstverständliches schien nicht mehr zu gelten, Unsicherheiten in Lieferketten und ein geändertes Bestellverhalten sorgten für das ihre. Doch genau das, diese Volatilität, da ist sich Roland Keppler sicher, ist bereits zum Teil der Gesellschaft geworden und werde auch künftig zum neuen Normal gehören. Aber den Kopf in den Sand stecken, gilt nicht: „Es wird darauf ankommen, wie wir damit umgehen. Denn die Zeiten, die einfach und planbar waren und in denen es kontinuierlich voranging, sind vorbei“, so Keppler. Aus seiner Zeit in der Luftfahrtbranche habe er einen wichtigen Leitsatz mitgenommen, der vor allem in Krisenzeiten gilt: „First things first“ – frei übersetzt: die wichtigen Dinge zuerst. Oder mit einem Bild aus der Steinzeit ausgedrückt: „Wenn der Säbelzahntiger vor der Höhle auftaucht, ist schnell klar, worum es geht.“ Für die Onlineprinters waren diese „first things“ 2020 vor allem das Hygienekonzept und die Liquiditätssicherung – eben genau das, was die Fortführung der Produktion absichern sollte.

Handlungsfähig bleiben, Prioritäten setzen

„Plötzlich sind die Prioritäten klar: Fokussierung, Sicherung, Schutz der Mitarbeitenden und Lösungen entwickeln“, zählte der CEO auf und leitete damit auf die positiven Impulse und Learnings über, die er rückblickend aus der Pandemiezeit ziehen konnte. Zum einen: Die bis dato stark eigenständig agierenden Unternehmen – immerhin gehören auch Dienstleister in Großbritannien und Dänemark zur Gruppe – seien enger zusammengewachsen. Und zweitens: „Man muss eine persönliche Haltung zu der Krise finden, in langfristigen Szenarien denken und prüfen, inwiefern man darauf vorbereitet ist. Wir profitieren noch heute davon, dass wir uns als handlungsfähig erlebt haben, dass wir in der Lage waren, Lösungen zu finden“, erklärte er. Dazu gehöre es aber auch, die Sorgen der Mitarbeiter ernst zu nehmen und zu „kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren.“

Doch die Pandemie hat auch für eine Beschleunigung der Entwicklungen im Markt gesorgt. „Die Volatilität ist Rahmenbedingung, kein Trend. Sie wird bleiben und wir werden sie ebenso managen müssen wie die Verfügbarkeit von Arbeitskräften, die Papierknappheit oder die Preisanstiege.“

Trend: Channel-Shift

Neben diesen Rahmenbedingungen sieht der CEO aber auch vier große Trends, die die Onlineprint-Industrie in Zukunft bewegen werden. Zum einen den „Channel Shift“ von der Offline- in die Onlinewelt. Denn in der Druckindustrie sei der Anteil der Onlinebestellungen im Vergleich zu anderen Branchen noch immer relativ gering – oder anders ausgedrückt: Es gibt noch viel Potenzial nach oben. „Die gute Nachricht ist: Onlineprint wächst weiter“, erklärte Roland Keppler. „Persönlich glaube ich, dass wir in einigen Jahren schon einen Anteil von 50 Prozent sehen werden in relevanten Märkten.“

Aber man müsse Onlineprint auch neu denken, „weil der Markt in eine neue Phase eintritt. Wir haben inzwischen erfahrene Nutzer und einen intensiveren Wettbewerb. Technologie und Internationalisierung werden immer wichtiger und neue Spieler kommen auf den Markt, die einen anderen Ansatz verfolgen. All das sind Herausforderungen, auf die wir eine Antwort finden müssen.“

Konsolidierung und Consumerization

Den zweiten großen Trend, der allerdings weit vor der Krise begonnen hat, sieht Keppler in der Konsolidierung. Um den künftigen Herausforderungen zu begegnen, sei man beispielsweise gut beraten, sich mit anderen Unternehmen zusammenzutun. Denn im Verbund, so sagte er, ist es einfacher, Zugang zu internationalen Lieferketten zu bekommen, Produktionen effizienter zu gestalten oder Skaleneffekte zu erzielen. Außerdem könne man besser auf neue Trends reagieren, wie etwa die „Consumerization“, der dritte Trend. Damit meinte er die gestiegenen Erwartungen der Kunden, deren Kaufverhalten heute vor allem durch Amazon und Co. geprägt ist. „Beziehung wird im Onlinebusiness anders definiert als in der analogen Welt“, so Roland Keppler. Darum sei es wichtig, genau hinzuschauen und die Kriterien zu finden, die Kunden davon abhalten, online zu bestellen.

Haltung zeigen in Sachen Nachhaltigkeit

Auch in Sachen Nachhaltigkeit – dem vierten Trend – sind die Ansprüche gestiegen. Sie spielt längst nicht mehr nur eine Rolle bei der Wahl des Papiers, sondern ist auch bei Finanzierungsfragen, in Investorengesprächen oder bei der Mitarbeitergewinnung ein wichtiges Kriterium. Umso wichtiger ist es laut Keppler, zu Trends wie diesen Stellung zu beziehen: „Neutral geht nicht mehr. Jede Branche, jedes Unternehmen muss eine Haltung zu den aktuellen Themen finden“, erklärte er. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen und an unserem Image arbeiten, denn wir haben viel Gutes zu bieten. Das Thema Druck ist aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken. Darum müssen wir den Wert, den die Branche hat, noch mehr in den Vordergrund rücken.“

Die Zukunft des Onlineprints sieht Roland Keppler daher auch positiv: „Ich glaube, dass vor uns jede Menge Möglichkeiten liegen. Man muss nur die Entwicklungen ernst nehmen und sich den Herausforderungen stellen. Die wesentlichen Parameter, die für uns wichtig sind und waren, sind noch immer in Takt – daran ändert auch die Volatilität nichts“.

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Die Zeichen stehen auf „Boom“

Für einen Perspektivenwechsel, der die bereits genannten Trends vor dem Hintergrund des Fotodruck-Marktes beleuchtet, hat am zweiten Tag des Online Print Symposiums Andreas Otto gesorgt, Chief Commercial Officer der Albelli-Photobox Group. Die Unternehmensgruppe, die Anfang des Jahres durch den Zusammenschluss von Albelli und Photobox entstanden ist, gehört zu den größten Fotodruckanbietern Europas und bedient vor allem Endkunden und damit den B2C-Markt. Kein Wunder also, dass die albelli-Photobox-Group genau im Blick hat, wie sich diese Kundengruppe entwickelt und auf das Angebot der nunmehr sieben Marken reagiert.

Kundenzufriedenheit

Um das herauszufinden, nutzt die Gruppe den sogenannten NPS, den Net Promoter Score. Dabei werden die Kunden der Fotoportale gebeten, ihren Kauf anhand verschiedener Kriterien zu bewerten. „So können wir genau tracken, welche Faktoren dazu beitragen, dass Kunden uns weiterempfehlen – oder eben auch nicht. Ein gesunder NPS liege bei über 60 und diesen Wert erreiche die albelli-Photobox-Group auch konstant in ihren Kernmärkten – zumindest dann, wenn alle Faktoren rund um die Bestellung ideal ineinandergreifen. Komme es beispielsweise zu Lieferschwierigkeiten oder Problemen im Versand, werde das am NPS sehr schnell sichtbar.

Obwohl sich die Gruppe kurz nach dem Zusammenschluss noch mitten in der Integrationsphase befindet, konnte Andreas Otto interessante Einblicke in die Trends geben, die vor allem den Fotodruck-Markt prägen.

Das Handy als Zugangspunkt zu Online

„Während Roland Keppler vom Channel-Shift von Offline- zu Online sprach, vollzieht sich der Shift in unserem Markt eher vom Web zu Mobile“, erklärte der CCO. Dabei spielt das Smartphone die Hauptrolle, denn immer mehr wird ohne Umweg über einen festen PC direkt auf dem Handy erledigt, Fotoprodukte gestalten inklusive. „Die Erwartungshaltung der Kunden, was die digitale User Experience, den Check-Out-Prozess, die Bezahlmethoden oder die Multi-Platform-Journey, die Lieferzeiten und -kosten betrifft, sind stark durch Amazon geprägt. Das heißt für uns und die digitalen Plattformen, die wir betreiben, dass wir hochinnovativ bleiben und genau in diese Dinge investieren müssen. Diese Entwicklung bleibt nie stehen“, erklärte Andreas Otto. Der dritte Trend, den er nannte, ist analog zu Kepplers Ausführungen die Nachhaltigkeit, der die albelli-Photobox-Group unter anderem dadurch Rechnung trägt, dass die Standorte sukzessive CO2-neutral gestellt werden.

Hochzeits-Boom, Baby-Boom – Foto-Boom?

Vor diesem Hintergrund zeigte sich Andreas Otto auf dem OPS 2022 optimistisch, auch wenn die letzten zwei Jahre für den Markt der Fotoprodukte eine Berg- und Talfahrt gewesen seien: „Im ersten Pandemiejahr haben wir einen unheimlichen Boom erlebt, ein Jahr später hat durch die ausgebliebenen Reisen und Events sprichwörtlich die ‚Munition‘ gefehlt, um genügend Fotoprodukte zu erstellen“, erklärte er.

Da Veranstaltungen nun aber wieder stattfinden und Reisen ohne große Einschränkungen möglich seien, rechnet der Fachmann mit einer positiven Entwicklung der Geschäfte. „Die Kunden müssen einfach tolle Erlebnisse erleben, damit sie diese Momente wieder haptisch festhalten oder verschenken wollen.“

Diese Entwicklung und die breite Marktdurchdringung nach dem Zusammenschluss von albelli und Photobox seien die Basis für den weiteren Ausbau: „Unser Ziel ist es, unsere sieben Millionen Kunden, die wir derzeit in Europa haben, in den nächsten drei Jahren auf zehn Millionen Kunden zu steigern.“

My Take: Die Zukunft wird auch im Onlineprint vor allem eins sein: volatil. Umso wichtiger ist es, einen Weg zu finden, mit den Unplanbarkeiten umzugehen und Stellung zu den Entwicklungen zu beziehen. Der Blick muss dabei natürlich auf die Kunden und ihre Bedürfnisse gerichtet sein – Stichwort Customer Centricity. Aber eben nicht nur, wie die Krise zeigte. Denn um handlungsfähig zu bleiben, ist es mindestens genauso wichtig, sein eigenes Team mitzunehmen. Dann stehen die Chancen gut, als Unternehmen auch kommenden Stürmen standhalten zu können.
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Man kann es zwar nicht mehr hören, aber ja, die Pandemie hat die meisten Unternehmen in den letzten zwei Jahren vor große Herausforderungen gestellt. Sie hat wie ein Katalysator gewirkt und Entwicklungen beschleunigt. Dabei, so beschrieb es etwa Roland Keppler, CEO von Onlineprinters, auf dem Online Print Symposium 2022, habe die Corona-Krise aber auch für positive Impulse gesorgt. Doch was hat das mit Säbelzahntigern oder mit Wellenreiten zu tun?
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Beyond-print.de

Für viele in der Druckindustrie ist sie keine Unbekannte: Fast 14 Jahre lang war Judith Grajewski für das Fachmagazin Deutscher Drucker tätig; hat als Redakteurin vor allem über den Wachstumsmarkt Digitaldruck berichtet, als Online-Verantwortliche das Portal print.de und die Social-Media-Kanäle mit aufgebaut und sich als „Transaction Editor“ mit Content-Management- und Marketingstrategien beschäftigt. Nach einem kurzen Intermezzo als Chefredakteurin des Werbetechnik- und LFP-Fachportals Sign&Print beim schwedischen AGI-Verlag, bleibt die studierte Dipl.-Ing. für Medientechnik (FH) ihrer Leidenschaft für Print treu und widmet sich nun der Beratung und Projektbegleitung von Druckunternehmen auf ihrem Weg in eine digitalisierte Zukunft. Darüber hinaus gibt sie als Redaktionsleiterin von Beyond Print regelmäßig Einblick in relevante Themen des E-Business Print.

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