News: Cimpress steigt bei CloudLab ein

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Die Nachricht flatterte ohne großes Presse-Tamtam und verpackt in den firmeneigenen Newsletter ein: Cimpress hat eine strategische Investition in die CloudLab AG getätigt, hieß es da, um die Zusammenarbeit künftig noch enger zu gestalten. Aber was sind die Hintergründe der strategischen Partnerschaft und was wird sich dadurch für die bestehenden Kunden des Software-Entwicklers ändern? Beyondprint hat bei CloudLab-Gründer und -CEO Marc Horriar nachgefragt.

Beyondprint: Eine strategische Partnerschaft, dahinter kann sich vieles verbergen. Was heißt das im Falle von Cimpress und CloudLab? Wie hoch ist das Investment und welche Anteile hält Cimpress damit an eurem Unternehmen?

Marc Horriar: Zu den Details wurde Stillschweigen vereinbart, daher kann ich weder über Prozente noch über Anteile oder Konditionen sprechen. Aber hier geht es klar um ein finanzielles Investment.

Beyondprint: Wie kam es dazu?

Marc Horriar: Wir arbeiten ja schon sehr lange mit Cimpress zusammen. Sie sind seit vielen Jahren Kunde bei uns und nutzen unsere Technologien in diversen Produkten und unterschiedlichen Märkten. Es hat sich also entwickelt. Letztendlich sind sie auf uns zugekommen, weil sie in Zukunft sehr zentral auf unsere Produkte setzen – und ja, auch Lizenzkosten sparen möchten. In der Vergangenheit, und verstärkt in der Corona-Zeit, haben immer mal wieder Private-Equity-Unternehmen bei uns angeklopft, ob wir unser Unternehmen oder Teile davon nicht verkaufen wollen, aber das hatte uns nie so richtig überzeugt. Cimpress war insofern spannend, gerade weil sie bereits unser Kunde waren und das ideologisch bisher immer zusammengepasst hat. Schon in den ersten Gesprächen hat sich herausgestellt, dass dieses Investment mehr zu bieten hat als nur eine Lizenzersparnis auf der einen Seite und für uns ein Langzeit-Commitment mit einem großen Kunden.

CloudLab war immer eigenfinanziert, wir haben nicht einen einzigen Kredit aufgenommen und dafür haben wir ein echt gutes Wachstum hingelegt und ein gesundes Unternehmen aufgebaut. Wir sind inzwischen über 70 Mitarbeiter und hatten zuletzt ein konstantes Wachstum zwischen 20 und 30 Prozent pro Jahr. Aber es geht auch mehr, dazu muss man allerdings die entsprechenden Mittel und Möglichkeiten haben, und auch andere Perspektiven. Und genau das war etwas, was ich sehr spannend fand. Letztendlich dachten wir uns nach neun Jahren, wir sollten dieses Abenteuer zusammen mit Cimpress ausprobieren.

Beyondprint: Du sagtest, dass die Partnerschaft mehr zu bieten hat als Lizenzersparnis für den einen und ein Langzeit-Commitment für den anderen. Was genau meinst du damit?

Marc Horriar: Letztlich war es – Achtung, Standard-Phrase – immer wichtig, dass der CloudLab-Spirit erhalten bleibt, denn ich glaube, er ist der Grund, warum wir erfolgreich sind. Auch wie das Team hier tickt und ticken darf. Cimpress war das erste Unternehmen, das mit glaubhaft versichert hat, dass das kein Problem ist, sondern im Gegenteil, sie es cool finden und es zu ihnen passt.

Natürlich erzählt jedes Unternehmen, dass alles so bleibt, wie es war. Was insofern natürlich komisch ist, weil man sich dann fragen könnte, wieso der Deal überhaupt gemacht wurde. Die Antwort ist: Cimpress möchte vor allem ganz zentral auf unsere Technologie setzen – und dafür wird es künftig eine eigene Abteilung bei CloudLab geben, wo wir die Cimpress-Projekte bedienen. Es wird eine eigene Abteilung geben, damit wir das von den anderen Kundenprojekten besser trennen können und es für unsere anderen Kunden keine Verzögerungen gibt, weil beispielsweise Programmierer für Cimpress-Projekte abgezogen werden könnten. Das war auch Cimpress wichtig, denn ihnen ist daran gelegen, dass CloudLab sein Standing in der Druckindustrie nicht verliert. Letztlich sind wir alle in einer kleinen Industrie und da gibt es viele Möglichkeiten für Kooperationen, was viele Druckereien jetzt schon nutzen. Wenn wir das jetzt noch automatisieren können über unsere Software, dann wird es doch für alle Seiten wieder leichter. Das ist sicherlich auch eine spannende Sache.

Beyondprint: Welche Vorteile ergeben sich für euch darüber hinaus?

Marc Horriar: Ein weiterer zentraler Punkt war: Es hilft uns im schwierigen US-Markt. Wir sind seit fünf Jahren in den USA tätig und mittlerweile läuft das auch, wir sind seit gut eineinhalb Jahren profitabel unterwegs und wachsen stark. Nichtsdestotrotz ist der Markt schwierig, weil er so ganz anders tickt als in Europa, vor allem in Sachen Marketing und Service. Daher ist es sehr praktisch, dass Cimpress stark im US-Markt drin ist. Da reden wir von bestehenden Strukturen, vom Hosting, von Lizenzdeals, Kanälen oder Kontakten, von denen wir vor Ort profitieren können. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass europäische Web-to-Print-Unternehmen weiter sind als die amerikanischen – man tut sich daher auch nicht mit dem Produkt schwer, sondern vor allem mit dem Drumherum. Und da wird uns die Partnerschaft und der Austausch mit Cimpress sicher enorm helfen.

Zuletzt gibt es natürlich noch ganz nüchterne, wirtschaftliche Gründe für die Partnerschaft. Einkaufssynergien zum Beispiel: Zukünftig werden wir bei Lizenzen sparen können, weil einfach eine viel größere Menge abgenommen wird. Das ist praktisch – und wurde uns eigentlich erst im Nachhinein bewusst.

Außerdem haben wir dank Cimpress jetzt auch die Möglichkeit, eigene Ideen, für die wir bisher vielleicht noch kein separates Kundenprojekt haben, in einem echten Produktionsumfeld testen und weiterentwickeln zu können. Da ist Cimpress künftig einfach ein Sparringspartner für uns.

Beyondprint: Werden sich eure Strukturen und Entscheidungswege ändern?

Marc Horriar: Gar nicht. Die Geschäftsführung bleibt bestehen, die Teams bleiben bestehen. Wir haben keinen Cimpress-Manager zwischengeschaltet. Auch die Entscheidungswege sind dieselben wir vorher: Technische Entscheidungen werden von unserem CTO getroffen, operative Entscheidungen, die strategischer, vertrieblicher Natur sind, von mir und operative Entscheidungen, die Projekte vor Ort betreffen, werden von unserem COO entschieden. Wir stimmen uns je nach Bedarf ab. Projekte und Kunden werden auch künftig mit Sorgfalt, vertraulich und gewissenhaft betreut. Jeder Kunde bleibt gleich wichtig wie schon immer. Im Alltag wird sich also kaum etwas ändern.

Beyondprint: Inwiefern nimmt Cimpress künftig Einfluss auf die technologische Entwicklung eurer Software? Macht ihr euch nicht ein Stück weit abhängig von dem, was Cimpress als Ziel definiert hat, weil ihr jetzt quasi deren IT-Haus seid?

Marc Horriar: Sagen wir so: Ihr eigenes IT-Haus sind wir nicht, sie halten ja nur einen Teil. Außerdem gab es schon vorher die Situation, dass einzelne Kunden eine Entwicklung exklusiv nutzen wollten und zumindest für einen gewissen Zeitraum einen Wettbewerbsausschluss gefordert haben. Aber was heißt Exklusivität? Orientiert sich das an der Summe, am Land oder der Ausrichtung anderer Interessenten? Solche Deals gab es immer mal wieder bei CloudLab, aber da sind wir sehr vorsichtig. Wenn wir generelle Funktionen exklusiv machen und dem Wettbewerber vorenthalten, dann geht er zu unserer Konkurrenz und lässt sich die Funktion da bauen. Das ist gefährlich und muss gut überlegt sein, weil das Risiko hoch ist, Kunden zu verlieren und zugleich die Konkurrenz stark zu machen.

Beyondprint: Dennoch werden sich andere Kunden von euch die Frage stellen, ob alle technologischen Weiterentwicklungen auch in Zukunft für sie zugänglich sein werden.

Marc Horriar: Absolut. Da wird sich nichts ändern. Wir konnten uns ja erst so gut entwickeln, weil unsere Kunden die Software quasi mit uns entwickelt haben, wir brauchen das Feedback aus dem Markt. Es gibt nur wenige Bereiche, die wirklich aus unserer CloudLab-eigenen Feder entsprungen sind, wie die Template-Galerie zum Beispiel. Da gab es keine spezielle Kundenanfrage, die haben wir einfach so entwickelt und erst später einen großen Kunden dafür gewinnen können. Im Verpackungsbereich haben wir innerhalb der Entwicklung vier Verpackungsdrucker mit an Bord geholt, weil wir noch mehr Know-how brauchten. So bilden alle unserer Kunden für uns eine Art Thinktank, in dem Ideen weitergeformt werden.

Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass die strategische Partnerschaft mit Cimpress den Prozess der technologischen Entwicklung verbessern wird. Unter anderem, weil wir so die Chance haben werden, Dinge zu implementieren, die in Europa vielleicht noch niemand auf dem Schirm hat. Außerdem: Entwicklungen kosten Zeit und Geld. In der Vergangenheit waren wir oft so ausgelastet mit konkreten Anfragen, dass wir kaum Kapazitäten hatten, Dinge auch ohne spezifische Kundennachfrage zu entwickeln. Das ändert sich nun, weil wir es uns dank des Investments beispielsweise erlauben können, unsere R&D-Abteilung aufzustocken.

Beyondprint: Apropos Research & Development: In welche Bereiche wird eure Entwicklung nach dem Invest als nächstes gehen?

Marc Horriar: Wir durften lernen, wie cool eigentlich die MCP-Plattform von Cimpress ist. Sie erlaubt es uns, Produkte und Produktionen in unserer Software anzubinden und über unterschiedliche Onlineshops auszutauschen und ich denke, das ist es auch, was für unsere Kunden interessant sein kann. Viele arbeiten ja sowieso schon mit Cimpress zusammen über den einen oder anderen Weg, ob als Kunde oder als Lieferant oder beides. Und das können wir nun schlichtweg digitalisieren und unseren Kunden die Möglichkeit geben, entsprechende Produkte über unsere Software in den eigenen Shop zu laden. Auch die Frage, ob man Bestellungen irgendwie automatisch untereinander austauschen und verarbeiten kann, wird uns beschäftigen, da in der Branche auch der Netzwerk-Gedanke immer größer wird. Da wird uns MCP sicherlich helfen.

Das sind Dinge, die wir gerade alle kennenlernen. Auch Shopify wird ein Thema sein, mit dem wir uns jetzt bewusster auseinandersetzen werden, genauso wie wir uns auf den Headless-Ansatz noch mehr fokussieren werden. Es gibt viele Möglichkeiten und uns wird gerade erst so richtig bewusst, was das eigentlich für eine große Spielwiese ist, auf der wir uns jetzt tummeln können.

Beyondprint: Wie haben eure Kunden auf die Nachricht reagiert, dass Cimpress bei euch einsteigt?

Marc Horriar: Positiv. Aber jetzt sind auch noch Ferien und wir können das sicherlich abschließend erst später sagen. Natürlich haben auch manche ihre Bedenken geäußert, da ging es genau um die Punkte, die du auch angesprochen hast: Müssen wir uns Sorgen machen, dass wir keine Technologien mehr bekommen oder dass CloudLab bald vom Markt genommen wird? Das sind Fragen, die logischerweise aufkommen, das kann ich nachvollziehen. Daher war es uns wichtig, dass wir auf unsere Kunden zugehen und offen darüber reden. Man muss den Usern erklären, dass es etwas Positives ist und ihre Sorgen unbegründet sind.

Aber: Sicher wird der eine oder andere skeptisch bleiben, ob es wirklich so kommt, wie wir sagen. Das heißt, wir haben es in unserer eigenen Hand, die Kunden zu überzeugen und ihnen zu zeigen, dass wir das umsetzen werden, worüber wir jetzt erzählen. Das ist unsere Aufgabe und da haben wir Lust drauf, weil wir jetzt einfach noch einmal mehr Manpower haben als vorher.

Beyondprint: Dann sprechen wir uns am besten in einem Jahr wieder! Vielen Dank für das Gespräch!

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Beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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