360 onlineprint, ein neuer Onlineprint-Anbieter mit Wurzeln in Portugal, will sich auf einen Schlag in ganz Europa breit machen. Eine kleine Erfolgsgeschichte, die fast schon an eine „Undercover“-Aktion grenzt …

Die Barrieren für einen Markteintritt in den Onlinedruck scheinen größer geworden zu sein. Notwendige Investitionen in Maschinen und Fertigungs-Kapazitäten sind dabei nur eine Seite der Medaille, die gestiegenen Werbeaufwendungen sowie das mittlerweile äußerst kompetitive Preisniveau stellen wohl die größten Hemmnisse dar. Jedenfalls gab es in jüngster Zeit keine neuen und ernst zu nehmenden neuen Marktteilnehmer.

Für die Vermarkter, also Onlineprint-Anbieter ohne eigene Herstellung, stellt sich die Situation offensichtlich anders dar. Investoren und andere Geldgeber sehen in dem „fabless“-Geschäftsmodell (fabricless) wohl mehr Potenzial, zücken hier schon eher mal das Portemonnaie und spendieren Millionenbeträge für den Ausbau des Business. Ein Beispiel hierfür ist Helloprint.

So hat das Rotterdamer Onlineprint-Unternehmen Helloprint mit ABN AMRO eine Vereinbarung über mehrere Millionen Euro zur Finanzierung seines Wachstums unterzeichnet. Helloprint will mit dem Geld sein Geschäft auf Dänemark, Schweden, Portugal, Österreich und Polen ausweiten. „Dann sind wir auf dem besten Weg, ganz Europa mit Helloprint abzudecken“, sagt Präsident Hans Scheffer.

Helloprint bezeichnet sich selbst als den am schnellsten wachsenden Online-Druckdienstleister Europas und bietet eine breite Palette an Drucksachen über das Internet an, produziert aber nicht selbst, sondern betätigt sich als „Druck-Vermarkter“ und ist schon jetzt in acht europäischen Ländern aktiv. „Nach mehreren Finanzierungsrunden ist es schön, dass die aktuelle Runde von einer niederländischen Bank im Vertrauen auf unser Geschäftsmodell, unsere E-Commerce-Plattform und unser Team durchgeführt wird“, kommentiert Hans Scheffer. „Wir spüren, dass immer mehr Verbraucher den Zugang zur Onlinewelt finden und erwarten in diesem Zusammenhang auch eine Umstellung der Druckbranche von offline zu online. Helloprint zumindest befindet sich in einem stürmischen internationalen Wachstum und eine weitere Ausdehnung ist Teil unseres Geschäftsmodells.“

360imprimir: Einstieg in den europäischen Markt

Auf die Transformation von offline zu online setzt offenbar auch ein Marktteilnehmer, den wir bisher noch nicht wirklich auf dem Radar hatten. Der 2013 gegründete portugiesische Onlineprint-Anbieter 360imprimir, der bisher nur auf der iberischen Halbinsel aktiv war, ist seit Mitte April unter dem Namen 360 onlineprint auch auf dem deutschen und europäischen Markt präsent, nachdem Mittel in Höhe von 20,4 Mio. Dollar (18 Mio. Euro) bereitgestellt wurden.

Die Investitionsrunde wurde von LeadX Capital Partners, einer Marke der Hospitality Digital GmbH mit Sitz in Düsseldorf (die wiederum ein Unternehmen der Metro AG ist), angeführt. Weitere Geldgeber sind Omnes Capital (Frankreich), Pathena (Portugal) und der 200M-Fonds, der von PME Investimentos verwaltet und von der Europäischen Union aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung mitfinanziert wird.

Mit einer bereits konsolidierten Präsenz in Portugal und Spanien (Brasilien und Mexiko werden ebenfalls genannt) will 360imprimir jetzt auch die Märkte in Österreich, Belgien, Kanada, Tschechien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Niederlande, Italien, Irland, Norwegen, Polen, Schweiz, Schweden, USA und Großbritannien erschließen.

Sérgio Vieira, CEO der portugiesischen 360imprimir will mit der Ausweitung auf Europa unter dem Namen 360 onlineprint quasi aus dem Stand 100 Mio. Euro Umsatz machen.

Wissen die Portugiesen mehr?

360imprimir schloss 2018 mit einem Umsatz von 21 Mio. Euro ab, was einer Steigerung von fast 80% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Für 2019 erwartetet CEO Sérgio Vieira einen Umsatz von 35 Mio. Euro. Und sein hochgestecktes Ziel – unter Berücksichtigung des erfolgreichen Eintritts in die neuen Märkte: Im Jahr 2021 soll ein Umsatz von 100 Mio. Euro erzielt werden.

Illusorisch? Würde sich 360 onlineprint auf klassische Printprodukte konzentrieren, sicherlich ja. Doch der Fall liegt etwas anders. Beim Blick auf die Website fällt sofort auf, dass es kein typischer Print-Shop ist. Klassische oder gar aufwendigere Drucksachen (Magazine, Broschüren etc.) sucht man vergeblich. Dafür aber findet man Textilien (Arbeitskleidung, T-Shirts, Pullover, Caps, Handtücher, Taschen, Schals), Roll-ups, Werbemittel (Kulis, USB-Sticks, Schlüsselhalter), Regalstopper, Blöcke, Aufkleber, Visitenkarten und vor allem Sortimente für Restaurants und Hotels (Tischsets, Tischdisplays, Menükarten etc.) sowie einen Gestaltungs-Service für das Design der Drucksachen. Dazu kann man sich einen „Designer mieten“.

Kann man so machen, erklärt aber noch nicht den angekündigten Umsatzsprung. Auch nicht, wenn das Unternehmen mitteilt, die gesamte Entwicklung erfolge intern. Über 60 Software-Ingenieure (rund ein Drittel des bisherigen Teams) betreuten die Plattform samt ihren Mechanismen wie Produktkataloge, Preise oder die Integration von Zahlungspartnern, sie arbeiteten an einer Kommissionier- und Verpackungssoftware, die den Produktions- und Logistikpartnern zur Verfügung gestellt würde, und an einem Algorithmus, der den Produktionspartner automatisch nach Lieferort und Produktart auswählt.

„Wer zeitgleich 16 neue Märkte anvisiert – mit den USA und Kanada auch noch gleich zwei in Übersee – muss schon einen höchst ausgetüftelten Plan haben, sonst geht das Vorhaben schief.“ – Bernd Zipper

Dies garantiere niedrigste Preise auf dem Markt bei gleichzeitig hoher Qualität und sei das Ergebnis von Investitionen in die Vereinfachung des Produktionsprozesses mit innovativer Software, die es ermögliche, die Kosten um 80% zu senken. Vielleicht wissen die Portugiesen mehr als wir, denn wie das gehen soll, verrät das Unternehmen nicht. Und dann gibt es noch weitere Aussagen, die mehr Fragen aufwerfen, als sie zur Klärung beitragen könnten.

Schwerpunkt Horeca-Kanal

Auf dem portugiesischen Online-Markt hat 360imprimir nach eigenen Angaben einen Anteil von 60% mit einem Portfolio von mehr als 400 Produkten in sieben Bereichen (Kleinformat, Großformat, Stempel, Magnete, Geschenke, Textilien und Designdienstleistungen) und erfüllt 4.500 Bestellungen pro Tag. In den nächsten drei Jahre soll die Auswahl der Produkte auf 20.000 erhöht werden. Dieses erweiterte Angebot würde Produkte wie Taschen, Verpackungen und Verbrauchsmaterialien sowie mehrere Sortimente für den Horeca-Kanal umfassen (die Abkürzung steht für Hotel, Restaurant, Café).

Aha – dann könnte vielleicht ein Schuh draus werden. Denn der federführende Investor LeadX Capital Partners fördert digitale Innovationen in den Bereichen Gastgewerbe, Lebensmittel und Einzelhandel und investiert nach eigenen Angaben in schnell wachsende, disruptive digitale Lösungen. Wenn sich 360 onlineprint also mit seinem Angebot auf die Gastronomie und das Gastgewerbe konzentriert, sind das alleine in Deutschland etwa 222.800 potenzielle Kunden mit rund 2,4 Millionen Arbeitsplätzen. Auf europäischer Ebene reden wir von 1,8 Mio. Betrieben und 10,2 Mio. Beschäftigten. Würden für jeden zwei Polo-Shirts (zum Niedrigst-Preis von 10,70 Euro) bestellt, könnte die Rechnung aufgehen. Zumindest auf dem Papier.

My Take: Wenn sich die Portugiesen mit ihren mehr als ehrgeizigen Plänen nicht mal verheben … Jungfräulich sind die Märkte, die sie angehen wollen, ja nicht gerade. Andere Onlinedrucker (wie etwa Cimpress, Helloprint, Flyeralarm oder onlineprinters) schlafen ja nicht, haben ihrerseits bereits das Potenzial spezieller Märkte erkannt und bieten Branchenwelten für die Gastronomie, Handwerker und Ärzte sowie Themenwelten für Präsentationen, Events, Werbetechnik etc. an. Wenn 360 onlineprint jetzt mit Kampfpreisen (500 Visitenkarten für 4,99 Euro) an den Markt geht, ist das noch lange keine Erfolgsgarantie. Und wer gleichzeitig 16 neue Märkte anvisiert – mit den USA und Kanada auch noch gleich zwei in Übersee – muss schon einen ausgetüftelten Plan haben, sonst geht das Vorhaben schief. Auch wenn das jetzt etwa 180 Mitarbeiter zählende Team in zwölf Monaten um mehr als 100 Personen erhöht werden soll. Die Plattform muss schließlich in den Märkten, die sie bearbeiten will, auch Partner finden, die ihre Produkte drucken, sonst hilft die beste Software nicht. Wir bleiben jedenfalls dran: Denn eine Ankündigung ist und bleibt eine Ankündigung!

 

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Onlineprint: 360imprimir – Iberischer Shootingstar?
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