Der Online Print Summit 2026 hat der Branche einen deutlichen Impuls gegeben: Onlineprint ist nicht auserzählt, sondern richtet sich unter dem Einfluss von KI neu aus. Im Interview mit der „Graphischen Revue“ spricht Bernd Zipper über Klarheit als Wettbewerbsfaktor, Automatisierung, Agentic Commerce, Googles UCP – und darüber, warum jetzt nicht mehr Abwarten, sondern Entscheiden gefragt ist.
Graphische Revue: Bernd, der Online Print Summit 2026 liegt hinter uns; was war für Dich das größte Learning?
Bernd Zipper: Dass Klarheit das neue Wettbewerbsmerkmal ist. Nicht Größe. Nicht Technologie. Klarheit. Kein Buzzword-Bingo, keine PowerPoint-Romantik. Die Unternehmen, die auf dem OPS wirklich überzeugten, hatten eines gemeinsam: Sie wussten präzise, wer sie sind, was sie können – und was nicht. Das klingt nach Banalität. Ist es aber nicht – nicht in einer Branche, die gerade einen der tiefgreifendsten Strukturwandel ihrer Geschichte erlebt. In unserer Beratungspraxis bei zipcon sehen wir immer wieder dasselbe Muster: Unternehmen, die strategisch klar positioniert sind, treffen bessere operative Entscheidungen – schneller und mit weniger Reibungsverlust. Und genau das spiegelten die überzeugenden OPS-Auftritte wider. Wer keine klare Antwort auf die Frage »Warum kauft jemand bei euch und nicht beim Wettbewerb?« hat, hat ein strukturelles Problem – kein Marketing-Problem. Und dann war da noch etwas, das ich so nicht erwartet hatte: eine spürbare Energie. Eine kollektive Aufbruchsstimmung. Dazu gleich mehr.
Wenn Du die Veranstaltung in drei Thesen zusammenfassen müsstest: Was bleibt?
These 1: Automatisierung und Robotik ist kein Zukunftsthema mehr – sie ist Gegenwartspflicht. Wer heute noch sagt, er beschäftige sich gerade damit, beschäftigt sich in drei Jahren mit den Konsequenzen des Nicht-Handelns. Die Dringlichkeit war auf dem OPS 2026 mit Händen zu greifen – und das ist gut so.
These 2: Der Mensch schlägt den Algorithmus – noch. Die stärksten Momente der Veranstaltung entstanden nicht in Präsentationen oder Produkt-Demos. Sie entstanden in Gesprächen. An der Bar, im Gang, beim Mittagessen. Das Netzwerk ist das Produkt. Wer nur die Agenda abarbeitet und nicht in der Pause stehenbleibt, hat den eigentlichen Wert des OPS verpasst.
These 3: Das OPS 2026 war der Startschuss zu einer Renaissance des Onlineprint – nur eben unter der Flagge der KI. Das ist die The-se, die ich mit nach Hause genommen habe und die mich seither nicht loslässt. Onlineprint hat in den vergangenen Jahren viel an Strahlkraft verloren – das Thema schien ausdiskutiert, die Wachstumskurven flacher, die Begeisterung gedämpft. München hat das verändert. Plötzlich ist klar: KI ist nicht das Ende des Drucks. KI ist die nächste Wachstumsphase des Onlineprints. Wer das versteht, hat einen Vorsprung. Wer das noch nicht versteht – der war vielleicht nicht dabei.
Hat sich die Stimmung in der Branche im Vergleich zum Vorjahr verändert?
Ja. Grundlegend sogar. 2025 war geprägt von einem kollektiven Abwarten. Einem vorsichtigen „schau’n wir mal“. Man hat beobachtet, gemessen, abgewogen – und sehr viel Kaffee getrunken dabei. 2026 ist das anders. Die Stimmung riecht nach Entscheidung. Manche haben entschieden zu investieren. Manche haben entschieden zu verkaufen. Und manche haben – bewusst oder unbewusst – entschieden, nichts zu entscheiden. Auch das ist eine Entscheidung, nur eine mit hohen Folgekosten.
Aus meiner M&A-Perspektive, wo ich Transaktionsprozesse in der Branche begleite, ist das kein Zufall: Der Kapitalmarkt bewertet Online-Print-Assets heute differenzierter als noch vor zwei Jahren. Wer skalierbare Geschäftsmodelle, saubere Prozessarchitektur und klare Kundenbindungslogik vorweisen kann, erzielt sehr gute Bewertungen. Wer das nicht kann, wird zunehmend unter Druck geraten – von strategischen Käufern wie von Private-Equity-Investoren gleichermaßen.
Und dann ist da noch ein Faktor, der immer wichtiger wird: die Initiative Online Print. Die IOP spielt in diesen Zeiten eine Rolle, die weit über das klassische Organisationsleben hinausgeht. Sie ist Orientierungspunkt. Netzwerk. Frühwarnsystem. In einer Phase, in der sich die Branche neu erfinden muss, brauchen Unternehmen – egal welcher Größe – Räume, in denen man offen über das spricht, was wirklich passiert. Nicht für die Pressemitteilung, sondern für die Strategie. Genau das leistet die IOP. Und das OPS ist ihr sicht-barster Ausdruck – denn die Präsenz der Mitglieder war ja deutlich zu sehen.
Wo steht die Onlineprint-Industrie aktuell – eher in einer Phase der Konsolidierung oder des Aufbruchs?
Beides – und das ist kein Widerspruch, sondern Marktdynamik. Auf der Ebene der großen Plattformanbieter konsolidiert es mit klarer Konsequenz: Die Marktführer wachsen durch Zukäufe, durch Skalierung und durch Margendisziplin. M&A-Aktivität ist hier kein Ausnahme-, sondern ein Regelphänomen. Das erleben wir in unserer Transaktionsbegleitung.
Gleichzeitig erleben wir im Segment der spezialisierten Anbieter – Nischenprodukte, hybride Modelle, vertikal integrierte Plattformen – eine ausgeprägte Aufbruchsdynamik. KI macht Dinge möglich, die vor drei Jahren noch Infrastrukturprojekte mit Millionenbudget waren. Das senkt Eintrittsbarrieren und befeuert Kreativität.
Die gefährlichste Position ist und bleibt die Mitte: zu groß für echte Agilität, zu klein für Skalierungseffekte. In meiner Beratungspraxis ist das die häufigste Ausgangslage – und die ehrlichste Frage, die ich dann stelle, lautet: Was wollt ihr eigentlich sein? Die Antwort bestimmt alles. Die Strategie, die Kapitalstruktur, die Partnerschaften, die Technologie.
Wie relevant ist Künstliche Intelligenz inzwischen für Onlinedruckereien?
Sie ist das Thema. Aber sie wird gleichzeitig massiv überschätzt und massiv unterschätzt – von verschiedenen Lagern, wohlgemerkt. Die einen bauen KI-Architekturen auf Prozessfundamenten, die dafür schlicht nicht vorbereitet sind. Das endet selten gut. Die anderen ignorieren das Thema in der Hoffnung, dass der Wandel an ihnen vorbeizieht. Diese Hoffnung ist trügerisch.
Meine Empfehlung – und das ist ein Leitmotiv, das wir bei zipcon konsequent in Transformationsprojekten anwenden – lautet: Erst verstehen und entschlacken. Strategie entwickeln – und automatisieren. Dann skalieren. KI auf chaotische Prozesse aufzusetzen ist wie ein Turbolader auf einen defekten Motor. Technisch möglich. Praktisch gefährlich.
Die realen Quick Wins für Online-Druckereien liegen heute in drei Bereichen: Produktdatenqualität und -struktur, Kundenservice-Automatisierung und Layoutgenerierung. Dort passiert gerade Substanzielles – dort lohnt der gezielte, pragmatische Einstieg.
Agentic Commerce wird viel diskutiert – was bedeutet das konkret für Onlinedruckereien, und warum ist Googles UCP plötzlich ein Thema?
Agentic Commerce ist kein Marketingbegriff. Es ist der nächste fundamentale Wandel in der Art, wie Kaufentscheidungen getroffen und Bestellprozesse ausgeführt werden – und die meisten Marktteilnehmer haben den vorangegangenen Wandel noch nicht vollständig verarbeitet.
Zur Klarstellung: Agentic Commerce bedeutet, dass KI-Agenten selbstständig einkaufen. Nicht der Mensch navigiert durch den Shop und wählt aus – ein Algorithmus vergleicht Konditionen, prüft Spezifikationen, bewertet Lieferzeiten und platziert Bestellungen. Automatisiert. Im Auftrag des Kunden. Ohne menschliche Intervention im Einzelfall.
Und genau hier kommt Google ins Spiel – mit dem Unified Commerce Protocol, kurz UCP. Google entwickelt damit einen standardisierten Rahmen, über den KI-Agenten strukturiert mit Shopsystemen kommunizieren können. Das ist keine Randnotiz. Das ist eine Infrastrukturentscheidung mit strategischer Tragweite für die gesamte E-Commerce-Welt – und damit auch für Onlineprint. Wer keine Antwort auf UCP hat, wer nicht versteht, wie seine Systeme in dieser neuen Agenten-Welt sichtbar bleiben, der baut gerade an einem unsichtbaren Shop.
Was bedeutet das praktisch? Euer Shop und euer Gesamtsystem müssen maschinenlesbar sein. Nicht nur visuell ansprechend für menschliche Nutzer, sondern strukturell konsistent für automatisierte Agenten: Produktdaten, technische Spezifikationen, Preislogik, Lieferzeiten – alles muss API-fähig, sauber und verlässlich sein. Wer heute noch mit PDF-Preislisten und manuellen Angebotsprozessen arbeitet, wird vom Agenten ignoriert. Und der Agent kauft dann beim Wettbewerb – ohne Rücksicht, ohne Rückruf, ohne zweite Chance.
Aus meiner Perspektive ist die Systemarchitektur einer der am häufigsten unterschätzten Werttreiber. Unter-nehmen mit sauberer API-Infrastruktur und strukturierten Produktdaten werden im Transaktionskontext deutlich besser bewertet – eben, weil sie für die nächste Integrationswelle bereit sind. Und diese Welle kommt. Die Frage ist nur, ob man sie reitet oder von ihr überrollt wird.
Influencer Commerce – ernstzunehmender Kanal oder Instagram-Kosmetik für die Druckbranche?
Weder noch, oder genauer: beides, je nach Herangehensweise. Influencer Commerce in der Printbranche funktioniert strukturell anders als im Consumer-Segment. Hier geht es nicht um Reichweitenmillionen, sondern um Glaubwürdigkeit in relevanten Teilöffentlichkeiten. Ein Grafikdesigner mit 8.000 engagierten Followern, der über seine konkreten Arbeitserfahrungen mit einer Druckerei spricht, ist ein wirksamer Empfehler. Ein Reichweiten-Influencer ohne Branchenbezug ist es nicht – egal wie viele Follower er hat.
Das nennt sich Micro-Influencer-Strategie. Und sie funktioniert in unserem Segment sehr gut, wenn sie authentisch umgesetzt wird. Die Druckbranche hat ein feines Gespür für Substanzlosigkeit entwickelt – das ist eine jahrzehntelang geübte Qualität.
Was mich strategisch wirklich interessiert, ist die Kombination, die gerade entsteht: Influencer Commerce trifft auf Agentic Commerce. Der Creator empfiehlt – der Agent kauft. Die Kaufentscheidung des Menschen wird über Vertrauen vorbereitet, die Bestellung selbst aber automatisiert ausgeführt. Wer in diesem Umfeld eine echte Marke mit erkennbarer Haltung und Gesicht aufgebaut hat, wird profitieren. Wer ausschließlich über Preispositionierung kommuniziert, wird zur austausch-baren Variable im Algorithmus.
Auf dem OPS können sich auch Start-ups präsentieren. Welches war Dein Favorit?
Ich bewerte Start-ups nicht öffentlich mit Ranglisten – das wäre weder fair gegenüber den Teilnehmern noch hilfreich für eine Community, die ich gemeinsam mit der Initiative Online Print e.V. seit Jahren mit viel Herzblut aufbaue.
Was ich persönlich sagen kann: Mich überzeugen Start-ups, die nicht pitchen, sondern lösen. Die mit einem konkreten Branchenproblem kommen und einem durchdachten Lösungsansatz – ohne Hockey-Stick-Projektionen ins Nirgendwo, aber mit erkennbarem Pfad zur Skalierung und einem klaren Verständnis davon, wer ihre Käufer sein könnten.
Wo gibt es Wachstumsfelder für den Onlinedruck, und wo siehst Du die Branche in drei Jahren?
Die relevanten Wachstumsfelder sind klar identifizier-bar – auch wenn der Pfad dorthin unterschiedlich steil ist. Packaging und Labels sind die offensichtlichsten Treiber: Nachfrage stabil, Individualisierungsdruck steigt, regulatorische Anforderungen wie der EU Digital Product Pass schaffen neue Differenzierungsebenen. Wer hier heute die Systeminfrastruktur aufbaut, hat in drei Jahren einen strukturellen Vorsprung. Vor allem wenn er Print-on-Demand im Griff hat.
Hyperpersonalisierung jenseits des Namensdrucks: echte, datengetriebene Individualisierung auf Basis von Kundenprofilen und Nutzungsverhalten. Technisch anspruchsvoll – aber die Wertschöpfung ist entsprechend höher.
Nachhaltigkeit als verifizierbares Produktmerkmal, nicht als Kommunikationsargument. Kunden, insbesondere im B2B-Segment, fragen zunehmend nach belegbaren Nachhaltigkeitsnachweisen. Das ist ein Markt, der durch Regulierung beschleunigt wird – ob man das begrüßt oder nicht In drei Jahren? Ich glaube, wir werden auf das OPS 2026 zurückblicken und sagen: Das war der Moment, in dem die Branche begriffen hat, dass sie keine aus-laufende Industrie ist – sondern eine, die gerade neu gestartet ist. Unter der Flagge der KI, mit den Werkzeugen der Automatisierung und dem Rückenwind des Agentic Commerce. Die Trennlinie zwischen Onlineprint und konventionellem Druck wird verschwunden sein. Was bleibt, sind Unternehmen, die in Plattformen, Ökosyste-men und Kundenreisen denken – und solche, die noch in Maschinen und Papiersorten denken. Die Bewertungsunterschiede zwischen diesen Gruppen sind im M&A-Markt bereits heute sichtbar. In drei Jahren werden sie dramatisch sein.
Warum sollten auch konventionelle Druckereien das OPS besuchen?
Weil Unkenntnis ein Strategierisiko ist. Und weil der OPS die kosteneffizienteste Marktforschung ist, die ein Unternehmen dieser Branche kaufen kann. Konventionelle Druckereien neigen dazu, den OPS nicht als „ihre Welt“ zu klassifizieren. Das ist ein verständlicher, aber folgenreicher Irrtum. Ihre Kunden kaufen längst in dieser Welt ein. Ihre zukünftigen Mitbewerber kommen aus dieser Welt. Und die Themen, die auf dem OPS behandelt werden – Automatisierung, KI, Agentic Commerce, Google UCP, Kapitalstrategien – sind keine Online-Print-Spezifika. Sie sind Branchenrealität.
Ich erlebe regelmäßig, dass konventionelle Druckereien, die strategische Transformationen angehen, sich an Geschäftsmodellen und Prozesslogiken orientieren, die in der Online-Print-Welt längst etabliert sind. Wer den OPS nutzt, um diese Entwicklungen nicht nur zu beobachten, sondern aktiv einzuordnen und zu bewerten, trifft bessere strategische Entscheidungen.
Und noch etwas, das mir persönlich wichtig ist: Einer der Motoren des OPS ist die IOP! Die Initiative Online Print e.V. ist nicht irgendeine Organisation. Sie ist in Zeiten wie diesen – in denen Unsicherheit, Technologiewandel und Marktkonsolidierung gleichzeitig stattfinden – ein echter Orientierungsraum. Ein Ort, an dem man nicht verkauft wird, sondern lernt. Nicht präsentiert bekommt, sondern diskutiert. Das ist selten. Das ist wertvoll. Und das OPS ist das sichtbarste Fenster in diese Welt.
Wer also fragt, ob sich die Reise nach München lohnt – meine Antwort ist: Die Frage ist falsch. Richtig ist: Kannst Du es Dir leisten, nicht dabei zu sein? Übrigens: Tickets kann man jetzt schon kaufen – online natürlich!
Bernd, vielen Dank für das Gespräch!

