OPS 2020: Individualisierung ist nicht die Kür, sondern Pflicht

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Wie breit gestreut die Gemeinde der Onlinedrucker ist, zeigte sich auf dem Online Print Symposium auch an der Vielfalt der Geschäftsmodelle und der Produkte, die online vertrieben werden.

So haben die Macher der Leipziger Posterlounge GmbH vor über 16 Jahren leeren Wänden den Kampf angesagt und waren damit einer der wenigen Anbieter im Bereich „Art on Demand“. Die Vision ist dabei bis heute die gleiche geblieben: Kunst für jedermann zu einem erschwinglichen Preis anzubieten.

Als Online-Shop und Kunstverlag bietet Posterlounge Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke mit geringem Aufwand zu vermarkten und so einen zusätzlichen Vertriebskanal zu nutzen. Kooperationen mit renommierten Bild- und Künstleragenturen wie National Geographic, Bridgeman Art und Everett Collection ergänzen das hochwertige Portfolio.

Mithilfe effektiver Fertigungsstrecken bedruckt der Kunstverlag und Online-Shop inhouse und on demand jeden Monat im Schnitt fünf Kilometer Premium-Papier, dazu andere Trägermaterialien wie Holz, Alu und mehr. „Kunst für jede Wand“ beinhaltet zeitlose Fotografien, exklusive Illustrationen und klassische Kunstdrucke.

Für Florian Teßmer, Mitgründer und Geschäftsführer der Leipziger Posterlounge, ist Individualisierung heute nicht mehr nur Kür, sondern längst zur Pflicht geworden. Source: Online Print Symposium

Für Florian Teßmer, Mitgründer und Geschäftsführer der Leipziger Posterlounge, ist Individualisierung heute nicht mehr nur die Kür, sondern längst zur Pflicht geworden. Dabei müsse der Spagat zwischen Qualität und Mass Customization gelingen, denn Mass Customization macht inzwischen den Löwenanteil der Produktion bei der Posterlounge aus. Bei heute 80.000 Bildmotiven addieren sich die Varianten (Motive, Trägermaterialien, Größen und Veredelungen, sprich Rahmen) auf immerhin 55 Millionen Kombinationsmöglichkeiten, die mit 20 Maschinen in der eigenen Fertigung bewältigt werden müssen.

„Doch die Individualisierung hat auch ihre Grenzen“, erläuterte Teßmer. „Bis 2016 hatten wir 350.000 Motive im Shop. Das war zu viel. Die Kunden haben sich im Shop verlaufen. Zu viel Individualität überfordert die Kunden offensichtlich.“ Nachdem das Angebot quasi auf ein Viertel reduziert wurde, hätte sich am Umsatz interessanterweise aber nichts geändert.

Als Diplom-Wirtschaftsinformatiker programmiert Florian Teßmer seit dem Launch der deutschen Website das Shopsystem selbst. Er verantwortet den Bereich IT und Development sowie das externe Marktplatzgeschäft von Posterlounge bei eBay, Amazon, Otto und weiteren Anbietern. Posterlounge versendet europaweit und verfügt aktuell über Shops in elf Ländern – Tendenz steigend. Inzwischen macht das Auslandsgeschäft 60% des Gesamtumsatzes aus. „Dabei ist der Versand gerade von großformatigen, gerahmten Wandbildern in Größen bis zu 1,20 x 1,80 Metern als Sperrgut eine echte Herausforderung“, so Teßmer.

Das Runde muss ins Eckige

Obwohl die DNA der BVD „Drucken auf Papier“ ist, will sich die Liechtensteiner Druckerei zum Experten für das Bedrucken dreidimensionaler Mass-Customization-Produkte entwickeln. Seit 1992 ist Peter Göppel Geschäftsführer der BVD Druck + Verlag AG, die sich schon 1996 als eine der ersten Druckereien mit dem Digitaldruck und der Personalisierung beschäftigte.

„Wir müssen uns als konventionelle Akzidenzdruckerei aber weiterhin den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und uns transformieren, um zukünftig auf dem Markt bestehen zu können“, stellte Peter Göppel bei seiner Präsentation fest und schilderte die Schritte, die BVD bisher zurückgelegt hat. „Ziel war es, ein innovatives und personalisiertes Produkt zu entwickeln, das online vom Verbraucher bestellt werden kann. Ein weiteres Ziel war, dass sich das Produkt in einer Nische bewegt. Entstanden ist daraus die Marke balleristo.“

Mass Customization ist für Peter Göppel, Geschäftsführer der Liechtensteiner Druckerei BVD, der Trend der Zukunft. Source: Online Print Symposium

Bereits 2013 war BVD Testkunde für eine Maschine, die dreidimensionale Produkte bedruckt. 2014 wurde der Prototyp gekauft, 2015 die Website balleristo samt Shop aufgesetzt und 2016 in eine Heidelberg Omnifire 250 für den vierfarbigen Druck investiert. 2017 folgte eine Fünffarbenmaschine des gleichen Typs und in diesem Jahr wird eine Omnifire 1000 mit sechs Achsen installiert. Eine Millioneninvestion für das Bedrucken von Bällen, Trinkflaschen und Helmen – weitere Objekte sollen folgen.

Dazu will Peter Göppel ganz strukturiert an den Markt, B2C und B2B anvisieren sowie Nachfrage bei Herstellern und Plattformen wecken. „Anfangs waren wir ausschließlich im B2C-Segment unterwegs – das ist auch weiterhin ein sehr wichtiger Markt. Wir haben aber auch schon die Fühler zum Business-Markt ausgestreckt und wollen zudem über Plattformen wie Amazon oder ebay gehen. Daneben wollen wir zu Herstellern gehen und Mass Customization sowie das Personalisieren bekannter machen“, erklärte Peter Göppel. Dabei schätzt er die Zukunft von Mass Customization überaus positiv ein: „Ich glaube, das ist der Trend der Zukunft. Ich glaube auch, dass jede Person unique sein möchte – und warum sollten das nicht auch Unternehmen sein?

„Wir sehen heute schon, dass die Wachstumskurve jeden Monat nach oben zeigt. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Marktentwicklung noch immer am Bahnhof steht – der Zug bewegt sich jedenfalls sehr, sehr langsam. Deshalb geht es jetzt gezielt daran, Kunden zu überzeugen und die Vorteile zu vermarkten. Ob uns das gelingt, kann ich nicht sagen, aber die Basis haben wir gelegt und müssen jetzt an den Stellschrauben drehen, um die Produkte zu verkaufen“, fasst Peter Göppel die Herausforderungen der nächsten Jahre zusammen.

Onlineprint in France

 Es lohnt sich immer, einen Blick auf andere Märkte zu werfen, vor allem wenn es um den direkten Nachbarn Frankreich geht und dieser zu den großen drei europäischen Märkten zählt. Antoine Roux, Gründer von Printoclock.com, bewertete in seiner Präsentation beim OPS nicht nur die Größe der Druckindustrie in Frankreich, sondern nannte zudem die besonderen Eigenheiten des französischen Onlinedruck-Marktes.

Allein die Zahlen lassen staunen: Frankreich hat rund 67 Mio. Einwohner, also gar nicht so viel weniger als Deutschland. Die Druckindustrie macht aber nur einen Umsatz von 8,6 Mrd. € (in Deutschland sind es um die 20 Mrd. €), von denen Commercial Print 3,2 Mrd. € ausmacht.

Diesen Markt teilen sich zig Tausend klassische Druckereien (in offiziellen Statistiken ist von über 17.000 Betrieben die Rede), Antoine Roux nannte 2.945 – und etwa 50 Onlinedrucker, von denen etwa 20 nicht aus Frankreich kommen. Und die Top 3? Man höre und staune: Saxoprint, Onlineprinters und easyflyer – die beiden erstgenannten dürften hierzulande als Marktgröße bekannt sein, easyflyer ist ein französisches Unternehmen, wurde aber bereits 2015 von Cimpress übernommen.

Antoine Roux nannte interessante Zahlen zur Größe der Druckindustrie in Frankreich und sprach zudem über die Besonderheiten des französischen Onlinedruck-Marktes. Source: Online Print Symposium

Demnach haben die französischen Drucker den Markt komplett verpennt. „Die Onlineprinter in Frankreich wurden fast alle von Marketing-Leuten gegründet. Insgesamt ist der französische Onlinemarkt aber ein Reseller-orientierter Markt. Und der macht vielleicht 1 bis 2 Millionen Euro aus“, erklärte Roux. Das wäre aber immerhin ein Drittel des Commercial-Print-Marktes.

Warum das in Frankreich so ist, erklärt vielleicht auch die Karriere von Antoine Roux. Er begann in den 2000er Jahren in IT- und Start-up-Unternehmen, war begeistert von den ersten erfolgreichen Online-Unternehmen und wollte eines Tages sein eigenes Web-Projekt starten. Vorher wollte er sich aber noch einen anderen Traum erfüllen: Für Musikbands zu arbeiten, dass es nur so rockt! Dabei begann er, Plakate und Flyer an die Unterhaltungsindustrie zu verkaufen. Denn Print war der beste Weg, Bands zu promoten. 2008 gründete er PrintOclock mit seinen Marketing- und IT-Kenntnissen. Seit 2012 produziert er selbst (vor allem im Large Format) und druckt als wachsendes und profitables Unternehmen täglich etwa 1.000 Aufträge. Der Onlineprint-Markt könnte in der nächsten Dekade aber insbesondere mit Verpackungs- und Etiketten wachsen, glaubt Antoine Roux.

Bernd Zipper My Take: Zwei oder drei Dimensionen spielen beim Onlineprint keine Rolle mehr. Und Individualisierung sowie Mass Customization sind ein unaufhaltsamer Trend. Dabei muss das Runde eben ins Eckige und gelegentlich auch das Eckige ins Runde, wenn es nicht anders geht. Denn Transformation macht vor Widersprüchen keinen Halt. Dass dies gelegentlich auch Geduld erforderlich macht, ist nicht auszuschließen. Was aber nicht davon abhalten sollte, den eingeschlagenen und gelegentlich auch visionären Weg weiter und mit aller Konsequenz weiterzugehen. Aber das ist es eben, was die Macher von Onlineprint ausmacht.
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Wie breit gestreut die Gemeinde der Onlinedrucker ist, zeigte sich auf dem Online Print Symposium auch an der Vielfalt der Geschäftsmodelle und der Produkte, die online vertrieben werden. So haben die Macher der Leipziger Posterlounge GmbH vor über 16 Jahren leeren Wänden den Kampf angesagt und waren damit einer der wenigen Anbieter im Bereich „Art on Demand“. Die Vision ist dabei bis heute die gleiche geblieben: Kunst für jedermann zu einem erschwinglichen Preis anzubieten.
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beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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