OPS 2020: Wo sind die Blockchain-Anwendungen?

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Wie lässt sich solch schwere Kost vermitteln? Keynote und Prenote des zweiten Veranstaltungstages beschäftigten sich mit dem Thema Blockchain. Ingo Rübe, Gründer und CEO der BOTLabs GmbH, sezierte die Möglichkeiten und Grenzen der Blockchain-Technologie detailliert und erläuterte dabei in Gegenüberstellungen, welches Potenzial sie hat, das Internet grundlegend zu verändern.

Das war IT-Hardcore pur. Deutlich entspannter vermittelte der ARD-Digitalexperte Jörg Schieb dagegen das Thema. „Das war die Sendung mit der Maus in Sachen Blockchain“, sagte ein Teilnehmer.

Ingo Rübe ist Gründer und CEO der BOTLabs GmbH, einem Berliner Startup, das eine Lösung für selbstbestimmt digitale Identitäten unter Nutzung von Blockchain-Technologien entwickelt. Das Unternehmen wurde im Januar 2018 gemeinsam mit dem Minderheitsgesellschafter Burda gegründet. Ingo Rübe hat ein Blockchain-Protokoll für die dezentrale, selbst-souveräne Verwaltung von Daten ins Leben gerufen, das zahlreiche neue Businessmodelle rund um die Ressource „Vertrauen“ ermöglicht.

Was ist eine Blockchain?

Aber was ist nun eine Blockchain und wo sind die konkreten Anwendungen? Eine Blockchain ist ein dezentralisiertes Buchhaltungssystem, eine kontinuierlich erweiterbare Kette von Datensätzen (Blöcke), die mit kryptografischen Verfahren miteinander verkettet sind. Jeder Block enthält dabei typischerweise einen sicheren Code des vorhergehenden Blocks, einen Zeitstempel und Transaktionsdaten.

Ingo Rübe ist Gründer und CEO der BOTLabs GmbH, einem Berliner Startup, das eine Lösung für selbstbestimmt digitale Identitäten unter Nutzung von Blockchain Technologien entwickelt. Source: Online Print Symposium / Photo by: Nadja von Prümmer

„Dezentrales Buchhaltungssystem deshalb, weil der jeweils richtige Zustand dokumentiert wird, weil viele Teilnehmer an der Buchführung beteiligt sind. Was dokumentiert werden soll, ist zunächst einmal unerheblich. Entscheidend ist, dass spätere Transaktionen auf früheren Transaktionen aufbauen und diese als richtig bestätigen, indem sie die Kenntnis der früheren Transaktionen beweisen“, hielt Rübe fest. „Damit wird es unmöglich, die Existenz oder den Inhalt früherer Transaktionen zu manipulieren, ohne gleichzeitig alle späteren Transaktionen zu zerstören. Andere Teilnehmer, die Kenntnis der späteren Transaktionen haben, würden eine manipulierte Kopie der Blockchain daran erkennen, dass sie Inkonsistenzen in den Berechnungen aufweist.“ Das erklärt auch, was Rübe im Zusammenhang mit der Blockchain unter „Vertrauen“ versteht.

Zwei schematische Darstellungen aus der Präsentation von Jörg Schieb, die das Prinzip einer Blockchain verdeutlichen: Die Struktur ist dezentral (links) und manipulationssicher. Wer ein Hütchen herausnimmt, zerstört die gesamte Struktur. Eine Manipulation würde sofort auffallen.

Bei der Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile einer zentralen Datenbank und einer Blockchain wurde daher auch nachvollziehbar, warum derzeit viele Branchen und Unternehmen darüber nachdenken, wie sie die Blockchain-Technologie sinnvoll für sich nutzen können. „Eine zentrale Datenbank ist zwar vergleichsweise leicht zu verwalten, ist kosteneffizient und schnell, dafür aber anfällig für Korruption, für Versagen und für Angriffe von innen und außen sowie zudem höchst undemokratisch“, erläuterte Rübe. „Eine Blockchain ist dagegen korruptions- und angriffsresistent, ausfallbeständig und demokratisch – dafür aber kompliziert in der Verwaltung, teuer im Betrieb und durch den notwendigen Konsens langsam.“

Alternative zum kaputten Internet

Die wichtigsten Anwendungen für die Blockchain sind – nach zehn Jahren – von der Kryptowährung Bitcoin und dem Vorstoß von Facebook (Libra) abgesehen, in der Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt gebliebene Applikationen im Bereich DeFi (dezentralisierte Finanzen). Ungeachtet dessen ist es aber bereits ein 500-Milliarden-Dollar-Markt, stellte Ingo Rübe fest.

„Die Blockchain kann aber zu einer Alternative des kaputten Internets werden“, führte er aus. „Dann gibt es gleiche Wettbewerbsbedingungen für die Anbieter von Anwendungen, Datensouveränität für die Benutzer und eine Unabhängigkeit von den US-Cloud-Anbietern.“

Denn im gegenwärtigen Internet sei die Macht zentralisiert. Eine Handvoll Firmen kontrollieren den Speicher, die Rechenleistung, die Identitäten und die Daten der Internetteilnehmer. Cloud-Speicher wird hauptsächlich von Amazon, Google, Microsoft und Apple angeboten. Nur einige wenige Cloud-Dienste speichern also die Informationen der Welt. Facebook und Google halten unsere digitalen Identitäten. Unsere persönlichen Daten werden in zentralen Profilen gespeichert, die von den Unternehmen kontrolliert werden, die auch die Speicherung kontrollieren. Das Monopol weniger Plattformen führte immer wieder zur Kritik und dem Wunsch den Internetriesen ihre Macht zu nehmen. Das könnte mit der Blockchain-Technologie gelingen.

Aber, so Rübe: „Zunächst muss die Benutzerfreundlichkeit für eine Massenanwendung erhöht werden. Dabei müssen die Blockchain-Szene, Industrie und Regulierungsbehörden zusammenarbeiten“, erläuterte Rübe. Dann könnte die Blockchain die Infrastruktur für die nächste Entwicklung des Web sein und einen noch höheren Wert als die Internetindustrie akkumulieren. Es könnte ein dezentralisiertes Finanzwesen entstehen, Krypto-Währungen könnten zum „digitalen Gold“ werden, stabile Münzen würden von der Industrie und Banken angenommen und Sicherheitsmarken ersetzten Aktien, Anleihen und andere Finanzinstrumente. Klingt alles futuristisch, wird aber nach Einschätzung von Ingo Rübe sicherlich kommen.

Die Blockchain macht Druck

Jörg Schieb erläuterte die Entwicklung und Hintergründe zu dem derzeit größten Hype in der Tech- und Finanzwelt und führte auf, welche Auswirkungen die Blockchain auf Gesellschaft und Industrie haben wird beziehungsweise welchen Einfluss sie auch auf die Onlineprint-Industrie nehmen könnte. „Die Blockchain verändert aber nicht nur die Art und Weise, wie Produktionsprozesse ablaufen, sondern könnte auch Papier und Druck ersetzen. Doch bevor die Blockchain im Mainstream ankommt, muss sich herausstellen, an welcher Stelle wirklich ein Nutzen für den einzelnen Akteur entsteht – seien das Firmen, Endkunden oder Technologieanbieter“, so der Schieb.

„In dem Konzept Blockchain stecken durchaus Chancen für uns alle. Denn die Blockchain ist eine äußerst interessante Technologie“, erklärte der ARD-Digitalexperte Jörg Schieb. Source: Online Print Symposium / Photo by: Nadja von Prümmer

Wer die Blockchain verstehen will, müsse allerdings umdenken, sagte Jörg Schieb. „Denn die Mechanismen und die Funktionsweise sind anders als bisher. Daten sind nicht mehr zentral in einer Datenbank gespeichert, sondern auf ganz vielen gleichzeitig. Alles sicher verschlüsselt und verkettet. Eine Transaktion nachträglich verändern oder manipulieren? Ist nicht!“, so ARD-Experte und Fachautor für Digitalthemen. Das mache auch den Charme der Blockchain aus. Vorgänge seien transparent und Transaktionen sicher vor Manipulationen. Alleine das schon mache die Blockchain in vielen Bereichen attraktiv. Onlinegeschäfte und Handel könnten auf Kryptowährungen umsteigen, das Bezahlen mit Kreditkarten etc. könnte noch einfacher und sicherer werden – das Sich-Ausweisen mit dem elektronischen Personalausweis ebenfalls.

Es stecken also viele Chancen drin. Deutsche Unternehmen entwickeln zurzeit Lösungen, die schon bald weltweit von Interesse sein könnten und sich zu einem enormen Wettbewerbsvorteil entwickeln – auch und ganz besonders in der Druckindustrie. „Denn die Blockchain kann zwar auf der einen Seite Papier und Druck ersetzen, zum anderen aber auch Abläufe in der Produktionskette beschleunigen und sicherer machen“, analysierte Schieb.

Blockchain in der Medienwelt

Derzeit denken viele Branchen und Unternehmen darüber nach, wie sie die Blockchain-Technologie sinnvoll für sich nutzen können. Schon bald könnte es zum Standard werden, Daten in der Blockchain zu übertragen, zu übergeben – und so vor Manipulationen zu schützen. „Das wird früher oder später – eher früher! – auch eine Herausforderung für die Druckindustrie. Nicht nur, um in der Produktionskette Daten per Blockchain auszutauschen, sondern auch, um sicherzustellen, dass die zu druckenden Informationen verschlüsselt übertragen und manipulationssicher sind.

Werden Texte, Fotos, Grafiken oder andere Inhalte per Blockchain übertragen, lässt sich bis zum Anwerfen der Druckmaschinen nachvollziehen, wer welche Daten auf den Weg gebracht und wer möglicherweise Korrekturen vorgenommen hat. Es ist dann unmöglich, dass Unbefugte etwas daran ändern – etwa ein Wort austauschen oder ein Bild ersetzen. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es schon bald eine Standardanforderung sein wird, die Blockchain in Print zu unterstützen, weil es häufig um sensible Daten und Vorgänge geht“, machte Jörg Schieb deutlich.

Die Blockchain könnte aber auch erheblichen Einfluss auf den Umgang mit Fotografien haben, die heute von Bildagenturen bezogen werden. „Künftig könnten sich all jene, die Fotos brauchen, in einem Pool angebotener Fotos bedienen und die Fotografen per Smart Contracts direkt entlohnen. Dasselbe bei Texten. Es ist also wichtig, als Druckindustrie in diesem Prozess integriert zu sein“, so Schieb.

„Mittelsmänner verlieren an Bedeutung. Autoren könnten bezahlt werden für ihre Texte, Leser könnten ganz einfach bezahlen. Dasselbe gilt für Musik, Videos und andere Inhalte. Es wird einfacher werden, die Inhalte anzubieten und damit etwas zu verdienen. Jeder kann sehen, wem die Inhalte gehören – und ob sie manipuliert wurden. Es ergeben sich interessante Möglichkeiten für uns alle.“

Bernd Zipper My Take: Die Blockchain ist eine Informationsstruktur, die auf dem Internet aufsetzt und aus einer Kette von Datenblöcken besteht. Auch im Sinne von Industrie 4.0, da alles in der Kette hinterlegt und transparenter ist. Gleichzeitig reduziert die Blockchain-Technologie die Gefahr der Monopolbildung und Vermittler werden unwichtiger. Das Einbehalten von Daten, Kautionen und Gebühren nur für die Vermittlung wird weniger wichtig. Das könnte Agenturen, die Werbe- und Internetriesen schwächen. Nicht komplett und auch nicht von heute auf morgen. Ist aber mittelfristig denkbar. Denn diverse Start-Ups arbeiten an Lösungen, um die Dominanz der Großen zu brechen.
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beyond-print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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