#OPS2022, Tag 2: Inkjet, Amazon Custom & Schwarmintelligenz für eine bessere UX

0

Wenn „Big Player“ auf Start-Ups und innovative Ideen auf offene Ohren treffen; und Entwickler und Anwender gemeinsam Problemlösungen diskutieren, dann ist OPS-Zeit. Das Online Print Symposium hat auch am zweiten Veranstaltungstag spannende Trends beleuchtet und den Blick über den Tellerrand gewagt. Zwischen Industrial Inkjet, der Schwarmintelligenz für eine bessere User Experience und der Frage nach der Zukunft von „Kollege Computer“ gab es jede Menge andere Themen und Impulse, die auf und fernab der Bühne diskutiert wurden.

Wurde er vor 15 Jahren noch als „Tintenklecks-Verfahren“ verschmäht, so hat sich der Inkjetdruck inzwischen zu einem echten Alleskönner in der Druckindustrie gemausert. Nicht nur, dass im Inkjetdruck heute ein hohes Qualitätsniveau erreicht wird – das alles ist auch noch bei Geschwindigkeiten möglich, die es mitunter schon mit dem Offsetdruck aufnehmen können. Ganz zu schweigen von der Vielfalt der möglichen Bedruckstoffe. Lange Rede, kurzer Sinn. Dem Inkjetdruck, und allen voran dem Industriellen Inkjetdruck, gehört die Stunde. Da war es nur logisch, dass mit Carles Farre, dem CEO von HP Pagewide Industrial, ein echter Insider über die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet sprach. Die Zahl der im Highspeed-Inkjet gedruckten Seiten hat sich seiner Aussage nach zwischen 2011 und 2021 verachtfacht – von 50 Mrd. Seiten auf 440 Mrd. Seiten. – und soll sich auch in den nächsten fünf Jahren nochmals verdoppeln. Im Spannungsfeld zwischen den Herausforderungen in den Lieferketten und den gestiegenen Anforderungen auf Kundenseite, nimmt der Wert des digitalen Produktionsdruckes enorm zu.

Und nicht nur das, denn das Druckverfahren bietet zudem zahlreiche weitere Vorteile, wie unter anderem die Möglichkeit der End-to-End-Inline-Produktion, eine deutlich verkürzte „Time to market“-Automatisierung – und die Option, Mehrwert zu schaffen durch die geschickte Kombination aus Inkjet-Technologie und Datenanalyse. Sprich: Mass Customization.

Die Innovationssprünge, die der Inkjetdruck zuletzt – und vermutlich auch in Zukunft noch machen wird – liegen laut Farre vor allem in den Bereichen Qualität, glänzende Papiere, Produktivität und Automatisierung. Aber auch heute ist die Produktivität schon enorm – 7,5 h statt sieben Tage, das ist, wie der Experte an einem echten Kunden-Beispiel zeigte, nicht mehr unrealistisch, sondern längst möglich.

Wie geht langfristiger Erfolg?

Doch neben den passenden Produktionsmaschinen ist es das richtige Geschäftsmodell, das über den Erfolg eines Onlineprint-Unternehmens entscheidet. Doch ist eine Strategie nichts, das in Stein gegossen ist – und stattdessen regelmäßig hinterfragt und auf die neuen Gegebenheiten des Marktes und der Kunden hin angepasst werden muss. So zumindest das Credo von Andreas Otto, CCO der vor drei Monaten entstandenen albelli-Photobox-Group, das er in seinem Vortrag herausstellte.

Mit sieben Marken ist die Unternehmensgruppe in einer Vielzahl der europäischen Länder vertreten – und erkennen neue Strömungen und Entwicklungen im Markt daher schnell. So bestätigte auch er den Trend hin zu Mobile First, zu mehr Nachhaltigkeit oder gestiegenen Kundenerwartungen – die vor allem durch Tech-Giganten wie Google, Amazon und Co geprägt sind. Für die albelli-Photobox Group bedeutet das, sich – vor dem Hintergrund der Wettbewerber – strategisch um die Themen Inspiration, einfache Anwendung (Easy to use) und nachhaltige Qualität zu positionieren. Aber, und das ist und bleibt elementar: Diese „Ankerpunkte“ müssen regelmäßig auf ihre Aktualität und Relevanz hin überprüft werden, um nachhaltig Erfolg zu bringen. Nur wie stellt man das sinnvoll und strukturiert an? Die albelli-Photobox-Group zumindest hat einen klaren Fokus auf drei grundlegende Wachstums-Bereiche.

Amazon Custom: Der Internetmarktplatz als Schaufenster für personalisierte Produkte

Amazon kennt jeder, Amazon Prime auch, ebenso wie Amazon Video oder Amazon Music. Aber Amazon Custom? Zugegeben, der Vergleich hinkt ein bisschen, denn während das eine klassisch auf Endverbraucher ausgelegt ist, richten sich die Möglichkeiten von Amazon Custom vor allem an Geschäftstreibende, die ihre Services ausbauen möchten. Einen Überblick über die Chancen und Risiken, die in Amazon Custom stecken, gab Karim-Patrick Bannour, der 2016 die Amazon-Agentur Markplatz1 gegründet hat. Bei der Frage, ob die Angebote von Amazon auch Relevanz für Onlinedruckereien haben, lasse sich die Antwort mit wenigen Zahlen zusammenfassen: 94 % der deutschen Onlinekäufer sind auch Amazon-Kunden. 60 Prozent aller Onlinesuchen starten auf Amazon, sehr zum Leidwesen für Google. Das heißt, Amazon ist die Produktsuchmaschine Nummer 1. Es ist der Convenience-Faktor, der den Unterschied ausmache, denn es ist bequem für den Kunden. Wie Bannour erklärte, ist es daher also nur folgerichtig, dass sich Unternehmen, die ihre Produkte online vertreiben, auch mit den Möglichkeiten von Amazon Custom beschäftigen.

Amazon ist extrem vielfältig, es gibt quasi nichts, das es nicht gibt. Amazon Showroom, ein Affiliate Programm, Influencer-Kollektionen, Amazon Aware, Amazon Discover, Amazon Live – und ja, sogar Amazon Services, über die man sogar einen Reifenwechsel-Termin vereinbaren könnte. UND es gibt eben Amazon Custom für personalisierbare Produkte. Offiziell sogar schon seit 2017 und für alle Verkäufer. Was Amazon Custom ausmacht, über welche Einschränkungen sich Verkäufer gewahr sein sollten, welche Chancen sich bieten oder inwieweit sie für Unternehmen auch zum Risiko werden könnten, hat Bannour anschaulich erklärt. Ausführlichere Informationen darüber wird es später auch in einem separaten Artikel auf beyond-print.de geben.

Print against war – Solidarität zeigen

Einen besonderen Moment, der nicht im Programmheft stand, gab es zudem kurz vor der Pause – einen Moment, der an die Solidarität in der Druckindustrie in Europa appellierte. Denn während die Druckereien in Deutschland und den westlichen Ländern mit Lieferengpässen und Papierpreiserhöhungen zu kämpfen haben, geht es für die Druckunternehmen in der Ukraine und deren Mitarbeiter um Existenzielles. Lorenzo Villa, Verleger und Fachjournalist aus Mailand, Italien, hat kurz nach Kriegsbeginn die Bewegung „Print against War“ gegründet – und bereits zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten aus der globalen Druck- und Verpackungsindustrie dafür gewinnen können. Ziel der gemeinnützigen Organisation ist es, die Partnerunternehmen in der Ukraine zu unterstützen – egal ob finanziell oder materiell. Denn auch darum geht es beim Online Print Symposium: Sich nicht als Einzelkämpfer verstehen, sondern miteinander den Markt bedienen – oder eben miteinander ums Überleben kämpfen. „Print against War“ – eine absolut unterstützenswerte Initiative.

Podiumsdiskussion

Was wäre das Online Print Symposium ohne eine spontan einberufene Diskussionsrunde? Nachdem Martin Ludovic, der einen Überblick über die Onlineprint-Industrie in Frankreich geben wollte, krankheitsbedingt leider ausfiel, baten Bernd Zipper und Jens Meyer Ulrich Stetter, seines Zeichens vom Druckhaus Mainfranken und Präsident der Intergraf, und Ulrich Schätzl, Director Mass Customization bei der Elanders Print & Packaging Division und Boardmember der HP-Usergroup Dscoop Deutschland, zum Gespräch auf die Bühne. Thema: Nein, kein Klagekanon über die aktuellen Herausforderungen, sondern ein Ausblick darüber, wie in der aktuellen Situation sogar Chancen für neues oder idealerweise sogar Mehrgeschäft entstehen kann und worauf es dabei ankommt. Stichworte hier sind unter anderem: Kooperation statt Konkurrenz, miteinander statt nebeneinander, Wertigkeit statt Masse, Mass Customization statt Austauschbarkeit, Segmentierung statt dem Prinzip „Gießkanne“.

Crowdtesting für die „Währung der Zukunft“

Onlineshops leben von der richtigen Mischung attraktiver Produkte. Das ist richtig, aber eben auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn es kommt ebenso auf eine gute User Experience (UX) an, erklärte Georg Hansbauer, CEO und Mitbegründer von Testbirds. Schließlich sei es in einer Welt, in der jede Zielgruppe nicht nur andere, sondern auch immer anspruchsvollere Erwartungen hat, besonders wichtig, den Nutzer auf die jeweils richtige Art und Weise durch die digitalen Angebote zu führen. Und ja, auch wenn man es bald nicht mehr hören kann: Hier setzen die Tech-Giganten wie Amazon, Meta und Co. die Benchmarks, an denen auch alle anderen Onlinedienstleister gemessen werden. Daher reicht es längst nicht mehr aus, in nur einem Aspekt den Kundenerwartungen zu entsprechen – heute müssen Unternehmen idealerweise in gleich mehreren Kriterien überzeugen, um Nutzer zu Kunden zu machen. Daher spricht Hansbauer auch nicht einfach nur von User Experience, sondern von der „Währung der Zukunft“.

Und diese Währung soll sich mit Hilfe der Testbirds, wie sein Unternehmen heißt, verbessern lassen. Das Prinzip dahinter heißt Crowdtesting und ermöglicht es, die eigenen Angebote durch die Brille des Kunden bewerten zu lassen und wertvolle Tipps zu Verbesserungen zu erhalten. Schwarmintelligenz sozusagen, und zwar von 600.000 Testern aus über 193 Ländern und mit allen möglichen Gerätekombinationen. Doch wie genau der Prozess bei Testbirds funktionieren soll, das verraten wir im Laufe der nächsten Wochen auf beyond-print.de.

Software als Sklaventreiber?

Die Digitalisierung wird oft als Heilsbringer gefeiert und zugleich als Jobkiller gefürchtet. Die Wahrheit liegt, wie so oft, wohl irgendwo dazwischen. In seinem Vortrag auf dem Online Print Symposium hat Christian Weyer, Managing Director Technology bei Zaikio, des Verhältnis Mensch und Maschine analysiert und die Frage gestellt, warum selbst 30 Jahre nach dem großflächigen Aufkommen der Computer das gemeinsame Potenzial noch immer nicht ausgeschöpft wird. Liegt darin mehr Chance oder eher Gefahr?

Zuerst einmal, so Weyer: Computer sind Werkzeuge. Und für verschiedene Aufgaben braucht es die jeweils richtigen Werkzeuge. Und diese Werkzeuge müssen mit der Zeit gehen und vor allem eines: Unterstützen, insbesondere bei den analytischen Aufgaben. Schließlich sind Computer und Software genau hier in ihrem Element – und sollten den Menschen Kapazitäten für kreative Arbeiten und Lösungsfindungen freiräumen. Denn so leistungsfähig Computer auch sein mögen, sie sind nicht kreativ. Für die Zukunft bedeutet das laut Weyer jedoch: Software muss neu gedacht werden, denn derzeit gelte eher das Gegenteil, nämlich dass Software den Menschen analytische Aufgaben bereite, statt sie ihnen abzunehmen. Wie wir von „Sklavenhalter-Software“ seiner Meinung nach wegkommen können? Das verraten wir demnächst in einem eigenen Artikel später hier auf beyond-print.de.

Fazit

Von Amazon bis zur Höhle der Löwen, vom Industrial Inkjet, über Irrtümer und pfiffige Start-Ups in den Insight Pitches bis hin zum Crowdtesting: Das Online Print Symposium hat in gewohnter Manier auch in diesem Jahr abgeliefert und zahlreiche Impulse für die Weiterentwicklung der Unternehmen und der gesamten Industrie gesetzt. Wer da nicht dabei war, ist selber schuld. Aber die gute Nachricht ist: Nach dem OPS ist vor dem OPS. Und darum sollten sich alle schonmal diesen Termin fest im Kalender notieren: Das nächste Online Print Symposium findet am 23. und 24. März 2023 im Science Congress Center Munich statt. Und dann wird groß gefeiert: Denn dann zelebriert das OPS seinen zehnten Geburtstag.

 

…den Artikel über den ersten Tag des OPS findet ihr hier.

Summary
#OPS022, Tag 2: Industrial Inkjet, Amazon Custom und Schwarmintelligenz für eine bessere UX
Article Name
#OPS022, Tag 2: Industrial Inkjet, Amazon Custom und Schwarmintelligenz für eine bessere UX
Description
Wenn „Big Player“ auf Start-Ups und innovative Ideen auf offene Ohren treffen; und Entwickler und Anwender gemeinsam Problemlösungen diskutieren, dann ist OPS-Zeit. Das Online Print Symposium hat auch am zweiten Veranstaltungstag spannende Trends beleuchtet und den Blick über den Tellerrand gewagt. Zwischen Industrial Inkjet, der Schwarmintelligenz für eine bessere User Experience und der Frage nach der Zukunft von „Kollege Computer“ gab es jede Menge andere Themen und Impulse, die auf und fernab der Bühne diskutiert wurden.
Author
Publisher Name
beyond-print.de

Für viele in der Druckindustrie ist sie keine Unbekannte: Fast 14 Jahre lang war Judith Grajewski für das Fachmagazin Deutscher Drucker tätig; hat als Redakteurin vor allem über den Wachstumsmarkt Digitaldruck berichtet, als Online-Verantwortliche das Portal print.de und die Social-Media-Kanäle mit aufgebaut und sich als „Transaction Editor“ mit Content-Management- und Marketingstrategien beschäftigt. Nach einem kurzen Intermezzo als Chefredakteurin des Werbetechnik- und LFP-Fachportals Sign&Print beim schwedischen AGI-Verlag, bleibt die studierte Dipl.-Ing. für Medientechnik (FH) ihrer Leidenschaft für Print treu und widmet sich nun der Beratung und Projektbegleitung von Druckunternehmen auf ihrem Weg in eine digitalisierte Zukunft. Darüber hinaus gibt sie als Redaktionsleiterin von Beyond Print regelmäßig Einblick in relevante Themen des E-Business Print.

Leave A Comment