Markt: OSS – Alles neu macht der Juli – woran Onlinehändler JETZT denken sollten

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von Dr. Roger Gothmann, Co-Founder und Geschäftsführer der Compliance-Plattform Taxdoo

Die Corona-Pandemie hat dem Onlinehandel einen zusätzlichen Schub gegeben. Social Distancing, Homeoffice und geschlossene Geschäfte treiben Kunden weltweit in die bunte Welt des Onlineshoppings. Verschiedene Studien belegen: Ein Großteil kauft mittlerweile regelmäßig online ein und möchte auch in Zukunft die Vorteile des “Kauf per Klick” nutzen. Onlineshopping spart Zeit, meidet größere Menschenansammlungen und mit nur wenigen Klicks lässt sich die weite Welt mit all ihren Produkten nach Hause bestellen. Das ist nicht nur aus Konsumentensicht großartig, sondern vor allem für die Handeltreibenden ein Segen. Viele konnten in den letzten Monaten ihr Business weiter ausbauen und dank internationalem Absatz neue Kundenkreise erschließen. Vor allem Marktplätze wie Amazon oder Zalando befeuern dieses Wachstum. Der Onlinehandel boomt – auch grenzüberschreitend.

Are you ready for OSS? Was sich jetzt ändert

In Kürze wird der Handel vor neue Herausforderungen gestellt. Bereits am 1. Juli diesen Jahres tritt die größte EU-Umsatzsteuerreform der vergangenen Jahre in Kraft. Zentraler Baustein ist dabei der One-Stop-Shop, kurz OSS. Dieser wird im jeweiligen Rechtssystem der EU-Mitgliedsstaaten verankert und soll zu einer erheblichen Erleichterung für Onlinehändler führen. Doch ganz ohne Hürden kommt auch diese Reform nicht aus. In der schnelllebigen Welt des E-Commerce gilt sie bereits vor Start als teilweise veraltet und bringt so nicht nur Erleichterung mit sich.

Ab dem 1.Juli entfallen die bisherigen Lieferschwellen der einzelnen EU-Länder (in Deutschland: 100.000 EUR) für den Versand an Privatkunden im Ausland. Es wird künftig nur noch eine einzige, EU-weite Lieferschwelle in Höhe von 10.000 Euro netto geben. Damit müssen alle Lieferungen über 10.000 Euro netto im jeweiligen Bestimmungsland versteuert werden. So werden deutlich mehr und vor allem auch kleinere Onlinehändler in jedem EU-Land steuerpflichtig, in das sie auch nur ein Paket versenden.

Diesen Prozess soll der One-Stop-Shop (OSS) vereinfachen. Über die Plattform können Händler künftig ihre Umsatzsteuer für sämtliche EU-Länder zentral abführen und müssen sich nicht mehr in jedem EU-Staat steuerlich erfassen lassen, sobald die Freigrenze überschritten wird. Bei Meldung über den OSS entfällt dann auch die Pflicht zur Rechnungsstellung. Doch bevor die Nutzung des OSS möglich wird, gilt es einige wichtige Punkte zu beachten:

Checkliste OSS-Verfahren

  • Die rechtzeitige Anmeldung: Nur wer bereits für das Vorgängerverfahren Mini-One-Stop-Shop registriert ist, nimmt automatisch am neuen One-Stop-Shop-Verfahren teil. Alle anderen Unternehmer müssen ihre Teilnahme aktiv beim Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) auf elektronischem Weg über das Online-Portal „MeinBOP“ unter Angabe ihrer Umsatzsteuer-Identifikationsnummer beantragen. Das ist bereits seit dem 1.4.2021 möglich.

Die OSS-Meldungen erfolgen dann quartalsweise und müssen innerhalb von einem Monat nach Ende des Vorquartals eingereicht werden. Das bedeutet auch: Wer zum 1. Juli 2021 noch nicht zum OSS angemeldet ist, muss bis zum nächsten Quartal warten. Die Nutzung des OSS erfolgt immer freiwillig.

  • Für die Nutzung des OSS muss sichergestellt sein, dass Händler die Steuersätze automatisiert und EU-weit bestimmen können – idealerweise erfolgt das über die Zolltarifnummer.
  • Wer zum Beispiel am Amazon-Pan-EU-Programm – oder einem ähnlichen Programm – teilnimmt, muss seine Fernverkäufe identifizieren und danach über den OSS melden, alle anderen Transaktionen (B2B-Transaktionen, Vorsteuern und lokale Verkäufe) müssen weiterhin über die lokale Registrierungen im EU-Ausland gemeldet werden.

Das bedeutet: Im Falle von EU-Lagernutzung, B2B-Transaktionen oder lokalen Verkäufen im eigenen Land ist die alleinige Nutzung des OSS nicht ausreichend. Es wird dann gegebenenfalls eine parallele Struktur aus Meldungen über den One-Stop-Shop und lokalen Registrierungen nötig. Bei der Nutzung einer parallelen Struktur müssen alle Fernverkäufe über den OSS gemeldet werden.

Wichtig: Stellen Sie sicher, dass Transaktionen nicht doppelt (OSS und lokale Registrierung) oder gar nicht gemeldet werden! Dies kann aufgrund der Komplexität schnell passieren.

Fazit: Der OSS ist kein Patentrezept!

Auf den ersten Blick mag die Reform und der OSS nach einer Lösung für viele Probleme aussehen. Der Teufel liegt jedoch wie so oft im Detail. Wagt man einen genaueren Blick auf die EU-Umsatzsteuerreform wird klar: Der OSS ist kein Patentrezept für die vielfältigen Herausforderungen, vor denen Onlinehändler aktuell stehen. Er erleichtert zwar Unternehmen, die ihre Waren aus einem Zentrallager heraus an private Kunden verschicken, das Leben. Jedoch verkompliziert er die Umsatzsteuerabwicklung für alle diejenigen, deren Lieferung zum Beispiel nicht aus dem heimischen Zentrallager erfolgt oder an B2B-Kunden. In Zeiten von ausgeklügelter Just-in-Time-Logistik, Overnight-Express-Angeboten oder Same-Day-Delivery beweist der OSS damit, dass er bereits jetzt nicht mit der schnellen Entwicklung des modernen E-Commerce mithalten kann. Die Technologie ist der Gesetzgebung um einiges voraus und Onlinehändler sollten prüfen, wie sie ihre Prozesse automatisieren können beziehungsweise ob sie auf starke Partner mit besonderer Kenntnis der Auslandsregularien setzen können.

Autoreninfo:

Dr. Roger Gothmann ist Co-Founder und Geschäftsführer der Compliance-Plattform Taxdoo, über die Onlinehändler aller Größen ihre Umsatzsteuer im EU-Ausland sowie ihre Finanzbuchhaltung automatisiert abwickeln können. Roger hat viele Jahre für die Bundes- und Landesfinanzverwaltung im Bereich Umsatzsteuer gearbeitet und zuletzt die Steuerabteilung einer internationalen Forschungseinrichtung geleitet. Zu den Kunden von Taxdoo gehören Unternehmen wie Beiersdorf, Purelei, Yfood und air up.

 

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