Digital frisst Hirn – und Ressourcen. Print dagegen wirkt. Wer das heute noch belächelt, hat den Intergraf-Report „Comparing Print and Digital Media“ entweder nicht gelesen oder einfach nicht verstanden. Denn dieses Dokument ist kein Vergleich zweier Medienarten. Es ist ein Faktenfeuerwerk gegen die digitale Schönrednerei und ein Weckruf für eine Gesellschaft, die glaubt, das Digitale sei per se nachhaltig, inklusiv und intelligenter. Für die Onlineprint-Branche ist dieser Report pures Gold – wer ihn klug liest, macht ihn zur Pflichtlektüre.
Der grüne Digital-Mythos: entlarvt
Schon lange hält sich die Annahme, digitale Kommunikation sei automatisch umweltfreundlicher als Print. Der Intergraf-Report zerstört dieses Narrativ mit klaren Zahlen. Die IT- und Kommunikationsbranche ist bereits heute für bis zu vier Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich – Tendenz steigend. Videostreaming allein produziert jährlich mehr als 300 Millionen Tonnen CO₂ – das entspricht den Emissionen eines ganzen Landes wie Spanien. Gleichzeitig wächst der Energieverbrauch digitaler Technologien um rund vier Prozent pro Jahr, während die globale Energieintensität sinkt.
Im Gegensatz dazu verursacht die europäische Printindustrie nur etwa ein Prozent der Emissionen – und das mit funktionierenden Recyclingkreisläufen, die ihresgleichen suchen. Papier wird in Europa zu mehr als 73 Prozent recycelt. Elektroschrott hingegen – von Smartphones über Tablets bis hin zu alten Festplatten – wird zu weniger als fünf Prozent wiederverwertet.
Aber nicht nur das. Der Report macht auch deutlich, wie manipulativ sogenannte Life Cycle Assessments (LCA) sein können. Je nachdem, welche Systemgrenzen oder Nutzungsverhalten einbezogen werden, lassen sich digitale Lösungen leicht als effizienter darstellen. Die vielzitierte Studie zu medizinischen Beipackzetteln (Dobers et al., 2024) wird im Report regelrecht zerlegt, weil sie entscheidende Rebound-Effekte – wie das private Ausdrucken von digitalen Infos – einfach ausklammert. Die Botschaft ist klar: Digitale Effizienz wird regelmäßig durch Mehrnutzung kompensiert. Oder wie es im Report heißt: „Digitalization wrecks its own potentials.“
Print geht tiefer – digital bleibt an der Oberfläche
Wer viel digital liest, liest anders – und lernt schlechter. Auch das belegt der Intergraf-Report mit wissenschaftlicher Präzision. Lesen auf Papier verbessert Konzentration, semantische Verarbeitung und das Textverständnis. Digitale Medien hingegen fördern ein oberflächliches Scroll- und Klickverhalten. Die sogenannte „Shallowing Hypothesis“ („Oberflächlichkeits-Hypothese“) zeigt: Mit der Zeit verlieren Viel-Digitalleser die Fähigkeit, sich längere Inhalte zusammenhängend und kritisch zu erschließen, das tiefergehende Denken und die Reflektion nehmen ab.
Ein deutliches Signal kam aus Schweden: Dort stoppte die Regierung den Digitalisierungsplan für Schulbücher, nachdem die Leseleistungen der Schüler:innen dramatisch eingebrochen waren. Zugleich investierte sie 2023 rund 58 Millionen Euro in gedruckte Bücher. Selbst Bildungstests wie PISA bevorzugen heute digitale Kompetenzen wie Navigation oder Quellenvergleich, statt echtes Textverständnis zu messen – ein methodischer Irrweg, wie etwa die Forscher Adriaan van der Weel und Anne Mangen bereits 2016 in nachwiesen.
Marketing mit Wirkung
Auch im Marketing zeigt sich: Print ist kein Relikt, sondern ein starker Hebel. Gedruckte Mailings bleiben durchschnittlich 108 Sekunden im Blickfeld – digitale Botschaften dagegen oft nur einen Wimpernschlag lang. Gleichzeitig erzeugt Print 21 Prozent weniger kognitive Belastung, was die emotionale Ansprache erhöht. Die Markenwiedererkennung ist bei Print um bis zu 75 Prozent höher. Neuro-Studien belegen sogar, dass Print das sogenannte Default Mode Network im Gehirn aktiviert – also den Bereich, in dem emotionale Einbindung, Erinnerung und Entscheidungen verarbeitet werden.
Und während digitale Werbung sofort verschwindet, bleibt Print präsent: auf dem Schreibtisch, in der Tasche, auf dem Kühlschrank. Richtig eingesetzt, bietet Print eine „Lock-in-Power“, die digitale Medien schlicht nicht leisten können. Und das Beste: Die Verbindung von Print mit digitalen Kanälen ist keine Zukunftsmusik – sie funktioniert heute schon, von QR-Codes bis zu personalisierten Landingpages (PURL).
Wer nur digital denkt, schließt aus
Digitale Exzellenz funktioniert nur, wenn alle mitmachen können. Doch genau das ist in Europa nicht der Fall. Rund 44 Prozent der Bevölkerung verfügen nicht über grundlegende digitale Fähigkeiten – in manchen Regionen liegt die Quote sogar bei über 70 Prozent. Ältere Menschen, Menschen mit geringerer Bildung oder in ländlichen Gebieten sind besonders stark betroffen. Mehr als die Hälfte der EU-Staaten bietet zudem keine flächendeckenden, barrierefreien Zugänge zu digitalen Verwaltungsangeboten.
Gleichzeitig wünschen sich laut Umfragen rund drei Viertel der Europäer, selbst wählen zu können, ob sie analog oder digital mit Behörden, Banken oder Unternehmen kommunizieren. Wer Print ersetzt, ersetzt also keine Technologie – sondern schließt Menschen aus. In einer Demokratie darf Kommunikationsvielfalt kein Luxus sein. Print ist Teil dieser Vielfalt.
Was heißt das für die Branche?
Der Intergraf-Report ist kein Pro-Print-Manifest. Er ist ein analytisches Gegengewicht zum digitalen Heilsversprechen – und genau das macht ihn so wertvoll. Denn er liefert Argumente, die weit über Produktvorteile hinausgehen. Für die Onlineprint-Industrie ist das ein strategischer Glücksfall.
Jetzt ist der Moment, Print neu zu erzählen. Nicht als Relikt, sondern als intelligent vernetzten Kommunikationskanal. Nicht als Entweder-Oder zum Digitalen, sondern als kraftvollen Bestandteil eines smarten Medienmixes. Die Branche muss raus aus der Verteidigungshaltung. Sie hat allen Grund, selbstbewusst zu kommunizieren – mit Haltung, Fakten und Weitblick.
My Take: Der Intergraf-Report „Comparing Print and Digital Media“ ist nicht einfach nur ein Bericht. Er ist ein Molotowcocktail gegen die digitalen Mythen unserer Zeit. Wer glaubt, mit noch mehr Digitalisierung lasse sich Nachhaltigkeit, Bildung oder Kundenbindung automatisch verbessern, der sitzt auf einem Wolkenserver der Selbsttäuschung. Print ist nicht perfekt – aber ehrlich, wirkungsvoll, demokratisch und nachweislich unverzichtbar.
Die Onlineprint-Branche wäre schlecht beraten, dieses Dokument als Bestätigung abzulegen. Sie sollte es als Waffe nutzen. Nicht gegen Digital – sondern für eine realistische, inklusive, effiziente und wirksame Medienlandschaft im 21. Jahrhundert.
Es ist Zeit für Haltung. Zeit für Wirkung. Zeit für Print.

