TECHNIK: DATENKOMPETENZ TEIL 1: VERBESSERE DEINE DIAGRAMME

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Was will der „Schöpfer“ dieser Infografik erreichen? Diese Frage haben wir uns schon oft gestellt. Auch die hippsten Mediengestalter halten sich an die Typographie und ebenso ist ein ergonomisches Software User Interface das Ergebnis von spezifischen Grundlagen und Erfahrung. Warum also sollten wir glauben, dass für die Gestaltung von Infografiken keine „Gesetze“ gelten?

Wir haben eine positive Resonanz auf die Teile 1 bis 3 zum Thema Datenwertschöpfungskette erhalten und aus dem Grund Dilyana Bossenz gebeten, noch tiefere Einblicke in die Datenvisualisierung zu gewähren. Die Expertin in Sachen Datenkompetenz zeigt an zwei Beispielen, was eine Überarbeitung konkret bringt.

Warum sind einige Grafiken leichter zu verstehen als andere? Es gibt mehrere Faktoren, die dazu beitragen. Eine gute Grafik ist übersichtlicher und einfacher zu verstehen, wenn sie beispielsweise:

  • eine klare Botschaft hat,
  • nicht überladen mit Informationen ist und
  • eine leicht erkennbare Story hat.

Was bedeutet das für die Praxis? Nachfolgend veranschauliche ich die Bedeutung dieser Tipps, indem ich ein Linien- und ein Balkendiagramm als Beispiele verwende. Ich zeige Ihnen, welche Schritte notwendig sind, welche Elemente überflüssig sind und wie man eine klare Botschaft an den Benutzer vermitteln kann.

Liniendiagramm

Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und schauen sich dieses Diagramm an. Wie würden Sie diese Grafik interpretieren?

Quelle: https://www.ehi.org/presse/trend-zu-mehr-digitaler-werbung/

Wie lange haben Sie gebraucht, um diese Grafik zu verstehen?

Wie sind Sie vorgegangen, um die Informationen zu lesen?

  • Bei mir hat es eine bestimmte Zeit gedauert, um die Informationen auf dem Liniendiagramm und in der Legende zu kombinieren und zu interpretieren. Dieser Schritt nahm den größten Teil der Zeit in Anspruch.
  • Die Verwendung von durchgestrichenen Linien und Icons beeinträchtigte mein Leseverständnis. Die Bedeutung der Icons war nicht vollständig klar.
  • Die blaue Linie ist für mich dominant, was mich dazu brachte, unwissentlich zu denken, dass printbasierte Handelswerbung relevanter im Vergleich zur additiven Handelswerbung ist.
  • Ich stellte mir die Fragen: Was war der Grund für den Wandel im Jahr 2016? Und was sind die Gründe für den positiven Verlauf der additiven Handelswerbung im Vergleich zum negativen Verlauf der printbasierten Handelswerbung?

Was könnte bei dieser Grafik verbessert werden?

Rahmen

Dieses Diagramm und fast alle anderen Diagramme benötigen keine definierten Rahmen. Unser Auge kann einfach erkennen, wo das Diagramm beginnt und endet, und eine Umrandung führt nur zu optischer Unübersichtlichkeit.

Titel

In dem originalen Beschreibungstext von EHI zu diesem Diagramm geht hervor, dass es sich im Wesentlichen um einen Wandel zwischen printbasierter und additiver Handelswerbung geht. Dann könnte der Titel gleich mit dieser Information präzisiert werden.

Beispielsweise in “Starker Wandel zwischen der printbasierten und additiven Handelswerbung”.

Der Titel ist eine wichtige Aussage, die präzise und eindeutig formuliert werden sollte. In diesem Fall drückt er den Kerninhalt des Diagramms aus, nämlich den Wandel zwischen den beiden Arten der Handelswerbung. Die visuelle Darstellung sollte mit dem Titel übereinstimmen, um ein klares und eindeutiges Verständnis zu ermöglichen.

Wenn der Titel als Frage formuliert ist, sollte die Antwort auf der Grafik leicht zu finden sein.

Untertitel

Die Information von dem Untertitel ist relevant. Sie wird allerdings mehrmals auf der Grafik wiederholt: Untertitel und Legende.

Grundsätzlich bei einer guten Visualisierung gilt: wir sollen redundanzfrei sein – bedeutet: wir sollen die gleichen Informationen nicht mehrmals wiederholen. Stattdessen sollte die Information über die Prognose direkt dort platziert werden, wo die Prognose beginnt, um den Kontext besser zu vermitteln und die Leser davor zu bewahren, nach der Legende suchen zu müssen.

Der Untertitel soll besser genutzt werden, um den Kontext der Grafik zu verstärken. Es könnte beispielsweise umgeschrieben werden in: “Seit 2016 dominiert additive Werbung immer mehr”.

Titel und Untertitel sollen idealerweise die Fragen „Was“, „Wo“ und „Wann“ beantworten.

Farben

Wenn Sie die Augen schließen und wieder öffnen, wohin werden Sie zuerst schauen? Es ist wahrscheinlich die blaue Linie, da sie aufgrund des weißen Hintergrunds dominanter wirkt als die gelbe Linie.

Bei der Farbauswahl sollten Sie sich für Farben entscheiden, die eine gleichmäßige Dominanz haben. Berücksichtigen Sie Hintergrundfarbe ihrer Grafik und auch Farbenblindheit: Rot oder Grün wäre eine ungünstige Wahl.

Legende

Ich habe die Farblegende bewusst in den Titel des Diagramms integriert, um dem Leser beide Linien gleich gut zu verständigen. Die Platzierung der Legende ist nicht falsch. Sie kann ebenso unten oder oben dargestellt werden.

Annotationen

Die Zahlen sind sowohl in der Grafik als auch auf der Y-Achse dargestellt. Hier gilt ebenso das Prinzip der Redundanzfreiheit. Da die Zahlen bereits im Liniendiagramm sichtbar sind, ist es nicht unbedingt erforderlich, sie auch auf der Y-Achse zu zeigen.

Eine weitere Überlegung: Ist es notwendig, alle Zahlen im Liniendiagramm zu zeigen? Wenn Sie den Titel betrachten, geht es um eine starke Veränderung, daher reicht es aus, nicht alle Zahlen im Liniendiagramm zu zeigen.

Um die starke Veränderung zu betonen, zeige ich die Zahlen am Anfang der Linie für das Jahr 2007 und für die Jahre 2021, 2022 und 2025. Mit diesen Zahlen kann man verstehen, wie stark die Veränderung im Handelsbereich ist.

Da es sich um nur wenige Zahlen in der Grafik handelt, habe ich das Prozentzeichen direkt bei den Zahlen belassen.

Achsen

Die X-Achse wird in der ursprünglichen Grafik abgeschnitten. Es fällt nicht sofort auf, dass die Jahre 2023 und 2024 fehlen. Die Abschneidung der X-Achse im Liniendiagramm ist ein grober Fehler, der ebenso wie die Abschneidung der Y-Achse in Säulendiagrammen optische Täuschungen verursachen kann. Dies gilt als Manipulation der Grafik.

Icons

Diese Icons sind spezifisch und vom Autor selbst definiert. Sie unterscheiden sich von allgemein bekannten Symbolen wie Informations- oder Ausgangszeichen. Und dadurch, dass die Icons nicht allgemein bekannt sind, können sie zum Missverständnis führen. Um dem vorzubeugen, ist es besser, eine kurze Beschreibung des Kontexts bereitzustellen.

Durchgestrichene Linie zwischen 2019 und 2021

In 2020 gab es aufgrund der Pandemie keine Datenerhebung, was eine wichtige Information ist.
Allerdings in der Beschreibung zu dieser Grafik wird diese Tatsache kein einziges Mal erwähnt. Also spielt diese Information keine zentrale Rolle. Aufgrund dessen werde ich diese Information auf der Grafik weniger markant darstellen.

Die durchgestrichenen Linien können schnell die Aufmerksamkeit der Leser ablenken. Verwenden Sie dieses Mittel mit Bedacht. Verwenden Sie die durchgestrichene Linie nur, um relevante Details für die Kernbotschaft hervorzuheben und den Kontext der Grafik sowie den Titel zu unterstützen.

Wenn wir all diese Tipps auf der Grafik umsetzen würden, sähe unser Resultat wie folgt aus:

Balkendiagramm

Betrachten wir das Balkendiagramm als Beispiel. Beantworten Sie folgende Frage:

Wie würden Sie diese Grafik interpretieren?

Quelle: https://bit.ly/3HCWgiF

Vermutlich raten Sie gerade, was Sie sehen. Ich löse auf und gebe Ihnen Kontext aus dem Originalartikel von musikmedia.de:

“… In einem neuen Schwerpunktangebot zum Thema „Musikberichterstattung in Print- und Onlinemedien“ wirft das MIZ einen Blick auf die aktuelle Situation des Musikjournalismus in Deutschland und vermittelt grundlegende Informationen zu Strukturen und Entwicklungen in diesem Bereich. Betrachtet werden dabei die Redaktionen von rund 170 Tages- und Wochenzeitungen, die regelmäßig über musikbezogene Themen berichten.”

Was könnte bei dieser Grafik verbessert werden?

Rahmen

Genauso wie im Beispiel mit dem Liniendiagramm ist ein Rahmen hier nicht notwendig.

Titel

Eine Grafik sollte stets über einen aussagekräftigen Titel verfügen, der den Kontext der Grafik präzise beschreibt.

Wenn wir einen Artikel schreiben und die Bedeutung der Grafik erst im Text erklären, kann es für den Leser schwierig sein, die visuelle Darstellung zu verstehen. Sie müssen erst den gesamten Artikel lesen, um zu erfahren, was mit der Grafik ausgedrückt werden soll. Wäre es nicht vorteilhafter, wenn der Leser mit einem einzigen Blick auf die Grafik die Kernaussage des Artikels versteht?

Untertitel

Damit der Titel nicht zu lang erscheint, habe ich noch weitere wichtige Informationen zu dem Untertitel hinzugefügt.

Achsen

Y-Achse

Bei dieser Darstellung finde ich die Wahl des Diagramms sehr gut gelungen. Bei langen Begriffen, so wie es in unserem Beispiel der Fall ist, empfiehlt sich ein vertikales Diagramm. Ein vertikales Diagramm erleichtert es dem Leser, die Begriffe leicht zu lesen.

Ich würde noch die Namen auf der Y-Achse linksbündig darstellen, um ein geradliniges Erscheinungsbild zu erzielen.

X-Achse

Die Zahlen auf der X-Achse sind überflüssig, da die genauen Zahlen bereits in den Balken angezeigt werden.

Annotationen

Was noch beachtet werden muss ist, wie wir Balkendiagramme lesen: Bei Balkendiagrammen vergleichen wir automatisch deren Länge und achten auf die Spitzen der Balken. Wir vergleichen die Spitzen der Balken miteinander. Deshalb, um wichtige Zahlen hervorzuheben, sollten diese an der Spitze der Balken notiert werden, da dies der Ort ist, an dem sie am besten sichtbar sind.

Gitterlinien

In diesem Fall sind Gitterlinien überflüssig und störend. Sie sollten entfernt werden.

Prozentanteile

Wenn ich die prozentualen Anteile auf dem originalen Balkendiagramm zusammenzähle, erhalte ich insgesamt 102 %. Als Leser erwarte ich jedoch eine Aufteilung von 100 %. Dieser Rechenfehler beeinträchtigt das Vertrauen in die Grafik. Der Autor erklärt nicht, wie er auf 102 % kommt. Daher gehe ich davon aus, dass es sich um einen Berechnungs- oder Rundungsfehler handelt. Um Verwirrung zu vermeiden, würde ich die 2 % „Sonstiges“ nicht darstellen.

Ein korrektes Vorgehen wäre, den Autor zu kontaktieren, um das Ergebnis von 102 % zu klären.

Wenn diese Punkte berücksichtigt werden, ergibt sich das Ergebnis:

Es ist unglaublich wichtig, sich mit der Datenvisualisierung zu beschäftigen. Es geht dabei um mehr als die reine Technik und die Möglichkeiten der verschiedenen Software-Angebote. Wichtig ist die Definition, welchen Nutzen der Leser/Betrachter einer Grafik haben soll. Überprüfen Sie Ihre Grafiken im Unternehmen und viel Spaß bei der Überarbeitung. Einige wertvolle Tipps haben wir Ihnen dazu gegeben.

Über die Autorin:

Dilyana Bossenz ist Gründerin von Datenkompetenz-Online und Dozentin für Data Visualization & Communication an der Digital Business University of Applied Sciences (DBU). Sie hat mehrere Jahre als BI-Beraterin mit dem Fokus auf Datenvisualisierung und –analyse gearbeitet. Mehr zu Dilyana Bossenz finden Sie auf Datenkompetenz-Online.

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TECHNIK: DATENKOMPETENZ TEIL 1: VERBESSERE DEINE DIAGRAMME
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TECHNIK: DATENKOMPETENZ TEIL 1: VERBESSERE DEINE DIAGRAMME
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Was will der „Schöpfer“ dieser Infografik erreichen? Diese Frage haben wir uns schon oft gestellt. Auch die hippsten Mediengestalter halten sich an die Typographie und ebenso ist ein ergonomisches Software User Interface das Ergebnis von spezifischen Grundlagen und Erfahrung. Warum also sollten wir glauben, dass für die Gestaltung von Infografiken keine „Gesetze“ gelten?
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Beyond-print.de

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