TECHNIK: NO-CODE – EIN MODELL FÜR DIE ZUKUNFT?

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Auf der Suche nach ganzheitlichen IT-Konzepten, die individuellen Ansprüchen gerecht werden, stoßen immer mehr Druckereien auf No-Code-Plattformen. Diese versprechen neben erleichterter Software-Entwicklung eine passgenaue Integration von Hardware, Fremd- und Altsystemen sowie die Automatisierung von Verwaltungsprozessen.

In einer Branche, in der digitale, analoge und personalwirtschaftliche Prozesse parallel unter einem Dach stattfinden, ist eine passende Systemarchitektur eines der anspruchsvollsten, aber auch wichtigsten Ziele. Besonders in Druckbetrieben, in denen die Digitalisierung in Einzelschritten verläuft, gleicht die Infrastruktur oft einem „Flickenteppich“ aus Standardsoftware. Die Kompatibilität von fertigen Einzellösungen ist dabei in den meisten Fällen nicht von vornherein gegeben, sondern erfordert umfassende Anpassungen durch Fachkräfte. Deren schwere Verfügbarkeit ist branchenübergreifend ein Problem. Nicht leichter wird es, wenn man diese raren Spezialisten für die Entwicklung von Individualsoftware in einer Druckerei einsetzen möchte.

Besonders hinsichtlich der Datenverarbeitung weisen Druckbetriebe häufig Besonderheiten auf, in die sich viele Programmierer wesentlich länger hineindenken müssen, als es in manch anderem Unternehmen der Fall ist, wo beispielsweise ERP- oder CRM-Projekte bereits etwa sechs Monate in Anspruch nehmen können. Die zahlreichen Aufträge in Form kleiner Datenportionen erfordern eine hohe Skalierbarkeit. Zugleich ist ein möglichst hoher Automatisierungsgrad der Verwaltungsprozesse wichtig, damit Druckereien wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Trotz dieser oberflächlichen Gemeinsamkeiten hat jeder Betrieb einen eigenen Fingerabdruck, der in vielen Bereichen nach individuellen Lösungen fragt. Die Schnittmenge aus Software-Lösungen, die ein ganzheitliches Konzept nach den Anforderungen der Druckindustrie und zugleich individuelle Software-Entwicklung und -Anpassung ermöglichen, ist begrenzt. No-Code-Plattformen tun sich dort deutlich hervor.

Software-Entwicklung ohne eigenen Code

Der No-Code-Ansatz erlaubt es grundsätzlich auch Nicht-Programmierern, individuelle Anwendungen für den sofortigen Gebrauch zu erstellen. Über eine Benutzeroberfläche lassen sich verschiedene grafische Elemente per Drag-and-Drop zusammensetzen. Im Backend der Plattform wird dabei aus vorgefertigten und in sich getesteten Code-Bausteinen ein sauberer Anwendungscode erzeugt. Im Prinzip kann man das Konzept „No-Code“ als Weiterentwicklung von des Low-Code-Ansatzes verstehen, bei dem in geringem Umfang noch eigener Code von Programmierern benötigt wird. Mit No-Code entstehen Minimum Viable Products (MVP) durch reines Klicken oft schon in wenigen Tagen. Die Entwicklungszeit ist somit bis zu zehnmal geringer als bei herkömmlicher Programmierung. Und doch sind verschiedenste Individuallösungen für den professionellen Gebrauch möglich.

Die Anwendungsmöglichkeiten sind prinzipiell unbegrenzt und reichen zum Beispiel von kleinen Applikationen, mit denen Facharbeiter ihren Alltag optimieren, bis hin zu komplexen ERP-Systemen. Auch automatisierte Rechnungslösungen, QM-, CRM- und Monitoring-Systeme können abgebildet werden. Grundsätzlich ist der No-Code-Ansatz auch nicht auf bestimmte Branchen oder Unternehmensbereiche beschränkt. Das zeigt sich insbesondere daran, dass er auch in der Druckindustrie mit ihren speziellen Anforderungen bereits vielseitig im Einsatz ist. Gängige Beispiele sind dort etwa die Organisation von Mailing-Kampagnen nach unterschiedlichen Kundengruppen oder Bestellsysteme, über die Aufträge automatisiert in die Produktion gelangen.

So hat beispielsweise die Druckerei Friedmann Print Data Solutions mithilfe der No-Code-Plattform saas.do 16 verschiedene E-Commerce-Systeme an das hauseigene Backoffice angebunden und dadurch ohne personellen Mehraufwand zusätzliches Geschäft generiert. Besonders wichtig für diesen automatisierten Datentransfer – gerade in der Druckindustrie – ist der richtige Einsatz von Anwendungsschnittstellen (API).

Die Druckerei als „API-Ökosystem“

Unternehmensanwendungen sind mit No-Code-Plattformen wie saas.do schnell erstellt. In den meisten Fällen müssen sie aber auch dazu befähigt werden, Daten zu empfangen und weiterzugeben. Dafür spielen APIs als Knotenpunkte eine entscheidende Rolle. Deren Handhabung ist mitunter aber ähnlich komplex wie die Softwareentwicklung selbst. Daher ist es hilfreich, dass sich diese Herausforderung ebenfalls mit dem No-Code-Ansatz lösen lässt. Über entsprechende Code-Bausteine mit dazugehörigen Datenmasken werden URLs definiert, über die Daten gesendet und von anderen Anwendungen abgegriffen werden können. Diese Art des Transfers bezieht auch verschiedene (Fremd-)Datenquellen mit ein, sodass Datenmigration automatisiert abläuft und bei einer Umstellung der Infrastruktur kein großes Hindernis mehr darstellt.

Insgesamt lässt sich auf diese Weise das gesamte Backoffice, aber auch die Hardware einer Druckerei vernetzen. Das schließt nicht nur die Druckanlagen mit ein, sondern auch kleinere Gerätschaften wie Barcode-Scanner. Dadurch kann bei Verwaltungsaufgaben deutlich effizienter gearbeitet werden und es sind keine unübersichtlichen Excel-Dateien mit händischer Datenübertragung mehr notwendig. Plattformen wie saas.do übernehmen in diesem Sinne die Rolle einer Middleware, einer Datendrehscheibe, die zwischen allen – auch fremden – Anwendungen vermittelt.

Die Druckerei Friedmann konnte so das gesamte Backoffice vernetzen und den Verwaltungsaufwand auf ein Minimum reduzieren. Aufträge gelangen nun über bereitgestellte Kundenschnittstellen direkt in die Produktion und können gesammelt bearbeitet werden. Personeller Aufwand ist dafür nicht mehr notwendig. Dennoch spielt das Personal eine entscheidende Rolle beim Umgang mit No-Code.

Software und Personal im Einklang

Nicht selten geht von Informatikern in Unternehmen zunächst eine gewisse Skepsis aus, wenn von No-Code-Plattformen die Rede ist. Dabei sind diese nicht dazu da oder gar in der Lage, IT-Expertise überflüssig zu machen. Ohne Basiswissen geht es nicht. No-Code ist eine Ausdrucksform für Menschen, die prozessorientiert denken, IT-affin sind und bereits wissen, was sie abbilden möchten. Das können Programmierer sein, die auf diesem Weg Teile ihrer Projekte deutlich beschleunigen oder herkömmlich programmierte Anwendungen unkompliziert per API vernetzen möchten. Aber auch fachliche Mitarbeiter, sogenannte „Citizen Developer“, die beispielsweise erweiterte Excel-Kenntnisse oder Erfahrung im Umgang mit Datenbanken vorzuweisen haben, können mit No-Code arbeiten.

Um das in möglichst vielen Fachabteilungen zu gewährleisten, gibt es üblicherweise Unterstützung vom Betreiber der Plattform, beispielsweise in Form einer dreitägigen Schulung. Die Einführung der Plattform erfolgt nach individueller Anpassung des Betreibers entweder über die Cloud oder „on-premises“ im Rechenzentrum. Auch bei der konkreten Umsetzung no-code-basierter Projekte kann Unterstützung in Anspruch genommen werden.

Letztlich werden Programmierer entlastet, weil sie sich weniger um die IT-Probleme ihrer Kollegen in den Fachabteilungen kümmern müssen, da diese das in höherem Maße selbst übernehmen können. Durch die digitale Vernetzung des Unternehmens wird auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit gefördert. Mitarbeiter mit großem Prozesswissen können ihre Ideen direkt in Software gießen oder aber mit Programmierern gemeinsam daran arbeiten.

Viele Unternehmen setzen inzwischen auf cross-funktionale Teams aus Technik- und Business-Experten – ein Trend, der vor allem durch den Vormarsch von Cloud- und No-Code-Lösungen befeuert wird. Deren Erfolg erklärt sich auch darin, dass Standardsoftware die Bedürfnisse vieler Unternehmen nicht mehr ausreichend abdeckt. 2021 wurden in einer Studie des IT-Analysten Techconsult im Auftrag von Dr. Eckhardt + Partner 201 IT-Entscheider deutscher Unternehmen zum Einsatz von Individualsoftware befragt: Davon setzen demnach mehr als die Hälfte auf maßgeschneiderte Applikationen. Wiederum etwa drei Viertel davon führen ihren Unternehmenserfolg auf den Einsatz eben dieser individuellen Lösungen zurück.

Schonende Transformation

Mit No-Code-Lösungen wie saas.do können Druckereien ihre Bestandssysteme aus der Vorzeit in interdisziplinärer Zusammenarbeit leicht individualisieren – beispielsweise, indem ein ERP-System um notwendige Funktionalitäten erweitert wird. Die Transformation des Betriebes kann schonend verlaufen, ohne dass man sich drastischen Umstellungen der Infrastruktur aussetzen muss. Es kann problemlos mit einzelnen, kleinen Anwendungen in einem beliebigen Teil des Unternehmens begonnen werden. Anwender müssen dabei nur das bezahlen, was sie auch brauchen und nutzen. Die Kosten richten sich nach Anzahl und Umfang der genutzten Applikationen und fallen somit deutlich geringer aus als bei großen Standardlösungen, die meist auch ungenutzte Funktionalitäten umfassen.

Bei der Druckerei Friedmann wurden in einem ersten Schritt die unverzichtbaren Hauptprozesse identifiziert und mit saas.do digitalisiert. Dasselbe folgte anschließend mit den ergänzenden Unterstützungsprozessen, wodurch auch die verzichtbaren Verschwendungsprozesse offenbart wurden. Kurzfristige Anpassungen von No-Code-Anwendungen sind später jederzeit per Drag-and-Drop möglich.

Gerade in der Druckindustrie, die weitreichenden und schnellen Veränderungen ausgesetzt ist, ist das auch unbedingt notwendig. Die Druckerei Friedmann hat es auf diesem Weg in der beginnenden Pandemie geschafft, das Geschäftsmodell schnell in Richtung personalisierter Foto-Puzzles zu erweitern und so drastische Umsatzeinbußen zu kompensieren. Über die Schnittstellenanbindung von saas.do gelangen die individuellen Aufträge direkt in die Produktion. Diese Form der Flexibilität wird künftig für viele Druckereien ein entscheidender Faktor sein – vor allem, um sich auf den zusammenwachsenden Medienmärkten aus Print und Online zu beweisen.

Ein Modell für die Zukunft

Auch in den kommenden zehn Jahren werden IT-Fachkräfte rar sein, während der Bedarf an schnell anpassungsfähiger Individualsoftware weiter wachsen dürfte. Bis 2025 könnten deshalb bereits 70 Prozent der neu entwickelten Business-Anwendungen auf Low-Code und No-Code basieren, schätzt IT-Marktforscher Gartner Inc. In einer weiteren Techconsult-Studie in Zusammenarbeit mit mgm technology partners gaben 78 Prozent der befragten Unternehmen an, sich bereits aktiv mit No-Code- und Low-Code-Lösungen zu beschäftigen.

Vor allem in der Druckindustrie ist Effizienz zu einem der wichtigsten Erfolgskriterien geworden. Während Druckereien ohne Digitaldruck längst eine vom Aussterben bedrohte Spezies darstellen, wird als nächstes der Automatisierungsgrad über den Erfolg in der Druckindustrie entscheiden. Er wird meist nicht am einzelnen Auftrag, sondern am Umsatz pro Mitarbeiter gemessen. Diese Kennzahl kann man am ehesten steigern, indem automatisiert wird, wo es möglich ist, und Kapazitäten für das Kerngeschäft frei werden. So gelingt auch in Zukunft eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Druckern, Programmierern, Maschinen und Software.

Thorsten Winternheimer, CEO Necara GmbH, ist Diplom-Wirtschaftsingenieur und Betreiber der Plattform saas.do, die er 2015 mit Torben Daudistel gründete. Saas.do ist eine reine No-Code-Plattform für professionelle Anwendungen und hat circa 15.000 User in Deutschland, vor allem im professionellen B2B-Umfeld.
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