Trend: Führt Instant Publishing zu neuen Techniken und Vertriebsformen?

0

„Im digitalen Zeitalter hat sich das Erzählen von Geschichten dramatisch verändert“, sagt Dr. Hannes Steiner, Gründer des Start-ups story.one. Doch die Verlagswelt habe sich dem nicht angepasst und auch nicht verändert, stellte er auf dem Online Print Symposium 2024 in München fest – nicht, ohne eine Vision im Gepäck, wie sich das ändern ließe.

So seien Bücher dem Trend hin zu „kurzen Formaten“ – wie man sie beispielsweise bei tiktok oder selbst bei Youtube mit den „shorts“ sehen kann –, noch nicht gefolgt, obwohl die Anzahl der echten Bestseller-Titel stetig sinkt und die Verlage selbst immer stärker unter Kostendruck stehen. Gleichzeitig besitzen Autoren nicht selten eine eigene Community und könnten Bücher theoretisch auch selbst publizieren. Und genau hier kommt story.one auf den Plan. „Denn wir glauben, dass jeder eine Geschichte zu erzählen hat, auch wenn zurzeit weniger als ein Prozent der Menschen ein eigenes Buch schreibt“, sagt Hannes Steiner. Die Welt ist schneller und kürzer geworden – und das Buch noch nicht. Genau hier wollen wir eine Lücke füllen.“

Mit story.one hat Steiner, der selbst aus einem klassischen Verlag kommt, jedoch eine integrative, demokratische, schnelle und intuitiv bedienbare Plattform geschaffen, auf der jedermann seine persönliche Geschichten – unabhängig vom Genre – einfach, schnell und einem weltweiten Publikum mitteilen kann. Dabei sei story.one nicht nur ein Tool, sondern auch eine Community mit inzwischen mehr als 100.000 Usern und gut 10.000 Autoren. „Es ist kein Verlag, es ist kein Selfpublishing. Es ist etwas ganz eigenes. Für mich ist es so etwas wie ‚das tiktok fürs Buch‘“, so der Gründer.

Was Konzept hinter story.one

Mit story.one setzt sich Steiner für eine Vision ein, die Millionen kreative Autoren erreichen soll, tiefe Verbindungen zwischen Lesern und Autoren fördert und es Menschen weltweit ermöglicht, ihre Geschichten zu erzählen, zu teilen – ja, sogar gemeinsam zu schreiben. Bücher von story.one sind standardisiert, im Format und im Umfang: Sie umfassen zwischen 12 und 17 Kapitel zu je 3 Seiten Text sowie Plat für Bilder, Grafiken oder QR-Codes. Nach einer Prüfung durch story.one kann das Buch direkt über story.one veröffentlicht werden, inklusive ISBN-Nummer und eigener Autoren-Seite auf der Plattform. Rund zwei Wochen vergehen aktuell, ehe die Autoren und Autorinnen ihre Bücher in der Hand halten können. Die Auflagen variieren dabei von der Stückzahl 1 bis hin zu Bestseller-Auflagen von 20.000 und mehr.

Zwei Mal im Jahr werden den Autoren, für die das Schreiben und Veröffentlichen ihrer Bücher über story.one übrigens kostenfrei ist – ausgenommen die eigenen Bestellungen oder wenn Sonder-(Cover-)Designs genutzt werden –, Autorenhonorare für ihre frei verkauften Exemplare ausgeschüttet.

In die Karten spielt story.one übrigens der „Book-tok“-Trend von tiktok, der vor allem Menschen aus der Generation Z auf die Plattform führt. „Das ist ein Trend, den wir gut abholen können. Schnell, nachhaltig, lokal und das ist der starke Treiber unserer Plattform“, so Hannes Steiner.

Thalia mit an Bord

Die seit letzten Jahr bestehende Partnerschaft mit der Buchhandelskette Thalia, die seitdem Minderheitseigner ist, eröffnet dabei zusätzliche, neue Wege und verschafft den story.one-Autoren und -Autorinnen eine noch größere Sichtbarkeit, denn die über die Plattform veröffentlichten Bücher sind auch über den Buchhändler erhältlich und werden in einzelnen Flagship-Stores auch physisch ausgestellt. „Jeder kann es selbstständig ins Buchregal von Thalia schaffen“, fasst der Fachmann zusammen.

Dass das Konzept gut ankommt, spiegeln auch die Zahlen wider: Fast 8000 Bücher wurden über story.one im letzten Jahr veröffentlicht – „das ist ungefähr eine Größenordnung von 10 bis 15 % aller Neuerscheinungen im DACH-Raum“.

Bücher als Kommunikationskanal für Unternehmen

Im nächsten Schritt soll das Angebot auch Unternehmen schmackhaft gemacht werden – die laut Steiner „dritte Form der Disruption auf dem Buchmarkt“. Dahinter verbirgt sich, dass Unternehmen erkennen, dass „Bücher die nachhaltigste Kommunikationsform für Unternehmen sein können“, sagt Steiner. „Welches andere Medium schafft es sonst schon auf das Nachtischchen der Menschen?“.

Und seine Vision geht noch weiter: „Was uns sehr beschäftigt, ist die Zeitspanne, die es braucht, bis etwas auf dem Buchmarkt ist“, erklärt Steiner. Darum beschäftige er sich auch mit dem Thema, wie ein Buch unmittelbar gedruckt werden kann – und zwar customized und vor Ort beim Buchhändler. Dem Konzept kommt natürlich entgegen, dass es die Bücher in nur einem Format gibt. Um die Sache aber noch spannender zu machen, verriet Steiner: „Wir haben exklusiven Zugang zu einem Patent, das es uns ermöglichen wird, in Zukunft direkt vor Ort und ‚on-premise‘ zu drucken.“

Ein Déjà-vu aus vergangener Zeit

Die revolutionäre Idee, in einer Buchhandlung Bücher zu drucken, kommt uns jedoch irgendwie bekannt vor. Schon im Jahr 2000 wurde uns bei einer Reise nach Israel die Idee eines „Bücherdruckautomaten“ vorgestellt. Das 1999 gegründete, israelische Unternehmen Aprion Digital sprach von einer Maschine mit der Bezeichnung BookNet, die veredelte, hochqualitative Einzelexemplare in weniger als zehn Minuten produzieren sollte – komplett mit farbigen Umschlägen. Auch Bücher mit einem Umfang von bis zu 600 Seiten sollten möglich sein.

Aprion verfügte damals über Inkjetdruckmaschinen, die eine Leistung von 204 m2/Stunde auf einer breiten Palette unterschiedlicher Bedruckstoffe erreichten. Eine Labor-Version erreichte bereits 10 m/s für Drucke von der Rolle, eine Geschwindigkeit, die in den Bereich moderner Rotationsmaschinen hineinreicht. Die Multiple-Array-Technologie lieferte wasser- und kratzfeste sowie lichtbeständige Drucke mit Farben auf Wasserbasis.

Doch aus den Visionen von Aprion Digital wurde nichts. Scitex Vision fing das Scitex-Spin-Off 2002 wieder ein, bevor dieses Unternehmen wiederum 2005 von HP übernommen wurde. Seither hat man von den Aprion-Visionen nichts mehr gehört. Ob es technische oder unternehmenspolitische Hürden gab, die die Ideen haben sterben lassen, wissen wir nicht. In jedem Fall scheint die Vision in Vergessenheit geraten zu sein.

Revolution Bücherdruckautomat?

Dabei wäre eine solche Maschine, ein „Bücherdruckautomat“, geradezu eine Revolution im Vertrieb von Büchern und genial für das Konzept „Distribute and Print“: Leser könnten Bücher im Internet bestellen, kurz später in einer Buchhandlung abholen oder am nächsten Tag per Post erhalten und ein vergriffener Titel wäre mit einer solchen Technik in kürzester Zeit wieder verfügbar – überall dort, wo eine solche Maschine steht.

Doch das ist wahrscheinlich der Haken an der Sache. Es müsste ein weltweites Netzwerk für die Bücher-Daten aufgebaut werden, die schnell heruntergeladen und gedruckt werden könnten. Dazu  müssten entsprechend viele Druckautomaten an definierten Stellen – nicht nur im Buchhandel – installiert sein. Es müsste sichergestellt sein, dass Bücher aus dem Automaten qualitativ nicht schlechter und nicht teurer sind als konventionell gedruckte Bücher. Eine Logistik für Verbrauchsmaterialien und eine Service-Mannschaft müssten etabliert werden. Und es müssten für die Verlage, Autoren sowie die Betreiber der Automaten und die Händler, die ein solches System installieren, ein funktionierendes Bezahlsystem eingeführt werden.

Das bedeutet also weit mehr, als eine entsprechende Maschine zu konstruieren und herzustellen. Aber wer traut sich das zu und wer fängt damit an? Derjenige hätte nicht nur mit den angeführten technischen und logistischen Hürden zu kämpfen, er hätte zudem mit den eingetretenen Pfaden des Verlags- und Buch-Business zu tun. Und warum sollten etwa Canon oder HP eine solche Maschine auf den Markt bringen, wenn sie doch ihre existierenden Highspeed-Rollen- und Bogenmaschinen beim Bücherdruck ins Rennen schicken können, bei dem Müller Martini, Horizon oder wer auch immer in Druckereien das Finishing übernehmen?

Impulsgeber für eine neue Form des Buchvertriebs 

Die Annahme liegt also nahe, dass es so schnell kein globales neues Konzept der Buchvermarktung geben wird. So lange ist auch die Idee hinter story.one zunächst noch die Vision einer Synergie zwischen moderner Drucktechnik und der Demokratisierung des Geschichtenerzählens. Zwar ist die Idee heute eine vom Rest der Buchbranche abgekoppelte Insel, doch könnte sie durchaus Impulsgeber für eine neue und andere Form des Buchvertriebs sein. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

Summary
Trend: Führt Instant Publishing zu neuen Techniken und Vertriebsformen?
Article Name
Trend: Führt Instant Publishing zu neuen Techniken und Vertriebsformen?
Description
„Im digitalen Zeitalter hat sich das Erzählen von Geschichten dramatisch verändert“, sagt Dr. Hannes Steiner, Gründer des Start-Ups story.one. Doch die Verlagswelt habe sich dem nicht angepasst und auch nicht verändert, stellte er auf dem Online Print Symposium 2024 in München fest – nicht, ohne eine Vision im Gepäck, wie sich das ändern ließe.
Author
Publisher Name
Beyond-print.de

Leave A Comment