Trends: Weg mit der rosa 3D-Brille!

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Das Thema 3D-Druck ist seit einigen Jahren im Aufwind. Selbst wenn es nicht viele Überschneidungen mit der klassischen Druckindustrie gibt, könnte es Synergien geben. Sollten Druckereien auf den 3D-Zug aufspringen, oder übersteigen die nötigen Investitionen den Nutzen?

3D-Druck, das klingt erst einmal sehr entschieden nach Druckindustrie. Druck ist doch schließlich Druck, oder?! Das dem nicht so ist weiß jeder, der sich ein bisschen auskennt. Im 3D-Druck kommen ganz andere Technologien und Prinzipien zum Einsatz als im klassischen Druck: Hier wird kein Untergrund mit Farbe versehen, sondern ein Modell Schicht für Schicht gegossen. In Fachkreisen wird eher von Additiver Fertigung (AF) oder englisch „Additive Manufacturing“ statt vom populären Begriff 3D-Druck gesprochen. In jedem Arbeitsschritt wird gleichsam eine Schicht hinzugefügt, also addiert. Ein weiterer entscheidender Unterschied ist die Massenproduktion: Während moderne Druckereien mit großen Stückzahlen arbeiten, steht im 3D-Druck das individuelle Produkt tendenziell mehr im Vordergrund. 3D-Druck wird in der klassischen Druckindustrie, wenn überhaupt, eher für die Veredelung benutzt. Das Auftragen einer weiteren Schicht ist hier zum Beispiel schon von Folien, Prägungen und Lacken bekannt.

Hier bietet sich eine der ersten Synergien an: Mass Customization und individuelle Konfigurationen sind nicht nur in der Print-Industrie zukunftsweisend. Die 3D-Druckindustrie hat den Trend ebenfalls für sich entdeckt – und zum zentralen Vermarktungselement erkoren. Neben Schuhen, Sonnenbrillen und dreidimensionalen Schreibtischfigürchen nach dem eigenen Ebenbild gibt es mittlerweile sogar gedruckte Häuser; neulich wurde das erste Haus aus dem 3D-Drucker in Deutschland fertiggestellt. Noch ist das Verfahren nicht wirtschaftlich, in wenigen Jahren soll der Hausbau damit aber günstiger als auf dem konventionellen Weg sein.

Die Druckbranche setzt zwar weiterhin auf Mass Customization, hat sich bisher im 3D-Bereich eher die Finger verbrannt. Als vor ein paar Jahren das Thema langsam an Fahrt aufnahm, wurden die ersten Druckereien hellhörig: Mit 3D-Druck ab Auflage 1 stieg Flyeralarm vor einigen Jahren in den Markt ein – und durch die Hintertür wieder aus. Derzeit bietet der größte Onlinedrucker im deutschsprachigen Raum keinen 3D-Druck mehr an. Ähnlich ist es bei anderen Mitbewerbern, die teilweise sogar schon vor dem Platzhirsch die neue Technologie für sich nutzen wollten.

Bis jetzt hält sich der Hype wegen dieser Erfahrungen weiterhin in Grenzen. Verlockend sind hingegen nach wie vor die Synergien, die sich in der Kundschaft ergeben könnten: Wer gewohnt ist, seine Produkte zu personalisieren, ist sicher auch neuen Technologien dahinter nicht abgeneigt. Unternehmen mit entsprechender Kundschaft und Marktpräsenz könnten ein passendes Mindset kultivieren. Die Art und Weise, wie Druckbetriebe und ihre Kunden zusammenfinden, ist in der Cloud Economy ohnehin für alle Unternehmen ähnlich: Web-to-Print klappt nicht nur in 2D, sondern auch dreidimensional. Selbst wenn der große Durchbruch noch nicht da ist, wird nicht zuletzt wegen dieser Aussichten in der Branche experimentiert.

Trotzdem ist nicht zu erwarten, dass demnächst alle Druckereien 3D-Druck im Portfolio haben werden. Ein 3D-Drucker ist nicht einfach nur eine weitere Maschine im Fuhrpark, die mit einem LAN-Kabel an den Hauptrechner angeschlossen wird und dann auf Knopfdruck ihre Kunststoff- und Metallgebilde in Form spritzt. Die meisten Druckvorstufen sind aktuell mit der Datenaufbereitung und dem Modelling, die für den 3D-Druck unerlässlich sind, leider vollkommen überfordert. Rechen- und Manpower, die bei jedem Technologiewechsel und jeder Systemintegration nötig sind, werden hier ziemlich intensiv beansprucht. Der 3D-Druck ist für die meisten Druckereien eine völlig neue Technologie, die sich nicht mal eben in einen laufenden Betrieb quetschen lässt. Dazu kommt, dass es in keiner normalen Druckerei so sauber ist, dass ein 3D-Drucker ungestört arbeiten kann. Die Druckindustrie ändert sich stetig, vielleicht reicht es dann bald auch für einen gescheiten Reinraum…

My Take: Das Thema 3D-Druck rückt immer weiter in den Alltag vor. Immer schnellere und leistungsstärkere Geräte machen die Technologie zu einem Faktor, mit dem man rechnen muss. Noch ist es für die Druckbranche zu früh, in großem Stil in den 3D-Druck einzusteigen. Trotzdem passieren hier spannende Entwicklungen in hoher Geschwindigkeit. Es lohnt sich daher für die Druckindustrie, das Thema zu beobachten. Im Bereich Veredelung kann man jetzt schon erkennen, wohin die Reise geht. Der Blick in die Zukunft lohnt sich: Wenn Strom, Licht und Papier zu Printed Electronics verschmelzen und den Alltag erobern, wird 3D-Druck mit seinen Möglichkeiten, Metall hauchdünn zu verarbeiten, eine zentrale Rolle einnehmen.
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Das Thema 3D-Druck ist seit einigen Jahren im Aufwind. Selbst wenn es nicht viele Überschneidungen mit der klassischen Druckindustrie gibt, könnte es Synergien geben. Sollten Druckereien auf den 3D-Zug aufspringen, oder übersteigen die nötigen Investitionen den Nutzen?
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Beyond-Print.de

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

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