Übernahme: Adobe kauft Magento – Was heißt das für den Onlineprint?

Zahlreiche D/A/CH-Onlineprintshops nutzen Magento. Nun wird die offene Shop-Software von Grafik-Platzhirsch Adobe gekauft. Müssen Onlineprinter mittelfristig mit Auswirkungen rechnen?

Die Nachricht hat sich schnell verbreitet. Klar, wenn eine derart populäre E-Commerce-Lösung Teil einer erfolgreichen Grafik- und Marketinglösung wird. Neben Design, Marketing und Content gesellt sich jetzt also noch ein Shopsystem in Adobes Lösungsportfolio. Für E-Commerce-Treibende also ein potenzielles Rundum-Paket. Und für den Onlinedruck – hat die Übernahme da konkrete Auswirkungen? Wie gesagt: Magento ist als Shopsoftware auch in der Medienindustrie durchaus ein Begriff. Bei einem E-Commerce-Markanteil der installierten Top-1000 Shops in Deutschland hatte Magento 2017 immerhin einen Anteil von 14,5 % – und damit deutlich mehr als Oxid, Hybris und die anderen Software-Größen (Quelle: iBusiness). Weltweit kann Magento mehr als 250.000 Installationen vorweisen – im digitalisierten Handel hat Magento demnach Gewicht, auch im Onlineprint-Business. (Viele der Onlineprint-Shops u.a. von CloudLab oder Rissc basieren auf Magento). Unüberlegt ist die Akquise durch Adobe also in keiner Weise. Denn Magento ist mittlerweile eine erwachsene E-Commerce-Lösung, die durch eine große Anzahl an Entwicklern und Extensions Verbreitung findet. Die ganze Magento-Community kauft Adobe damit quasi mit ein. Aus eigener Erfahrung weiß Adobe, dass der Aufbau einer Community inklusive Entwicklern und Influencern Jahre dauern und sehr kostspielig sein kann.

Advertising – Analytics – Marketing. Die Experience Cloud wird voraussichtlich ab Sommer 2018 um den Bereich Commerce durch Magento verstärkt; Quelle: https://www.adobe.com/de/experience-cloud/overview.html

Wird der Deal von den Behörden abgesegnet, vervollständigt Adobe seine Experience Cloud mit Magento, um sowohl B2B- als auch B2C-Kunden – natürlich auch außerhalb der Medienindustrie – zu adressieren. Die Transaktion soll laut Angaben von Adobe ein Volumen von 1,68 Mrd. Dollar, umgerechnet etwa 1,43 Mrd. Euro, haben und zwischen Juni und August dieses Jahres abgeschlossen werden, also im dritten Quartal von Adobes Geschäftsjahr 2018. Sollte das alles reibungslos funktionieren, wechselt Magento innerhalb von rund drei Jahren zum zweiten Mal den „Besitzer“. Denn nach der Gründung 2008 und der Zugehörigkeit zu eBay von 2011 bis 2015, hatte Permira Funds Magento für knapp drei Jahre im Portfolio. Das Londoner Beteiligungsunternehmen, das unter anderem mit 1,92 Mrd. Euro am Zahlungsdienstleister Klarna beteiligt ist, tritt in der aktuellen Transaktion demnach als Verkäufer auf. Im Zuge des immer bedeutender werdenden Onlinehandels schafft Adobe mit der Experience Cloud neben Advertising, Analytics und Marketing also auch eine Shopbasis – und damit auch die Möglichkeit für plattformunabhängige, onlinebasierte Printshoplösungen unter dem Label Adobe. Daneben kauft Adobe sich damit eine breite und zufriedene Nutzer- und Entwicklerbasis ein, die wohl zukünftig auch für die anderen Bestandteile der bereits bestehenden Cloudanwendungen gewonnen werden sollen.

Gut. Adobe wird nun nicht Magento kaufen um viele, viele Print-Onlineshops anzuschieben, sondern Adobe sucht vielmehr „seinen“ Platz im Kanon der Internet-Giganten. Während Google, Amazon und Co. in aller Munde sind – wird Adobe von vielen großen, potentiellen Kunden nicht mehr unbedingt als Innovationstreiber wahrgenommen. Zwar hat Shantanu Narayen, der CEO von Adobe, die Adobe-Aktie auf einen akzeptablen Aktienkurs von 242,36 US-Dollar gebracht, aber die Börse reagierte auf die Ankündigung dann doch eher zurückhaltend. Vielleicht auch, weil nicht allen Anlegern klar ist, wie bedeutend diese Akquise sein kann. Schafft es Adobe sowohl die Magento-Community weiter am Leben zu halten und gleichzeitig aber Magento gescheit als Plattform für eigene E-Commerce-Angebote im Rahmen z.B. der Marketing-Cloud einzusetzen – kann dies ein historischer Schritt für Adobe sein.

„Adobe erwirbt mit Magento keineswegs einen „lahmen Gaul“. Ob die Akquise aber grundlegende Verbesserungen für den Onlinedruck bringen wird, das bleibt abzuwarten.“ ­– Bernd Zipper

Wer nun aber denken mag, dass dies eine Stärkung der grafischen Industrie, könnte schnell enttäuscht sein. Mein Eindruck ist eher, dass Adobe zwar Basisprodukte für die grafische Industrie anbietet – wichtige Bereiche der grafischen Industrie, in diesem Fall die Druckindustrie – aber gar nicht mehr wahrnimmt. Adobe hat es in der Vergangenheit leider versäumt wichtige Technologien wie den InDesign-Server – der für viele Web-to-Print-Anwendungen existenziell ist – als „echte“ Serveranwendung umzusetzen. Auch preislich hat sich erst in den letzten Monaten hier etwas getan. Ferner hat Adobe zwar Technologie-Unternehmen wie Scene7 übernommen – es aber versäumt diese Technologien für „normale“ mittelständische Unternehmen der Onlineprint-Industrie verfügbar zu machen. So kann zwar die globale Druckindustrie mit einem Tool wie InDesign arbeiten – eine echte Weiterentwicklung existenzieller Technologien, um Print in die nächste Entwicklungsstufe zu bringen ist, genauso wie ein echtes Engagement für Print, nicht zu bemerken. Gut, man mag einwerfen, dass die Druckindustrie nicht mehr so groß ist usw., da kann man das verstehen – aber immerhin ist Print mit ca. 800 Milliarden (weltweit, 2016) Umsatz in allen Bereichen noch größer als die Pharma-Industrie. Ich bin also gespannt, was Print von der Magento-Akquise haben wird.

Wie oben beschrieben: Adobe erwirbt mit Magento keinen „lahmen Gaul“. Daran hätte der in einigen Bereichen Quasi-Monopolist aus San José auch gar kein Interesse – denn betrachtet man die finanzielle Entwicklung von Adobe in den letzten zwei Jahren wird klar, wohin die Reise weiter gehen soll: nach oben. Im Gegensatz zum Vorjahr konnte Adobe 2016 den Gesamtumsatz schon um 22 % auf rund 5 Mrd. Euro steigern und 2017 um weitere 24,7 % auf rund 6,23 Mrd. Euro. Das nicht gerade klein gesteckte Ziel für 2018 – und hier würde Magento schon einen Teil ausmachen – lautet 7,49 Mrd. Euro (+19,5 %).

My Take: Dem E-Commerce gehört ein gehöriger Teil der Zukunft – das wissen auch die Entscheider bei Adobe. Und mit der Community rund um Magento holt sich Adobe weiteres Potenzial in Sachen Cloud-Commerce ins eigene Haus und ergänzt damit sein Portfolio. Ob dies nun positiv oder negativ ist, kann man noch nicht sagen. Hier bleibt es abzuwarten, ob Magento „selbstständig“ als eigener Brand erhalten bleibt – ober ob Adobe die Software einfach ins Portfolio „eingemeindet“. Wenn dies der Fall ist, steht es 50/50 – denn 50% der bis dato erworbenen Unternehmen und Technologien sind einfach vom Markt verschwunden. Auch wenn sie ggf. gut oder sogar besser als vorhandene Adobe-Technologien waren. Einen Grund nun aber die Shop-Plattform hektisch zu wechseln ist die geplante Akquise sicher nicht – denn ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Adobe was Gescheites daraus macht. Aber vielleicht sollte sich der Vorstand von Adobe mal Gedanken über das enorme Potential der Kombination von Magento und einem echten InDesign-Server machen …da geht noch was!

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Adobe erwirbt mit Magento keineswegs einen „lahmen Gaul“. Ob die Akquise aber grundlegende Verbesserungen für den Onlinedruck bringen wird, das bleibt abzuwarten.
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beyond-print.de

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