Vertreibung aus dem Paradies

0

(02. Oktober 2008 – hgw) Der Tag der Sünde ist gekommen. Jener Tag, der zur Vertreibung aus dem Paradies führt. Eva heisst diesmal Adobe. Und der Apfel Photoshop. Wir User sind Adam. Und der Gott, der uns vertreiben wird, heisst Copyright.

Aber der Reihe nach. Adobe macht der Welt ein großzügiges Angebot. Photoshop kennt sie ja schon, die Welt, und begehren tut sie es auch. Sehr sogar. Wer einen Scanner kaufte, konnte von Glück reden, eine LE-, also light-Version als Draufgabe zu erhalten. Der Rest musste halt cracken, illegal kopieren. Vorbei. Ab sofort steht das Programm in einer für Laien verständlichen Version kostenlos per Internet zur Verfügung. Da ist so, als würde MacDonalds Burger ohne Ende verschenken. Das kann doch nicht sein? Es ist auch nicht so.

Würde man den Burgern süchtig machende Stoffe beimixen, Drogen, so wäre zu Recht die Empörung a) groß, b) weltweit und c) ein Politikum. Aber wenn Adobe Drogen mixt, dann nimmt das niemand zur Kenntnis. Obwohl die Abhängigkeit den Nerv des publizistischen Lebens trifft und der erste Schritt zu jener Endstufe ist, aus der Adobe niemals ein Hehl gemacht hat: die Welt zu beherrschen. Total und für immer. Die Welt der Dokumente. Wer Adobes Photoshop per Internet kostenfrei lädt, muss nur ein paar Klicks erledigen. Klicks direkt in die Gefangenschaft. Denn man stimmt den Nutzungsbedingungen zu. Die nicht direkt, sondern versteckt durch per Verweis eingeschlossene Konditionen an anderen Orten sagen klipp und klar, dass die Verwertungsrechte aller Bilder, die User in die von Adobe kostenlos angebotenen Bildgallerien einstellen, Adobe gehören. Auf immer. Weltweit. Ohne jegliche Bezahlung.

Das ist exakt jene Situation, die Goethe im Faut als dämonisch heraufschwört: für die Erkenntnis der Wahrheit muss man seine Seele verkaufen. Für ein kostenloses Photoshop gibt man unwiderrufliche alle Bild-Verwertungsrechte ab, ebenfalls für lau. Ein toller Tausch. Denn was Adobe so bekommt, könnte eines Tages die umfassendste Bildbibliothek der Welt sein. Und wer glaubt, dass Adobe diese Bilder dann wiederum kostenfrei zur Verfügung stellt, nun, der muss schon so dumm sein, dass er nicht weiß, dass die Welt keine Scheibe ist. Doch Adobe ist nicht alleine auf diesem Weg. Flickr macht es ähnlich, nur zeitlich begrenzt – Flickr darf verwerten, solange Bilder (oder Videos) hochgeladen sind.

Es geht nicht darum, ob hier nun eine eher für die Ärmsten oder Geizigsten unter uns Wohltätigkeits-Software experimentell zur Verfügung gestellt wird, es geht ums Prinzip. Es ist ein (weiterer) Testballon, wie man das Volk ausnutzen kann. Denn gewöhnt sich alle Welt an das Prinzip „Du gibst mir Software, ich Dir die Rechte der damit erzeugten Datenfiles“, dann ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, dass Microsoft jene Texte gehören, die ich mit Word schreibe. Dass dann Canon die Bilder verwenden darf, die ich mit deren Kameras oder Scanner erzeuge. Oder Apple gehören die Podcasts, die ich mir Garage Band aufnehme und schneide. Oder, oder, oder …. Abmahnwellen auf der einen Seite, wenn jemand über Tauschbörsen Musik saugt oder auf anderen Platformen Videos, egal wie schmuddelig oder nicht, öffentlich macht. Oder wer in eBay mit dem Logo von und für getragene Markenklamotten wirbt. Ein Copyright, das verbietet, dass jemand seine privaten Urlaubsfilme mit akutellen Hits vertont und diese dann auf ohnehin nur privat genutzten digitalen Schwarzen Brettern postet. Und andererseits wie selbstverständlich die Vergewaltigung des ahnungslosen, lediglich geizgeilen Users, was seine eigentlichen publizistischen Grund- und Freiheitsrechte angeht. Für die er einerseits bestraft wird, wenn sie missachtet werden, die er andererseits aber ohne jemals ernsthaft in Kenntnis gesetzt worden zu sein in überrumpelnder Manier abgibt. Software, das ist nicht IT. Software, das ist einzig und allein eine Rechte-Industrie. Ein Geschäft, bei dem juristische Tricks ungleich wichtiger sind als die Performance der Programmzeilen. Per Software kann man auf juristisch korrektem, moralisch sehr fragwürdigen Weg die Welt erobern, ohne jemals dafür belangt zu werden.

Sagen wir es mal so: Wir in Europa regen uns moralisch darüber auf, wenn einem Hilflosen Hilfe versagt würde. In manchen Ländern wäre ihm ohnehin nur zu helfen, könnten er oder ein Angehöriger die entstehenden Kosten bezahlen. Und so dürfen wir vielleicht gar nicht europäische Maßstäbe von Moral und Recht, von Vertrauen und Großzügigkeit anlegen, wenn usamerikanische Firmen das wollen, wozu sie gegründet wurden: die Welt zu dominieren.

Ich hoffe, ich bleibe so reich, meine Photoshop-Lizenzen noch selbst bezahlen oder legal erwerben zu können. Und ich bete fast schon darum, dass Adobe mir diese Freiheit noch lässt. Vorerst jedenfalls.
 

Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Seine Fachgebiete sind u.a. Online-Print, Mass Customization, Strategie- und Technologie Assessment für Print, sowie die Entwicklung neuer Strategien im Print- und Mediaumfeld. Bernd Zipper ist Initiator und Vorsitzender der Initiative Online Print e.V. und neben seiner Beratertätigkeit Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen für die Druck- und Medienindustrie. (Profile auch bei Xing, LinkedIn).

Leave A Comment