Was bleibt von der Kundenbeziehung, wenn eine KI den Druckauftrag auslöst? Wem „gehört“ der Kunde dann? Bernd Zipper, Gründer und Geschäftsführer von zipcon consulting sowie Vorstandsvorsitzender der Initiative Online Print, hat darauf im US-Podcast „Taktiful Tuesdays“ von Eric Vessels eine so knappe wie klare Antwort gegeben: niemandem. Was Druckdienstleister stattdessen anbieten müssen, skizziert er am Beispiel von Büchern und Lieferzeiten. Und er gibt einen Rat, der viele überraschen dürfte.
Die Kundenbeziehung, wie sie früher zwischen Druckerei und Auftraggeber bestand, oft über unzählige Diskussionen über das richtige Papier und die passende Veredelung und über Jahre hinweg gewachsen ist, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Da war sich Zipper im Gespräch mit Eric Vessels sicher. In einer Welt, in der ein Agent recherchiert und bestellt, fallen diese zwischenmenschlichen Beziehungen weg. Wer die Nachfrage in der Sekunde erfülle, in der sie entsteht, „besitze“ den Kunden – für diese Sekunde. Wie schnell sich Loyalität verschiebt, dafür sieht er sich selbst als bestes Beispiel: Zuerst habe er ChatGPT genutzt, inzwischen arbeite er täglich mit Claude, und im nächsten Jahr könne es wieder ein anderes System sein. Genutzt wird das Tool, das im Moment des Bedarfs den größten Nutzen und das einfachste Handling verspricht – und das gilt im übertragenen Sinne natürlich auch für Druckdienstleister.
Bleibt also nur ein Versprechen, und das muss ein KI-Agent prüfen können. Zipper rechnet es an einem Buch vor: Rundrücken oder Flachrücken, Format, Papier, Bindung: Bis eine Bestellung tatsächlich zustande kommt, müssen Dutzende Entscheidungen getroffen werden. Liegen die Daten strukturiert vor, leite der Agent sie aus den Anforderungsprofil ab und suche anschließend den Anbieter, der die Nachfrage vollständig erfüllen kann. Betriebe mit breitem Sortiment sieht er deshalb vorn, wie zum Beispiel Cimpress, WIRmachenDRUCK oder Flyeralarm.
Die dümmsten Fragen stellt man dem KI-Agenten
Deutlich optimistischer als erwartet klingt Bernd Zipper beim Thema Veredelung. Lack, Laserschnitt, Stanzungen, eine fünfte Farbe: All das lasse sich in einem Print-Vertical für Googles Universal Commerce Protocol (UCP) genauso beschreiben wie eine Visitenkarte. Ein Agent könne Varianten erklären, Beispiele zeigen und die Lieferzeit abfragen. Ein zweiseitiger Flyer einer Pizzeria könne über Nacht erstellt werden, das veredelte Buche mit besonderer Stanzung brauche mehr Produktionszeit. Beides müsse das System kennen, sonst verspreche es Termine, die nicht einzuhalten sind.
Darin liegt nach Sicht von Zipper auch eine Chance für Fachbetriebe: Kunden trauen, KI-Agenten auch die vermeintlich dümmsten Fragen zu stellen. Gegenüber dem Mitarbeitenden einer Druckerei blieben dieselben Fragen oft unausgesprochen. So können auch Auftraggeber, die bisher nicht viel von Veredelung verstanden, anspruchsvolle Produkte bestellen. Über KI-Agenten.
Erst die Daten, dann der Shop
Wer Bernd Zipper kennt, dem mag sein Rat an Betriebe ohne Web-to-Print-Lösung, ungewöhnlich erscheinen, denn sie lautet: jetzt keinen eigenen Shop entwickeln. Sinnvoller sei es, die Produktdaten zunächst so zu strukturieren, dass sie von KI-Agenten überhaupt ausgelesen werden können, und dann diese Struktur hinter die bestehende Website zu legen. Hübsch im Sinne, wie ein Mensch es wahrnehme, müsse das nicht sein, schließlich lese der Agent sowieso nur Definitionen und keine grafischen Elemente. Das Rennen um den schönsten Shop sei gegenüber den großen Plattformen ohne verloren. Konkret nenne Zipper im Gespräch mit Eric Vessels drei Punkte, was Druckdienstleister nun tun sollten:
- eine Website mit nachvollziehbarem Katalog des eigenen Angebots samt sauberem SEO- und GEO-Fundament
- ein eigenes MCP, über das externe Systeme das Leistungsspektrum auslesen, ohne dass Unternehmensdaten abfließen
- die Beteiligung an der Standardarbeit, damit die eigenen Produkte im Print-Vertical überhaupt vorkommen.
Unterstützt werden könnte das auch von einer Initiative des Podcast-Hosts Taktiful. Denn wie Eric Vessels erklärte, arbeitet das US-amerikanische Unternehmen aktuell an einem Tool, mit dem eine URL untersucht und die Agentenfähigkeit einer Druckerei anhand von verschiedenen Fragen und Kriterien bewertet werden kann.
Aktueller Stand des Standards
Den Rahmen für die Agentenfähigkeit von Unternehmen setzen mehrere Protokolle, die parallel entwickelt werden: MCP, ACP und UCP. Für Druckprodukte fehlt darin bislang eine Definition. Das Print-Vertical dazu treiben seit Mai 2026 die Initiative Online Print, der BVDM und die Intergraf voran, zusammen mit den Partnern dpsuisse, CIGC, CIP4, der PRINTING United Alliance und der Ghent Workgroup. Das formale Enhancement Proposal an Google ist für das vierte Quartal 2026 geplant.
Die Entwicklung eines Print-Verticals für UCP ist ein wichtiger Baustein, wenn es um Agentic Print geht (das Whitepaper zu Agentic Print kann hier heruntergeladen werden).
„Agentic Print wird Infrastruktur“, lautet folgerichtig auch Zippers Ausblick – und werde nicht einfach nur am Ende einer digitalen Kette auf einen Auftrag warten.
Den ausführlichen Podcast – auch mit einer spannenden These von Bernd Zipper – gibt es auf Youtube zu sehen.

