Wenn der Shop nicht mehr der Einstieg zum Kauf ist: Zippers Weckruf

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„Re:Inventing Print for the On-Demand Era“ war nicht nur das Motto des diesjährigen Online Print Summits. Um ein Neu-Erfinden ging es auch in der Keynote von Bernd Zipper, CEO von zipcon und Mitveranstalter des OPS. Seine These: KI wird Print nicht ersetzen, aber den Markt neu sortieren, über Agentic Commerce und neue Standards wie das Universal Commerce Protocol (UCP). Wer nicht „agent-ready“ werde, laufe Gefahr, später nur noch Zulieferer und damit austauschbar zu sein.

Die Onlineprint-Community ist für Zipper das „schlagende Herz“ der Druckindustrie. Immer wieder wurde dem Markt das Ende vorhergesagt, und immer wieder haben es die Unternehmen, die darin tätig sind, geschafft, sich neu zu erfinden, allen voran die Onlinedruckereien.

Auch die letzten Jahre waren laut Zipper herausfordernd, vor allem im B2B-Markt. Denn Unsicherheiten durch die weltpolitische Lage und die Geschwindigkeit der neuen KI-Technologien führten und führen auch weiterhin zu Unsicherheiten bei Konsumenten und bei Unternehmern. Und das bremst Entscheidungen; Budgets werden kleiner, Projekte später gestartet, Volumina nehmen ab.

Weniger Volumen, mehr Aufträge; und warum das eine gute Nachricht ist

Während vor allem klassische Druckereien darunter litten, hätten Onlinedruckunternehmen, so der Branchenexperte, auch weiterhin gute Chancen, den Markt aktiv mitzugestalten und erfolgreich zu sein – wenn sie jetzt aktiv würden.

Und anstatt, wie in den letzten Jahren, in die genauen Zahlen der Top-Onlineprint-Dienstleister einzusteigen, stellte Zipper in seiner OPS-Keynote vor allem die Chancen und künftigen Hebel der Industrie in den Vordergrund.

Aber eins nach dem anderen, denn die Ausgangslage bleibt: Das Printvolumen sinkt, doch die Zahl der Aufträge steigt. Das klinge zwar nach Stress, sei aber zugleich das neue Normal, das aus kürzeren Runs, mehr Varianten und mehr Personalisierung bestehe. Zipper verortet diese neue Relevanz nicht nur im klassischen Commercial Print, sondern zunehmend auch im Verpackungsdruck, in der Etikettenproduktion sowie im Großformatdruck – also überall dort, wo lokale Nachfrage, Produktvielfalt und schnelle Reaktionsfähigkeit zählen.

Technologie-Shift: Inkjet wächst, Flexo kommt zurück, Offset hat es schwerer

Seine Botschaft: Print wird nicht größer, aber wertvoller, weil es passgenauer wird. er Hyperpersonalisierung, kurze Lieferzeiten und variantenreiche Produktionen bedienen will, braucht Prozesse und Technologien, die genau das wirtschaftlich abbilden können. In diesem Sinne habe dann die Entwicklung auch Auswirkungen auf die eingesetzten Druckverfahren. Diese Verschiebung beschleunige sich aktuell sogar.

Während Inkjettechnologien immer stärker zum Einsatz käme, und Toner weiterhin relevant bleibe, habe es der Offset zunehmend schwerer. Durch das Wachstum im Verpackungs- und Etikettenbereich ziehe auch der Flexodruck wieder stärker an.

KI als Beschleuniger – aber nicht dort, wo viele denken

Auch Künstliche Intelligenz spielt dabei eine Rolle. Die These aber, dass KI alles ersetzen werde, vertritt Zipper nicht. Denn entscheidend sei nicht die nächste „Wunder-Maschine“, sondern wie KI in Prepress, Workflow, ERP und Shops integriert wird – also an genau den Stellen, an denen es heute oft Reibung und Medienbrüche gibt und wo manuelle Entscheidungen notwendig sind. Nach Einschätzung des Branchenexperten werden 2026/2027 Prepress & Workflow stark in den Fokus rücken, danach ERP/Shops – und ab 2030 skalieren Netzwerke und Plattformmodelle rund um Print-on-Demand.

Und ja: Er betont (auch selbstkritisch), dass KI ohne menschliche Kuratierung schnell Unsinn produziert. Denn KI ist das Werkzeug, die Verantwortung aber bleibt beim Menschen. Doch was passiert, wenn gar nicht mehr der Mensch selbst einkauft, sondern ein KI-Agent?

Agentic Commerce: Wenn die Anfrage wichtiger wird als der Shop

Die zentrale und vielleicht auch unbequemste Aussage seiner Keynote drehte sich daher auch um die Gatekeeper-These. Denn durch Agentic Commerce verschiebt sich der Einstieg in den Kaufprozess. Es gilt nicht mehr „Shop öffnen, Produkt suchen“. Vielmehr geht der Weg über den KI-Agenten. Die Kundin oder der Kunde formuliert Ziel und Produktwunsch im Gespräch mit dem KI-Agenten – und der macht sich auf die Suche nach dem Produkt. Er vergleicht, „verhandelt“ und stößt im Idealfall sogar direkt den Auftrag an.

In diesem Moment wird der KI-Agent zum „Gatekeeper“, denn nicht mehr der Mensch recherchiert und entscheidet, welches Produkt er kaufen will, sondern die KI. Und die legt andere Kriterien an einen Onlineshop an als ein Mensch.

Zipper machte es auf dem OPS 2026 konkret und sprach eine Warnung aus: Selbst große Onlinedruck-Anbieter würden schon heute von Agentic-Systemen nicht gefunden. Das heißt nicht, dass jeder Onlineprintshop über Nacht sprichwörtlich verschwindet, aber der Zugang zu Ihnen erfolgt zunehmend anders, schleichend anders. Und schleichend heißt in Tech-Zeiten: schneller als gedacht.

Warum das so ist? Weil Angebote und Prozesse nicht maschinenlesbar sind – und weil „Checkout-fähig“ in einer Agentenwelt etwas anderes bedeutet als ein sauberer Webshop.

Daten, Daten, Daten – und die provokante These vom „Datenhändler“

Denn wenn Agenten einkaufen sollen, brauchen sie strukturierte Daten – und das in einer Form, die sie auslesen können: Produkte, Varianten, Regeln, Lieferzeiten, Kapazitäten, Proof-Logik, Produktionsbedingungen. Druckereien werden also künftig ein Stück weit zu „Datenhändlern“ werden müssen, schließlich entscheidet die Qualität und Logik ihrer bereitgestellten Daten darüber, ob ein Anbieter in den neuen, agentischen Einkaufsprozessen überhaupt vorkommt.

UCP: Der Standard-Hebel, auf den sich plötzlich alle einigen (wollen)

An dieser Stelle verbindet Zipper das „Big Picture“ mit einem sehr konkreten Tool, dem Universal Commerce Protocol (UCP) (beyond-print.de berichtete bereits ausführlich darüber). Google beschreibt UCP als Open-Source-Standard, der Agentic Commerce über eine gemeinsame Sprache und Logik interoperabel machen und damit KI-Agenten mit Händlern verbinden soll, inklusive Capability-Modell und Integrationspfaden.

Für Onlinedruckdienstleister heißt das: Es geht künftig nicht mehr nur darum, ob man als Anbieter zum Beispiel Visitenkarten produzieren kann, sondern ob man maschinenlesbar darstellen kann, wie konfiguriert, bepreist, produziert und ausgeliefert wird.

Genau darin liege eine Chance, ebenso wie ein Risiko: Wenn die Onlineprint-Industrie diese Standards nicht mitprägt, würden Plattformen und Seiteneinsteiger diesen Job übernehmen.

Das Thema Standards sei daher eine Gemeinschaftsaufgabe. Zipper verortet mögliche Treiber in Sachen UCP bei Verbänden/Initiativen, wie etwa der IOP, dem BVDM oder VDMA. BVDM und IOP arbeiten bereits bei Datenstandards zusammen, wie es etwa auch beim Thema EUDR-X der Fall war. Der Gedanke, dass die Onlineprintindustrie auch beim nächsten Standard mitmischen muss, ist also nicht aus der Luft gegriffen.

Der „Agent-Ready“-Realitätscheck: Hausaufgaben statt Hype

Was also tun? Bei dieser Frage klingt die Antwort, die Bernd Zipper in seiner OPS-Keynote gegeben hat, fast schon wie die eines Projektleiters. Er appelliert daran, erst die Daten- und Produktlogik „sauber zu bekommen“ und dann Schritt für Schritt zu automatisieren – nicht umgekehrt.

Die wichtigsten Takeaways und Hausaufgaben, die er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Online Print Summit daher mit auf den Weg gibt, sehen wie folgt aus:

  • Produkte/Varianten so definieren, dass sie maschinenlesbar sind (nicht nur hübsch im Frontend).
  • End-to-End-Automatisierung denken: von Anfrage über Kalkulation bis hin zu Produktionund Fulfillment.
  • KI für Beratung und Verkauf nutzen, eine „flache“ Beratung skaliert gut, komplexe Beratung bleibt Vertrauenssache.
  • Standards wie UCP früh verfolgen und als Branche mitgestalten.
  • Vertrauen und Authentizität als Möglichkeit behalten, sich vom Wettbewerb abzuheben. Denn je digitaler der Prozess, desto wertvoller wird der menschliche Moment.

Vertrauen bleibt auch künftig am wichtigsten

Wer Zippers OPS-Historie kennt, erkennt das Motiv: Technologie ist das Werkzeug, Vertrauen der Treibstoff. Das zog sich schon wie ein roter Faden durch frühere OPS-Vorträge des Branchenexperten. Neu ist 2026 daher weniger die Erkenntnis als die Dringlichkeit: Denn wenn KI-Agenten zu Gatekeepern werden, ist Vertrauen noch stärker dort entscheidend, wo es um Wiederholung, Beratung, Komplexität und langfristige Partnerschaften geht.

Der Shop wird zur Datenquelle für Agenten, das Kundengespräch zum Premium-Moment. Und die Branche muss verhindern, dass sie bei der Entwicklung der neuen Standards nur Zuschauer ist. Zippers Resümee fiel daher auch recht deutlich aus: „Lasst uns die Ärmel hochkrempeln, damit KI von uns benutzt wird und nicht wir von der KI“, resümierte er daher folgerichtig.

My Take: Zipper hat auf dem Online Print Summit 2026 das Augenmerk auf etwas gelegt, das viele Onlineshops noch ignorieren: Sichtbarkeit entsteht nicht mehr nur über SEO und das User Interface, sondern über Datenlogik und Agenten-Kompatibilität. UCP sei dabei nicht die eine Lösung, aber der Rahmen – und zugleich ein deutliches Signal: Standards werden gerade außerhalb der Print-Bubble gebaut. Wer jetzt nicht aktiv mitgestaltet, wird später integriert – zu den Bedingungen anderer. Und dann hilft auch der schönste Konfigurator nicht mehr.

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Beyond-print.de

Judith Grajewski war 14 Jahre für Deutscher Drucker tätig und hat als Redakteurin vor allem über den Wachstumsmarkt Digitaldruck berichtet, als Online-Verantwortliche das Portal print.de und die Social-Media-Kanäle mit aufgebaut und sich als „Transaction Editor“ mit Content-Management- und Marketingstrategien beschäftigt. Nach einem kurzen Intermezzo als Chefredakteurin des Werbetechnik- und LFP-Fachportals Sign&Print, bleibt die studierte Dipl.-Ing. für Medientechnik (FH) ihrer Leidenschaft für Print treu und widmet sich nun der Beratung und Projektbegleitung von Druckunternehmen auf ihrem Weg in eine digitalisierte Zukunft. Darüber hinaus gibt sie als Redakteurin für Beyond Print regelmäßig Einblick in relevante Themen des E-Business Print. (Profil bei Xing, LinkedIn)

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