Werbemittel: Geiger-Notes gründet Online-Marktplatz mypromo.com

Der Markt für Werbeartikel ist alleine in Deutschland rund 3,5 Mrd. Euro schwer. Und das seit Jahren. Da sollte man doch glauben, es gäbe dafür längst einen Marktplatz im Internet. Ist aber nicht so.

Es gibt also noch immer Wirtschaftsbereiche, in denen sich die Digitalisierung schwer tut – oder besser, Märkte, die sich mit der Digitalisierung schwer tun. Ich habe mit zwei engagierten Personen gesprochen, die für diesen speziellen Markt ein Projekt vorantreiben, das Beispielcharakter hat. Mit dem E-Commerce-System mypromo entsteht eine Plattform, die es Werbeartikel-Händlern ermöglicht, Aufträge über einen White-Label-Shop vollautomatisiert abzuwickeln. Die beiden Personen dahinter sind Heike Lübeck, seit Oktober 2018 Geschäftsführerin der Mypromo Service GmbH, einer Tochter der Geiger-Notes AG. Bisher war sie Leiterin Marketing und Produktmanagement bei Geiger-Notes, verantwortet jetzt aber Marketing und Entwicklung der neuen Vernetzungsplattform für die Werbeartikel-Branche. Diese Aufgabe teilt sie sich mit Jürgen Geiger, Vorstand der Geiger-Notes AG.

Bernd Zipper: Klasse Sache, solche Werbeartikel! Aber braucht man die in Zukunft noch? Warum analoge Werbeartikel, wenn sich die Werbewelt immer mehr auf’s Digitale konzentriert?

Jürgen Geiger: Die persönliche Ansprache ohne Streuverluste funktioniert nun einmal am besten über Werbeartikel. Denn sie lassen sich mit allen Sinnen genießen. Sie sind die einzige Form, die wirklich alle Sinne ansprechen kann und sie sind nicht nur flüchtige Werbung, sondern bieten dem Empfänger auch sogar über einen längeren Zeitraum einen Nutzwert. Das ist der Grund für die anhaltende Erfolgsgeschichte des Werbeartikels.

Bernd Zipper: Aber es ist auch ein heißer und stark umkämpfter Markt, oder?

Jürgen Geiger: Ja, es tummeln sich unglaublich viele in diesem Markt: Werbeartikelhersteller und auf der anderen Seite die Vermarkter. Und dann gibt es sehr viele Berater, weil Werbeartikel oft in komplette Marketingkampagnen eingebunden werden. Zudem haben wir ein ausgesprochen heterogenes Produktumfeld, das von Lebensmitteln über Textilien, Elektronikartikel, Papierartikel und so weiter reicht. Es gehört also schon ein bisschen Marktkenntnis dazu, den richtigen Werbeartikel zu finden, damit er sein Ziel erreicht.

Bernd Zipper: Und dann gibt es auch Kritiker, die sagen, Werbemittel tragen zum Plastikmüll bei und fordern: „Hey, das Ganze sollte doch lieber nachhaltig sein“. Gibt es darauf Antworten?

Jürgen Geiger: Wir fordern unsere Kunden schon seit Langem dazu auf, Papierartikel „Made in Germany“ einzusetzen. Die sind per se nachhaltig, weil recyclingfähig, und beanspruchen keine riesigen Transportwege. Das sehen zwar nicht alle Kunden so, aber in den letzten Jahren ist schon wieder ein Trend „Back to Germany“ oder zumindest „Made in Europe“ erkennbar – gerade bei Artikeln, die nicht zwingend aus Fernost kommen müssen. Klar, für USB-Sticks oder viele Elektronikartikel gibt es in Europa gar keinen Herstellermarkt. Aber, dass ein Notizbuch aus China kommen muss, dafür gibt es eigentlich keinen Grund.

Bernd Zipper: Notizbuch ist ein gutes Stichwort. Wenn ich im Internet Geiger-Notes suche, stoße ich unweigerlich auf Haftnotizen, Notebooks und Kalender. Brauchen wir in Zukunft noch Kalender in dieser Form? Und geht für Geiger-Notes als Kalender-Hersteller das Geschäft noch auf?

Jürgen Geiger: Wir haben vor über 30 Jahren mit der Produktion von Kalendern begonnen, die heute gut 50 Prozent in unserem Gesamtsortiment ausmachen. Und der Kalenderanteil sowie der Umsatz sind im Jahr 2017 noch gewachsen. Was die Leute landläufig unter Kalender verstehen, braucht man in der Tat nicht mehr: den klassischen Terminkalender. Der hat bei uns einen Anteil von etwa 15 Prozent und steht deutlich unter Druck. Gestern Kalender, heute Outlook, Smartphone und Konsorten. Aber die Kalender-Wirklichkeit sieht anders aus: Der Werbekalender ist lebendiger denn je. Ich meine Organisationskalender, die an die Wand gehängt werden. Diese – und mit ihnen die Werbung – hat man 365 Tage im Jahr immer im Blick. Werbekalender und Notizbücher gehören nach wie vor zu den beliebtesten Werbeartikel, wenn es um Werbewirkung und Aufmerksamkeit geht. Es ist also weder ein Märchen noch ein Wunder, dass ausgerechnet IT- und Hightech-Unternehmen wieder auf klassische Notizbücher zurückgreifen, statt jede Besprechung mit dem aufgeklappten Laptop zu begleiten.

Die ganze Welt der Werbeartikel und wie mypromo funktioniert, erklärt das Video auf mypromo.com.

Bernd Zipper: Ok. Jetzt gibt es aber dennoch erste Ansätze, das Thema Digitalisierung anzugehen. Dabei seid ihr auf die Idee gekommen, einen Marktplatz aufzumachen. Warum, um Himmels Willen, jetzt noch ein Marktplatz für Werbemittel?

Jürgen Geiger: Ganz einfach: Es gibt noch keinen! Es ist wirklich der Erste! Die Werbeartikelbranche ist mit ihren vielen kleinen Unternehmen und den heterogenen Herstellern ausgesprochen analog. Das einzige, was uns eint, ist der Einsatzzweck Werbeartikel, ansonsten sind alle völlig unterschiedlich unterwegs. Es gibt auch keine den Markt beherrschenden Player, was in vielen anderen Wirtschaftszweigen der Fall ist. Durch die „Schlafmützigkeit“ unserer Branche in Sachen Digitalisierung haben wir die Türen für branchenfremde Player weit geöffnet, in den Werbeartikelmarkt einzusteigen. Die machen das mit zunehmendem Erfolg. Große Augen war so ziemlich die einzige Reaktion in unserer Branche. Ich selbst bin im Vorstand des Gesamtverband der Werbeartikelwirtschaft, wo Händler und Hersteller zusammengeschlossen sind. Die Erfahrung im Verband hat mir gezeigt, dass ein Verband Konzeption und Aufbau eines Marktplatzes nicht stemmen kann. Das erfordert unternehmerische Initiative – und da sah ich mich genötigt, diese zu ergreifen.

Bernd Zipper: Und daraus ist mypromo entstanden? Wie kann man das in drei oder vier Sätzen beschreiben?

Heike Lübeck: Das wirklich Neue an mypromo ist, dass ein digitales Netzwerk über die gesamte Branche gespannt wird. Wir schaffen eine Plattform, die selbst gar nichts verkauft, sondern die Hersteller und Händler digital miteinander verbindet. Das gibt es in dieser Form bisher nicht. Die Idee eines Marktplatzes ist sicherlich nicht neu, aber wir geben dem Handel jetzt die Möglichkeit, seine Kunden auf digitalem Weg anzusprechen.

Bernd Zipper: Muss da jemand zum Jagen getragen werden oder ist das Verständnis so groß, dass es angenommen wird?

Heike Lübeck: Natürlich werden wir nicht jeden Werbeartikelberater überzeugen können. Aber das Bewusstsein dafür wächst, dass ausschließlich der analoge Vertriebsweg keine Zukunft hat. Auch der Leidensdruck, der bei den Beratern, Händlern und Lieferanten herrscht, befördert die Idee von mypromo und das Geschäftsmodel, das dahintersteht. So kann etwa ein Werbemittelberater die Produkte auf dem Tablet zeigen. Es ist für uns ganz ganz wichtig, dass der Shop auch auf mobilen Endgeräten funktioniert.

Bernd Zipper: Das ist aber ein wahnsinniges Investment: Auf der einen Seite den Marktplatz zu installieren, Marketing dafür zu betreiben, damit genügend Masse vorhanden ist, und auf der anderen Seite auch das Thema Digitalisierung anzugehen – da ist schon ein Päckchen zu stemmen.

Jürgen Geiger: Das Päckchen ist längst ein Paket! Wir dachten beim Start des Projekts auch an viel kleinere Dimensionen, mittlerweile bewegt sich das Ganze in Richtung Container. Wir haben – um ganz ehrlich zu sein – das Investment an Zeit, an Energie und auch an Geld anfangs unterschätzt. Aber die Akzeptanz im Markt hat uns überzeugt zu sagen „wir stemmen das“. Der große Vorteil ist, dass wir als Mittelständler mit Geiger-Notes im Rücken in der Lage sind, das eine oder andere Risiko eingehen zu können, das ein Start-up, das völlig mit Fremdmitteln finanziert ist, wahrscheinlich gar nicht riskieren könnte. Wir sind Teil der Werbeartikelwirtschaft und wir sind auch ein durchaus sichtbarer Teil – das erhöht die Glaubwürdigkeit von mypromo. Das ist etwas ganz anderes, als wenn ein branchenfremder Schlaumeier meint, etwas entwickeln zu müssen und den Werbeartiklern sagt, wie es funktioniert. Nein, mypromo ist aus der Branche – für die Branche entstanden.

Die Werbeartikelbranche macht es vor: Es muss nicht immer nur ein Kugelschreiber sein, es können auch Lebensmittel, Textilien, Elektronik- und, ja, Papierartikel sein. Darüber könnten auch Druckereien einmal nachdenken. Weil Print die zwei Dimensionen Höhe mal Breite längst verlassen hat. Und Bedrucken lässt sich eben nicht nur Papier oder Karton, sondern alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. – Bernd Zipper

Bernd Zipper: 18 Monate seid ihr jetzt von der ersten Idee, bis es ins Laufen gekommen ist, mit mypromo beschäftigt – was sind die Erfahrungen, die ihr mitgenommen habt?

Heike Lübeck: Das größte Learning war, wie viele Partner und Komponenten man zusammenbringen muss. Dabei ist es uns ganz wichtig, dass mypromo richtig gut wird. Es gibt im Markt genug angefangene, halbgare und nicht zu Ende gedachte Lösungen. mypromo dagegen hat den Anspruch, wirklich gut zu sein. Das bedeutet auch, dass wir uns für jede Komponente, die mypromo abdeckt, vom E-Commerce-System über das Payment bis zur Druckdatenprüfung, jeweils quasi die Marktführer in ihrem Segment rausgesucht haben. Technisch war es sicher am anspruchsvollsten, diese Komponenten miteinander zu verheiraten und jedem einzelnen Beteiligten beizubringen, was wir eigentlich wollen und was die Ziele sind, die wir erreichen wollen. Das in alle Köpfe reinzubringen, war durchaus eine Herausforderung.

Jürgen Geiger: Was ich gelernt habe? Das alles ganz anders geworden ist, als ich dachte. Mit so einem Marktplatz steht man eben im Fokus, auch von Wettbewerbern und denjenigen, die das gar nicht so gut finden. Aber wir haben einen guten Berater, wir haben auch auf ihn gehört und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Bernd Zipper: So ein Projekt hat Wirkung nach außen, aber natürlich auch nach innen. Spürt ihr Effekte bei den Mitarbeitern? Ist es Begeisterung oder eher Ablehnung nach dem Motto, da wird jetzt was online gemacht und uns gibt es bald nicht mehr?

Jürgen Geiger: Beides. Aber es ist weniger die Sorge der Mitarbeiter um ihren Job, sondern eher der Gedanke, dass wir uns um Zukunftsprojekte kümmern, während die alltäglichen Sorgen vielleicht ein wenig aus dem Fokus rücken. Das, ja! Auf der anderen Seite erkennen die Mitarbeiter aber auch, dass wir jetzt vorne weg marschieren – und das eben nicht nur im Bereich der Papierwerbemittel. Wir machen jetzt den Schritt zum Innovationsführer, was die digitale Werbemittelvermarktung angeht. Das macht natürlich auch ein Stück weit stolz.

Bernd Zipper: Dann also nochmals die Frage: Gibt es in 20 Jahren noch Kalender an der Wand? Und glaubt ihr, dass wir in 50 Jahren noch Werbemittel brauchen, oder ist dann alles virtuell?

Jürgen Geiger: Es wird etwas ganz anderes passieren. Weil so viele Dinge virtuell werden, wird das Haptische, das mit den Sinnen Erlebbare, sogar noch an Gewicht gewinnen. Ein Notizbuch und einen Kugelschreiber wird es auch in 50 Jahren noch geben. Wahrscheinlich wird es auch noch ganz neue Werbeartikel geben, an die wir heute noch gar nicht zu denken wagen. Deshalb bin ich ganz sicher, dass der Werbeartikel noch eine ganz große Zukunft als Werbemedium hat.

Heike Lübeck: Wobei wir ja heute schon eine Überflutung von Werbebotschaften haben. Es wird immer schwieriger, in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Dieses „ich weiß nicht so genau, was ich machen soll, also mach ich etwas mit Kugelschreiber, weil Kulis gehen immer“ – das wird zurückgehen. Vielmehr müssen Werbeartikel viel bewusster eingesetzt werden. Sie müssen besser auf die Zielgruppe, besser auf den Einsatzzweck und besser auf das Kommunikationserlebnis, das damit verbunden sein soll, abgestimmt werden.

Bernd Zipper: Dann danke ich für die aufklärenden Worte und viel Glück für mypromo!

My Take: Wenn Werbetreibende jährlich 3,5 Mrd. Euro in Werbemittel investieren und ihre Ausgaben dafür beibehalten oder sogar noch steigern wollen, ist das ja schon einmal eine Nummer. Dann ist es aber auch höchste Zeit für eine Plattform wie mypromo. Und wenn Werbeartikel bei den Beschenkten beliebt sind, benutzt werden und von allen Kommunikationsmitteln die höchsten Erinnerungswerte erreichen, muss man sich um den Bestand der Werbemittelbranche wohl keine Gedanken machen. Sorgen machen müssen sich eher diejenigen, die verschlafen, dass Online-Druckereien wie Flyeralarm, Onlineprinters & Co. die Attraktivität des Marktes erkannt haben und ordentlich Gas geben. Denn das Individualisieren von industriell hergestellten Massenprodukten mit einem Logo ist Mass Customization pur. Aber das hatten wir ja erst in der vergangenen Woche (Individuelles vom Fließband).

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30.01.2019|Menschen|0 Comments

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