Zeitungssterben: Lust am eigenen Untergang?

Fallende Auflagen. Weniger Werbeerlöse. Die Analysen zeichnen seit Jahren ein fast schon zur Gewohnheit gewordenes trauriges Bild über den Zustand gedruckter Zeitungen.

Und immer wieder sind Berichte zu lesen, die sich zum xten Male wiederholen und geradezu austauschbar sind: „Die Konsolidierung der Zeitungslandschaft schreitet voran“, heißt es dann, wenn mal wieder eine Zeitung eine andere übernommen hat oder auch, wenn der Rostift angesetzt wird, und das eine oder andere regionale Blatt eingestellt wird. Einer der jüngsten Fälle: Die nicht unumstrittene deutsche „Huffington Post“ wird eingestellt. Moment mal, das ist doch gar keine Zeitung? Nein, ein Nachrichtenportal, das im Internet unterwegs ist und nach etwa fünfeinhalb Jahren im März 2019 eingestellt wird. Es geht also nicht allein um gedruckte Zeitungen, wenn heute bei Nachrichtenmedien von einer Krise gesprochen wird. Es ist eher ein generelles Problem der Nachrichtenmedien.

Schon seit Jahren werden überall Redaktionen aufgelöst, Redakteursstellen nicht wieder besetzt oder ganz gestrichen. Auch die Pleite der „Frankfurter Rundschau“ oder die Einstellung der „Financial Times Deutschland“ sind noch gut im Gedächtnis. Und Verleger klagen, die gedruckte Zeitung habe gegen das schnellere Medium Internet kaum mehr eine Überlebenschance und setzen in ihrer Verzweiflung auf Online-Angebote.

So experimentieren viele Zeitungshäuser mit „Digital First“ oder „Digital Only“ – und manchem, wie dem Springer Verlag, mag es sogar gelingen. Das Medienhaus Axel Springer hat seinen Umsatz im vergangenen Jahr um rund 4% auf 3,18 Mrd. Euro gesteigert. Das Geschäft der Nachrichtenmedien, zu der die Zeitungen „Bild“ und „Welt“ gehören, war leicht rückläufig, dagegen hat das Digitalgeschäft   inzwischen einen Anteil von 70,6% am Konzernumsatz. Der Gewinn kletterte um 14% auf 737,9 Mio. Euro. Dabei trug im Grunde nur die Sparte Classified Media mit ihren Job- und Immobilienportale mit einem Wachstum um rund 20% zum Umsatzanstieg bei.

Doch der Wettbewerber Internet scheint nur ein vorgeschobenes Argument zu sein. Denn der Kölner Medienforscher Dr. Andreas Vogel hat bereits 2014 in seiner Studie „Talfahrt der Tagespresse“ beim Blick auf 30 Jahre Zeitungsgeschichte nachgewiesen, dass die These vom „Zeitungskiller Internet“ schlichtweg falsch ist. Die Daten, die er zusammengetragen hat, zeigen seit den frühen 1980er Jahren einen linearen Verlauf der Leserzahlen – und zwar nach unten. Damals spielte das Internet noch keine Rolle und durch die Wiedervereinigung Deutschlands stiegen die Auflagen gar wieder. Also wurde die Diskussion, was Zeitungen anders machen müssen, um ihre Leser zu halten, wieder in der Schublade versenkt.

„Wer die Print-Ausgaben seiner Medien inhaltlich oder physisch ausdünnt, verödet den eigenen, auch wirtschaftlichen, Lebensnerv und muss sich bewusst sein, dass sich die Konsumgewohnheiten der Leser eher zu digitalen Medien, zu sozialen Netzwerken oder den großen Aggregatoren verschieben. Leser, die von ihrer gedruckten Zeitung täglich getäuscht, enttäuscht und gelangweilt werden, wenden sich ab.“ – Bernd Zipper

In Deutschland gab es 2018 noch 327 Tageszeitungen mit einer täglichen Gesamtauflage von 14,7 Millionen Exemplaren. 1991 hatten die Zeitungen noch eine Auflage von 27,3 Millionen. Die Akzeptanz- und Absatzprobleme der Tageszeitungen (114 publizistische Einheiten zeigen bereits eine deutliche Konzentration) in Deutschland sind also in Wahrheit viel älter als die Erfolgsgeschichte des Internets. Und die Absatzschwäche hat, folgt man der Argumentation von Dr. Vogel, nur wenig mit dem Medienwandel an sich zu tun, dafür aber umso mehr mit der sich radikal veränderten Gesellschaft. Doch diesen Wandel haben etliche Zeitungen entweder verpasst oder nur in ihren Feuilletons abgehandelt.

Dazu kommen die allzu simplen Rechnungen, die in den Controlling-Abteilungen der Verlage angestellt werden: weniger Inhalt, weniger Seiten, weniger Papier, weniger Kosten. Diese Zahlen interessieren die Leser nicht. Dennoch wird an Zeitungen so lange „kostenoptimierend“ gebastelt, bis es die Leser leid sind und ihre Abos kündigen. Geht die Leserzahl dann wiederum zurück, werden langjährige Abonnenten für ihre Treue bestraft, indem die Abo-Preise noch weiter angehoben werden.

Jetzt ziehen viele Verleger offensichtlich die Reißleine bei den Zeitungen. Sie fürchten eine abflauende Konjunktur in einer ohnehin desolaten Lage. Zugleich schreitet die Monopolisierung digitaler Werbung durch Google und Facebook in Siebenmeilenstiefeln fort, und die Hoffnung der Verlage, die Anzeigenverluste im Printbereich durch digitale Werbung kompensieren zu können, schwindet immer mehr.

Die Verleger scheinen nervös und sehen ihre Felle davonschwimmen. Dies belegen die Ankündigungen der jüngsten Vergangenheit.

  • Eine Meldung, die die Branche nahezu in Schockstarre versetzte: Die Zeitungen des DuMont-Verlags sollen zum Verkauf stehen. Das Gesamtpaket wäre ein richtig großer Brocken. DuMont ist die derzeit sechstgrößte Zeitungsgruppe der Republik, zu der neben den Kölner Blättern „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ auch die „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle, die „Berliner Zeitung“ und der „Berliner Kurier“ sowie die „Hamburger Morgenpost“ gehören. Zusammen kommen die Blätter auf eine verkaufte Auflage von 700.000 Exemplaren täglich.
  • Die Funke-Mediengruppe wird das Druckhaus Essen schließen und die Druckaktivitäten des Unternehmens auf den größeren Standort Hagen konzentrieren. Die Schließung steht in Zusammenhang mit wiederholten Restrukturierungsmaßnahmen, die auch Kosteneinsparungen vorsehen. Aufgrund der rückläufigen Tageszeitungsauflagen seien die Druckereien in Essen und Hagen jeweils nur noch etwa zur Hälfte ausgelastet und so nicht mehr zukunftsfähig, heißt es in einer Mitteilung. In Hagen werde zudem „im niedrigen zweistelligen Millionenbereich“ investiert. So entstehe ein hocheffizienter Betrieb, der auf die zukünftigen Anforderungen optimal ausgerichtet sei.
  • Wie absurd das Gerangel um die Ausrichtung der Zeitungen derzeit ist, zeigt auch der Streit beim „Weser-Kurier“, bei dem Management und Anteilseigner höchst unterschiedlicher Meinung sind, ob die Zeitungsdruckerei geschlossen, modernisiert oder neu geplant werden soll.

Doch es gibt auch andere Beispiele. So hat die Styria Media Group in Graz 30 Mio. Euro in Industrie 4.0 und eine neue hoch automatisierte Zeitungsdruckerei investiert. Der Markt reagiere bereits auf das erweiterte, modernisierte Angebot, sagen die Geschäftsführer. Sie berichten über ein „sehr gutes erstes Quartal und neue Aufträge im Zeitungs- und Werbebereich“.

My Take: Die Zeitungsbranche in Deutschland gibt derzeit ein mehr als desolates Bild ab. Und es scheint, als ginge es gar nicht mehr um die Aufgabe des Journalismus und einer freien Presse, was für einige Verlegerfamilien in der Vergangenheit wie die Lizenz zum Gelddrucken war. Jetzt, wo ökonomische Schwierigkeiten auftreten und sich die aufeinanderfolgenden Restrukturierungsversuche nicht als Problemlösung erwiesen haben, scheinen Verlage geopfert zu werden, weil die Verleger in der gedruckten Zeitung zu wenig Rendite sehen. Womit sie künftig ihr Geld verdienen wollen, bleibt aber ebenso offen wie die Frage nach der Medienvielfalt in der Republik. Im jüngsten „Spiegel“ spricht Markus Brauck in seinem Leitartikel gar von einer demokratiegefährdenden “Pressedämmerung”.

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08.03.2019|Markt|0 Comments

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