Wie stark die EU-Politik inzwischen auf die Druckindustrie wirkt, hat Beatrice Klose, Generalsekretärin der Intergraf, in einem C-Level Classroom auf dem Online Print Summit in München gezeigt. Dabei geht es nicht mehr nur um Umweltauflagen, sondern um Lieferketten, Produktdesign, Daten, Verpackung und Nachhaltigkeitskommunikation. Für (Online-) Druckereien ist Regulierung damit längst ein strategisches Thema gewordem.
Beatrice Klose begann ihren Vortrag mit einer Perspektive, die in der Branche gerne mal übersehen wird: Denn die EU ist für Druckunternehmen nicht nur Regelgeber, sondern auch Marktöffner. Der Binnenmarkt bündelt 27 Märkte, erleichtert den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen und schafft einen einheitlichen regulatorischen Rahmen. Für Druckdienstleister bedeutet das mehr Marktzugang, weniger Reibung im grenzüberschreitenden Geschäft und bessere Voraussetzungen für effiziente Lieferketten. „Die Produktion“, fasste Klose zusammen, „kennt keine Grenzen“.
Der Preis des Binnenmarkts
Aber dieser Vorteil komme nicht ohne Gegenleistung aus: Wer in Europa druckt, produziert unter dem Einfluss einer Gesetzgebung, die immer tiefer in Geschäftsmodelle der Unternehmen hineinreicht. Früher sei Regulierung oft sektorspezifisch und stark an Produktionsprozessen orientiert gewesen. Heute gehe sie deutlich tiefer und ziele auch auf Fragen rund um Rohstoffe, Chemikalien, Nachhaltigkeit, Umwelt, digitale Informationspflichten und Verpackungsdesign ab. Es ist also nicht nur das Unternehmen betroffen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette.
Wer aber glaube, ohne die EU besser dran zu sein, den legte Klose ans Herz, die Alternative nicht zu romantisieren. Denn ohne EU gäbe es diese Regeln nicht gar nicht, sondern in 27 nationalen Varianten. Für eine Industrie, die grenzüberschreitend einkauft, produziert und liefert, wäre das erheblich schwieriger zu managen. Der Binnenmarkt sei daher nicht die Quelle aller Probleme, sondern oft der Grund, warum diese überhaupt noch beherrschbar bleiben.
EUDR als Beispiel für politische Überlastung
Deutlich wurde Klose beim Thema EUDR. Die Entwaldungsverordnung sei der „verrückteste“ Gesetzgebungsprozess, den sie je erlebt habe. Nicht das Ziel kritisierte sie, sondern die Machart. Sieben sehr unterschiedliche Produktgruppen und ihre jeweiligen Lieferketten sollten unter einem gemeinsamen Gesetzesentwurf erfasst werden. Mit der Länge der jeweiligen Lieferketten, insbesondere bei Holz und Papier, habe sich dieses Vorhaben schnell zum Abtraum entwickelt.
Das Problem habe vor allem in der vorgesehenen Sorgfaltspflicht entlang komplexer Lieferketten gelegen, so Klose. Das Erstellen, die Prüfung sowie Weitergabe von Due-Diligence-Erklärungen hätten besonders im Bereich Papier und Karton enorme bürokratische Belastungen erzeugt. Die Intergraf hat deshalb gemeinsam mit anderen Verbänden auf Verschiebung und Vereinfachung hingearbeitet. Mit Erfolg: Klose verwies darauf, dass inzwischen nur noch der erste Inverkehrbringer die vollen Due-Diligence-Erklärungen abgeben muss. Zudem seien viele klassische Druckprodukte inzwischen von der EUDR ausgenommen, während bestimmte papierverarbeitende Produkte wie Etiketten, Schreibwaren oder gedruckte Verpackungen relevant bleiben. Und auch wer als Druckerei Papier oder Karton von außerhalb der EU importiere, müsse Due-Diligence-Erklärungen abgeben.
Darüber hinaus wurde das Inkrafttreten der EUDR-Richtlinie erneut verschoben; auf Ende Dezember 2026 für große und mittlere Unternehmen bzw. Ende Juli 2027 für kleine und kleinste Unternehmen.
Nichtsdestotrotz sei das Beispiel EUDR für Onlinedruckereien weiterhin ein Warnsignal. Denn wer Printprodukte verkauft, muss heute genauer wissen, wo er in der Lieferkette steht, welche Warengruppen betroffen sind und an welcher Stelle Pflichten entstehen.
Digitalisierung kann Print verdrängen
Die Intergraf-Generalsekretärin ging darüber hinaus auf eine andere Entwicklung ein, die sich als nachteilig für Druckereien herausstellen könnte. In diesem Falle drehe es sich um Anleitungen und Broschüren. Die EU stärke aktuell über verschiedene Initiativen das Prinzip „digital by default“ – was einen sinkenden Bedarf an Drucksachen nach sich zöge. Klose nannte die Maschinenverordnung, die bereits seit 2023 digitale Anleitungen für bestimmte B2B-Maschinen zulässt. Ähnliches sei aktuell in der Gesetzgebung zu Produktinformationen und im medizinischen Bereich hinsichtlich von Beipackzetteln zu beobachten. „Digital by default“ kann sich für Teile der Druckindustrie als reales Substitutionsrisiko entpuppen.
Denn wenn Informationen zunehmend digital bereitgestellt werden dürfen und Print nur noch als Ausnahme vorgesehen ist, verschiebt sich die Nachfrage nicht mehr nur durch das Marktverhalten, sondern durch politische Vorgaben. Und das würde vor allem Anwendungen wie Bedienungsanleitungen, technische Dokumentationen, Beileger und transaktionale Informationen betreffen. Beatrice Klose machte in der C-Level Classroom Session deutlich, dass die Intergraf hier an Sicherungen arbeitet, damit digitale Lösungen nicht pauschal zulasten von Zugänglichkeit und Nutzbarkeit durchgesetzt werden.
Green Claims und Verpackung rücken ins Zentrum
In ihrem Vortrag sprach sie auch das Thema Nachhaltigkeitskommunikation an. Klose begrüßte, dass Aussagen wie „grün“ oder „klimaneutral“ stärker hinterfragt werden. Mit wohlklingenden, allgemeinen Umweltversprechen zu werben, sei nicht mehr ohne Weiteres erlaubt. Denn Aussagen müssen nachvollziehbar, transparent und belegt sein. Für Druckereien, Markenartikler und E-Commerce-Anbieter ist das hochrelevant, weil Nachhaltigkeitskommunikation damit stärker vom Marketingthema zur Compliance-Frage wird.
Hinzu kommt die neue Verpackungsverordnung der EU (PPWR), mit der auch die Gestaltung von Verpackungen beeinflusst werden wird: Rezyklierbarkeit, Materialeinsatz und die Vermeidung unnötiger Verpackung stehen stärker im Vordergrund. Darüber hinaus gibt es da noch die ESPR (Ecodesign for Sustainable Products Regulation), die zwar ab Sommer 2026 vor allem im Textilbereich Anwendung finden wird, aber später auch auf alle physischen Produkte ausgerollt werden soll. Das Thema Regulierung zielt damit nicht mehr nur auf Prozesse, sondern zunehmen auf das Produkt selbst.
Plädoyer für die Verbandsarbeit
Beatrice Kloses Vortrag zeigte, wie Intergraf in Brüssel nicht nur politische Positionen vertritt, sondern den Mitgliedern auch Daten, Argumentationshilfen, Webinare und Studien liefert. Ein Beispiel war die Debatte um Briefkastenwerbung. Als in den Niederlanden eine Umstellung von Opt-out auf Opt-in diskutiert wurde, entwickelte Intergraf ein Toolkit mit rechtlichen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Argumenten. Damit konnten nationale Verbände schneller reagieren.
Ein aktuelles Beispiel für die Arbeit des Dachverbandes ist darüber hinaus das Projekt „Print Your Future“, das gemeinsam mit Gewerkschaften entwickelt wurde, um junge Menschen für Berufe in der Druckindustrie zu gewinnen – einer Branche mit, so der Intergraf-Wirtschaftsbericht 2024, 110.000 Unternehmen, 550.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 85 Milliarden Euro in Europa.
Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist das entscheidend. Sie haben meist weder die personellen noch die fachlichen Ressourcen, um europäische Gesetzgebung allein laufend zu beobachten und in Geschäftsentscheidungen zu übersetzen.
Weniger neue Gesetze, mehr Umsetzung
Für die kommenden Jahre erwartet die Intergraf-Generalsekretärin Beatrice Klose weniger neue Regulierung und mehr Fokus auf die Umsetzung bestehender Regeln. In Brüssel beobachte sie derzeit mehr Offenheit für Vereinfachungen und mehr Sensibilität für Wettbewerbsfähigkeit. Das sei eine gute Nachricht, aber keine Entwarnung. Denn die eigentliche Belastung entsteht oft erst in der Implementierung.
My Take: Der C-Level Classroom hat gezeigt, wie falsch es wäre, EU-Regulierung zum Randthema zu erklären. Für die Druckindustrie ist Brüssel längst Teil des betrieblichen Alltags. Wer Verpackung, Onlineprint oder datengetriebene Services anbietet, muss regulatorische Entwicklungen ebenso ernst nehmen wie Preis- oder Technologietrends. Sonst wird aus Marktstrategie sehr schnell Nacharbeit unter Zeitdruck.
